„Was glauben Sie? Wie lange wird das mit dem Hitler dauern?“ fragte Konrad Adenauer einmal seinen katholischen Zentrumsparteifreund Rudolf Amelunxen, als dieser ihn im Kloster Maria Lach besuchte. Dort, wo ein Schulfreund als Abt amtierte, hatte der 1933 von den Nazis abgesetzte und bedrängte Kölner Oberbürgermeister zwischenzeitlich Zuflucht gefunden. Als sein Besucher, der nach dem Krieg erster Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens werden sollte, Adenauer antwortete, er gehe von zehn bis zwölf Jahren aus, meinte der Endfünfziger: „Dann werde ich zu alt sein, um noch einmal anzufangen.“
Wir wissen es heute besser. Adenauer sollte sich gründlich irren. Der Höhepunkt seiner politischen Karriere, die ihm nach der Machtübernahme der Nazis beendet schien, sollte erst noch kommen. Im September 1949 sollte ihn der Bundestag mit einer Stimme Mehrheit, seiner eigenen, zum ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland wählen. In einer Zeit des allgemeinen Jugendwahns, in der Über-50-Jährige auf dem Arbeitsmarkt als nicht mehr vermittelbar und reif für den Vorruhestand gelten, tut es gut, sich daran zu erinnern, das der politische und wirtschaftliche Wiederaufbau und Wiederaufstieg von einem Bundeskanzler mit bewerkstelligt wurde, der sein Amt mit 73 Jahren antrat und erst 87-jährig wieder verlassen sollte.
Unabhängig davon, wie man die Details seiner Politik von Westintegration bis Wiederbewaffnung bewerten mag: Adenauers an Höhen und Tiefen reicher Lebensweg beeindruckt als Beispiel für Beharrlichkeit, die sich von keinem Schicksalsschlag aus der Bahn werfen ließ. Obwohl alles andere als ein Heiliger, gibt es zahlreiche Äußerungen, in denen deutlich wird, dass Adenauer aus dem geistigen Kraftquell des Christentums schöpfte. „Ich glaube, unser Volk kann nur gesunden, wenn in ihm wieder das christliche Prinzip herrscht,“ sagt der zunächst von den Amerikanern reaktivierte und später von den Briten wieder entlassene Kölner Oberbürgermeister 1945. Und ein Jahr später betont er in seiner ersten Rundfunkansprache als CDU-Vorsitzender der Britischen Besatzungszone: „Wir brauchen die hohe Auffassung des Christentums von der Menschenwürde, vom Wert jedes einzelnen Menschen als Grundlage und Richtschnur unserer Arbeit“
Nicht von ungefähr schreibt der Artikel 1 das Grundgesetzes, das Konrad Adenauer als Präsident des Parlamentarischen Rates am 23. Mai 1949 in Bonn verkündet, den Schutz der unveräußerlichen Menschenwürde als oberstes Verfassungsgebot fest. Es ist vor allem Adenauer, der mit Verhandlungsgeschick und einer Portion Schlitzohrigkeit hiter den Kulissen dafür sorgt, das Bonn und nicht das von der SPD favorisierte Frankfurt am Main Bundeshauptstadt wird. Bonn liegt für den späteren Bundeskanzler vor der Haustür. Nach dem Verkauf seines Kölner Hauses, hat sich der von den Nazis zwangspensionierte Oberbürgermeister in Rhöndorf ein neues Heim gebaut. Hier nutzt er die Zeit seines erzwungenen Ruhestandes nicht nur für die Beschäftigung mit Kunst und Literatur, sondern auch für die Entwicklung von Erfindungen. Unter seinen etwa 25 Erfindungen finden sich zum Beispiel Abgasfilter, ein beleuchtetes Stopfei oder ein eigens abnehm- und verstellbarer Gießkannenkopf.
Erfinderisch und einfallsreich ist Adenauer, der vor 130 Jahren – am 5. Januar 1876 – als Sohn eines katholischen Gerichtssekretärs und Kanzleirates in Köln geboren wird, Zeit seines Lebens. Als Beigeordneter und später als Oberbürgermeister entschärft er die Lebensmittelversorgung seiner Heimatstadt dadurch, dass er im Ersten Weltkrieg zusammen mit einer Großbäckerei das aus Mehl, Mais und Reis gebackene Kölner Brot und später auch eine Sojawurst kreiert. Auch privat sorgt Adenauer mit Ziegen, Schafen und einem kleinen Ackergrundstück, dafür, dass die Versorgung seiner Familie auch in Notzeiten nicht zu kurz kommt. Der zweimal verwitwete Adenauer ist Vater von acht Kindern. Um auch körperlich fit zu bleiben lässt sich der Oberbürgermeister zusammen mut ihnen sogar von einem Universitätsturnlehrer unterrichten.
Die Neugründung der Kölner Universität gehört ebenso wie die Gründung der Kölner Messe, die Schaffung eines Grüngürtels, der Bau eines Stadions sowie einer Autostraße, die Köln mit Bonn verbindet zu den Glanzleistungen seiner ersten Amtszeit als Oberbürgermeister. In dieser Zeit leistet Adenauer nicht nur gute Arbeit, sondern verdient auch gut. Vor seiner ersten Wahl 1917 hatte er ein Jahresgehalt von 42.000 Mark durchgesetzt und bekam damit sogar 2000 Mark mehr als sein Amtskollege im viel größeren Berlin.
Zweimal, 1921 und 1926, wird Adenauer sogar als Reichskanzler der Weimarer Republik gehandelt. Seine ersten Kanzlerkandidaturen scheitern allerdings an seiner Forderung nach einem Neun-Stunden-Arbeitstag und einer Regierungsbeteiligung der rechtsliberalen Deutschen Volkspartei. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Untergang der Monarchie hatte der durch die Kindheitserfahrungen des Kulturkampfes geprägte Katholik Adenauer zwischenzeitlich sogar mit einer von Preußen unabhängigen, aber in den Reichsverband integrierten westdeutschen Republik geliebäugelt. Erst nach der Katastrophe der NS-Diktatur und des Zweiten Weltkrieges sollten Adenauers frühe Visionen einer westdeutschen Republik, die sich mit dem Nachbarn Frankreich aussöhnt, Wirklichkeit werden.
Dass Adenauer bis heute der einzige Bundeskanzler geblieben ist, dem eine absolute Mehrheit vergönnt war, zeugt von seinem außergewöhnlich hohen Ansehen. Diesen Triumph des Jahres 1957 hatte sich Adenauer zwei Jahre zuvor mit seinem schlitzohrigen Verhandlungsgeschick in Moskau verdient. Damals erreichte er im Gegenzug zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen die Freilassung der letzten deutschen Kriegsgefangenen. In einerkritischen Verhandlungsphase hielt er dem sowjetischen Außenminister Molotow mit Blick auf den Hitler-Stalin-Pakt von 1939 den legendären Satz entgegen: „Wer hat eigentlich mit Hitler paktiert? Sie oder ich?“ Die Sowjetführung lenkte damals erst ein, nachdem sie hörte, Adenauer habe sein Flugzeug vorzeitig nach Moskau zurückbeordert und wolle die Verhandlungen abbrechen.
Als Bundeskanzler hat Adenauer die Bundesrepublik erfolgreich regiert, auch wenn Spötter meinten, er habe dies mit einem Wortschatz von nur 250 Vokabeln getan. Ebenso wie seine Deutschlehrer, die seinen Abituraufsatz anno 1894 nur mit „genügend“ bewerteten, bemängelten intellektuelle Kritiker auch mit Blick auf seine vierbändigen Memoiren Adenauers schlichte und oft nüchterne und spröde Sprache. Er selbst, der am 19. April 1967 im Alter von 91 Jahren starb, sagte einmal dazu: „Ich schreibe doch keine literarischen Stilübungen. Sollen die Intellektuellen doch Bauchschmerzen bekommen. Bauchschmerzen kommen und vergehen. Mir kommt es darauf an, dass mich der einfache Mann versteht.“
Noch eine lokale Fußnote. In Mülheim war Konrad Adenauer auch einmal. Als Vorsitzender der CDU in der Britischen Zone hielt er im September 1946 im Rahmen des ersten Kommunalwahlkampfes nach dem Kriege im Speldorfer Tengelmann-Saal eine Wahlkampfrede. 1987 benannte man die 1971 eröffnete Nordbrücke nach dem ersten Bundeskanzler.
Diesen Beitrag habe ich zum 130. Geburtstag von Konrad Adenauer am 5. Januar 2006 für die katholische Zeitung Die Tagespost geschrieben
Sonntag, 16. Dezember 2012
Samstag, 15. Dezember 2012
Was wir heute noch vom jüdischen Rabbiner Otto Kaiser (1880-1925) lernen können: Ein Gespräch mit dem evangelischen Theologen und Buchautor Gerhard Bennertz
Am 9. November jährte sich die Reichspogromnacht, in der auch die Mülheimer Synagoge niedergebrannt wurde, zum 74. Mal. Auch auf dem Viktoriaplatz, der heute Synagogenplatz heißt, gedachte man dieser dunklen Stunde der Stadtgeschichte. Einen ganz anderen und sehr versöhnlich stimmenden Blick auf jüdisches Leben in Mülheim wirft jetzt der evangelische Theologe Gerhard Bennertz, der sich seit dreieinhalb Jahrzehnten mit der jüdischen Geschichte unserer Stadt beschäftigt, in seiner jüngsten Veröffentlichung über den Rabbiner Otto Kaiser (siehe Kasten), die als Zeitschrift des Geschichtsvereins erschienen ist.
Für die NRZ sprach ich mit Gerhard Bennertz darüber, was uns Otto Kaiser heute noch zu sagen hat.
Wie kamen Sie auf die Idee, etwas über Otto Kaiser zu schreiben?
Es ist mir wichtig, das Leben der Jüdischen Gemeinde auch einmal ohne den Holocaust und sozusagen in ganz normalen Friedenszeiten zu beleuchten, um zu zeigen, dass der Holocaust nur ein Teil des Jüdischen Lebens in Mülheim war. Denn ich habe schon in meiner Zeit als Lehrer am Berufskolleg Stadtmitte festgestellt, dass die Schüler immer wieder mit dem Thema Nationalsozialismus gefüttert werden und sich bei ihnen der Eindruck festsetzt, jüdisches Leben habe nur während des Nationalsozialismus stattgefunden.
Warum lohnt die Lektüre seiner Reden und seiner Biografie?
Bei der Transkription seiner handschriftlich verfassten Reden ist mir deutlich geworden, dass sie uns in einmaliger Weise, wie durch ein Fenster in den Alltag der Jüdischen Gemeinde blicken lassen. Er spricht in einer sehr guten und anschaulichen Diktion über Mülheim, über Leid, Glück und Jüdisches Denken, über Preußen und die deutschen Kaiser oder über den Frieden. Er hat sich für die Errichtung eines Kaiser-Friedrich-Denkmals eingesetzt. Er spricht aber auch über einen jüdischen Schüler, der ertrunken war und an dessen Tod die ganze Stadt Anteil nahm oder über den Antisemitismus, den auch er spürte, obwohl er davon ausging, dass sich das Thema schon bald erledigt haben werde, sobald Nichtjuden jüdische Mitbürger und ihr Leben kennenlernen würden.
Wie sind Sie auf Otto Kaiser gestoßen?
Seit Mitte der 70er Jahre habe ich bei meinen Nachforschungen über jüdisches Leben in unserer Stadt immer wieder ehemalige jüdische Mitbürger getroffen, die mich auf Otto Kaiser aufmerksam gemacht haben, weil sie bei ihm in die Schule gegangen und von seinem lebendigen Unterricht begeistert waren. Dazu gehören Siegfried Brender, Paul Kissmann, aber auch Werner Marx, der als Philosophieprofessor in Freiburg die Nachfolge von Martin Heideggers angetreten hatte. Später habe ich dann auch Otto Kaisers Tochter Hannah Mandelbaum in Jerusalem besucht, die mir von ihrem Vater erzählte und aus einem Schuhkarton seine Redemanuskripte hervorholte.
Was können wir heute aus dem Leben und den Reden Otto Kaisers lernen?
Seine Reden zeigen, wie gut die damals rund 700 Mitglieder zählende jüdischen Gemeindemitglieder in Mülheim integriert waren. Man kannte und akzeptierte sich. Man ging ganz selbstverständlich miteinander um. Viele jüdische Bürger waren etwa als Geschäftsleute, Einzelhändler, Bankiers oder Ärzte hoch geschätzt. Jüdische Kinder luden damals ihre christlichen Freunde in die Synagoge ein und umgekehrt luden christliche Kinder jüdische Freunde in den Gottesdienst ein. Auch die Erwachsenen besuchten sich oder luden sich ein. Der liberale Reform-Rabbiner Kaiser hat schon zu seiner Zeit mit den Geistlichen der katholischen und evangelischen Innenstadtgemeinden einen intensiven interreligiösen Dialog über die Bibel geführt. Sein Beispiel kann uns auch heute Mut machen, diesen interreligiösen und interkulturellen Dialog zu führen.
Dennoch gibt es auch heute bei uns Rechtsextremismus und Antisemitismus, wie jüngst eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigte,
Es gibt sicher viele Gründe, die man verstehen, aber nicht billigen kann, aus denen Menschen rechtsextrem werden. Was Jahrhunderte lang auch durch die christlichen Kirchen über Juden verbreitet worden ist und sich bei den Menschen festgesetzt hat, ist nicht so einfach aus den Köpfen herauszubekommen. Denn das Umdenken ist immer schwieriger als das Festhalten an traditionellen Vorurteilen. Wenn man auch in diesem Buch nachlesen kann, wie jüdisches Leben wirklich aussieht und funktioniert, kann man sicher Vorurteile über Bord werfen und zu einem neuen Denken über das Judentum kommen.
Die Zeitschrift des Geschichtsvereins über Otto Kaiser ist für 5 Euro im Stadtarchiv, im Tersteegenhaus oder im Buchhandel erhältlich.
Für die NRZ sprach ich mit Gerhard Bennertz darüber, was uns Otto Kaiser heute noch zu sagen hat.
Wie kamen Sie auf die Idee, etwas über Otto Kaiser zu schreiben?
Es ist mir wichtig, das Leben der Jüdischen Gemeinde auch einmal ohne den Holocaust und sozusagen in ganz normalen Friedenszeiten zu beleuchten, um zu zeigen, dass der Holocaust nur ein Teil des Jüdischen Lebens in Mülheim war. Denn ich habe schon in meiner Zeit als Lehrer am Berufskolleg Stadtmitte festgestellt, dass die Schüler immer wieder mit dem Thema Nationalsozialismus gefüttert werden und sich bei ihnen der Eindruck festsetzt, jüdisches Leben habe nur während des Nationalsozialismus stattgefunden.
Warum lohnt die Lektüre seiner Reden und seiner Biografie?
Bei der Transkription seiner handschriftlich verfassten Reden ist mir deutlich geworden, dass sie uns in einmaliger Weise, wie durch ein Fenster in den Alltag der Jüdischen Gemeinde blicken lassen. Er spricht in einer sehr guten und anschaulichen Diktion über Mülheim, über Leid, Glück und Jüdisches Denken, über Preußen und die deutschen Kaiser oder über den Frieden. Er hat sich für die Errichtung eines Kaiser-Friedrich-Denkmals eingesetzt. Er spricht aber auch über einen jüdischen Schüler, der ertrunken war und an dessen Tod die ganze Stadt Anteil nahm oder über den Antisemitismus, den auch er spürte, obwohl er davon ausging, dass sich das Thema schon bald erledigt haben werde, sobald Nichtjuden jüdische Mitbürger und ihr Leben kennenlernen würden.
Wie sind Sie auf Otto Kaiser gestoßen?
Seit Mitte der 70er Jahre habe ich bei meinen Nachforschungen über jüdisches Leben in unserer Stadt immer wieder ehemalige jüdische Mitbürger getroffen, die mich auf Otto Kaiser aufmerksam gemacht haben, weil sie bei ihm in die Schule gegangen und von seinem lebendigen Unterricht begeistert waren. Dazu gehören Siegfried Brender, Paul Kissmann, aber auch Werner Marx, der als Philosophieprofessor in Freiburg die Nachfolge von Martin Heideggers angetreten hatte. Später habe ich dann auch Otto Kaisers Tochter Hannah Mandelbaum in Jerusalem besucht, die mir von ihrem Vater erzählte und aus einem Schuhkarton seine Redemanuskripte hervorholte.
Was können wir heute aus dem Leben und den Reden Otto Kaisers lernen?
Seine Reden zeigen, wie gut die damals rund 700 Mitglieder zählende jüdischen Gemeindemitglieder in Mülheim integriert waren. Man kannte und akzeptierte sich. Man ging ganz selbstverständlich miteinander um. Viele jüdische Bürger waren etwa als Geschäftsleute, Einzelhändler, Bankiers oder Ärzte hoch geschätzt. Jüdische Kinder luden damals ihre christlichen Freunde in die Synagoge ein und umgekehrt luden christliche Kinder jüdische Freunde in den Gottesdienst ein. Auch die Erwachsenen besuchten sich oder luden sich ein. Der liberale Reform-Rabbiner Kaiser hat schon zu seiner Zeit mit den Geistlichen der katholischen und evangelischen Innenstadtgemeinden einen intensiven interreligiösen Dialog über die Bibel geführt. Sein Beispiel kann uns auch heute Mut machen, diesen interreligiösen und interkulturellen Dialog zu führen.
Dennoch gibt es auch heute bei uns Rechtsextremismus und Antisemitismus, wie jüngst eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigte,
Es gibt sicher viele Gründe, die man verstehen, aber nicht billigen kann, aus denen Menschen rechtsextrem werden. Was Jahrhunderte lang auch durch die christlichen Kirchen über Juden verbreitet worden ist und sich bei den Menschen festgesetzt hat, ist nicht so einfach aus den Köpfen herauszubekommen. Denn das Umdenken ist immer schwieriger als das Festhalten an traditionellen Vorurteilen. Wenn man auch in diesem Buch nachlesen kann, wie jüdisches Leben wirklich aussieht und funktioniert, kann man sicher Vorurteile über Bord werfen und zu einem neuen Denken über das Judentum kommen.
Die Zeitschrift des Geschichtsvereins über Otto Kaiser ist für 5 Euro im Stadtarchiv, im Tersteegenhaus oder im Buchhandel erhältlich.
Wer war Otto Kaiser?
Otto Kaiser (1880-1925) war Lehrer und Rabbiner. Er wuchs mit 7 Geschwistern in einer jüdischen Kaufmannsfamilie auf, die ihre Wurzeln in Mülheim hatte, aber auch in anderen Städten des Ruhrgebietes lebte und arbeitete. Nach einer ersten Anstellung als Lehrer und Kantor in Werl, unterrichtete er ab 1904 an der Dickswallschule, die er einst selbst als Schüler besucht hatte. Gleichzeitig leitete er als Rabbiner die Jüdische Gemeinde, die unter seiner Führung einen enormen Aufschwung erlebte und 1907 eine Synagoge am Viktoriaplatz errichten konnte. Während Otto Kaiser, der nach langer Krankheit im Gründungsjahr der Mülheimer NSDAP (1925) starb, den Holocaust nicht mehr erlebte, wurde seine Frau Eleonore Mond (1882-1944), wie rund 270 andere Mülheimer Juden von den Nazis ermordet. Die vier Kinder von Otto und Eleonore Kaiser überlebten den Holocaust.Dieser Text erschien am 11. Dezember 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG
Freitag, 14. Dezember 2012
Warum es in unserer Stadt immer mehr privatärztliche Praxen gibt
Wie die Ärztekammer Nordrhein jetzt mitteilte, hat sich die Zahl der privaten Arztpraxen in Mülheim in den letzten fünf Jahren verfünffacht - auf heute 35. Der Vorsitzende der örtlichen Ärztekammer, Uwe Brock, bestätigt den Trend: „Es gibt bei der Ärzteversorgung ein starkes Nord-Süd-Gefälle.“ Im wohlhabenden Süden ziehen viele Privatpatienten Niedergelassene an, in einigen Nordstadtteilen ist die Versorgung nur noch knapp gewährleistet.
Brock spürt bei vielen Kollegen Unzufriedenheit und weist darauf hin, dass die Kassenärztliche Bundesvereinigung derzeit ihre 150.000 Mitglieder befragt, ob sie das Versorgungs- und Honorierungssystem der gesetzlichen Krankenkassen weiter mittragen wollen. Mit Blick in die Zukunft warnt Brock vor fehlendem Ärztenachwuchs und einer Überalterung der niedergelassenen Ärzte.
Die Antwort auf die Frage , warum immer mehr Ärzte auch oder nur noch privat praktizieren wollen führt zu Ärzten wie Dr. Ralf Lange. Der Kardiologe, der auch als Kassenarzt in Gladbeck arbeitet und in Essen wohnt, betreibt seit drei Jahren an der Bahnstraße eine privatärztliche Praxis, die ihn inzwischen vier bis fünf Tage pro Woche beschäftigt.
Seine privatärztliche Tätigkeit in Mülheim versteht er unter anderem als Quersubventionierung seiner kassenärztlichen Praxis. Nach 20 Jahren als Kassenarzt, entschloss sich Lange aber nicht nur aus betriebswirtschaftlichen Gründen dazu, seinen beruflichen Schwerpunkt auf seine Privatpraxis zu verlegen.
Das Honorarsystem der gesetzlichen Krankenkassen, sagt er, gestehe ihm als Kardiologen nur 50 Euro pro Patient und Quartal zu. Überdies ist die Zahl der Patienten, die in einer kardiologischen Praxis pro Quartal behandelt werden dürfen, auf 700 begrenzt. Langes Fazit: „In der kassenärztlichen Versorgung gilt das Prinzip Masse und Akkord, weil Ärzte für immer weniger Geld immer mehr leisten müssen und entweder vom Burnout oder von der Insolvenz bedroht sind.“ Als privat praktizierender Facharzt, der jede Leistung einzeln abrechnen darf, kann Lange „meinen eigenen Qualitätsstandard als Arzt halten.“ Im Klartext - und im Gegensatz zu Kassenpraxen - heißt das: In seiner privaten Praxis kann er sich viel mehr Zeit für den einzelnen Patienten nehmen, um sich im Gespräch der Lebens- und Krankengeschichte zu widmen.
Viel deutlicher lässt sich Zwei-Klassen-Medizin nicht beschreiben. Lange räumt ein, dass es im deutschen Gesundheitssystem ein Gerechtigkeitsproblem gibt. Das erkennt er zum Beispiel daran, dass gesetzlich Versicherte oft ein halbes Jahr auf eine Facharztuntersuchung warten müssen, „während der Privatpatient schon übermorgen einen Termin bekommt.“ Doch das Gerechtigkeitsproblem kann nach Langes Ansicht nur politisch gelöst werden.
Weil Kardiologe Ralf Lange davon überzeugt ist, dass das Gerechtigkeitsproblem im deutschen Gesundheitssystem nicht lokal oder gar individuell, sondern nur von der Bundespolitik gelöst werden kann, hat er nach 20 Jahren als niedergelassener Kassenarzt auch kein schlechtes Gewissen, jetzt vor allem privat zu praktizieren. Politisch würde er sich eine Bürgerversicherung, wie in der Schweiz wünschen, in die alle Versicherten einzahlen müssen.
Dass das Gesundheitssystem inzwischen „knallhart wie ein Markt funktioniert“ und von Rationalisierung geprägt wird, hält Lange für ethisch bedenklich, sieht darin aber auch die Folgen einer Gesundheitspolitik, die sich zu wenig gegen Lobbyinteressen durchsetzen kann und den Menschen auch keinen reinen Wein einschenkt, wenn es um die finanziellen Konsequenzen des medizinischen Fortschritts und des demografischen Wandels geht. Stattdessen würden die Bürger in den Glauben gelassen: „In der Gesundheit gibt es alles umsonst.“ Andererseits erlebt er in seiner Praxis, „in der wir für jeden eine Lösung finden“ auch Privatpatienten, die aufgrund ihres Versicherungstarifes einen hohen Eigenanteil von bis zu 2000 Euro pro Jahr zahlen müssen „und sich deshalb zwei- oder dreimal überlegen, ob sie zum Arzt gehen.“
Auch Langes Kollege, der Urologe Michael Berse, der als Kassenarzt in Duisburg und seit Anfang Oktober als Privatarzt in der Gemeinschaftspraxis Prinzenhöhe praktiziert, bestätigt Brocks und Langes Einschätzung im Kern und sieht das Modell, die Betriebskosten einer kassenärztlichen Praxis durch eine Privatpraxis querzufinanzieren, als „aus der Not geborene Lösung“ an. Dabei sieht der an der Prinzenhöhe praktizierende Urologe die Stadtteile Saarn, Speldorf und Broich „als nicht unattraktiv“ an, weil es hier wenige Urologen, aber viele Privatpatienten gibt. Berse sagt, dass die Pauschale, die er und seine Facharztkollegen von der gesetzlichen Krankenversicherung pro Patient und Quartal bekommen, seit 2009 von 27 auf jetzt 14,42 Euro gesunken sei. Angesichts des demografischen Wandels und der Kosten des medizinischen Fortschritts befürchtet er, dass das auf dem Generationenvertrag beruhende System der gesetzlichen Krankenversicherung langfristig „vor die Pumpe läuft“ und deshalb auf ein kapitalgedecktes System umgestellt werden muss, in dem jeder für sich selber vorsorgt und zahlt.
Mülheims FDP-Bundestagsabgeordnete Ulrike Flach, parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, ist sich mit Nina Schultes vom Verband der Privaten Krankenversicherungen und Sybille Schneider von der privaten DKV einig, dass die Koexistenz der gesetzlichen und der privaten Krankenversicherungen das international renommierte deutsche Gesundheitssystem eher stabilisiert und einen Wettbewerb herstellt, der Leistungseinschränkungen und einer Zweiklassenmedizin entgegenwirkt. Flach verweist auf zusätzliche sieben Milliarden Euro, die seit 2008 in die Ärztehonorierung geflossen seien.
Brock spürt bei vielen Kollegen Unzufriedenheit und weist darauf hin, dass die Kassenärztliche Bundesvereinigung derzeit ihre 150.000 Mitglieder befragt, ob sie das Versorgungs- und Honorierungssystem der gesetzlichen Krankenkassen weiter mittragen wollen. Mit Blick in die Zukunft warnt Brock vor fehlendem Ärztenachwuchs und einer Überalterung der niedergelassenen Ärzte.
Die Antwort auf die Frage , warum immer mehr Ärzte auch oder nur noch privat praktizieren wollen führt zu Ärzten wie Dr. Ralf Lange. Der Kardiologe, der auch als Kassenarzt in Gladbeck arbeitet und in Essen wohnt, betreibt seit drei Jahren an der Bahnstraße eine privatärztliche Praxis, die ihn inzwischen vier bis fünf Tage pro Woche beschäftigt.
Seine privatärztliche Tätigkeit in Mülheim versteht er unter anderem als Quersubventionierung seiner kassenärztlichen Praxis. Nach 20 Jahren als Kassenarzt, entschloss sich Lange aber nicht nur aus betriebswirtschaftlichen Gründen dazu, seinen beruflichen Schwerpunkt auf seine Privatpraxis zu verlegen.
Das Honorarsystem der gesetzlichen Krankenkassen, sagt er, gestehe ihm als Kardiologen nur 50 Euro pro Patient und Quartal zu. Überdies ist die Zahl der Patienten, die in einer kardiologischen Praxis pro Quartal behandelt werden dürfen, auf 700 begrenzt. Langes Fazit: „In der kassenärztlichen Versorgung gilt das Prinzip Masse und Akkord, weil Ärzte für immer weniger Geld immer mehr leisten müssen und entweder vom Burnout oder von der Insolvenz bedroht sind.“ Als privat praktizierender Facharzt, der jede Leistung einzeln abrechnen darf, kann Lange „meinen eigenen Qualitätsstandard als Arzt halten.“ Im Klartext - und im Gegensatz zu Kassenpraxen - heißt das: In seiner privaten Praxis kann er sich viel mehr Zeit für den einzelnen Patienten nehmen, um sich im Gespräch der Lebens- und Krankengeschichte zu widmen.
Viel deutlicher lässt sich Zwei-Klassen-Medizin nicht beschreiben. Lange räumt ein, dass es im deutschen Gesundheitssystem ein Gerechtigkeitsproblem gibt. Das erkennt er zum Beispiel daran, dass gesetzlich Versicherte oft ein halbes Jahr auf eine Facharztuntersuchung warten müssen, „während der Privatpatient schon übermorgen einen Termin bekommt.“ Doch das Gerechtigkeitsproblem kann nach Langes Ansicht nur politisch gelöst werden.
Weil Kardiologe Ralf Lange davon überzeugt ist, dass das Gerechtigkeitsproblem im deutschen Gesundheitssystem nicht lokal oder gar individuell, sondern nur von der Bundespolitik gelöst werden kann, hat er nach 20 Jahren als niedergelassener Kassenarzt auch kein schlechtes Gewissen, jetzt vor allem privat zu praktizieren. Politisch würde er sich eine Bürgerversicherung, wie in der Schweiz wünschen, in die alle Versicherten einzahlen müssen.
Dass das Gesundheitssystem inzwischen „knallhart wie ein Markt funktioniert“ und von Rationalisierung geprägt wird, hält Lange für ethisch bedenklich, sieht darin aber auch die Folgen einer Gesundheitspolitik, die sich zu wenig gegen Lobbyinteressen durchsetzen kann und den Menschen auch keinen reinen Wein einschenkt, wenn es um die finanziellen Konsequenzen des medizinischen Fortschritts und des demografischen Wandels geht. Stattdessen würden die Bürger in den Glauben gelassen: „In der Gesundheit gibt es alles umsonst.“ Andererseits erlebt er in seiner Praxis, „in der wir für jeden eine Lösung finden“ auch Privatpatienten, die aufgrund ihres Versicherungstarifes einen hohen Eigenanteil von bis zu 2000 Euro pro Jahr zahlen müssen „und sich deshalb zwei- oder dreimal überlegen, ob sie zum Arzt gehen.“
Auch Langes Kollege, der Urologe Michael Berse, der als Kassenarzt in Duisburg und seit Anfang Oktober als Privatarzt in der Gemeinschaftspraxis Prinzenhöhe praktiziert, bestätigt Brocks und Langes Einschätzung im Kern und sieht das Modell, die Betriebskosten einer kassenärztlichen Praxis durch eine Privatpraxis querzufinanzieren, als „aus der Not geborene Lösung“ an. Dabei sieht der an der Prinzenhöhe praktizierende Urologe die Stadtteile Saarn, Speldorf und Broich „als nicht unattraktiv“ an, weil es hier wenige Urologen, aber viele Privatpatienten gibt. Berse sagt, dass die Pauschale, die er und seine Facharztkollegen von der gesetzlichen Krankenversicherung pro Patient und Quartal bekommen, seit 2009 von 27 auf jetzt 14,42 Euro gesunken sei. Angesichts des demografischen Wandels und der Kosten des medizinischen Fortschritts befürchtet er, dass das auf dem Generationenvertrag beruhende System der gesetzlichen Krankenversicherung langfristig „vor die Pumpe läuft“ und deshalb auf ein kapitalgedecktes System umgestellt werden muss, in dem jeder für sich selber vorsorgt und zahlt.
Mülheims FDP-Bundestagsabgeordnete Ulrike Flach, parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, ist sich mit Nina Schultes vom Verband der Privaten Krankenversicherungen und Sybille Schneider von der privaten DKV einig, dass die Koexistenz der gesetzlichen und der privaten Krankenversicherungen das international renommierte deutsche Gesundheitssystem eher stabilisiert und einen Wettbewerb herstellt, der Leistungseinschränkungen und einer Zweiklassenmedizin entgegenwirkt. Flach verweist auf zusätzliche sieben Milliarden Euro, die seit 2008 in die Ärztehonorierung geflossen seien.
Dieser Text erschien am 5. Dezember 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG
Mittwoch, 12. Dezember 2012
Warum Kettwig den Kirchenkreis wechseln will und was das für die evangelische Kirche in Mülheim bedeutet
Wenn die Gemeinde Kettwig, wie jetzt bei der Synode beantragt, aus dem Kirchenkreis Mülheim nach Essen wechselt, verliert der Kirchenkreis An der Ruhr 6600 seiner 57.800 Mitglieder. Mit den Kettwiger Gemeindegliedern verliert der Kirchenkreis auch deren Kirchensteuern.
Den Netto-Verlust prognostiziert man beim Kirchenkreis auf rund 150.000 Euro pro Jahr. Dennoch zeigt Superintendent Helmut Hitzbleck Verständnis für den Kettwiger Wunsch, nach Essen zu wechseln und damit die kommunale Neuordnung der 70er Jahre nachzuvollziehen. „Die Stränge nach Essen sind in Kettwig einfach stärker“, räumt Hitzbleck ein.
Wenn die Frühjahrssynode 2013 den Wechsel beschließt, rechnet Hitzbleck mit dessen Vollzug für das Frühjahr 2014. Jetzt verhandeln die Kirchenkreise Mülheim und Essen über auf fünf Jahre gestaffelte Ausgleichszahlungen, die den finanziellen Verlust für die Mülheimer Seite erträglich machen sollen.
Natürlich wird der Kirchenkreis An der Ruhr mit dem Wechsel auch von den Personalkosten für die drei Kettwiger Pfarrstellen entlastet, die, einschließlich Sozialleistungen, mit jährlich je 90?000 Euro zu Buche schlagen.
Fakt bleibt: Aus acht werden ab 2014 sieben Gemeinden, die die gleichen Kosten für die Einrichtungen und das Personal des Kirchenkreises schultern müssen.
Derzeit zahlen die Kirchengemeinden 31,5 Prozent ihrer Kirchensteuereinnahmen als Umlage an den Kirchenkreis, um zum Beispiel übergemeindliche Einrichtungen, wie die Evangelische Familienbildungsstätte, das Diakonische Werk, diverse Beratungsstellen und die Ladenkirche zu finanzieren.
Wenn es nach dem Willen Hitzblecks geht, soll die bis Ende 2016 festgelegte Umlagequote bis dahin auch nicht erhöht werden. Danach aber muss neu über Aufgaben, Strukturen und Finanzen verhandelt werden.
Zurzeit profitiert der Kirchenkreis noch von einem stabilen Kirchensteueraufkommen, das entgegen der langfristigen Prognose nicht um jährlich ein Prozent sinkt. 2012 stehen dem Kirchenkreis und seinen Gemeinden Kirchensteuernettoeinnahmen von 6,5 Millionen Euro zur Verfügung. 2011 waren es nur 6,1 Millionen Euro.
Das Bruttovolumen der Kirchensteuereinnahmen lag zuletzt bei 17,6 Millionen Euro. Davon entfielen 1,4 Millionen Euro auf die Kirchengemeinde Kettwig.
Von den 17,6 Millionen Euro Kirchensteuern wurden 2,5 Millionen Euro in Pfarrstellen und 1,3 Millionen Euro in das Schließen sozialer Versorgungslücken investiert. Mit 1,2 Millionen Euro wurden Einrichtungen der Landeskirche und mit einer Million Euro die Einrichtungen der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) finanziert. 4,6 Millionen Euro flossen in den landeskirchlichen Finanzausgleich und 150?000 Euro in die kirchliche Entwicklungshilfe.
Von den Nettoeinnahmen des Kirchenkreises verblieben 4,3 Millionen Euro bei den Gemeinden, während 2,3 Millionen Euro an den Kirchenkreis und das Diakonische Werk flossen.
Trotz des absehbaren Schrumpfungsprozesses fürchtet Superintendent Helmut Hitzbleck nicht um die Existenz des 1870 gegründeten Kirchenkreises An der Ruhr, sondern will in Zukunft noch verstärkt auf eine Kooperation mit den Nachbarkirchenkreisen setzen.
Hintergrund:
329 evangelische Taufen und 59 Kircheneintritte standen 2011 607 Bestattungen und 292 Kirchenaustritte gegenüber. Vor 40 Jahren hatte Mülheim noch 190.000 Einwohner, von denen 106.000 Mitglied einer evangelischen Kirchengemeinde waren. Im Kirchenkreis An der Ruhr kamen noch 11.000 Gemeindemitglieder aus Kettwig hinzu.
Den Netto-Verlust prognostiziert man beim Kirchenkreis auf rund 150.000 Euro pro Jahr. Dennoch zeigt Superintendent Helmut Hitzbleck Verständnis für den Kettwiger Wunsch, nach Essen zu wechseln und damit die kommunale Neuordnung der 70er Jahre nachzuvollziehen. „Die Stränge nach Essen sind in Kettwig einfach stärker“, räumt Hitzbleck ein.
Wenn die Frühjahrssynode 2013 den Wechsel beschließt, rechnet Hitzbleck mit dessen Vollzug für das Frühjahr 2014. Jetzt verhandeln die Kirchenkreise Mülheim und Essen über auf fünf Jahre gestaffelte Ausgleichszahlungen, die den finanziellen Verlust für die Mülheimer Seite erträglich machen sollen.
Natürlich wird der Kirchenkreis An der Ruhr mit dem Wechsel auch von den Personalkosten für die drei Kettwiger Pfarrstellen entlastet, die, einschließlich Sozialleistungen, mit jährlich je 90?000 Euro zu Buche schlagen.
Fakt bleibt: Aus acht werden ab 2014 sieben Gemeinden, die die gleichen Kosten für die Einrichtungen und das Personal des Kirchenkreises schultern müssen.
Derzeit zahlen die Kirchengemeinden 31,5 Prozent ihrer Kirchensteuereinnahmen als Umlage an den Kirchenkreis, um zum Beispiel übergemeindliche Einrichtungen, wie die Evangelische Familienbildungsstätte, das Diakonische Werk, diverse Beratungsstellen und die Ladenkirche zu finanzieren.
Wenn es nach dem Willen Hitzblecks geht, soll die bis Ende 2016 festgelegte Umlagequote bis dahin auch nicht erhöht werden. Danach aber muss neu über Aufgaben, Strukturen und Finanzen verhandelt werden.
Zurzeit profitiert der Kirchenkreis noch von einem stabilen Kirchensteueraufkommen, das entgegen der langfristigen Prognose nicht um jährlich ein Prozent sinkt. 2012 stehen dem Kirchenkreis und seinen Gemeinden Kirchensteuernettoeinnahmen von 6,5 Millionen Euro zur Verfügung. 2011 waren es nur 6,1 Millionen Euro.
Das Bruttovolumen der Kirchensteuereinnahmen lag zuletzt bei 17,6 Millionen Euro. Davon entfielen 1,4 Millionen Euro auf die Kirchengemeinde Kettwig.
Von den 17,6 Millionen Euro Kirchensteuern wurden 2,5 Millionen Euro in Pfarrstellen und 1,3 Millionen Euro in das Schließen sozialer Versorgungslücken investiert. Mit 1,2 Millionen Euro wurden Einrichtungen der Landeskirche und mit einer Million Euro die Einrichtungen der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) finanziert. 4,6 Millionen Euro flossen in den landeskirchlichen Finanzausgleich und 150?000 Euro in die kirchliche Entwicklungshilfe.
Von den Nettoeinnahmen des Kirchenkreises verblieben 4,3 Millionen Euro bei den Gemeinden, während 2,3 Millionen Euro an den Kirchenkreis und das Diakonische Werk flossen.
Trotz des absehbaren Schrumpfungsprozesses fürchtet Superintendent Helmut Hitzbleck nicht um die Existenz des 1870 gegründeten Kirchenkreises An der Ruhr, sondern will in Zukunft noch verstärkt auf eine Kooperation mit den Nachbarkirchenkreisen setzen.
Hintergrund:
329 evangelische Taufen und 59 Kircheneintritte standen 2011 607 Bestattungen und 292 Kirchenaustritte gegenüber. Vor 40 Jahren hatte Mülheim noch 190.000 Einwohner, von denen 106.000 Mitglied einer evangelischen Kirchengemeinde waren. Im Kirchenkreis An der Ruhr kamen noch 11.000 Gemeindemitglieder aus Kettwig hinzu.
Dieser Text erschien am 15. November 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG
Dienstag, 11. Dezember 2012
Helene und Walter Schmidt aus der Heißener Mausegattsiedlung zeigen seit 60 Jahren, dass Liebe nicht nur ein Wort ist
Folgt man dem Statistischen Bundesamt, wird in Deutschland heute fast jede zweite Ehe im Laufe des Lebens geschieden. Da sind Menschen wie Helene und Walter Schmidt etwas besonderes. Ihre Ehe hält schon 60 Jahre. So lange lesen sie auch schon gemeinsam die NRZ und zwar im Rotationsverfahren. Sie beginnt mit dem Lokal- und Kulturteil, er mit dem Politik- und Sportteil und dann wird gewechselt. Die gemeinsame Zeitungslektüre beginnt bei ihnen noch vor dem Frühstück.
Die Zeitung, die sie gerne und gemeinsam lesen, wuchs ihnen besonders in den 70er Jahren ans Herz, als das Blatt regelmäßig über den Kampf um den Erhalt der Heißener Bergmannssiedlung Mausegatt berichtete, in der sie seit 1954 leben. Zufall der Geschichte. Ausgerechnet an der Ecke Eppinghofer Straße/Leineweberstraße, wo die NRZ-Redaktion ihren Sitz hat, haben sie sich im Sommer 1951 zum ersten Mal gesehen. Sie war 22 und arbeitete damals als Haushaltshilfe bei einem Bauunternehmer. Er war 19 und arbeitete für einen Stundenlohn von zwei Mark als Bergmann auf der Zeche Wiesche. Die könnte zu dir passen, erinnert sich Walter Schmidt an seine Gedanken beim ersten Anblick von Helene. Besonders gut gefielen ihm ihre großen Augen und ihr brünettes Haar. Die brünetten Frauen waren meistens die natürlichsten, die schwarzhaarigen und blonden waren oft gefärbt, sagt er mit einem Augenzwinkern. Und was fiel ihr an ihm auf? Ja, was soll ich da sagen? fragt Helene Schmidt zurück. Vielleicht dein nettes Gesicht, sagt sie und streichelt ihrem Walter beiläufig über die Wange.
Das nette Gesicht des jungen Mannes aus Heidelberg, der lieber Bergmann im Ruhrgebiet als Koch im elterlichen Hotel werden wollte, wo die Leute immer etwas auszusetzen hatten, sah Helene wenige Tage später wieder. Denn Walter ließ sich von einem Kollegen, mit dem er damals in der ehemaligen Kaserne an der Kaiserstraße einquartiert war, zum Tanztee ins Kasino mitnehmen. Ich hatte damals eigentlich keine Lust mitzugehen. Denn ich konnte gar nicht tanzen, sagt Herr Schmidt. Und das hast du auch nie richtig gelernt, obwohl ich dir immer gesagt habe: Geh doch mal in eine Tanzschule, sagt Frau Schmidt.
Dennoch entschied sich Helene bei der Damenwahl für Walter. Mir fuhr damals der Schreck in die Glieder. Doch es passierte, was passieren musste, erinnert sich Schmidt. Den Hinweis auf sein fehlendes Tanztalent ließ Helene nicht gelten. Sie können mich nicht im Stich lassen. Sie müssen jetzt mit mir kommen. Sie können mich nicht im Stich lassen. Walter ließ Helene nicht im Stich. Er folgte ihr auf die Tanzfläche und achtete peinlich genau darauf, ihr bloß nicht auf die Füße zu treten.
Diese achtsame und respektvolle Rücksicht aufeinander sollte zum Erfolgsrezept einer 60-jährigen Ehe werden. Man muss immer wissen, was man besser tut und was man besser sein lässt, beschreibt Walter eine Voraussetzung für eine Ehe, die nicht nur das verflixte siebte Jahr überstehen soll. Schnell merkte Walter zum Beispiel, dass es seine Helene gar nicht mag, wenn ich mit anderen Frauen rumschäkere.Da geht meine Frau hoch wie ein Vulkan, sagt Schmidt und lacht. Dem ersten Tanztee im Kasino folgte ein langer Nachmittag in einem Café an der Kaiserstraße, an dem wir uns alles gesagt haben: wer wir sind und was wir wollen, erinnert er sich. Wir saßen die ganze Zeit bei Sprudelwasser, weil wir ja nicht viel Geld hatten, erinnert sich Helene Schmidt an jenen gesprächigen Nachmittag. An dem wurde schnell klar, dass beide nicht nur ein Ehe- sondern auch ein Elternpaar werden wollten. Kinder sind einfach das Größte. Kinder sind das A und O, sagt Helene Schmidt, die inzwischen nicht nur dreifache Mutter, sondern auch neunfache Großmutter und zweifache Urgroßmutter ist. Und ihr Mann Walter stimmt ihr spontan zu. Es ist Glück hoch drei, nicht allein zu sein und ohne Kinder hätten wir vielleicht gar nicht geheiratet, sagt er.
Kein Wunder also, dass schon zwei Wochen nach ihrer Hochzeit am 11.11. 1952 ihr erster Sohn Franz zur Welt kam und mit Robert (1955) und Barbara (1960) zwei Geschwister bekam. Wenn sie an die Kinder denkt, fällt Helene Schmidt auch ein, dass mir an meinem Mann immer besonders gefallen hat, dass er sich auch um die Kinder gekümmert und mir beim Saubermachen geholfen hat. Das Kochen überlässt der gelernte Koch allerdings seiner Frau, weil sie toll kocht und Liebe durch den Magen geht und weil ich beim Kochen immer zu viele Töpfe gebrauchen würde. Wenn man heute mit den Schmidts auf ihre 60 Ehejahre zurückblickt und sich mit ihnen fragt, warum ihre Partnerschaft auch noch nach sechs Jahrzehnten glücklich ist, während andere in dieser Zeit vielleicht mehrfach geschieden und wiederverheiratet sind, dann fallen immer wieder die gemeinsamen Erlebnisse ins Auge, von denen sie gerne berichten, die gemeinsame Erziehung der Kinder, die gemeinsamen Gespräche beim Frühstück und am Mittagstisch, gemeinsame Freunde und Nachbarn, gemeinsame Wanderungen durch die Schweizer Berge, in denen Walters Wiege stand, gemeinsame Segeltörns auf dem Baldeneysee, auf dem Ijsselmeer in Holland oder auf der Ostsee oder gemeinsame Motorradtouren zum Nürburgring. Wenn man gemeinsam unterwegs ist, muss man immer darauf achten, dass man nicht zu weit geht, auf bestimmte Warnsignale achtet und nicht vom Weg abkommt, erinnert sich Walter Schmidt zum Beispiel an die Leuchtfeuer, die die sichere Route der Segler markieren. Diese Vorsicht und Rücksicht haben die Schmidt offensichtlich auch auf ihrer Lebensreise walten lassen.
Man muss den anderen immer achten und respektieren, wie er ist und darf sich nicht sagen: Aus dem mache ich noch was, sind sie sich einig.
Auch am Anfang einer guten Ehe scheint das Wort zu sein: Wir reden über alles, über Gott und die Welt und gehen, wenn es nötig ist auch einem zünftigen Krach nicht aus dem Weg, sagt Walter Schmidt. Und wie funktioniert das mit der Versöhnung nach einem Streit? Man darf sich selbst nicht zu wichtig nehmen und muss auch schon mal nachgeben oder eine Neun gerade sein lassen können, beschreiben die Schmidts ihre eheliche Friedenspolitik.
Die funktioniert offensichtlich gut. Wer dem alten Ehepaar gegenübersitzt, spürt Vertrauen und Zuneigung. Und was ist mit Liebe und Leidenschaft? Die beiden lächeln milde. Ihre Liebe, die reifer geworden ist und sich heute nicht mehr, wie in jungen Jahren an der gegenseitigen körperlichen Anziehungskraft entzündet, beschreiben Helene und Walter Schmidt als das gute Gefühl, dass da jemand ist, ohne den es eine Lücke in unserem Leben gäbe. Natürlich hat das Paar seine Wünsche mit der Zeit auch seinen Möglichkeiten angepasst. Segeln und Wandern. Das war gestern. Spaziergänge oder das gemeinsame Naturerlebnis im Garten und Besuche, auch von jüngeren Nachbarn machen dem alten Paar heute Freude. Und ab und zu steigt Walter Schmidt dann noch mal auf sein Motorrad, auch wenn er damit nicht mehr bis zum Nürburgring fährt.
Jungen Paaren rät er, sich Zeit für einander und für die Familie zu nehmen und nicht nur dem Geld hinterherzujagen. Geld zu haben, ist notwendig, aber Reichtum kann manchmal auch ein Hindernis sein, weil er dazu führt, dass man schneller mal den Bogen überspannt. Schmidt weiß aber auch, dass der enorme Leistungsdruck und die Sorge um den Arbeitsplatz viele Beziehungen und Familien belastet.
Dieser Text erschien am 8. Dezember 2012 in der NRZ
Die Zeitung, die sie gerne und gemeinsam lesen, wuchs ihnen besonders in den 70er Jahren ans Herz, als das Blatt regelmäßig über den Kampf um den Erhalt der Heißener Bergmannssiedlung Mausegatt berichtete, in der sie seit 1954 leben. Zufall der Geschichte. Ausgerechnet an der Ecke Eppinghofer Straße/Leineweberstraße, wo die NRZ-Redaktion ihren Sitz hat, haben sie sich im Sommer 1951 zum ersten Mal gesehen. Sie war 22 und arbeitete damals als Haushaltshilfe bei einem Bauunternehmer. Er war 19 und arbeitete für einen Stundenlohn von zwei Mark als Bergmann auf der Zeche Wiesche. Die könnte zu dir passen, erinnert sich Walter Schmidt an seine Gedanken beim ersten Anblick von Helene. Besonders gut gefielen ihm ihre großen Augen und ihr brünettes Haar. Die brünetten Frauen waren meistens die natürlichsten, die schwarzhaarigen und blonden waren oft gefärbt, sagt er mit einem Augenzwinkern. Und was fiel ihr an ihm auf? Ja, was soll ich da sagen? fragt Helene Schmidt zurück. Vielleicht dein nettes Gesicht, sagt sie und streichelt ihrem Walter beiläufig über die Wange.
Das nette Gesicht des jungen Mannes aus Heidelberg, der lieber Bergmann im Ruhrgebiet als Koch im elterlichen Hotel werden wollte, wo die Leute immer etwas auszusetzen hatten, sah Helene wenige Tage später wieder. Denn Walter ließ sich von einem Kollegen, mit dem er damals in der ehemaligen Kaserne an der Kaiserstraße einquartiert war, zum Tanztee ins Kasino mitnehmen. Ich hatte damals eigentlich keine Lust mitzugehen. Denn ich konnte gar nicht tanzen, sagt Herr Schmidt. Und das hast du auch nie richtig gelernt, obwohl ich dir immer gesagt habe: Geh doch mal in eine Tanzschule, sagt Frau Schmidt.
Dennoch entschied sich Helene bei der Damenwahl für Walter. Mir fuhr damals der Schreck in die Glieder. Doch es passierte, was passieren musste, erinnert sich Schmidt. Den Hinweis auf sein fehlendes Tanztalent ließ Helene nicht gelten. Sie können mich nicht im Stich lassen. Sie müssen jetzt mit mir kommen. Sie können mich nicht im Stich lassen. Walter ließ Helene nicht im Stich. Er folgte ihr auf die Tanzfläche und achtete peinlich genau darauf, ihr bloß nicht auf die Füße zu treten.
Diese achtsame und respektvolle Rücksicht aufeinander sollte zum Erfolgsrezept einer 60-jährigen Ehe werden. Man muss immer wissen, was man besser tut und was man besser sein lässt, beschreibt Walter eine Voraussetzung für eine Ehe, die nicht nur das verflixte siebte Jahr überstehen soll. Schnell merkte Walter zum Beispiel, dass es seine Helene gar nicht mag, wenn ich mit anderen Frauen rumschäkere.Da geht meine Frau hoch wie ein Vulkan, sagt Schmidt und lacht. Dem ersten Tanztee im Kasino folgte ein langer Nachmittag in einem Café an der Kaiserstraße, an dem wir uns alles gesagt haben: wer wir sind und was wir wollen, erinnert er sich. Wir saßen die ganze Zeit bei Sprudelwasser, weil wir ja nicht viel Geld hatten, erinnert sich Helene Schmidt an jenen gesprächigen Nachmittag. An dem wurde schnell klar, dass beide nicht nur ein Ehe- sondern auch ein Elternpaar werden wollten. Kinder sind einfach das Größte. Kinder sind das A und O, sagt Helene Schmidt, die inzwischen nicht nur dreifache Mutter, sondern auch neunfache Großmutter und zweifache Urgroßmutter ist. Und ihr Mann Walter stimmt ihr spontan zu. Es ist Glück hoch drei, nicht allein zu sein und ohne Kinder hätten wir vielleicht gar nicht geheiratet, sagt er.
Kein Wunder also, dass schon zwei Wochen nach ihrer Hochzeit am 11.11. 1952 ihr erster Sohn Franz zur Welt kam und mit Robert (1955) und Barbara (1960) zwei Geschwister bekam. Wenn sie an die Kinder denkt, fällt Helene Schmidt auch ein, dass mir an meinem Mann immer besonders gefallen hat, dass er sich auch um die Kinder gekümmert und mir beim Saubermachen geholfen hat. Das Kochen überlässt der gelernte Koch allerdings seiner Frau, weil sie toll kocht und Liebe durch den Magen geht und weil ich beim Kochen immer zu viele Töpfe gebrauchen würde. Wenn man heute mit den Schmidts auf ihre 60 Ehejahre zurückblickt und sich mit ihnen fragt, warum ihre Partnerschaft auch noch nach sechs Jahrzehnten glücklich ist, während andere in dieser Zeit vielleicht mehrfach geschieden und wiederverheiratet sind, dann fallen immer wieder die gemeinsamen Erlebnisse ins Auge, von denen sie gerne berichten, die gemeinsame Erziehung der Kinder, die gemeinsamen Gespräche beim Frühstück und am Mittagstisch, gemeinsame Freunde und Nachbarn, gemeinsame Wanderungen durch die Schweizer Berge, in denen Walters Wiege stand, gemeinsame Segeltörns auf dem Baldeneysee, auf dem Ijsselmeer in Holland oder auf der Ostsee oder gemeinsame Motorradtouren zum Nürburgring. Wenn man gemeinsam unterwegs ist, muss man immer darauf achten, dass man nicht zu weit geht, auf bestimmte Warnsignale achtet und nicht vom Weg abkommt, erinnert sich Walter Schmidt zum Beispiel an die Leuchtfeuer, die die sichere Route der Segler markieren. Diese Vorsicht und Rücksicht haben die Schmidt offensichtlich auch auf ihrer Lebensreise walten lassen.
Man muss den anderen immer achten und respektieren, wie er ist und darf sich nicht sagen: Aus dem mache ich noch was, sind sie sich einig.
Auch am Anfang einer guten Ehe scheint das Wort zu sein: Wir reden über alles, über Gott und die Welt und gehen, wenn es nötig ist auch einem zünftigen Krach nicht aus dem Weg, sagt Walter Schmidt. Und wie funktioniert das mit der Versöhnung nach einem Streit? Man darf sich selbst nicht zu wichtig nehmen und muss auch schon mal nachgeben oder eine Neun gerade sein lassen können, beschreiben die Schmidts ihre eheliche Friedenspolitik.
Die funktioniert offensichtlich gut. Wer dem alten Ehepaar gegenübersitzt, spürt Vertrauen und Zuneigung. Und was ist mit Liebe und Leidenschaft? Die beiden lächeln milde. Ihre Liebe, die reifer geworden ist und sich heute nicht mehr, wie in jungen Jahren an der gegenseitigen körperlichen Anziehungskraft entzündet, beschreiben Helene und Walter Schmidt als das gute Gefühl, dass da jemand ist, ohne den es eine Lücke in unserem Leben gäbe. Natürlich hat das Paar seine Wünsche mit der Zeit auch seinen Möglichkeiten angepasst. Segeln und Wandern. Das war gestern. Spaziergänge oder das gemeinsame Naturerlebnis im Garten und Besuche, auch von jüngeren Nachbarn machen dem alten Paar heute Freude. Und ab und zu steigt Walter Schmidt dann noch mal auf sein Motorrad, auch wenn er damit nicht mehr bis zum Nürburgring fährt.
Jungen Paaren rät er, sich Zeit für einander und für die Familie zu nehmen und nicht nur dem Geld hinterherzujagen. Geld zu haben, ist notwendig, aber Reichtum kann manchmal auch ein Hindernis sein, weil er dazu führt, dass man schneller mal den Bogen überspannt. Schmidt weiß aber auch, dass der enorme Leistungsdruck und die Sorge um den Arbeitsplatz viele Beziehungen und Familien belastet.
Dieser Text erschien am 8. Dezember 2012 in der NRZ
Samstag, 8. Dezember 2012
Eindrücke aus der Schreibwerkstatt im Medienhaus oder: Von der Freude, herausragende Sprachtalente zu entdecken
Samstagnachmittag. Freizeit. Das bedeutet für die meisten Schüler, je nach Temperament: Spiel, Sport und Spaß oder vielleicht auch nur mit Freunden abhängen. Ganz anders die zweimal zehn Schüler, die sich zwischen Herbst- und Weihnachtsferien mit dem Autor Achim Krichel und der Schauspielerin und Theaterpädagogin Barbara Schmidt im Medienhaus treffen. Sie schreiben und spielen. Nicht irgendwas, sondern ihre eigenen Texte.
Und auch nicht irgendwelche Texte bringen sie zu Papier, sondern szenische Dialoge, die vielleicht im nächsten Jahr als Theaterstücke in Schulen und bei Festivals auf die Bühne gebracht werden sollen. Die Szenerie im eher nüchternen Seminarraum der Stadtbibliothek erinnert auf den ersten Blick an eine Nachhilfestunde im Diktatschreiben, wenn da nicht immer ein Lachen zu hören und die fröhliche Schaffenskraft der jungen Autoren mit Händen zu greifen wäre.
„Ihr habt heute wirklich einen guten Lauf“, lobt Theater- und Prosaautor Krichel seine zwischen zehn und 14 Jahren jungen Schreiblehrlinge. Immer wieder schaut er neugierig in ihre Manuskripte und diskutiert mit den Kindern die eine oder andere Szene. Manche der jungen Autoren arbeiten als literarischer Einzelkämpfer, andere ziehen die gemeinsame Autorenschaft im Zweier- oder Dreierkollektiv vor.
Erstaunlich. Fast alle zieht es zur Fantasy. Ihre zauberhaften oder unheimlichen Protagonisten sind meistens nicht von dieser Welt und haben überirdische Kräfte, mit denen sie unglaubliche Abenteuer bestehen. Da wimmelt es nur so von Magiern und Kobolden oder machtgierigen Bösewichtern, Zauberrosen und Traumfängern. „Das ist ein genereller Trend der letzten Jahre und hat mit einer gewissen Weltflucht zu tun. Die Kinder, die in die Schreibwerkstatt kommen, lesen auch in ihrer Freizeit viel und meistens Fanatsy- oder Abenteuerromane, mit denen sie sich in eine andere Welt begeben und so ihre Alltagssorgen vergessen“, weiß Krichel zu berichten.
„In der Fantasy hat man einfach mehr Möglichkeiten und muss sich nicht unbedingt an die Naturgesetze halten. Da macht das Schreiben einfach mehr Spaß“, erklärt die 14-jährige Gustav-Heinemann-Schülerin Alexandra. Und der zehnjährige Tim, der das Otto-Pankok-Gymnasium besucht, findet es einfach toll, „wenn man sich beim Schreiben in eine Geschichte hineinversetzen kann und die Rechtschreibfehler nicht wie in der Schule kontrolliert, sondern nachher beim Schreiben am Computer einfach verbessert werden.“ Und sein Klassenkamerad Jakob (11) hat sich vor allem deshalb für die Schreibwerkstatt angemeldet, „weil ich mal erfahren wollte, wie man ein Drehbuch schreibt.“ Ihn reizt es, anders als in der Schule: „einfach ganz frei und ohne Vorgaben die Bilder zu beschreiben, die man im Kopf hat.“
Wenn Bewegung in die Schreibwerkstatt kommt und der Fotokopierer angeworfen wird, bedeutet das, dass wieder einige bühnenreife Szenen vollendet worden sind. Dann werden aus den Nachwuchsautoren Nachwuchsschauspieler, die in der Regel von Barbara Schmidt animiert und inspiriert werden. Doch an diesem Samstagnachmittag, an dem sie verhindert ist, gibt Krichel den literarischen und dramaturgischen Vorarbeiter. „Gar nicht so leicht“, sagt er und lächelt. Schließlich haben seine jungen Autoren und Schauspieler Energie und Phantasie ohne Ende. Aber eben das reizt ihn und seine Kollegin auch. Sonst hätten sie nicht schon zum sechsten Mal Kulturverwaltung und Schulen davon überzeugt, dass die Schreibwerkstatt für junge Schüler gefragt und gebraucht wird. Der Andrang der Jugendlichen spricht für sich. „Es macht mir einfach Freude, hier immer wieder herausragende Schreibtalente zu entdecken und zu sehen, dass sich die Kinder gerne und freiwillig fordern und dabei oft Texte mit erstaunlicher Reife und Tiefe produzieren“, beschreibt der 49-jährige Schriftsteller seine Motivation zur literarischen Nachwuchsförderung. Krichel ist davon überzeugt: „Das entscheidende Stichwort unsrer Schreibwerkstatt lautet Freiheit. Und die führt dazu, dass Kinder ihre Schreibbegabung erkennen und ihre Kreativität, Phantasie und ihr oft erstaunlich Sprachgefühl ausleben und deshalb auch Erfolgserlebnisse haben.“
Weitere Informationen zur Schreibwerkstatt im Medienhaus findet man auf der Internetseite: www.muelheim-ruhr.de
Und auch nicht irgendwelche Texte bringen sie zu Papier, sondern szenische Dialoge, die vielleicht im nächsten Jahr als Theaterstücke in Schulen und bei Festivals auf die Bühne gebracht werden sollen. Die Szenerie im eher nüchternen Seminarraum der Stadtbibliothek erinnert auf den ersten Blick an eine Nachhilfestunde im Diktatschreiben, wenn da nicht immer ein Lachen zu hören und die fröhliche Schaffenskraft der jungen Autoren mit Händen zu greifen wäre.
„Ihr habt heute wirklich einen guten Lauf“, lobt Theater- und Prosaautor Krichel seine zwischen zehn und 14 Jahren jungen Schreiblehrlinge. Immer wieder schaut er neugierig in ihre Manuskripte und diskutiert mit den Kindern die eine oder andere Szene. Manche der jungen Autoren arbeiten als literarischer Einzelkämpfer, andere ziehen die gemeinsame Autorenschaft im Zweier- oder Dreierkollektiv vor.
Erstaunlich. Fast alle zieht es zur Fantasy. Ihre zauberhaften oder unheimlichen Protagonisten sind meistens nicht von dieser Welt und haben überirdische Kräfte, mit denen sie unglaubliche Abenteuer bestehen. Da wimmelt es nur so von Magiern und Kobolden oder machtgierigen Bösewichtern, Zauberrosen und Traumfängern. „Das ist ein genereller Trend der letzten Jahre und hat mit einer gewissen Weltflucht zu tun. Die Kinder, die in die Schreibwerkstatt kommen, lesen auch in ihrer Freizeit viel und meistens Fanatsy- oder Abenteuerromane, mit denen sie sich in eine andere Welt begeben und so ihre Alltagssorgen vergessen“, weiß Krichel zu berichten.
„In der Fantasy hat man einfach mehr Möglichkeiten und muss sich nicht unbedingt an die Naturgesetze halten. Da macht das Schreiben einfach mehr Spaß“, erklärt die 14-jährige Gustav-Heinemann-Schülerin Alexandra. Und der zehnjährige Tim, der das Otto-Pankok-Gymnasium besucht, findet es einfach toll, „wenn man sich beim Schreiben in eine Geschichte hineinversetzen kann und die Rechtschreibfehler nicht wie in der Schule kontrolliert, sondern nachher beim Schreiben am Computer einfach verbessert werden.“ Und sein Klassenkamerad Jakob (11) hat sich vor allem deshalb für die Schreibwerkstatt angemeldet, „weil ich mal erfahren wollte, wie man ein Drehbuch schreibt.“ Ihn reizt es, anders als in der Schule: „einfach ganz frei und ohne Vorgaben die Bilder zu beschreiben, die man im Kopf hat.“
Wenn Bewegung in die Schreibwerkstatt kommt und der Fotokopierer angeworfen wird, bedeutet das, dass wieder einige bühnenreife Szenen vollendet worden sind. Dann werden aus den Nachwuchsautoren Nachwuchsschauspieler, die in der Regel von Barbara Schmidt animiert und inspiriert werden. Doch an diesem Samstagnachmittag, an dem sie verhindert ist, gibt Krichel den literarischen und dramaturgischen Vorarbeiter. „Gar nicht so leicht“, sagt er und lächelt. Schließlich haben seine jungen Autoren und Schauspieler Energie und Phantasie ohne Ende. Aber eben das reizt ihn und seine Kollegin auch. Sonst hätten sie nicht schon zum sechsten Mal Kulturverwaltung und Schulen davon überzeugt, dass die Schreibwerkstatt für junge Schüler gefragt und gebraucht wird. Der Andrang der Jugendlichen spricht für sich. „Es macht mir einfach Freude, hier immer wieder herausragende Schreibtalente zu entdecken und zu sehen, dass sich die Kinder gerne und freiwillig fordern und dabei oft Texte mit erstaunlicher Reife und Tiefe produzieren“, beschreibt der 49-jährige Schriftsteller seine Motivation zur literarischen Nachwuchsförderung. Krichel ist davon überzeugt: „Das entscheidende Stichwort unsrer Schreibwerkstatt lautet Freiheit. Und die führt dazu, dass Kinder ihre Schreibbegabung erkennen und ihre Kreativität, Phantasie und ihr oft erstaunlich Sprachgefühl ausleben und deshalb auch Erfolgserlebnisse haben.“
Weitere Informationen zur Schreibwerkstatt im Medienhaus findet man auf der Internetseite: www.muelheim-ruhr.de
Dieser Text erschien am 4. Dezember 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG
Freitag, 7. Dezember 2012
Gut geschmeckt, gut gehört und gut getan: Das dritte Barbaramahl in der Stadthalle unterstützte die Mülheimer Hospize
Dass Sankt Barbara die Schutzheilige der Bergleute ist, weiß im Ruhrgebiet jedes Kind, auch wenn es nicht katholisch ist oder sein Großvater Bergmann war. Dass sie auch die Schutzpatronin der Sterbenden ist, dürfte nicht unbedingt Allgemeingut sein. Es passt aber gut zum guten Zweck, für den sich 250 Gäste aus dem gesamten Ruhrgebiet und aus allen gesellschaftlichen Bereichen am Freitagabend zum dritten Barbaramahl in der Stadthalle versammelten.
Denn der Erlös des Abends, zu dem der Katholikenrat eingeladen hatte, kommt dem ambulanten und dem stationären Hospiz zugute. Deren Leiterinnen Ursula König und Judith Kohlstruck bedankten sich denn auch „für die Solidarität, die wir brauchen.“ Die 35 ehrenamtlichen Helfer des ambulanten Hospizes begleiten bereits seit 1996 sterbende und schwerstkranke Menschen und deren Angehörige. Im stationären Hospiz an der Friedrichstraße, das gerade erst eröffnet wurde, werden derzeit sechs Gäste gepflegt und betreut. Seine Bettenzahl soll, laut Kohlstruck, in Kürze von sieben auf zehn erhöht werden. Der Reinerlös des Barbaramahls wird den Hospizen im Rahmen des katholischen Neujahrsempfanges am 20. Januar im Pfarrsaal von St. Barbara übergeben.
Der Vorsitzende des Katholikenrates, Wolfgang Feldmann, erinnerte daran, dass das Barbaramahl als katholischer Beitrag zum Kulturhauptstadtjahr 2010 ins Leben gerufen worden sei, um als dauerhafte Einrichtung soziale, kulturelle und geistige Impulse zu geben.
Und so gab es an diesem Abend nicht nur gutes Essen und Spenden für den guten Zweck, sondern auch gute Akkordeonmusik von Bach bis Piazzolla, brillant intoniert von den Musikschülern Peter Kraemer, Elif-Sofie Demir, Luis Ammann und Carla Paven und eine von Tim Timmer und Angela Glose gesungene Szene aus dem Nikolaus-Groß-Musical der Gemeinde St. Barbara, in dem die heilige Barbara dem Bergmann Nikolaus Groß im Traum erscheint.
In ihren Wortbeiträgen zum Barbaramahl schlugen der Pfarrer von St. Barbara, Manfred von Schwartzenberg, und Weihbischof Franz Grave eine historische Brücke zwischen der frühen christlichen Märtyrerin und dem 1945 von den Nazis ermordeten Widerstandskämpfer. Sie machten angesichts der weltweit zunehmenden Christenverfolgung deutlich, dass die Freiheit im Allgemeinen und die Religionsfreiheit im Besonderen „kein Thema von gestern und alles andere als selbstverständlich ist.“ Die Kirche, so Grave, „ist nichts für den frommen Winkel. Auch heute müssen Christen Farbe bekennen und die Gesellschaft mitgestalten.“ Dabei glaubt er, „dass vom Barbaramahl ein ökumenischer Impuls für unsere Gesellschaft ausgehen kann, was bestimmten Berufsständen gut tun würde.“
Denn der Erlös des Abends, zu dem der Katholikenrat eingeladen hatte, kommt dem ambulanten und dem stationären Hospiz zugute. Deren Leiterinnen Ursula König und Judith Kohlstruck bedankten sich denn auch „für die Solidarität, die wir brauchen.“ Die 35 ehrenamtlichen Helfer des ambulanten Hospizes begleiten bereits seit 1996 sterbende und schwerstkranke Menschen und deren Angehörige. Im stationären Hospiz an der Friedrichstraße, das gerade erst eröffnet wurde, werden derzeit sechs Gäste gepflegt und betreut. Seine Bettenzahl soll, laut Kohlstruck, in Kürze von sieben auf zehn erhöht werden. Der Reinerlös des Barbaramahls wird den Hospizen im Rahmen des katholischen Neujahrsempfanges am 20. Januar im Pfarrsaal von St. Barbara übergeben.
Der Vorsitzende des Katholikenrates, Wolfgang Feldmann, erinnerte daran, dass das Barbaramahl als katholischer Beitrag zum Kulturhauptstadtjahr 2010 ins Leben gerufen worden sei, um als dauerhafte Einrichtung soziale, kulturelle und geistige Impulse zu geben.
Und so gab es an diesem Abend nicht nur gutes Essen und Spenden für den guten Zweck, sondern auch gute Akkordeonmusik von Bach bis Piazzolla, brillant intoniert von den Musikschülern Peter Kraemer, Elif-Sofie Demir, Luis Ammann und Carla Paven und eine von Tim Timmer und Angela Glose gesungene Szene aus dem Nikolaus-Groß-Musical der Gemeinde St. Barbara, in dem die heilige Barbara dem Bergmann Nikolaus Groß im Traum erscheint.
In ihren Wortbeiträgen zum Barbaramahl schlugen der Pfarrer von St. Barbara, Manfred von Schwartzenberg, und Weihbischof Franz Grave eine historische Brücke zwischen der frühen christlichen Märtyrerin und dem 1945 von den Nazis ermordeten Widerstandskämpfer. Sie machten angesichts der weltweit zunehmenden Christenverfolgung deutlich, dass die Freiheit im Allgemeinen und die Religionsfreiheit im Besonderen „kein Thema von gestern und alles andere als selbstverständlich ist.“ Die Kirche, so Grave, „ist nichts für den frommen Winkel. Auch heute müssen Christen Farbe bekennen und die Gesellschaft mitgestalten.“ Dabei glaubt er, „dass vom Barbaramahl ein ökumenischer Impuls für unsere Gesellschaft ausgehen kann, was bestimmten Berufsständen gut tun würde.“
Dieser Text erschien am 3. Dezember 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG
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