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Küster Harald Helming-Arnold in der Petrikirche |
„Früher bin ich nicht regelmäßig zur Kirche gegangen“, gibt Harald Helming-Arnold zu. Doch das änderte sich im Oktober 2007 schlagartig. Denn damals wurde der heute 56-jährige Familienvater von der Vereinten Evangelischen Kirchengemeinde als Küster und Hausmeister angestellt. Seit dem vergeht kaum ein Gottesdienst, an dem Helming-Arnold nicht hinten links in der Petrikirche sitzt. Denn von dort aus sind es nur drei Schritte bis zu dem Raum unter der Orgelempore, in dem sich die computergesteuerte Ton- und Lichtanlage des über 750 Jahre alten Gotteshauses befindet.
Nicht nur Ton- und Lichttechnik muss der gelernte Gas- und
Wasserinstallateur im Griff haben. Auch kleinere Reparaturen, etwa an
Kirchenbänken, Lichtkabeln, Registerknöpfen und Regenrohren, das regelmäßige
Reinigen und Lüften der Kirche sowie die kontinuierliche Bau- und
Sicherheitsinspektionen sind des Küsters tägliches Brot.
„Nach jedem Unwetter gehe ich aufs Kirchendach und schaue nach, ob
noch alles dicht ist und nachts muss ich auch schon mal raus, wenn es sich allzu
lautstarke und gesellige Biertrinker vor der Kirche gemütlich machen“, erzählt
Helming-Arnold.
Steht in der Petrikirche ein Konzert oder die Aufführung einer
Kinderoper an - und das kommt etwa 15 Mal pro Jahr vor - ist der Küster als
Bühnenbauer und Bänkerücker gefragt. Auch für Brautleute. Die besprechen
technische Einzelheiten ihrer Trauung und des anschließenden Umtrunks. Wo kann
man wie viele Sitzgarnituren aufstellen und lässt sich die Baustelle am
Petrikirchenhaus an diesem Tag mit Planen verhüllen? Helming-Arnold verspricht,
sich zu kümmern und alles rechtzeitig ins Werk zu setzen. Das versuchte er auch
vor zwei Jahren, als er in der Kirche von einer Leiter stürzte, weil er einem
Brautpaar ein Steckdosenkabel durchs geöffnete Kirchenfester auf den Vorplatz
werfen wollte.
Die Folge war ein Trümmerbruch im rechten Arm. Einen kleinen Teil
der Stahlplatte, die ihm später aus seinem Arm geholt wurde, trägt er heute als
Glücksbringer an seinem Schlüsselanhänger.
„Anfangs war das für mich ein Job, weil ich nicht auch noch mit 60
bei Wind und Wetter auf Baustellen herumhängen wollte. Aber inzwischen ist es
für mich ein Beruf geworden, den ich lebe. Denn anders geht es nicht“, schildert
Helming-Arnold seinen inneren Wandel. Denn als Küster sorgt er nicht nur in und
rund um die Petrikirche für einwandfreie Technik, Sauberkeit, Ordnung und
Sicherheit. Er ist auch Ansprechpartner für Menschen, die in die Kirche oder zu
ihm an die Haustür kommen, weil sie in materieller oder seelischer Not sind.
„Viele Leute schellen bei mir an, weil ich gleich neben der Kirche wohne und sie
denken, dass ich der Pfarrer bin.“ So weit geht Helming-Arnolds Dienstauftrag
nicht, aber mit Rückendeckung der Gemeindepfarrerin Karla Untershansberg hat er
Zugriff auf einen kleinen Feuerwehrtopf der Gemeinde und kann, wenn Not am Mann
ist, mit Lebensmitteln oder dem Geld für eine Fahrkarte aushelfen.
„Die Zahl der Menschen, die an die Kirchentüren klopfen, weil sie
Hilfe brauchen, hat in den letzten Jahren zugenommen“, stellt der Küster fest.
Oft kann er den Hilfesuchenden den Weg zu den professionellen Krisenmanagern des
Diakonischen Weges aufzeigen.
Doch manchmal kann er auch einfach nur zuhören und sein Mitgefühl
ausdrücken, wenn ihm etwa ein Kirchenbesucher erzählt, dass er seine Frau und
sein Kind verloren habe. Das wäre auch für den Ehemann und Vater einer
erwachsenen Tochter das denkbar größte Unglück, das ihm widerfahren könnte.
Angesichts solcher Schicksalschläge relativieren sich die Ärgernisse eines
Küsterlebens, wie ein eingeworfenes Kirchenfenster oder eine gestohlene
Bronzetafel am Turmeingang der Petrikirche oder das regelmäßige Entsorgen von
Bierflaschen, Pommestüten und Pizzapappen rund um das Gotteshaus, das für alle
Mülheimer das Wahrzeichen ihrer Stadt ist.
Das er manchmal keine 15 Minuten, sondern eine Stunde braucht, um
beim Bäcker in der Innenstadt seine Brötchen zu kaufen, weil ihn so viele
Menschen ansprechen und sich mit ihm über Gott und die Welt unterhalten wollen,
zeigt dem spät berufenen Küster und Hausmeister der Petrikirche, „dass meine
Arbeit geschätzt wird und das ich in einem sozialen Beziehungsnetzwerk geborgen
bin, das über unsere Kerngemeinde hinaus geht.“
Diese Lebenserfahrung macht Harald Helming-Arnold sehr dankbar und
zufrieden.
Dieser Text erschien am 25. Juli 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung
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