Samstag, 26. Juli 2014

Keine Zukunft ohne Herkunft: Ein Gespräch mit dem Stadtplaner Thorsten Kamp darüber, wie und warum sich das Mülheimer Stadtbild in den letzten Jahrzehnten verändert hat


Bilder sagen manchmal mehr als 1000 Worte. Deshalb setzt die Neue Ruhr Zeitung mit einer Fotoserie die Stadt ins Bild setzen und Geschichten über das Leben und die Menschen in ihr erzählen, über das Leben wie es war und wie es ist.

Als zuständiger Abteilungsleiter für Städtebau und Stadtgestaltung hat sich der stellvertretende Leiter des Stadtplanungsamtes, Thorsten Kamp immer wieder mit dem Stadtbild und seinen Veränderungen beschäftigt.

Das ist für mich wichtig, weil es ohne Herkunft keine Zukunft geben kann, sagt der Stadtplaner. Er ist davon überzeugt, dass man eine Stadt nur dann sinnvoll planen und gestalten kann, wenn man weiß, wie sie früher ausgesehen hat und zu dem wurde, was sie heute ist.

Den Ursprung der Stadt sieht er auf dem Kirchenhügel. Auf ihn liefen noch um 1900 alle Straßen zu, als Mülheim bereits eine industrielle Großstadt an der Ruhr war, sich in ihrem Kern aber noch einen dörflichen Charakter bewahrt hatte, berichtet der baugeschichtlich bewanderte Stadtplaner.

Warum hat sich das Bild der Stadt zum Teil so radikal verändert, dass man an einigen Stellen der Stadt kaum noch historische Anknüpfungspunkte findet, wenn man alte und aktuelle Stadtansichten miteinander vergleicht?

Mülheim ist eine Stadt mit vielen Brüchen und Zäsuren, in der vieles begonnen und vieles unvollendet geblieben ist, sagt Kamp.

Für diese Brüche hat aus Sicht des Stadtplaners nicht nur der Zweite Weltkrieg gesorgt, der 800?000 Kubikmeter Trümmerschutt auf Mülheims Straßen hinterließ und ein Drittel (in der Altstadt sogar über 40 Prozent) der Wohnbebauung zerstörte.

In seinen Augen haben viele Stadtplaner und Architekten die Zerstörungen des Krieges nicht nur als Desaster, sondern auch als Chance begriffen, eine Stadt mit mehr Freiräumen zu schaffen. Es sollte mehr frische Luft und Grün in die Stadt kommen.

Wenn sich Kamp historische Fotos der eng bebauten Vorkriegs-Altstadt mit ihrem Marktplatz anschaut, hat er den Eindruck, dass sie damals fast etwas überfüllt war.

Den Bau der neuen Schloßstraße in den 30er und der neuen Leineweberstraße in den 50er Jahren sieht Kamp als städtebauliche Antwort auf die Herausforderung mit zunehmenden Verkehrsströmen fertig werden zu müssen. Auch die Nordbrücke und der Tourainer Ring dienten diesem Ziel und dienen Kamp, ebenso wie die riesigen Maschinen der Hochhäuser am Hans-Böckler-Platz als abschreckendes Beispiel für die Planungseuphorie der 60er und 70er Jahre, als Stadtplanung alles Alte verachtete und alles Neue zum Maßstab erhob. Damals habe man nach seiner Ansicht den Fehler begangen, den Pfad der überschaubaren und deshalb besonders menschengerechten Architektur zu verlassen. Wir dürfen nicht vergessen, dass Architektur die unmittelbarste Kunst ist. Denn einem durch sie geschaffenen Stadtbild kann niemand entkommen.

Im Rückblick auf die autogerechte Stadtplanung der 60er und 70er Jahre bedauert Kamp zum Beispiel, dass ein intaktes Gründerzeit-Viertel rund um das Amtsgericht der Nordbrücke und dem Tourainer Ring weichen musste. Schade findet er auch, dass damals Busse und Bahnen zunehmend unter die Erde verbannt, Autofahrer und Fußgänger zunehmend getrennt wurden und so mit Brücken und Unterführung, wie am Nordeingang des Hauptbahnhofes Unorte ohne Aufenthaltsqualität entstanden sind.

Als positive Beispiele für eine überschaubare, menschengerechte und mit Blick auf die sich immer wieder verändernden Lebensbedürfnisse der Menschen anpassungsfähige Architektur, sieht er die nach dem Ersten Weltkrieg von Krupp gebaute Siedlung Heimaterde oder das Viertel an der Von-Bock-Straße, wo sich alte Bürgerhäuser und moderne Geschossbauten abwechseln und für ein aufgelockertes Stadtbild sorgen.

Wie müsste, wie sollte sich Mülheims Stadtbild verändern? Die Zukunft sieht Kamp in überschaubaren Häusern und Wohnquartieren, in denen man arbeiten und wohnen kann und in denen alte und junge Bürger nachbarschaftlich zusammenleben und sich auf attraktiven Plätzen treffen und aufhalten können und wollen.

Positive Ansätze dazu sieht er bereits in der alten Schule am Fünter Weg in Heißen, wo eine generationsübergreifende Wohngemeinschaft einziehen will oder auch im Wohnquartier im und am Kloster Saarn.

In der Stadtmitte hätte aus seiner Sicht zum Beispiel der Rathausmarkt das Potenzial des zentralen Platzes, der in den letzten Jahren in einen Dornröschenschlaf versetzt worden ist. Hier hofft Kamp auf wiederbelebende Impulse durch das neue Ruhrquartier.

In diesem Zusammenhang erinnert der Stadtplaner daran, dass große stadtbildprägende Bauten, wie das 1912 fertig gestellte Stadtbad, das 1916 vollendete Rathaus oder die 1926 eröffnete Stadthalle nicht nur großstädtischem Selbstbewusstsein und dem Willen zur Repräsentation, sondern auch dem Wunsch entsprungen seien, die Ruhr in die Stadt zu holen. Nicht nur mit Blick auf die gebeutelte Innenstadt glaubt Kamp nicht an die Stadtplanung des großen Wurfes, sondern an Architektur und Räume, die im Alltag funktionieren. Dabei ist für ihn auch die Umwandlung von nicht mehr funktionierenden Einzelhandelsflächen in Wohnraum kein Tabu.

Mit allen seinen Stärken und Schwächen gilt in Kamps Augen auch für Mülheim, was ihm einmal eine Münchener Stadtbaurätin gesagt hat: „Am Stadtbild sieht man, wie die Gesellschaft tickt, die in ihr lebt.“

Die Antwort auf die Frage, wie die Mülheimer Stadtgesellschaft tickt, überlässt der Stadtplaner den Mülheimer Bürgern, wenn sie durch die Stadt gehen und dabei deren Erscheinungsbild betrachten.

Dieser Text erschien am 12. Juli 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 22. Juli 2014

Er bleibt ein Kumpel: Der Bergmann und IGBCE-Vorsitzende Willi Bruckhoff ist jetzt 80 Jahre alt: Er mahnt, die Solidarität der Bergleute nicht zu vergessen


„Den Bergbau sollte man nicht vergessen. Denn davon hat die Stadt mal gelebt“, findet Willi Bruckhoff. Der Bergmann, der von 1948 bis 1966 auf Mülheims letzter Zeche Rosenblumendelle einfuhr und 1984 auf Zeche Zollverein in Rente ging, feiert am 15. Juli seinen 80. Geburtstag.

Seit 1978 führt Bruckhoff die Ortsgruppe der Industriegewerkschaft Bergbau, der sich 1998 die örtlichen Industriegewerkschaften für Chemie, Energie und Leder anschlossen. Bruckhoff schätzt, dass 150 von 600 Mitgliedern aus dem Bereich Bergbau kommen. Die Zahl der aktiven Bergleute, die heute auf Zechen in Marl oder Bottrop einfahren schätzt er auf etwa 60.

„Solidarität.“ Das ist für Bruckhoff das wichtigste Erbe, das der Bergbau, in dem einst bis zu 3000 Mülheimer arbeiteten, hinterlassen hat. „Der Zusammenhalt war das Schönste, was wir unter Tage hatten. Das Wort Kumpel kam nicht von ungefähr. Alle für einen und einer für alle. Das wurde von Bergleuten gelebt“, erinnert sich Bruckhoff.

Dass es in unserer Gesellschaft heute immer weniger „kumpelhaft“ zugeht und die Solidarität von vielen als Auslaufmodell angesehen wird, sieht er als schlechtes Zeichen. „Heute sind die meisten Menschen nur mit sich selbst beschäftigt und vielleicht noch an ihrer eigenen Familie und an ihrem Urlaub interessiert“, bedauert Bruckhoff. Der ehemalige Betriebsrat, der wie schon sein Großvater und sein Vater unter Tage gearbeitet hat und froh ist, dass ihm die lebensgefährliche Steinstaublunge erspart geblieben ist, weist darauf hin, dass Dinge, wie Tariflöhne, gesetzlicher Urlaub und betriebliche Mitbestimmung nicht als Selbstverständlichkeiten vom Himmel gefallen sind, sondern von Gewerkschaften erkämpft werden mussten.

Vor allem die Generation der Unter-50-Jährigen vermisst er bei den Gewerkschaftstreffen, bei denen nicht nur über Politik, sondern auch über Rentengerechtigkeit und barrierefreies Wohnen gesprochen wird. Noch schwieriger ist es aus seiner Sicht, die Jahrgänge ab 1964 für ehrenamtliche Vorstandsarbeit zu gewinnen.

Das macht dem 80-Jährigen, der in zwei Jahren sein Amt aufgeben möchte, Sorgen. Denn noch ist ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin und damit die Antwort auf die Frage, wie es bei der örtlichen IGBCE weitergehen soll, nicht in Sicht. So bleibt dem Jubilar nur ein Appell an die Solidarität seiner Kollegen und ein Stoßgebet zur heiligen Barbara, der Schutzpatronin aller Bergleute.

Dieser Text erschien am 15. Juli 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 20. Juli 2014

Widerstand; Eine Frage der Haltung - Axel Smend erinnert sich an seinen Vater Günther Smend, der zu den Männern des 20. Juli 1944 gehörte


„Ich habe keine Erinnerung an meinen Vater. Trotzdem hat er meinem Leben Richtung und Kontur gegeben“, sagt der am 9. Mai 1944 geborene Axel Smend. Sein  Vater war der in Mülheim aufgewachsene und zur Schule gegangene Günther Smend, der zu den Männern des 20. Juli gehörte und deshalb am 8. September 1944 in Berlin-Plötzensee gehängt wurde.

„Was ich von meinem Vater gelernt habe, obwohl ich ihn nie kennen gelernt habe, ist, dass man dort, wo man im Leben steht, Verantwortung übernehmen und zu dem stehen muss, was man selbst als richtig erkannt hat“, sagt der heute in Berlin lebende und arbeitende Rechtsanwalt.

Verantwortung hat der Vater von vier Kindern nicht nur privat, sondern auch gesellschaftlich übernommen, in dem er sich seit vielen Jahren ehrenamtlich im Vorstand und im Kuratorium der Stiftung 20. Juli engagiert. „Die Stiftung wurde bereits 1947 unter der Federführung von Fabian von Schlabrendorff gegründet, der als Adjutant des Generalmajors Henning von Tresckows, selbst zu den Männern des 20. Juli gehört hatte. Ziel der Stiftung war es, den Überlebenden und Hinterbliebenen des 20. Juli ein Forum und eine Anlaufstelle zu bieten. Hier und da wurde auch in finanzieller Not geholfen. Heute versuchen wir mit Hilfe einer Wanderausstellung und in Gesprächen mit Schülern im In- und Ausland den deutschen Widerstand gegen Hitler zu thematisieren und so in Erinnerung zu halten. Deshalb werden wir am 20. Juli auf den Spuren des Widerstandes in Berlin auch eine Stadtrallye für Jugendliche veranstalten“, berichtet Smend.

Gerade in seinen zahlreichen Gesprächen mit Schülern erlebt der 70-jährige immer wieder, „dass Jugendliche neben ihren Detailfragen zum Attentat auf Hitler (Warum konnte man ihn nicht einfach erschießen?) auch den Bogen in die Gegenwart schlagen, wenn sie erkennen, dass auch wir heute in unserem Alltag immer wieder gefordert sind, Widerstandskraft, Initiative und Verantwortung zu übernehmen, um jeder Form von Rechtsextremismus, Rassismus, Intoleranz und Ungerechtigkeit rechtzeitig entgegenzutreten.“

Der menschliche Zwiespalt zwischen „mutigem und vorangehenden Engagement und der Tendenz, sich im Ernstfall lieber weg zu ducken“ bleibt für Smend zeitlos aktuell.  Auch wenn es für den Sohn eines 1944 hingerichteten Widerstandskämpfers „eine große Enttäuschung ist“, dass die Mordtaten des nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) so lange unentdeckt und ungesühnt geblieben sind, glaubt er, dass auch sein Vater mit dem heutigen Deutschland zufrieden wäre. „Denn wenn wir heute im internationalen Vergleich nach rechts und links schauen, haben wir doch eine gut funktionierende Demokratie, die mit den Idioten, die immer noch den falschen Idealen des Nationalsozialismus nachlaufen fertig werden kann und fertig werden muss.“

Dass der bewusste und sensible Umgang mit der NS-Vergangenheit und das Lernen aus ihr nicht immer selbstverständlich waren, weiß Axel Smend aus seiner eigenen Biografie. „Während meine Mutter mit meiner 1940 geborenen Schwester Henriette, mit meinem 1941 geborenen Bruder Rolf und mit mir sehr offen über die Geschichte meines Vaters sprach und uns damit half, die Motive seines Handelns zu verstehen und nachzuvollziehen, war der 20. Juli 1944 in meiner Schulzeit kein Thema. Noch in den frühen 50er Jahren gab es Gerichtsurteile, in denen die Männer um Claus Schenck Graf von Stauffenberg als Verräter bezeichnet wurden“, erinnert sich Smend.


Bis heute kann er es kaum fassen, dass die Witwe des bei einem Luftangriff am 3. Februar 1945 getöteten Volksgerichtshof-Präsidenten Roland Freisler vom ersten Tag an eine Witwenrente bekam, während seine Mutter bis zum Ende der 50er Jahre darauf warten musste, eine Witwenrente für sich und eine Halbwaisenrente für ihre Kinder zu bekommen. „Bis dahin bekamen wir nur von der Stiftung 20. Juli finanzielle Unterstützung, so dass uns unsere Mutter mit einer Stelle als Bürokraft durchbringen musste“, erinnert sich Smend. Darüber hinaus wurden seine Geschwister und er bereits 1947 von dem Schweizer Arzt Albrecht von Erlach zu einem für die Halbwaisen der deutschen Widerstandskämpfer organisierten Erholungsurlaub in die Schweiz eingeladen. „Das war für uns, die wir aus dem hungernden Deutschland kamen, wie das Paradies, in dem Milch und Honig flossen“, schwärmt Smend.

In der Rückschau bleibt für ihn der Eindruck, dass sich in Deutschland erst während der 60er Jahre die Einsicht durchgesetzt hat, dass der Widerstand, den sein Vater und viele andere Menschen aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen Hitler entgegengesetzt haben, „dafür gesorgt hat, dass wir Deutschen nach 1945 zumindest ein gewisse moralische Grundlage hatten, auf die wir aufbauen konnten.“ Die neue Sicht auf den Widerstand gegen Hitler im Allgemeinen und auf die Männer des 20. Juli wurde in Smends Augen vor allem durch die Ermittlungen des jüdischen Frankfurter Staatsanwaltes Fritz Bauer im Prozess gegen Otto Ernst Remer (1953) und durch die 68er Bewegung befördert. Remer hatte als Offizier den Aufstand des 20. Juli 1944 niedergeschlagen und nach 1945 als rechtsextremer Politiker den Widerstand gegen Hitler als Verrat verleumdet. Und die rebellierende Jugend fragte ihre Eltern 1968: „Was habt ihr gewusst und was habt ihr getan?“


Für sich selbst hat Smend im Rückblick auf das Leben und Sterben seines Vaters die Einsicht mitgenommen, „dass ich mit meinen Alltagsproblemen relativ souverän umgehen kann, weil sie sich angesichts der der existenziellen Nöte und Ängste, die mein Vater zwischen seiner Verhaftung und seiner Hinrichtung durchleben musste, doch sehr stark relativieren.


Günther Smend  wurde am 29. November 1912 in Trier geboren und kam mit seiner Familie 1924 nach Mülheim. Hier lebte er mit seinen Eltern und seinen jüngeren Geschwistern Rolf und Hella im Haus Luisenthal 11, wo seit 2007 ein „Stolperstein“ des Kölner Künstlers Gunter Demnig an den Mann aus dem militärischen Widerstand erinnert. Während seiner Schulzeit am heutigen Otto-Pankok-Gymnasium, wo er 1932 das Abitur bestand, war Smend als Ruderer und Läufer sehr erfolgreich und errang 1930 die Stadtmeisterschaft im 5000-Meter-Lauf. Nach dem Abitur verließ er Mülheim in Richtung Detmold, um wie sein Vater Julius, in einem Infanterieregiment Offizier zu werden. Als Offiziersanwärter lernte er während seiner Zeit in Detmold auch seine spätere Frau Renate von Cossel (1916-2005) kennen. Das Paar heiratete im März 1939. Nach Kriegsbeginn kämpfte Smend unter anderem in Frankreich und Russland, ehe er 1943 zum Besuch der Kriegsakademie nach Berlin abkommandiert und im April 1943 zum Generalstab des Heeres befördert wurde. Ab Juli 1943 arbeitete er dort als Adjutant für den Generalstabschef des Heeres, Kurt Zeitzler. Da Zeitzlers kritische Haltung zu Hitlers Kriegsführung bekannt war, wurde Smend  von Oberst Claus Schenck Graf von Stauffenberg gebeten, Zeitzler zur Teilnahme am Staatsstreich gegen Hitler zu bewegen. Der Versuch scheiterte und machte Smend in den Augen der Nazis zum Mitwisser des gescheiterten Attentates. Am 1. August 1944 verhaftet, wurde er am 30. August 1944 vom Volksgerichtshof unter dem Vorsitz von Roland Freisler zum Tode verurteilt und am 8. September 1944 in Berlin-Plötzensee erhängt. Seine Frau und ihre drei Kinder, die damals in Lüneburg lebten, mussten ihre Wohnung verlassen und in eine kleinere Wohnung umziehen. Alle Briefe und Hinterlassenschaften ihres Mannes wurden ihr abgenommen. Elf Jahre später besuchte Axel Smend mit seiner Mutter zum ersten Mal den Ort, an dem sein Vater von den Nazis ermordet worden war. 2007 nahm er mit seinen Geschwistern und seiner Tante Hella im Luisenthal an der Verlegung des Stolpersteines teil, der dort bis heute an seinen Vater erinnert.
 
Dieser Text erschien am 19. Juli 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung   

Samstag, 19. Juli 2014

Ein ambivalentes Erbe: Eine Tagung der katholischen Akademie Die Wolfsburg diskutierte und betrachtete die Amtszeit des ersten Ruhrbischofs Franz Kardinal Hengsbach sehr kontrovers


Draußen steht der Stuhl, auf dem Franz Hengsbach während des Zweiten Vatikanischen Konzils Platz nahm. Drinnen, im Saal, der heute seinen Namen trägt, reflektieren Theologen, Kirchenhistoriker, Zeitzeugen, Wegbegleiter und interessierte Laien in der katholischen Akademie Die Wolfsburg das ambivalente Erbe des ersten Ruhrbischofs, der 1988 vom damaligen Papst Johannes Paul II. zum Kardinal erhoben worden war. Bevor die Zeitzeugen und Wegbegleiter zu Wort kommen, zeichnet der 1981 in Essen geborene und als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ruhruniversität Bochum arbeitende Kirchenhistoriker Franziskus Siepmann mit einem Einblick in seine gerade fertiggestellte Doktorarbeit eine erste Skizze seiner frühen Bischofsjahre in Essen.
Siepmann schlägt den Bogen von der Aufbruchstimmung Ende der 50er Jahre bis zur Stagnation am Ende der 60er Jahre, als sich der konservative Bischof, etwa in der Kontroverse um die Ablehnung der Antibabypille durch die päpstliche Entzyklika Humanae Vitae 1968 von weiten Teilen des Kirchenvolkes entfernte und selbst ein deprimierendes Gefühl der Entfremdung erlebte. Welch ein Kontrast zum Beginn seiner Amtszeit, als der katholische Publizist Walter Dirks an Hengsbach gewandt festgestellt hatte: „Wir bedürfen Ihrer so sehr.“

„Er baute einen Zaun um sich herum und es gab unter den Priestern einen ängstlichen Blick, was da von oben wohl kommen werde“, sagt Generalvikar Klaus Pfeffer über den späten Hengsbach, der Kontroversen in der Priesterschaft als Misstrauensvotum gegen seine Person begriff und deshalb immer wieder auf seine Amtsautorität und die Gehorsamsverpflichtung der Priester pochte. „Er war auf  Vertrauen angelegt und wenn dieses Vertrauen gegeben war, konnte man mit ihm im richtigen Augenblick unter vier Augen auch ein sehr offenes Wort sprechen“, erinnert sich Weihbischof Franz Grave. Rückhaltloses Vertrauen hatte der Ruhrbischof offensichtlich zu seiner Haushälterin. „Tante Hedwig konnte Hengsbach alles sagen. Sie war für Hengsbach Volkes Stimme und keine Predigt verließ das Bischofshaus, die nicht von Tante Hedwig gegengelesen worden und für allgemein verständlich befunden worden war“, erinnert sich Hengsbachs ehemaliger Geheimsekretär Martin Pischel.

„Er konnte sich sehr gut in Menschen hineinversetzen und mit einem sprechen, wie mit einem Bruder,“ beschreibt der ehemalige Direktor des Kommunalverbandes Ruhr, Jürgen Gramke, Hengsbachs segensreiche Moderation im Initiativkreis Ruhrgebiet, dessen Gründung auf seine Idee zurückging.

Als gar nicht brüderlich und segensreich, sondern als autoritär und jeden Widerspruch abbügelnd, empfand der Priester und emeritierte Theologieprofessor Franz-Josef Nocke die Rolle, die Hengsbach zum Beispiel bei der Suspendierung eines vorbildlich engagierten Kaplans spielte, der bei seinem Pfarrer in Ungnade gefallen war, weil er in seinem Haus auch ehemalige Strafgefangene beherbergte oder als er 1970 im Priesterrat des Bistums eine Verurteilung des Theologen Hans Küng durchsetzte, der in einem Zeitungsartikel dafür eingetreten war, bei konfessionsübergreifenden Eheschließungen auf das Primat der katholischen Kindererziehung zu verzichten.

Als ausgesprochen segensreich schilderte dagegen Weihbischof Grave Hengsbachs vom Konzil geprägte Förderung des Laienapostulates. „Er war sehr an den Einschätzungen und Positionen der Laien interessiert und hatte deshalb nicht nur zum Diözesanrat, sondern auch  zum Zentralkomitee der deutschen Katholiken einen sehr guten Draht.“ Dabei sahen der Mülheimer Akademiedirektor Michael Schlagheck und der Bochumer Kirchenhistoriker Wilhelm Damberg bei Hengbach eine klare Aufteilung zwischen dem „Weltdienst der Laien und dem geistlichen Heilsdienst der Priester.“

Wie wichtig Hengsbach dieser Heilsdienst an und für die katholische Basis war, zeigte Hengsbach-Forscher Siepmann am Beispiel des Konzeptes der wohnortnahen Kirche. „Solange ich Bischof bin, bekommt jede Pfarrei ihren eigenen Pfarrer“, sagte der erste Ruhrbischof, der Mitte der 60er Jahre ein Viertel seines Bistumshaushaltes in den Aufbau pfarrgemeindlicher Strukturen investierte und nach der Arbeiter- auch die Familienseelsorge vorantrieb, um das zu erhalten, was schon damals nicht mehr selbstverständlich war, ein sinnstiftendes und lebensbegleitendes katholisches Milieu. „Den Titel Ruhrbischof“, so unterstrich Siepmann, „hat sich Hengsbach, der schon als Paderborner Weihbischof Hammer und Schlägel in seinem Wappen führte und in seinem Bischofsring ein Stück gepresste Kohle trug, nicht selbst zugelegt, sondern er ist ihm im Laufe der Jahre von den Menschen an der Ruhr verliehen worden.“ Siepmanns Doktorvater Damberg machte deutlich, dass die Gründung des Ruhrbistums „das von einem extremen Lokalismus und Kirchturmsdenken geprägte Ruhrgebiet zum ersten Mal administrativ zusammengefasst hat.“

Grave, Gramke und Schlagheck beschrieben Hengsbach als einen „politisch anlaysefesten, konsequenten und zupackenden“ Kirchenführer, „der auf ganz unterschiedliche Menschen zugehen und sie an einen Tisch bringen konnte“, wenn es ihm um sein Herzensanliegen gegangen sei, nämlich darum, „den Strukturwandel im Ruhrgebiet menschenwürdig zu gestalten.“ Hengsbach habe sehr realistisch erkannt, so Gramke: „dass man den Menschen im Ruhrgebiet nach dem Wegbrechen von Kohle Stahl zumuten muss, neue Wege zu gehen und bei der Suche nach Lösungen selbst Verantwortung zu übernehmen.“ Als vorbildlich würdigten Gramke und Schlagheck in diesem Zusammenhang Hengsbachs persönlichen Einsatz für die Gewinnung neuer Ausbildungsplätze und neuer Netzwerke zwischen Wissenschaft und Wirtschaft.

Und auch, wenn viele Kirchen, die während der 60er Jahre unter Hengsbach gebaut wurden, inzwischen wieder aufgegeben, abgerissen oder umgewidmet werden mussten, bleibt für Akademiedirektor Schlagheck Hengsbachs Idee einer nahen Kirche auch heute  aktuell, „weil es nicht nur um geografische, sondern vor allem um mentale Nähe geht.“ Diese mentale Nähe lässt sich nach der Ansicht des Kirchenhistorikers Damberg aber nur dann realisieren, wenn es angesichts der demografischen Entwicklung und des sich verstärkenden Priestermangels künftig gelingt „christliches Gemeinschaftsleben auch ohne Priester zu organisieren.“ Ob das im Sinne des ersten Ruhrbischofs gewesen wäre? „Er wäre stark genug gewesen, sich notwendigen Veränderungen anzupassen“, glaubt Weihbischof Grave im Rückblick auf den 1991 verstorbenen Franz Hengsbach.

Franz Hengsbach wurde 1910 im Sauerland geboren und 1937 in Paderborn zum Priester geweiht. Anschließend arbeitete er als Kaplan in Herne. 1948 zum Leiter des Paderborner Seelsorgeamtes bestellt, organisierte er 1949 den deutschen Katholikentag in Bochum zum Thema „Gerechtigkeit schafft Frieden.“ 1953 wurde Hengsbach in Paderborn zum Weihbischof geweiht, ehe er 1958 als Bischof nach Essen wechselte. Sein Wahlspruch als Bischof lautete: „Ihr sollt meine Zeugen sein.“ In seinen ersten Bischofsjahren gründete Hengsbach unter anderem das bischöfliche Abendgymnasium in Essen und die katholische Akademie Die Wolfsburg in Mülheim. Außerdem berief er 1961 die erste und bisher einzige Diözesansynode ein, um die Schaffung eines neuen Bistumsbewusstseins zu fördern. „Der Papstbesuch im Ruhrgebiet im Jahr 1987 war sicher ein emotionaler Höhepunkt seiner Amtszeit, bei dem er noch einmal so etwas, wie eine Heerschau des katholischen Milieus erleben durfte“, erinnert sich der Direktor der katholischen Akademie Die Wolfsburg, Michael Schlagheck.

Dieser Text erschien am 5. Juli 2014 im Neuen Ruhrwort

Freitag, 18. Juli 2014

Späte Reifeprüfung oder: Von der Last zur Lust am Lernen: Ein Doppelportrait zur Steigerung der Bildungsmoral


Nikolaus Groß war ein Bergmann, der sich an Abendschulen weiterbildete und so zum Arbeiterführer und Chefredakteur der Westdeutschen Arbeiterzeitung aufstieg. Was verbindet Claudia Khom und Peter Wangen mit den 2001 selig gesprochenen Widerstandskämpfer, der 1945 von den Nazis hingerichtet wurde? „Wohl die Erfahrung, dass Bildung das Leben positiv verändern kann und das man mit Fleiß und Engagement alles erreichen kann, was man wirklich will“, sagen die beiden Abiturienten des Nikolaus-Groß-Abendgymnasiums.
Claudia Khom und Peter Wangen sind besondere Abiturienten. Sie sind nicht 18 oder 19 Jahre jung, wie die meisten Schüler, die in diesen Wochen ihr Zeugnis der Reife erhalten. Mit 34 (Khom) und 25 (Wangen) gehören sie zu den reiferen Jahrgängen, die ihr Abitur auf dem zweiten Bildungsweg gemacht haben. Beide haben in ihrem ersten Schülerleben die Fachoberschulreife erworben und anschließend etliche Jahre in der stationären Krankenpflegegearbeitet.

Beide beschreiben ihren zweiten Bildungsweg am bischöflichen Abendgymnasium in Essen als „Exodus aus unserem Berufsleben.“

Die 34-jährige Mutter aus Bottrop und der 25-jährige Junggeselle aus Mülheim an der Ruhr waren mit ihrer Arbeit als Krankenpfleger in einem Essener Krankenhaus schon länger nicht mehr zufrieden, als sie nach einem Ausweg suchten und ihn via Internetrecherche am Abendgymnasium des Ruhrbistums fanden.
„Man hat mir immer gesagt, dass ich meine Arbeit gut gemacht habe. Aber ich fühlte mich trotzdem nie am richtigen Platz und habe unter der knappen Personaldecke gelitten“, erinnert sich Khom. Und Wangen fühlte sich von seinem Arbeitgeber oft „wie billiges Proletariat und wie ein Rädchen im Getriebe behandelt, obwohl man eine sehr verantwortungsvolle Arbeit leisten musste.“

Vor allem dann, wenn seine ehemaligen Schulfreunde von ihren Erfahrungen mit dem Hochschulstudium und ihrer beruflichen Weiterentwicklung berichteten, spürte er eine schmerzliche Unzufriedenheit, „weil ich selbst das Gefühl hatte, mich in meinem Beruf nicht weiterentwickeln zu können.
„In meinem ersten Schülerleben war ich eher faul und vor allem am Sport interessiert“, erklärt er, warum es auf dem ersten Bildungsweg mit dem Abitur nichts wurde. „Ich habe eigentlich gerne gelernt und anderen Menschen etwas erklärt. Aber in meiner Schule fühlte ich mich nicht wohl. Das hatte auch mit meinen damaligen Mitschülern und Lehrern zu tun, bei denen ich mich nicht gut aufgehoben und gefördert fühlte“, erinnert sich Khom, warum sie nach der elften Klasse ihre Gesamtschule verließ und eine Ausbildung als Krankenpflegerin begann.

„Dennoch“, so sagt sie rückblickend, „hat es mich immer gefuchst, dass ich damals das Abitur nicht gemacht habe, weil ich wusste, dass ich das gekonnt hätte.“ Wie bei ihrem Mitschüler Wangen, war es auch bei Khom „die Angst davor, Fehler zu machen und von anderen dafür ausgelacht zu werden“, die ihr im ersten Schülerleben die Freude am Lernen verdarb.

„Ich hätte nie gedacht, dass mir Schule Spaß machen könnte“, sagt Wangen nach zweieinhalb Jahren am Abendgymnasium. Hier entdeckte er sein Interesse für Mathematik und Physik und „die faszinierende Logik der Beweisführung, die in diesen Wissenschaften steckt.“
Was hat die Last des Lernens am Abendgymnasium in eine Lust verwandelt? „Das hat wohl mit unseren Lehrern und Mitschülern zu tun. Wir haben hier immer wieder in kleinen Gruppen zusammengearbeitet, in denen alle das gleiche Ziel hatten und niemand auf die Idee gekommen wäre, über jemanden zu lachen, weil der etwas nicht wusste. Und auch die Lehrer standen immer wieder für Fragen bereit. Die konnten wir auch während der Ferien anrufen oder per E-Mail kontaktieren. Außerdem boten sie uns regelmäßig die Gelegenheit, durch Referate und Probeklausuren unser Wissen zu vertiefen und unsern Lernerfolg zu erhöhen“, beschreibt Khom den besonderen Arbeitsstil, „den ich in meiner früheren Schule so nicht kennengelernt habe.“

Auch ihr Mitschüler, der in seinem ersten Schülerleben an einer Freien Waldorfschule unterrichtet worden war, hatte am Abendgymnasium das Gefühl, „dass ich mich hier ganz anders einbringen konnte und deshalb auch das systematische Lernen erst richtig gelernt habe.“

Wangen lässt keinen Zweifel daran, dass es auch der Albtraum seines ersten Berufslebens in der Krankenpflege war, der ihn vorantrieb. „Ich habe mich vom ersten Tage hier gut gefühlt, weil ich wusste, dass ich hier die Chance bekomme, durch meine eigene Anstrengung meine Lebenschancen zu verbessern.“

Beratungslehrerin Angelika Hover, die am Nikolaus-Groß-Abendgymnasium Deutsch und Englisch unterrichtet, weiß: „Die Schüler am Abendgymnasium sind älter, reifer und deshalb motivierter. Sie wissen, was sie wollen und fordern das Wissen auch aktiv ein. Deshalb arbeiten hier Lehrer und Schüler sehr partnerschaftlich zusammen.“

Durch die Möglichkeit, am Nikolaus-Groß-Abendgymnasium nicht nur abends, sondern auch vormittags lernen zu können, konnten Khom und Wangen ihren Schulunterricht den Wechselschichten ihres Berufes anpassen und so zunächst parallel arbeiten und lernen. Doch im letzten Jahr vor ihrem Abitur haben beide dann doch der Schule den Vorrang eingeräumt und ihre Berufstätigkeit auf Teilzeit reduziert.
„Auch wenn manche Freunde mich gefragt haben: Warum tust du dir diesen Stress an, habe ich eigentlich erst kurz vor dem Abitur so etwas, wie Schulstress empfunden“, betont Peter Wangen und ist sich mit seiner Mitschülerin Claudia Khom einig: „Die Entscheidung für das Abitur am Nikolaus-Groß-Abendgymnasium können wir anderen Menschen in einer vergleichbaren Situation nur empfehlen. Für uns war es die beste Entscheidung unseres Lebens.“

Dass sie diese Entscheidung für den zweiten Bildungsweg nicht bereuen mussten, sondern als „eine Erweiterung unseres Horizontes“ erleben konnten, haben die beiden späten Abiturienten aber nicht nur sich selbst zu verdanken. Daran lassen sie keinen Zweifel. „Mein Mann, der selbst auch in der Krankenpflege arbeitet, hat mich ebenso, wie meine Eltern und Schwiegereltern unterstützt und zum Beispiel bei der Betreuung unserer drei Kinder und Pflegekinder entlastet. Er weiß, dass ich nicht glücklich geworden wäre, wenn ich meinen Lebenstraum nicht verwirklichen könnte“, erzählt Khom. Ihr Mitschüler Wangen ist seinen Eltern sehr dankbar, dass er auch als berufstätiger Abendschüler mietfrei zu Hause wohnen durfte und so finanziell enorm entlastet wurde.

Jetzt möchte er Bundesausbildungsförderung (Bafög) beantragen, um in Tübingen Physik und Mathematik und vielleicht ja auch noch Philosophie zu studieren. Auch Khom möchte Mathematik studieren, wahrscheinlich aber wohnortnah im Ruhrgebiet. Denn sie wird ja nicht nur Studentin, sondern auch weiterhin Mutter sein. Auch neben dem Studium möchte sie weiter in der Kinderpflege arbeiten und so zum Familieneinkommen beitragen. Doch ihr neunjähriger Sohn Lukas kennt schon den wahren Traumberuf seiner Mutter: „Meine Mamma wird jetzt Lehrerin“, sagt er nicht ohne Stolz.

Das Nikolaus-Groß-Abendgymnasium wurde 1959 vom ersten Ruhrbischof Franz Hengsbach gegründet. Zunächst wurde es nur von Männern besucht, die ihr Abitur nachholen wollten, um Priester zu werden. Inzwischen sind aber mehr als 50 Prozent der Schüler weiblich und holen am Abendgymnasium des Bistums Essen nicht nur ihr Abitur und ihr Fachabitur, sondern auch ihre Fachoberschulreife nach. Der Schulbesuch ist gebührenfrei und kann durch Bafög unterstützt werden. Wer das Abendgymnasium, das  seit 1998 den Namen von Nikolaus Groß (1898-1945) trägt, besuchen möchte, muss mindestens 18 Jahre alt sein. Es gibt aber auch Schüler, die noch mit Anfang 70 dort ihr Abitur nachholen, weil sie auf ihrem bisherigen Lebensweg nicht dazu gekommen sind. Weitere Informationen zum Nikolaus-Groß-Abendgymnasium findet man im Internet unter: www.abendgymnasium-essen.de

Dieser Text erschien am 28. Juni 2014 im Neuen Ruhr Wort und in der Tagespost

Donnerstag, 17. Juli 2014

Sympathien für die Sperrklausel: Auch in Mülheim findet der Vorschlag des Vorsitzenden der SPD-Landtagsfraktion Unterstützer: Aus Sicht der kleinen Bürgerbündnisse wäre eine kommunale Drei-Prozent-Hürde allerdings kontraproduktiv


Bis 1999 musste man fünf Prozent der Wählerstimmen erringen, um in den Rat einzuziehen. Dann urteilte das Landesverfassungsgericht, der Gesetzgeber habe die Sperrklausel auf kommunaler Ebene nicht hinreichend begründet. Der Landtag reagierte damals mit der Abschaffung der Sperrklausel. Dass das ein Fehler war, meint nicht nur der SPD-Fraktionschef im Landtag, Norbert Römer. Er fordert jetzt die Einführung einer Drei-Prozent-Hürde für Stadtratswahlen und findet damit auch beim Fraktionsgeschäftsführer der Mülheimer CDU, Hansgeorg Schiemer Anklang.

„Dass das Sinn machen würde, ist für mich keine Frage. Denn auch wenn die Räte ein Spiegelbild des Wählerwillens sein sollen, darf deren Zersplitterung nicht zur Arbeitsunfähigkeit führen. Und diese Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen, wenn man schon mit knapp einem Prozent der Stimmen ein Ratsmandat gewinnen kann“, sagt Schiemer.

Auch Meinungsforscher und Forsa-Chef Manfred Güllner bezieht im Interview eindeutig Position zugunsten einer kommunalpolitischen Sperrklausel. Eine Drei-Prozent-Hürde (siehe unten) hätte bei der jüngsten Kommunalwahl, die Mülheim ein Stadtparlament mit sechs Fraktionen, einer Gruppe und drei einzelnen Stadtverordneten beschert hat, die Mehrheitsbildung erleichtert. Denn dann hätten SPD, CDU und MBI je ein Mandat dazu gewonnen, während sich diese drei Mandate jetzt auf die Piraten, das Bündnis für Bildung und WIR aus Mülheim verteilen.

Dem Bündnis für Bildung reichten bei der Kommunalwahl vom 25. Mai 632 Stimmen, um mit Hasan Tuncer einen Stadtverordneten in den Rat zu entsenden. „Auch wenn wir nur ein Prozent der Wählerstimmen erreicht haben, wäre es schade, wenn diese Stimmen unter den Tisch gefallen wären“, findet Tuncer. Obwohl er einräumt, dass eine Sperrklausel Sinn machen könnte, um rechtsextremen Gruppen den Einzug in den Rat zu verwehren, überwiegen für ihn die Vorteile, die der Verzicht auf eine Sperrklausel mit sich bringt. „Vielfalt im Rat kann viel Gutes für die Bürger bewirken, weil sie für mehr Transparenz und neue Impulse sorgt,“ glaubt er.


Dieser Text erschien am 4. Juli 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 16. Juli 2014

Lieber fünf als drei Prozent: Warum der Wahl- und Meinungsforscher Manfred Güllner auch auf kommunaler Ebene für eine parlamentarische Sperrklausel plädiert


Frage: Was halten Sie von dem Vorschlag des SPD-Fraktionschefs im Landtag?

Antwort: Das ist ja mal was Vernünftiges, was die da machen wollen.

Frage: Warum macht eine Drei-Prozent-Hürde für Stadtparlamente Sinn?

Antwort: Weil die Entwicklung zeigt, dass die Abschaffung der Fünf-Prozent-Hürde auf kommunaler Ebene ein katastrophaler Fehler war. Man hat doch ganz bewusst vor dem Hintergrund der Weimarer Erfahrung nach dem Zweiten Weltkrieg eine Fünf-Prozent-Hürde eingeführt, um eine Zerklüftung des Parteiwesens zu verhindern. Deshalb ist auch heute die Einführung einer Sperrklausel goldrichtig. Eine Fünf-Prozent-Hürde wäre mir lieber als eine Drei-Prozent-Hürde. Aber eine Drei-Prozent-Hürde ist besser als nichts.

Frage: Macht der Verzicht auf eine Sperrklausel die Kommunalpolitik nicht demokratischer?

Antwort: Dieser Verzicht hat vor allem dazu geführt, dass die Stadträte jetzt vielen Gruppen eine Plattform bieten, in denen selbst ernannte Advokaten Partikularinteressen vertreten. Das können sie ja gerne tun, aber das müssen sie nicht unbedingt im Rat tun.

Frage: Warum eigentlich nicht?

Antwort: Weil die Kommunalpolitik die Aufgabe hat, einen Interessenausgleich im Sinne aller Bürger zu erreichen.

Frage: Fühlen sich nicht vielleicht mehr Bürger in einem Rat mit mehr Gruppen besser vertreten?

Antwort: Die in den letzten Jahren zum Teil drastisch zurückgegangene Beteiligung an Kommunalwahl beweist das Gegenteil. Unsere Forschungsergebnisse zeigen, dass viele Wähler zu Nichtwählern werden, weil sie zunehmend den Eindruck haben, dass sich die großen Parteien immer mehr an Minderheitsinteressen orientieren.

Frage: Was erwarten die Wähler denn von ihren Kommunalpolitikern?

Antwort: Sie wollen keine ideologisch motivierte Kommunalpolitik, in der es um Koalitionsbildungen geht. Sie erwarten, dass die Kommunalpolitiker sich nicht mit sich selbst beschäftigen, sondern an einem Strang ziehen und um ihre Wahlkreise kümmern, wenn es darum geht, die Verwaltung zu kontrollieren und die konkreten Probleme, die die Bürger vor ihrer Haustüre haben, zu lösen.

Dieser Text erschien am 4. Juli 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

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