Dienstag, 8. Januar 2019

Eine Stadt - Zwei Welten

Ich gehe durch die Stadt und höre Klagen. Menschen klagen wie schlecht es ihnen geht und wie viel schlechter es ihnen aller Voraussicht nach gehen wird in der Zukunft. Früher sei alles besser gewesen und man habe mehr vom Leben gehabt, höre ich. Mein Gott. Unsere Stadt scheint ein Jammertal zu sein. Doch dann sehe ich die gleichen Menschen in den Cafés und Restaurants sitzen: Dort berichten sie ihren Tischgenossen vom neuen Auto und vom Urlaub.  Und auf manchen Gehwegen ist für den eingeborenen Fußgänger kaum ein Durchkommen, weil dort ein wuchtiger Geländewagen nach dem anderen auf seinen Fahrer wartet. Der shoppt gerade und beschwert sich an der Kasse über die unverschämten Parkgebühren, die ihm den Einkaufsspaß vermiesen und demnächst dazu zwingen zuhause im Internet einzukaufen und dann am Küchen- oder Stammtisch darüber zu klagen, dass es in der Innenstadt nichts mehr zu kaufen gebe. Doch ich gehe weiter durch die Stadt und treffe auf die alleinerziehende Mutter, die sich und ihre Kinder mit mehreren Minijobs über Wasser hält und sich über das preiswerte Kleidungsstück aus der Secondhand-Boutique freut. Ich treffe die alte Trümmer-Frau, die als Flaschensammlerin ihre Mini-Rente aufbessert, aber nicht klagen und auch nicht zur Sozialagentur gehen will. Ich staune über den Elan des Händlers, der allen Unkenrufen zum Trotz jeden Morgen sein Geschäft aufsperrt oder seinen Marktstand aufschlägt. Er legt sich jeden Tag aufs neue unverdrossen ins Zeug, um seine noch fußläufigen Kunden bei der Stange zu halten, damit er seine Ladenmiete, seine Standgebühr und seine Steuern zahlen kann. Und ich freue mich mit dem Zuwanderer aus dem Bürgerkriegsland, der mir strahlend und stolz von seiner Arbeit als Busfahrer erzählt, mit der er jetzt seine Familie ohne Arbeitslosengeld 2 ernähren kann. Ich gehe durch eine Stadt und bewege mich durch zwei Welten. Schade, dass manche Nachbarn so nah- und doch so fern voneinander sind. Würden sie mal miteinander sprechen, sähen sie ihr Leben in unserer Stadt vielleicht mit ganz neuen Augen.

Dieser Text erschien am 8. Januar 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 7. Januar 2019

Die Grenzen der Narretei

Jetzt weiß ich Bescheid. Warum wird der Karneval ausgerechnet in der düsteren Jahreszeit gefeiert? Ganz einfach, um die düsteren Gedanken aus unserem Gemüt zu vertreiben. Wer gestern die tollen Tanzshows und die knuffige "Regierungserklärung" der närrischen Nachwuchsregenten im Autohaus Extra miterlebte, konnte die Januar-Tristesse draußen vor der Tür vergessen.
Da kann man im Überschwang des närrischen Hochgefühls auch schon mal auf närrische Ideen kommen. So forderten Kinderprinz Marcel und Kinderprinzessin Dana qua Amt Parkgebührenfreiheit für ihre Eltern, die sie zu ihren 120 Sessions-Auftritten chauffieren.

Ihr Vorschlag, die Leineweberstraße in Prinzenallee und die Kaiserstraße in Prinzessinnenallee umzubenennen hielt die karnevalserfahrene Bürgermeisterin Margarete Wietelmann noch für konsensfähig. Doch bei der Parkgebührenfreiheit läuteten die Alarmglocken und sie machte schon mal die Bedenken des Stadtkämmerers Frank Mendack deutlich. Schade, aber leider wahr. Mülheims Schulden lassen sich auch mit dem inbrunstigsten Frohsinn bis Aschermittwoch nicht wegschunkeln, wegsingen und weglachen. Und uns Stadtrat ist eben auch kein Elferrat.  

Dieser Text erschien am 7. Januar 2019 in der NRZ

Sonntag, 6. Januar 2019

So sah es aus in den Siebzigern


Der Mülheimer Gerd Wilhelm Scholl lässt uns mit einer Postkartenansicht auf die Leineweberstraße der frühen siebziger Jahre schauen. Wo damals das City Center stand, steht seit 1994 das Forum. Von dort aus schauen wir auf die Eppinghofer- und die Leineweberstraße. Wir erkennen in der Mitte die für die siebziger und achtziger Jahre typischen Blumenkübel. Sie sind reich bepflanzt. Noch muss die Stadt bei der öffentlichen Grünpflege nicht sparen. Wir sehen rechts den Remberg-Pavillon, in dem die Kunden damals alles finden, was ihr Zuhause schöner macht. Und wer etwas für die Gesundheit braucht, wird auf dem Weg ins City Center in der Jobs-Apotheke fündig. Dort finden wir heute im Erdgeschoss des Forum-Komplexes den Beschäftigungsdienstleister Pia.

Auf der rechten Bildseite sind uns die Kofferecke und die Metzgerei Pieper bis heute vertraut. Damals kann man noch mit dem Auto die Eppinghofer Straße in beiden Richtungen befahren. Der Kurt-Schumacher-Platz, benannt nach dem ersten Nachkriegsvorsitzenden der SPD, und der unter ihm gelegene Busbahnhof werden erst ein Jahrzehnt später Wirklichkeit. Damals kennt man in der Innenstadt nur den Hans-Böckler-Platz, der den Namen des ersten DGB-Vorsitzenden trägt. Dort sind gerade die Iduna- und SWB-Hochhäuser als modernes Wohnquartier entstanden. Auf der linken Bildseite zeigt sich an der Leineweberstraße noch das Einrichtungshaus Westmöbel und in der Bildmitte erkennt man am Horizont noch das 1965 errichtete und 1977 wieder abgerissene Neckermann-Kaufhaus am Berliner Platz. Beides gehört ebenso der Vergangenheit an, wie Traditionsgeschäfte á la Kocks und Herstein oder Berger & Lindner. Hier versorgten sich die Mülheimer in den siebziger Jahren noch mit Haushaltswaren, Bettwäsche und Mode. Die in den fünfziger Jahren als stark frequentierte Ost-West-Achse neu angelegte Leineweberstraße wird in den siebziger Jahren zumindest teilweise als Fußgängerzone vom Autoverkehr befreit. Hier können Fußgänger bummeln, Schaufenster anschauen und einkaufen. Das marode Pflaster der heutigen Fußgängerzone an der Leineweberstraße ist damals ebenso undenkbar wie die nicht nur dort leerstehenden Ladenlokale. Internethandel gibt es noch nicht. Und die bereits bestehenden Einkaufszentren City Center und Rhein-Ruhr-Zentrum graben der beliebten Einkaufsinnenstadt Mülheims nicht das Wasser ab. An ein Centro in der Nachbarstadt oder an das Dümptener Tor ist damals noch nicht zu denken, ebenso wenig wie an den heutigen Radweg und den Allee-Charakter der Leineweberstraße. 
Dieser Text erschien am 2. Januar 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 4. Januar 2019

Licht und Schatten

In Mülheim gehen die Lichter aus. Ich sah es gestern mit eigenen Augen. Ein einsamer Mann, der wie eine Erscheinung vom anderen Stern mit seinem Hub- und Kranwagen durch die Innenstadt rollte, holte die zwar nicht die Sterne vom Himmel, aber doch die mehreren 1000 LED-Leuchten, die in der Advents- und Weihnachtszeit Licht ins Dunkel der City gebracht hatten. Doch wenn die Heiligen Drei Könige kommen, müssen die Christbäume und die Weihnachtsbeleuchtung gehen. Das erinnert uns daran, dass wir uns nicht länger im schönen Schein der Feiertage sonnen können, sondern mit hellem Kopf, heißem Herzen und leuchtendem Vorbild selbst darum bemühen müssen, dass in unserer Stadt die Lichter nicht ausgehen. Denn auf lange Sicht hilft der schöne Schein und die beste Beleuchtung nichts, wenn sie nicht durch eine handfeste Erleuchtung komplettiert werden. 

Dieser Text erschien am 4. Januar 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 3. Januar 2019

Vorsicht Vorsatz

"Gute Vorsätze sind der nutzlose Versuch, die Naturgesetze außer Kraft zu setzen." So spottete schon der irische Schriftsteller Oscar Wilde. Da der Mann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lebte, tröstet seine Feststellung uns heutige, dass es unseren Vorfahren in der vermeintlich guten alten Zeit mit ihren guten Vorsätzen wohl auch nicht so gut ergangen ist, weil für uns Menschen zu allen Zeiten galt: Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Wenn wir uns im neuen Jahr auf etwas verlassen können, dann wohl auf dieses zeitlose Naturgesetz. Wenn Sie Oscar Wilde und mir nicht glauben, fragen Sie ihre Waage, ihre Liebste, Ihren Hausarzt, Ihren Chef, ihren geschlossenes Fachgeschäft, das dem vermeintlich billigen Online-Handel weichen musste oder Ihren Kontoauszug. Dass uns der Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit auch 2019 treu bleiben wird, wurde mir gestern bei der NRZ-Lektüre deutlich. Da sprang mir auf der Titelseite die schöne Schlagzeile: "Wer nett ist, macht diese Welt besser!" an. Doch gleich darunter hatte mich die harte Wirklichkeit wieder. Denn da hieß es: "Wirtschaft kritisiert Kurs der Politik!" Und auch im Lokalteil gehen Leser gar nicht nett mit dem Vorsatz des Oberbürgermeisters um, für eine zweite Amtszeit kandidieren zu wollen. Dabei hat ihre Frustration eben damit zu tun, dass sie es so gar nicht nett finden, was aus den guten Vorsätzen geworden ist, die Scholten vor seiner Wahl zum Oberbürgermeister hatte. Zu Details erinnern Sie sich an die Berichterstattung der vergangenen Monate. Ob aus Scholtens Vorsatz einer zweiten Amtszeit Wirklichkeit werden kann, hängt wohl davon, ob eine Mehrheit seiner Mitbürger in den nächsten zwölf Monaten zu der Überzeugung gelangt, dass seinen guten Vorsätzen gute Taten folgen, die das Blatt für uns Mülheimer zum Besseren wenden. Dabei gilt nicht nur für den  Oberbürgermeister und die Kommunlpolitiker, sondern für uns alle, dass wir nur dann die Kraft zum Neuanfang und zur Umkehr gewinnen, wenn wir uns selbst und anderen das allzu menschliche Scheitern an den eignen Vorsätzen vergeben können, ohne ihnen und uns deshalb einen moralischen Blankoscheck auszustellen. 

Dieser Text erschien am 3. Januar 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 2. Januar 2019

Schubkraft statt Knalleffekte

Knalleffekte sind zum Jahresübergang an der Tagesordnung. Leider gilt das nicht nur für die Zeitgenossen, die ihr Geld für Silvester-Knaller verballern und dabei in Kauf nehmen, dass sie und ihre Mitmenschen gesundheitlich draufzahlen. Für viel nachhaltigere Missklänge sorgen die jüngsten Knalleffekte aus dem Rathaus und der Sparkasse. Weniger Stellen und mehr Steuern. Das klingt nicht nach einem Freudenfeuerwerk fürs neue Jahr. Dabei könnte unsere Stadt 2019 mal wieder ein Freudenfeuerwerk gebrauchen, angezündet mit einem lokalen Arbeitsmarkt, der abgeht wie ein Rakete. Doch solch ein Neustart würde nur dann gelingen, wenn die Cheffeuerwerker in den politischen und wirtschaftlichen Schalzentralen auf kurzfristige Knalleffekte verzichten, die sie vielleicht im besten Licht zeigen, aber zu viele abschießen und im Dunkeln zurücklassen, deren Energie und Kreativität wir dringend brauchen, um die Schubkraft zu entfalten, die unsere kleiner bunter und älter werdende Gesellschaft nicht nur im neuen Jahr voranbringen kann, und das nicht auf dem Abstellgleis, sondern auf der Überholspur.

Dieser Text erschien am 2. Januar 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 1. Januar 2019

Der Vorher-Nachher-Effekt

Nach Weihnachten erscheint mir das Forum fast voller als vor Weihnachten. Habe ich etwas verpasst. Hat der Vatikan vielleicht einen dritten oder Weihnachtstag eingeführt? Doch mir schwant. Nach der Bescherung ist vor dem Umtausch. Parfüm, Krawatten, Dessous, Musik-CDs sind oft gut gemeint, kommen beim oder bei der Beschenkten nicht immer gut an. Auch ich erinnere mich an Bescherungen im Kreise der lieben Familie, bei denen irgendwann der Satz fiel: „Nein, wirklich. Sehr schön. Aber kann man das noch umtauschen.“ Das war dann am Heiligen Abend schon die erste Herausforderung für die guten Vorsätze der Harmonie und für den Haussegen, der in Schieflage zu geraten drohte. Hinzu kam, dass es immer die selben Kandidaten, die die Weihnachtsstimmung mit ihrer Unzufriedenheit über ihr Geschenk einer harten Belastungsprobe aussetzten. Und so ist es auch in unserer Familie über die Jahre der leidvollen Bescherungsfrustrationen zu einer unromantischen, aber pragmatischen Wende auf dem Gabentisch gekommen. Jetzt gibt es meistens das Mülheimer Flachgebinde mit einer Bargeld-Einlage oder mit einem Geschenkgutschein. Und so sieht man sich heute immer öfter im Einzelhandel wieder, weil sich dieser nach der Bescherung mit Glockengeläut über ein zweites Klingeln seiner Kasse im verlängerten Weihnachtsgeschenk freuen kann. Was tut man nicht alles, um seine Lieben glücklich und zu machen und ganz nebenbei die lokale Wirtschaft anzukurbeln. Doch ich befürchte, dass uns angesichts der angekündigten Steuererhöhungen nach den Feiertagen noch so manche unliebsame Bescherung ins Haus steht, gegen die kein Gutschein und kein Kassenzettel mit Umtauschgarantie helfen kann. Eine Reklamation mit Umtauschaussichten wird es frühestens bei den nächsten Kommunalwahlen geben.

Dieser Text erschien am 29. Dezember 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...