Samstag, 8. Oktober 2016

Förderverein des Tersteegenhauses freut sich über einen Geldsegen für die Modernisierung des Heimatmuseums

Freude beim Förderverein des Tersteegenhauses. Denn sein Vorsitzender Markus Püll konnte jetzt eine schriftliche Finanzierungszusage der NRW-Stiftung in Empfang nehmen. Es handelt sich zunächst um 10.000 Euro. Doch Stiftungsbotschafter Ulrich Reuter, der den Geldsegen für die geplante Modernisierung des Heimatmuseums überbrachte, hält weitere Zuschüsse für wahrscheinlich.
Die über 7800 institutionelle und persönliche Mitglieder zählende Stiftung wurde 1986 von der Landesregierung ins Leben gerufen und hat seit dem mehr als 2600 Projekte unterstützt, bei denen sich Vereine, Gruppen und Verbände für die Natur,- Kultur- und Heimatpflege stark gemacht haben.

„Das Geld der NRW-Stiftung ist für uns ein gutes Startsignal für unser Modernisierungsprojekt, das wir im Januar 2017 beginnen und bis Ostern 2017 abschließen möchten. Das Heimatmuseum soll in seiner neuen Ausgestaltung ein Museum für alle Generationen werden, also ein Haus, das Großeltern, Eltern und Enkel gleichermaßen gerne mit persönlichem Gewinn besuchen können“, erklärte Püll auf Anfrage der Mülheimer Woche. Ob der ehrgeizige Zeitplan für die Generalüberholung des seit 2011 von einem heute 70 Mitglieder zählenden Förderverein unterstützt wird, eingehalten werden kann, hängt vom Erfolg seiner aktuellen Spendenkampagne ab.

Seit Vereinsgründung haben die Freunde des Tersteegenhauses durch Spenden und Mitgliedsbeiträge einen Grundstock von 10.000 Euro zusammengebgebracht. Dazu kommen jetzt die 10.000 Euro der NRW-Stiftung. Sollten Püll und seine Mitstreiter, wie von ihnen angestrebt, bis zum Jahresende weitere Spenden in Höhe von 10.000 Euro einsammeln können, will die NRW-Stiftung die Betrag verdoppeln. Dann wären also insgesamt 40.000 Euro im Umbaubudget des Tersteegenhauses, das seit 1950 als Heimatmuseum genutzt wird.


Wofür will der Förderverein sein Geld ausgeben, für das er bei der Mülheimer Commerzbank ein Spendenkonto eingerichtet hat? Zunächst einmal muss der Sanitärbereich des Hauses, dessen Ursprünge bis ins 14. Jahrhundert zurückreichen, saniert werden. Außerdem braucht der gesamte Innenbereich des Hauses, in dem von 1746 bis 1769 der Dichter, Prediger, Mystiker und Menschenfreund Gerhard Tersteegen lebte und wirkte, einen Neuanstrich. Den Außenanstrich des Hauses, das den Zweiten Weltkrieg, trotz einiger Schäden im Obergeschoss überstand und 1949 wieder aufgebaut wurde, will die Stadt übernehmen. Sie ist seit 1935 Eigentümerin des Tersteegenhauses.

Außerdem plant der Förderverein zusammen mit einem professionellen Büro für Museumsgestaltung auch ein inhaltlich neues Innenleben für das Tersteegenhaus, das dienstags (15-17 Uhr) und sonntags (10-12 Uhr) für Besucher seine Türen öffnet. Geplant ist ein Themenschwerpunkt zur historischen Wohnkultur in Mülheim. Die Exponate der vorhandenen Ausstellung sollen durch eine interaktive Foto-Ecke, Schaukästen, Filmmonitore und einen Multimediaraum aufgewertet werden.
Wer das Tersteegenhaus noch vor seiner anstehenden Modernisierung kennen lernen möchte, dem seien die Führungen des Heimatforschers Heinz Hohensee empfohlen, die er am ersten Sonntag des Monats (ab 11 Uhr) oder nach telefonischer Vereinbarung unter der Rufnummer 0208/380430 anbietet. Während des Adventsmarktes in der Altstadt wird der Förderverein das Tersteegenhaus ab dem 25. November auch freitags, samstags und sonntags, jeweils von 16 bis 20 Uhr für Besucher öffnen.


Dieser Text erschien am 5. Oktober 2016 in der Mülheimer Woche



Freitag, 7. Oktober 2016

Unter die Lupe genommen: Andreas ten Brink erzählt in seinem Buch über 100 Häuser-Geschichten vom Kirchenhügel und hat damit eine historisch wertvolle Fundgrube geschaffen

Andreas ten Brink mit seinem Buch über den Kirchenhügel
Jeder Mülheimer, der sich für die Geschichte seiner Stadt interessiert, wird sich auch für die Geschichte des Kirchenhügels und seiner Häuser interessieren“, glaubt Andreas ten Brink. Er selbst hat immer wieder gerne alte Postkarten mit Altstadt-Motiven angeschaut oder in der alten Mülheimer Zeitung, die ab 1872 erschien, gestöbert.

Irgendwann fragte er sich: „Welche Geschichte steckt hinter den Häusern, die man auf den alten Postkarten sehen kann?“

Das war der Beginn einer zweijährigen Recherche im Stadt- und Landesarchiv. Ten Brink, der schon 2009 an dem Band „Mülheimer Ansichtssachen“ mitgewirkt hat, wertete alte Grundakten, Urkunden und Steuerlisten aus. Das Ergebnis ist eine einzigartige historische Fundgrube.

Der Autor erzählt in 112 kompakten Portraits von Häusern, die zum Teil noch heute stehen oder beim großen Luftangriff vom 23. Juni 1943 zerstört wurden. Mit den Häusern werden auch ihre Bewohner und deren Namen und Geschichten dem Vergessen entrissen. Zum Teil führt die Spurensuche bis ins Mittelalter zurück. Und wir erfahren, dass die Bewohner der heutigen Altstadt, zunächst Bauern und später vor allem Kaufleute und Handwerker, einst jährlich zwei Rebhühner als Gebäudesteuer an die Herrschaft Broich und (wenn sie an der Bogenstraße vor der Kirchofmauer wohnten) einen Taler Brückengeld an die Kirche und für den Armenfonds zahlen mussten.

Einer der ursprünglichen drei Torbögen, die immer nur wegführenden und zivilen Charakter hatten, wurde nach einem Hausbrand 1897 abgerissen.

Auch im Rückblick auf das frühe 19. Jahrhundert, als das kleine Mülheim, zunächst unter französischer und dann unter preußischer Herrschaft zur Stadt wurde, möchte ten Brink nicht von einer „guten alten Zeit“ reden. „Die Häuser waren durch Erbteilungen stark hypothekenbelastet. Die Menschen hatten enorme hygienische Probleme, auch weil Bäche, wie die Dimbeeke und der Rumbach mit allem Unrat, allen Abwässern und Einleitungen der Lohgerbereien bis 1843 oberirdisch durch die Alt- und Innenstadt flossen. Die Kindersterblichkeit war hoch. Die meisten Straßen waren noch nicht asphaltiert. Und bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts gab es nur Elementar- und Kirchenschulen, so dass von einer urbanen Infrastruktur kaum die Rede sein konnte“, wirft der Autor einige Schlaglichter auf den Alltag unserer Vorfahren.

Ein nach Straßennamen und Hausnummern gegliedertes Inhaltsverzeichnis, ein Personenregister und ein Glossar, das historische und deshalb heute nicht mehr gebräuchliche Begriffe erläutert, erleichtern die Lektüre. Sie wird zudem durch zahlreiche historische Abbildungen inspiriert, die in die unzerstörte Altstadt der Vorkriegsjahrzehnte und Jahrhunderte eintauchen lässt.

Besonders reizvoll ist es, bei ten Brink nachzulesen, was sich früher in den Häusern abgespielt hat, die die Stürme der Zeit überstanden haben oder deren Adressen es zumindest noch gibt. Wer hätte etwa vermutet, dass die Vorgänger der heutigen Kortumstube an der Kettwiger Straße 48 bis 50 als Kamper Hof per Ehekontrakt anno 1463 zum Witwensitz der Grafen von Broich bestimmt wurde.


Dieser Text erschien am 10. September 2016 in NRZ/WAZ

Donnerstag, 6. Oktober 2016

In der Altenpflege wird man früh erwachsen: Wer die Pflegedienstleiterin Miriam Manns durch ihren Arbeitstag im Speldorfer Seniorenheim Carpe Diem begleitet, begreift auf Schritt und Tritt, was es bedeutet, den Tag zu nutzen

Miriam Manns
Die Oma sollte Recht behalten. „Du wirst bestimmt Altenpflegerin“, hat sie der kleinen Miriam gesagt, als die sich immer wieder liebevoll um ihren altersschwachen Opa kümmerte, ihm die Nase schnäuzte, ihm in den Mantel half oder mit ihm an die frische Luft ging. Ihr Schülerpraktikum machte die heute 43-jährige Miriam Manns im Altenheim, verdiente sich als Oberstufenschülerin ihr Taschengeld als Helferin in der Altenpflege und machte nach dem Fachabitur eine Ausbildung zur examinierten Altenpflegerin. Nach der Ausbildung arbeitete die Mutter eines heute 18-jährigen Sohnes in der aktiven Altenpflege, aber auch als Qualitätsmanagerin. Heute trägt Manns als Pflegedienstleiterin im Speldorfer Seniorenheim Carpe Diem Verantwortung für 80 Bewohner und 40 Mitarbeiter. „Wenn man immer an die Verantwortung denken würde, die in letzter Konsequenz auf den eigenen Schultern lastet, würde man morgens vielleicht gleich im Bett liegen bleiben. Aber ich denke immer an meine netten Kollegen und an unsere dankbaren Bewohner, die mir so oft ein Lächeln oder auch ein herzliches Lachen schenken. Das baut mich auf und gibt mir Kraft,“ sagt Manns.

Ihr Arbeitstag im Altenheim Carpe Diem, einer ehemaligen Lederfabrik, beginnt um 8 Uhr mit dem Studium der aktuellen Pflegedokumentation und einer Tasse Kaffee, deren Dekors ihre Vorliebe für den Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund erkennen lässt. Regelmäßig geht sie ins Stadion, besucht Rockkonzerte oder liest bevorzugt skandinavische Krimis. Das ist ihr Ausgleich für einen oft harten Arbeitsalltag. „In der Altenpflege wird man schnell erwachsen“, sagt Manns und berichtet von einer Bewohnerin, die am frühen Morgen verstorben ist. Für deren Tochter wurde eine Matratze ins Zimmer gelegt, damit sie bei ihrer sterbenden Mutter übernachten konnte. „Wir sind hier eben nicht in der Jugendherberge“, sagt die Pflegedienstleiterin nachdenklich. Jetzt muss der Arzt benachrichtigt werden, der den Totenschein ausstellt. Mit einigen ihrer Kolleginnen wird sie später in der Wohnküche des betroffenen Wohnbereichs die Senioren über den Tod ihrer Mitbewohnerin informieren. Es fließen Tränen, auch bei einigen Mitarbeiterinnen. Das Lieblingsgedicht der Verstorbenen und ein Bibel-Psalm sollen Trost spenden. Bei einer Morgenrunde mit Abteilungs- und Wohngruppenleitern des Hauses kommen noch andere Themen zur Sprache. Eine Bewohnerin musste mit Luftnot ins Krankenhaus gebracht werden. Eine andere Bewohnerin ist bei einem Einkauf im nahen Supermarkt gestürzt und muss jetzt ebenfalls im Krankenhaus untersucht und behandelt werden.

Außerdem sind ein Angehörigen-Abend und ein Oktoberfest zu organisieren. Zwischenzeitlich bekommt Manns einen Anruf, der dazu führt, dass sie ihren Dienstplan schnell umdisponieren muss. Ein Altenpfleger kann nicht zur Arbeit kommen, weil sein Kind krank ist. Gott sei Dank hat die Pflegedienstleiterin schnell eine Kollegin zur Hand, die einspringen kann. Auch sie selbst springt, zum Beispiel am Wochenende, ein, wenn es mal eng wird. „Das tut mir gut. Denn so bleibe ich dran am Arbeitstag der Kollegen und am Alltag der Bewohner.“ Dass Manns trotz ihrer nicht unerheblichen Büro- und Organisationsarbeit, nah dran ist an der Lebenswirklichkeit ihrer Kollegen und Anvertrauten, zeigt sich beim Rundgang über die Wohngruppen. Man kennt sich beim Namen. Geduldig hört sich Manns jede Kranken,- Familien- oder Lebensgeschichte an.

Da wo Trost gebraucht wird, ist  Manns um kein aufmunterndes Wort verlegen oder nimmt hier und da eine Bewohnerin auch schon mal in den Arm. Und im Vorbeigehen ist sie dann gleich als Altenpflegerin gefordert. Eine dementiell veränderte Bewohnerin sitzt im Nachthemd auf dem Boden ihres Zimmers und gibt Laute von sich, von denen man nicht genau weiß, ob es sich um Schreie oder um ein lautes Gelächter handelt. Manns lächelt die alte Dame an, spricht beruhigend auf sie ein. Und dann richten sie und eine Kollegin die verwirrte Frau mit einem geübten Griff auf, um sie zurück ins Zimmer zu führen und für das Frühstück fertig zu machen. Ein altes Foto am Eingang des Zimmers zeigt die Dame als junge Frau, die als strahlende Gewinnerin eines Tennisturniers gerade einen Pokal entgegen nimmt. Carpe Diem. Nutze den Tag. Das erfährt und erlebt man im gleichnamigen Altenheim auf Schritt und Tritt. Miriam Manns nutzt diesen Tag auch noch, um Inkontinenzmaterial auszugeben, neu zu bestellen und Pflegehelferinnen in Sachen Pflegedokumentation zu schulen.

Dieser Text erschien am 1. Oktober 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 5. Oktober 2016

So gesehen: Schwarz-rot-goldene Stärkung

Heute haben wir einen blauen Montag. Dem schwarz-rot-goldenen Tag der Deutschen Einheit sei Dank. Wer die deutsche Teilung und ihre Überwindung miterlebt hat, dem scheint sie noch heute, wie ein Wunder.

Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass es, wie in jeder Familie den einen oder anderen Streit oder das eine oder andere schwarze Schaf gibt und man sich seine Landleute ebenso wenig aussuchen kann, wie seine Familienangehörigen.

Vor 26 Jahren wurde der erste Tag der Deutschen Einheit in Mülheim ganz familiär mit einem Volksfest auf dem Berliner Platz gefeiert, bei dem es Erbsensuppe, Bier und Bratwurst für alle gab. In diese Tradition fügt es sich gut ein, dass bei der diesjährigen zentralen Feier der Deutschen Einheit in Dresden eine riesige Kaffeetafel für ehrenamtlich aktive Bürger gedeckt wird.

Man sieht: Auch Vaterlandsliebe geht wohl durch den Magen. Es ist ein schönes Zeichen, wenn Menschen, die Gold wert sind, weil sie uns mit ihrem freiwilligen und entgeltlichen Engagement Mut machen, gestärkt werden, hoffentlich nicht nur mit Kaffee und Kuchen. Aber es ist ein Anfang, warum nicht auch mal in Mülheim, etwa auf der Schloßstraße, auf dem Rathausmarkt oder um so manchen Kirchturm herum. Der nächste Feiertag kommt bestimmt.

Dieser Text erschien am 3. Oktober 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Dienstag, 4. Oktober 2016

Zeitsprung am Muhrenkamp: Ein altes Schulhaus hat was zu erzählen

Ein historisches Foto von der ehemaligen Ev. Volkschule
am Muhrenkamp (Foto Stadtarchiv)
Mit einem Stadtarchivfoto aus den 50er Jahren machen wir Station am Muhrenkamp. Wir betrachten das 1888 errichtete Gebäude der ehemaligen evangelischen Volksschule, die 1968 zur städtischen Gemeinschaftsgrundschule wurde und seit 2010 Teil der städtischen katholischen Martin-von-Tours-Grundschule ist.

Zur Schulfusion kam es, nachdem die Gemeinschaftsgrundschule am Muhrenkamp, mangels Anmeldungen, keine eigenständige Eingangsklasse mehr bilden konnte. Als der Unterricht anno 1889 aufgenommen wurde, beherbergte das Schulhaus eine vierklassige evangelische Mädchenschule und eine vierklassige katholische Knabenschule. Die Mädchenschule wurde von der Lehrerin Regina 

Schikowski und die Knabenschule von Joseph Menz geleitet.
Zu Kaisers Zeiten waren Volksschulklassen mit 70 Kindern keine Seltenheit.

Mit dem Bau der katholischen Volksschule an der Eduardstraße (1912), die seit 1998 den Namen Martin von Tours trägt, bekamen die beiden Konfessionsschulen ihr eigenes Gebäude.
Von den Nazis in eine Einheitsschule umgewandelt und nach dem rechtsextremen Freikorps Schulz benannt, wurden die katholische und die evangelische Volksschule aufgrund des Elternwillens 1945/46 reaktiviert. Bis in die 60er Jahre galt auch auf dem gemeinsamen Schulhof eine strenge konfessionelle Trennung der Schulkinder.

In den Jahren 1957 bis 1960 konnte die evangelische Volksschule am Muhrenkamp viermal hintereinander den Bundeswettbewerb Schwimmen gewinnen.
Heute gehört das alte Schulhaus am Muhrenkamp zur
benachbarten Martin-von-Tours-Schule


Dieser Text erschien am 26. September 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 3. Oktober 2016

Leben auf dem Pulverfass: Der Rektor des österreichischen Pilger-Hospizes in Jerusalem berichtete in der katholischen Akademie über christliches Leben im Heiligen Land

Markus Stefan Bugnyar bei seinem Vortrag im
Kardinal-Hengsbach-Saal in der Wolfsburg
„Leben auf dem Pulverfass.“ So hatten die katholische Akademie und der örtliche Städtepartnerschaftsverein ihre Abendveranstaltung genannt, die trotz hochsommerlicher Hitze immerhin 100 Interessierte in die Wolfsburg lockte. Der Rektor des österreichischen Pilger-Hospizes in Jerusalem, Markus Stefan Bugnyar, berichtete darüber, wie es sich als katholischer Christ in einer muslimisch und jüdisch geprägten Umwelt lebt. „Natürlich gibt es Terroranschläge und auch religiös motivierte Gewalt. Aber es gibt keine organisierte Christenverfolgung. Und wenn ich als katholischer Priester durch Jerusalem gehe, fühle ich mich nicht unsicher“, betonte Bugnyar. 1975 im österreichischen Burgenland geboren, kam der katholische Theologe und Religionspädagoge vor 15 Jahren für ein bibelwissenschaftliches Studium ins Heilige Land und wurde 2004, auf dem Höhepunkt der zweiten Intifada zum Rektor des seit 1863 bestehenden Pilger-Hospizes berufen.

Der aus einem sozialdemokratischen Elternhaus stammende katholische Priester sieht den Besucher- und Pilgerstrom auch sozial- und wirtschaftspolitisch. „Er gibt dem Land und seinen Menschen Sicherheit und wirtschaftliche Stabilität“, sagt Bugnyar. Immerhin beschäftigt das österreichische Pilger-Hospiz, zu dem auch ein Wiener Caféhaus gehört 21 christliche und sechs muslimische Mitarbeiter.
Außerdem unterstützt das Pilger-Hospiz in Jerusalem eine 180 Mitglieder zählende katholische Gemeinde in Gaza, die dort wiederum ein Hospiz und ein Waisenhaus betreibt. Über Glaubens- und Konfessionsgrenzen hinweg Arbeitsplätze zu schaffen und zu sichern, ist für Bugnyar, der am meisten Erfolg versprechende Ansatz, um aus der Not geborene Gewalt zu verhindern und damit Frieden und Sicherheit zu schaffen. Ein weiteres Forum der interkonfessionellen und interreligiösen Begegnungen sind die beliebten Musik- und Kulturveranstaltungen des österreichischen Pilger-Hospizes.
Wenn viele Christen, insbesondere palästinensische Christen, das Land verlassen und ihre Bevölkerungsanteil nur noch bei 1,8 Prozent liegt, hat das aus Bugnyars Sicht nichts oder nur am Rande mit muslimischer Gewalt oder israelischen Repressalien zu tun. Der christliche Exodus hat in seinen Augen rein wirtschaftliche Gründe.

Nach Erkenntnissen des christlich-palästinensischen Forschungsinstitutes, so Bugnyar, gäben 87 Prozent der christlichen Auswanderer wirtschaftliche Gründe für ihren Schritt an.  Als eines der größten sozialen Probleme Jerusalems sieht der katholische Priester die exorbitant hohen Mieten. Es gebe zwar einen christlichen sozialen Wohnungsbau, der aber nur sehr punktuell Wohnungsnot beheben könne. Anders, als der christliche Wohnungsbau sind die christlichen Schulen auch für Muslime und Juden offen.

Bugnyar geht davon aus, dass die Schülerschaft der christlichen Schulen in Israel zu 80 Prozent muslimisch ist.
„Ich kenne niemanden, der deswegen das Land verlassen hat“, stellte Bugnyar mit Blick auf die israelischen Absperrmaßnahmen (Mauer- und Zaunbau) an der Grenze zum palästinensischen Autonomiegebiet im Westjordanland fest. Dafür wurde er von einer Pax-Christi-Aktivistin und dem Vizepräsidenten der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft, Ribhi Yousef, kritisiert. Beide wiesen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass sowohl die Absperrmaßnahmen, als auch der israelische Siedlungsbau auch viele palästinensische Christen in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedrohe, weil sie durch diese Maßnahmen oft den Zugang zu ihren landwirtschaftlich genutzten Grundstücken verlören.

Auch wenn der Leiter des österreichischen Pilger-Hospizes in christlichen Ehepartnern jüdischer Einwanderer und in christlichen Gastarbeitern aus Asien ein gewisses Zuwachs-Potenzial erkennt, macht er sich keine Illusionen darüber, „dass die christliche Gemeinschaft in Israel nicht verschwinden, aber weiter schrumpfen wird.“ Zurzeit gibt es im Heiligen Land rund 180.000 Christen, die in 60 Gemeinden leben. Und wenn Bugnyar feststellt: „Wir müssen Inseln des Glaubens schaffen und brauchen mehr katholische Christen, die nicht nur Taufschein-Katholiken sind,“ klingt das wie ein Appell, der auch zur Umbruch-Situation der deutschen Katholiken passt. Illusionslos schätzt Bugnyar auch die Friedensperspektive für das Heilige Land ein.

„Der Frieden kann nur im Land entstehen und nicht von außen kommen. Auch Barrack Obama wird da nicht ans Ziel kommen. Das Problem zwischen Israelis und Palästinensern besteht unter anderem darin, dass hier zwei ausgeprägte Opfermentalitäten aufeinander treffen. Frieden im Heiligen Land. Damit rechne ich zu meinen Lebzeiten nicht mehr.“

Fieser Text erschien am 24. September 2016 im Neuen Ruhrwort

Sonntag, 2. Oktober 2016

"Wir können nicht stehen bleiben, sonder müssen weitergehen", sagt Stadtdechant Michael Janßen mit Blick in die Zukunft der katholischen Kirche Mülheims

Stadtdechant und Pfarrer Michael Janßen vor der Kirche
St. Mariae Geburt an der Althofstraße
Was hat es mit dem aktuellen Pfarreientwicklungsprozess auf sich, in dem engagierte Laien und Priester derzeit die Zukunft der katholischen Stadtkirche planen? Ein Gespräch mit dem Stadtdechanten und Pfarrer von St. Mariae Geburt, Michael Janßen

In den vergangenen Jahren mussten Kirchen aufgegeben und umgewidmet werden. Warum eigentlich?
Das hat finanzielle und demografische Gründe. Die Zahl der Katholiken ist gesunken und wir konnten die beiden Kirchen, die heute als Urnenkirche und als Caritas-Zentrum gut genutzt werden, nicht mehr unterhalten.

Derzeit sprudeln die Steuereinnahmen. Profitiert davon nicht auch die katholische Kirche?
Das trifft auf das Bistum Essen leider nicht zu. Das hängt mit der sozialen Struktur des Ruhgebietes zusammen. Wir haben viele Menschen, die arbeitslos oder Rentner sind oder aber im Ruhrgebiet arbeiten und außerhalb des Ruhrgebietes wohnen, so dass ihre Kirchensteuer dort erhoben wird.

Warum muss es 10 Jahre nach der ersten Umstrukturierung, in der aus 15 Gemeinden 3 Großpfarreien wurden, schon wieder ein Pfarreientwicklungsprozess angestoßen werden?
Der Prozess, der 2006 angestoßen wurde, muss fortgesetzt werden, weil die Berechnungen unserer Finanzexperten zeigen, dass wir aufgrund des katholischen Bevölkerungsrückganges bis 2020 rund 30 Prozent und bis 2030 rund 50 Prozent unserer heutigen Kirchensteuermittel einsparen müssen.

Was ist 2016 anders, als 2006?
Damals war die Finanznot des Bistums so akut, dass von der Bistumsleitung sofort von oben herab handeln musste. Heute handeln wir perspektivisch, um auch in Zukunft noch handlungsfähig bleiben zu können und einen Bankrott des Bistums zu verhindern. Dabei bestimmt die Basis in Arbeitsgruppen und Koordinierungsausschüssen mit, wie sie sich die Kirche der Zukunft der Kirche vorstellt und was wir als Kirche unbedingt brauchen und was wir vielleicht nicht mehr brauchen.

Was ist aus Ihrer Sicht für die Kirche unverzichtbar und was könnte man aufgeben?
Unverzichtbar ist die Seelsorge, die nah bei den Menschen und ihren Lebenssituationen verortet bleiben muss. Deshalb würde ich im Zweifel auch eher ein Gemeindehaus oder eine andere Kirchenimmobilie als eine Kirche aufgeben, als eine Kirche. Man kann aber im Einzelfall prüfen, ob sich eine Kirche multifunktional nutzen lässt, in dem man zum Beispiel ein Seitenschiff der Kirche so abtrennt, dass es vielleicht als Gemeindesaal oder als Gemeindebücherei genutzt werden könnte. Klar ist dabei auch, dass das so geschehen muss, dass dabei die Würde des liturgischen Kirchenraumes und der liturgischen Feier nicht beeinträchtigt werden darf.

Ist die Bereitschaft, sich in den Pfarreientwicklungsprozess einzubringen groß?
Sie ist erfreulich groß. Ich schätze, dass in den drei Mülheimer Pfarreien jeweils rund 60 bis 70 Menschen in den Arbeitsgruppen aktiv sind. Aber ich höre auch, dass es vielen von ihnen nicht leicht fällt, auch die damit verbundene Verantwortung zu übernehmen. Zurzeit sind wir noch in der Phase des Sehens und der Bestandaufnahme. 2017 wollen wir die gesammelten Fakten systematisch beurteilen und dann Ende des Jahre zu konkreten Handlungsempfehlungen für den Bischof kommen, so dass dann 2018 die Phase des Handelns beginnen kann.

Welche Tendenzen zeichnen sich in der bisherigen Diskussion ab?
Wichtig ist den Menschen, dass die pastorale Arbeit nah bei den Menschen bleibt, während sie sich eine zentrale Kirchen- und Pfarreiverwaltung vorstellen können. Schon heute werden immer mehr Laien zu Wortgottesdienstleitern ausgebildet. Dieser Trend wird weitergehen und sich verstärken, weil wir schon heute einen akuten Priestermangel haben. Der Gedanke daran fällt vielen Menschen sehr schwer, weil sie über Jahrzehnte sehr priesterorientiert erzogen worden sind.

Wie sehen Sie die Kirche der Zukunft angesichts der Tatsache, dass allein in Mülheim die Zahl der Katholiken seit 1976 von rund 74.000 auf jetzt noch rund 51.000 zurückgegangen ist?
Wenn ich auf das 2. Vatikanische Konzil oder auf die Wahl von Papst Franziskus schaue, weiß ich, dass die Kirche immer wieder die Kraft finden wird, sich zeitgemäß zu reformieren. Wir können nicht stehen bleiben, sondern müssen weitergehen. Und das bedeutet, dass kirchliche Arbeit in Zukunft noch mehr als heute vom ehrenamtlichen Engagement ihrer Mitglieder abhängig sein wird, um nah bei den Menschen zu bleiben. Dass Papst Franziskus heute das Diakonat der Frau prüfen lässt, ist sicher ein gutes Zeichen für die Zukunft. Die Frage des priesterlichen Pflichtzölibates kann sicher nur weltkirchlich und nicht auf der Ebene der Ortskirche gelöst werden. Meine Erfahrung bestärkt mich darin, dass die Kirche und ihre Frohe Botschaft gerade an den Eckpunkten des Lebens und in schwierigen Lebenssituationen immer gefragt sein wird. Wir brauchen als Christen Gottvertrauen. Denn er führt letztlich die Kirche und wir sind nur seine Werkzeuge. Die müssen aber gut funktionieren.

Dieser Text erschien am 30. September 2016 in NRZ/WAZ

Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...