Samstag, 29. November 2014

Der neue Vorsitzende der Mülheimer SPD, Ulrich Scholten, will ein Kümmerer sein, der die Basis aktiviert und die Leute vor der Haustür abholt

Fast neun Monate war die Führungsfrage bei der Mülheimer SPD nicht geklärt, führten Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld und Partei-Vize Constantin Körner die Partei kommissarisch und suchten nach einem Nachfolger für den im April zurückgetretenen Parteichef Lothar Fink. Jetzt hat der Unterbezirksparteitag am Samstag in der Stadthalle mit Ulrich Scholten einen neuen Parteichef gewählt. 95,5 Prozent der Delegierten sagten Ja zu dem Mann aus Eppinghofen, der hauptamtlich seit 17 Jahren das Personalwesen der Salzgitter-Mannesmann-Grobblech GmbH leitet und seit 15 Jahren für die SPD im Rat sitzt, wo er unter anderem in den Ausschüssen für Finanzen, Stadtplanung und Bürgerangelegenheiten mitarbeitet. Scholten vereinte 126 Ja-Stimmen bei fünf Nein-Stimmen und einer Enthaltung auf sich.

Der gerade 57 Jahre alt gewordene Mülheimer sieht sich selbst als „Kümmerer.“ Worum er sich als Parteivorsitzender kümmern muss, weiß Scholten aus seiner eignen Biografie. Als er 1973 in die SPD eintrat, hatte sie in Mülheim rund 5000 Mitglieder und regierte die Stadt mit absoluter Mehrheit. Heute gibt es gerade noch 2000 Mülheimer Sozialdemokraten, die bei der Kommunalwahl im Mai zwar stärkste Partei wurden, aber doch nur bescheidene 31,5 Prozent der Stimmen errangen. Selbst als die SPD vor 20 Jahren im Gefolge der Güllenstern-Ruske-Affäre ihre jahrzehntelange absolute Mehrheit verlor, konnte sie noch 40,7 Prozent der Mülheimer Wähler hinter sich vereinigen.

„Wir müssen unsere Mitglieder motivieren und politisch sprachfähig machen“, sagt Scholten. „Wenn jeder Sozialdemokrat nur zehn Bekannte anspricht, erreichen wir schon 20?000 Menschen und wenn die wieder andere Menschen ansprechen, können wir die ganze Stadt erreichen“, rechnet der neue SPD-Chef vor. Mit ganz unterschiedlichen Menschen, „vom Pförtner bis zum Unternehmensvorstand so sprechen zu können, dass sie mich verstehen“, sieht der Personalleiter als eine seiner Stärken, die er auch in die Parteiarbeit einbringen will.

„Der Informationsfluss zwischen Partei,- Fraktion und Ortsvereinen muss besser werden, damit auch die Genossen an der Basis wissen, was der aktuelle Stand unserer Politik ist und wie sie argumentieren und ihre Nachbarn überzeugen können.“

Auch den Draht zu den Betriebsräten und Betriebsgruppen will der neue SPD-Chef wieder stärker aktivieren. Er selbst kam durch seinen in der SPD-Mannesmann-Betriebsgruppe aktiven Vater und durch charismatische Sozialdemokraten, wie Brandt, Schmidt und Wehner zur SPD. Aber Scholten weiß, dass sich die Zeiten seitdem radikal geändert haben. Damals arbeiteten allein bei Mannesmann noch 13.000 Menschen. Heute sind es nur noch 3000. Die SPD kann sich also nicht mehr nur auf ihre Wähler unter den Facharbeitern verlassen. „Damals war die Hälfte der SPD-Stadtverordneten Betriebsrat bei Mannesmann oder Siemens“, erinnert sich Scholten. „Heute haben wir eine extrem individualisierte Gesellschaft, in der viele Menschen glauben, dass sie alles selbst regeln können und keine starke Interessenvertretung mehr brauchen.“

Sie vom Gegenteil zu überzeugen, wird der SPD aus Scholtens Sicht nur dann gelingen, wenn sie zeitgemäße Formen der Kommunikation und der Parteiarbeit aufbaut, mit der sie Menschen ansprechen und begeistern kann, statt sie mit stundenlangen Sitzungen und Grundsatzdiskussionen abzuschrecken. „Wir müssen die Menschen vor der Haustür abholen und uns um die Probleme kümmern, die sie unmittelbar betreffen“, betont Scholten. Darüber hinaus müsse die SPD aus seiner Sicht strategische Zukunftsfragen, wie die Organisation der öffentlichen Personennahverkehrs oder die Gewinnung neuer Arbeitgeber überzeugend beantworten.


Dieser Text erschien am 24. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 27. November 2014

Wie in einem offenen Wohnzimmer: Im Jugendzentrum Stadtmitte wird Integration nicht gefordert, sondern gelebt und gefördert

Am 17. November verlieh der Integrationsrat der Stadt Mülheim, der 24 Mitglieder zählt, den mit 400 Euro dotierten Förderpreis für ein gedeihliches Miteinander und gegenseitige Integration.
Ausgezeichnet wurde der Verein für soziale Kinder- und Jugendarbeit, der neben dem Jugendzentrum an der Georgstraße auch die Jugendzentren an der Tinkrathstraße in Heißen, an der Leybankstraße in Winkhausen und an der Nordstraße in Dümpten betreibt.
 
In Mülheim leben 168.000 Menschen aus mehr als 100 Nationen. Da hat integrationsfördernde Jugendarbeit, wie sie jetzt vom Integrationsrat auszeichnet worden ist, für die Stadtgesellschaft eine existenzielle Bedeutung. Wie die aussehen kann, zeigt ein Besuch im Jugendzentrum an der Georgstraße.

Was den Charme des Jugendzentrums ausmacht, in dem Jugendliche aus 30 Nationen ihre Freizeit verbringen, bringt die 17-jährige Ayse, die hier gerade ein Schülerpraktikum absolviert hat, auf den Punkt: „Das ist hier, wie ein offenes Wohnzimmer. Man sitzt hier wie in einer Familie zusammen, isst, spricht und spielt miteinander.“

Ob Ayse türkische, Brian und Dennis deutsche, Leo und Bane serbische, Lewis kongolesische, George ghanaische oder Asen, Tosko und Damian bulgarische Wurzeln haben, interessiert keinen, wenn man gerade den nächsten Ausflug oder den nächsten Hiphop-Workshop plant, wenn man gemeinsam kickert, Billard spielt oder im Internet surft.

„Hier wird jeder mit offenen Armen aufgenommen, egal, wo er her kommt und wie der aussieht“, freut sich der 25-jährige Dennis.

„Wir drängen den Kindern und Jugendlichen, die freiwillig zu uns kommen nichts auf, sondern gehen auf ihre Wünsche ein und holen sie damit am ehesten von der Couch“, sagt die Sozialpädagogin Vahide Tig, die das Jugendzentrum zusammen mit ihren Kollegen Richard Grohsmann, Joshua Gans und Isabelle Wojcicki leitet. Dass nicht nur die Jugendlichen, sondern auch die Mitarbeiter des Jugendzentrums unterschiedliche kulturelle Wurzeln haben, verbindet und macht die Arbeit leichter.

„Wenn ich hier nicht in den letzten fünf Jahren immer wieder Unterstützung und Vorbilder erlebt hätte, wäre ich meinen Weg nicht so gegangen, wie ich ihn gegangen bin“, betont der 23-jährige George, dessen Familie aus Ghana nach Deutschland kam. Mit einem Hiphop-Workshop an der Georgstraße fing alles an. Das Vorbild der hier geleisteten pädagogischen Arbeit inspirierte ihn, später selbst Sozialarbeit studieren zu wollen. Auch mit Hilfe des Lehrers Manfred Eker, der zweimal pro Woche mit Jugendlichen in kleinen Gruppen arbeitet, schaffte er den Sprung von der Hauptschule zum Gymnasium, machte sein Fachabitur und absolviert zurzeit eine Ausbildung als Integrationshelfer, mit dem Ziel später Sozialarbeit zu studieren. „Ich habe hier gelernt auf unterschiedliche Menschen zuzugehen und kulturelle Unterschiede nicht zu fürchten, sondern zu genießen“, sagt George.

Für den 15-jährigen Brian ist das Jugendzentrum, das auch mit Fußball- und Basketballturnieren, mit Koch- und Tanzgruppen oder mit Graffitiworkshops bei seinen jungen Besuchern punktet, „ein freundlicher Ort, an dem man Spaß haben kann und von der Straße wegkommt. Denn auf der Straße kommt man schnell mit Gewalt oder Drogen in Kontakt.“

Auch Asen (15) und Tosko (16), die es an diesem Nachmittag zum Billardtisch zieht, sind froh, mit dem Jugendzentrum an der Georgstraße einen Ort zu haben, „an dem man Freunde treffen und gemeinsam spielen kann, ohne dafür Geld bezahlen zu müssen.“ Gäbe es das Jugendzentrum nicht, so vermuten sie „würden wir wahrscheinlich durch die Stadt spazieren.“

Für George steht fest: „Viele Jugendliche würden ihre Zukunft versauen, weil sie sich dann im Forum und am Hauptbahnhof treffen würden.“ Deshalb wünscht er sich auch mehr Geld für das Jugendzentrum, um Projekte und Personal finanzieren zu können.

Auch eine alleinerziehende Mutter, die gerade eine Weiterbildung absolviert, fühlt sich dem Jugendzentrum an der Georgstraße sehr verbunden, „weil meine Tochter hier ohne Anmeldung und viel Geld gute Erfahrungen machen kann und genauso gut wie bei mir zu Hause aufgehoben ist.“


Dieser Text erschien am 17. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

 

 

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit: Das Priesterbild im Wandel

„Wie stellen wir uns als Gemeinden darauf ein und was macht das mit unserer Seelsorge?“ Das fragt sich nicht nur Theologe Jens Oboth, sondern auch seine Tagungsgäste in der katholischen Akademie Die Wolfsburg angesichts der nicht nur im Bistum Essen dramatisch gesunkenen Zahl von Priestern und Priesteramtskandidaten.  Gerade mal 14 junge Männer aus dem Bistum studieren zurzeit katholische Theologie mit dem Ziel, Priester zu werden. Sie tun es seit 2012 nicht mehr in einem Priesterseminar des Bistums Essen. Das Bochumer Priesterseminar wurde mangels Masse mit dem des Bistums Münster zusammengelegt.

 „Viele Menschen kennen Priester heute nur noch aus Film oder Fernsehen“, sagt Lisa Kienzl. Die Religionswissenschaftlerin von der Universität Graz muss es wissen, hat sie doch die mediale Inszenierung von Priesterbildern wissenschaftlich untersucht.

Es scheint eine Ironie der Geschichte. Je weniger die Kirche im Dorf und der Pfarrer samt Kaplan in der Kirche ist, desto größer wird das mediale Interesse an positiven Priesterfiguren. Ob Pater Brown oder Dornenvögel, ob Mit Leib und Seele, Sister Act oder Um Himmels Willen. Kienzl ist davon überzeugt, dass das kein Nachteil sein muss und betont: „Auch wenn das Priesterbild in vielen Filmen überhöht und idealisiert wird, kann doch auch das oberflächliche Interesse an Priestern und ihrer Arbeit ein Punkt sein, an dem Kirche anknüpfen und mit Menschen ins Gespräch kommen kann, um ihr Interesse zu vertiefen.“

Nicht aus der Hollywood-Perspektive, sondern aus ihrer theologischen Praxis nähern sich der für die Priesteramtskandidaten und das pastorale Personal des Bistums Essen zuständige Regens und Dezernent Kai Reinold und der als Pastoralpsychologe und Pastoraltheologe an der Hochschule Paderborn lehrende Christoph Jacobs dem Wandel des Priesterbildes.


Reinhold formuliert es in seinem Vortrag unter anderem so:  „Der ideale Priester der Zukunft ist kein Idealbild, sondern ein realer Mensch mit einem reflektierten Wissen um seine eigenen Stärken und Schwächen.“ Wie Reinhold geht auch der in der unter anderem in der Priesterfortbildung tätige Jacob davon aus, dass die Gemeinden der Zukunft kleiner und weniger priesterorientiert sein werden, ohne in der Seelsorge, der Verkündigung oder auch in der Jugendarbeit ganz auf Priester verzichten zu können und zu wollen. Jacobs und Reinhold sehen den Priester der Zukunft mehr denn je als einen Teamarbeiter, der auch Menschen außerhalb der Kerngemeinden ansprechen und für eine Mitarbeit gewinnen kann. Die beiden katholischen Priester sind davon überzeugt, dass es nicht immer die hohe Theologie oder Liturgie sein müssen, um Menschen, die nicht zur kleiner werdenden Schar der Kirchgänger gehören zumindest punktuell anzusprechen und ihnen eine gute Erfahrung zu vermitteln, die zum Ausgangspunkt einer neuen Glaubensentdeckung werden kann, aber nicht muss.

Reinhold glaubt, dass sich Gemeindeleben und Priesterausbildung „so radikal verändern werden, wie wir es uns heute noch nicht vorstellen können.“ Vielleicht werde es in einigen Jahren nur noch drei Priesterausbildungsstätten in ganz Deutschland geben. Den auch demografisch bedingten Schrumpfungsprozess sieht er aber auch als Chance, „dass das Gemeindeleben in den kleineren Gemeinden intensiver werden und die Gemeinden sich wieder stärker auf ihre christlichen Wurzeln besinnen könnten.“ Frei nach dem Motto: Wo ein Problem heranwächst, da wächst auch die rettende Kraft für eine neue Lösung. Diakone und Gemeindereferentinnen, werden nach seiner Einschätzung immer mehr die Aufgaben übernehmen, die heute noch Pfarrer und Kapläne leisten. Wie Priesteramtskandidat David Bohle, kann sich Reinhold auch andere Formen der Priesterausbildung, etwa eine geistlichen Wohngemeinschaft im Pfarrhaus vorstellen, die dann direkt an eine Gemeinde angebunden ist und das Priesteramt in der pastoralen Realität trainiert. Priesterseminare, wie das bereits jetzt geschieht, auch für externe Veranstaltungen und Studierende zu öffnen, ist für ihn kein Tabu. Frauen in der Wohngemeinschaft des Priesterseminars? Dafür, so glaubt Reinhold, ist die Zeit noch nicht reif. „Denn die angehenden Priester müssen ja auch den Zölibat einüben.“

 „Das Geschäft ist vorbei“, sagt der geistliche Rektor der  Wolfsburg. Karl Georg Reploh, der vor 46 Jahren zum Priester geweiht wurde. Er mahnt, sich nicht länger auf die geweihten Priester zu fixieren, sondern plädiert dafür, „das Volk Gottes in die Seelsorge und Verkündigung konsequent einzubeziehen“ und sie zu einem selbstständigen und selbstbewussten Priestertum der Gläubigen zu befähigen. Auch der ehemalige Jesuitenschüler und Volkswirt Peter Schoess mahnt die Laien zu einem Aufbruch aus geistlicher Passivität und Lethargie: „Manchmal meckern wir Laien auch nur deshalb über unsere Hirten, weil wir uns selbst wie Schafe benehmen“, kritisiert Schoess und fragt sich, wie Reploh auch, ob die Gemeinden den Pflichtzölibat für Priester überhaupt noch akzeptieren. Ist der Pflichtzölibat eine Beruf(ungs)bremse fürs Priesteramt? Nicht nur bei dieser Frage wird deutlich, wie es Tagungsleiter Oboth formuliert, „dass der Wandel des Priesterbildes ein Thema ist, in dem viele Emotionen stecken.“
Dieser Text erschien am 18. Oktober 2014 im Neuen Ruhrwort

Montag, 24. November 2014

Die Menschen mitnehmen: Was können und müssen Laien in der katholischen Kirche leisten: Ein Gespräch mit den beiden Katholikenräten Wolfgang Feldmann (63) und Daniel Wörmann (28)


Kirchenaustritte, demografischer Wandel, Missbrauchsskandale, Priestermangel. Weniger Kirchensteuer einerseits und Verschwendung von Kirchengeldern andererseits. Die katholische Kirche hat viele Baustellen. Warum lohnt es sich trotzdem oder gerade deshalb, als Laie in der Kirche aktiv zu sein und sich auch für den Glauben zu engagieren? Und wie wird man auch in Zukunft Menschen dafür begeistern und so Kirche und Glauben in unserer zunehmend säkularen und multikulturellen Gesellschaft weiter leben können. Darüber sprach das Neue Ruhrwort jetzt mit Wolfgang Feldmann und Daniel Wörmann, die stellvertretend für zwei unterschiedliche Generationen aktiver Laien stehen.

Fangen wir doch mal ganz grundsätzlich an: Warum glauben Sie eigentlich?

Feldmann: Weil ich als Kind mit Religion und Kirche aufgewachsen bin. Vor allem durch den Einfluss meiner Großeltern waren das Beten und der Gottesdienstbesuch für mich von Anfang an selbstverständlich.

Wörmann: Auch ich bin durch meine Familie in den Glauben hineingewachsen und katholisch sozialisiert worden. Ich glaube aber auch, weil ich weiß und spüre, dass da noch mehr sein muss und mehr ist, als das, was man sehen und wissenschaftlich erklären kann. Da muss es jemanden geben, der das Ganze lenkt. Das speist sich aus dem, was uns die Heilige Schrift gibt und was wir als Gemeinschaft in der katholischen Kirche tun und weitergeben.

Warum lohnt es sich aus Ihrer Sicht, sich ehrenamtlich in der katholischen Kirche zu engagieren?

Feldmann: Ich habe nie Angst gehabt, meinen Mund aufzumachen und zu sagen, was ich denke. Ich habe dann aber auch eingesehen, dass man nicht nur kritisieren kann. Wer kritisiert, muss auch versuchen, selbst etwas besser zu machen. Und das habe ich getan und dabei auch etwas bewegen können.

Wörmann: Ich halte es da mit Albert Schweitzer, der gesagt hat: „Um Christ zu werden, reicht es nicht in die Kirche zu gehen. Man wird ja auch kein Auto, wenn man in der Garage geht.“ Für mich geht es ganz konkret darum, wie man Menschen mit der Frohen Botschaft und ihren Werten erreichen kann, wenn man sie im Gottesdienst vielleicht nicht erreicht. Im Grunde dreht sich alles um das Thema Nächstenliebe und die Frage, wie wir miteinander umgehen und wie unsere Gesellschaft funktionieren soll. Da hat die katholische Kirche den Menschen ganz viel zu sagen und mitzugeben.

Feldmann: Ich sehe das auch so. Wir müssen als Christen mit offenen Augen durch die Welt gehen und sehen, wo Menschen unsere Hilfe und Zuwendung brauchen. In unserer Gesellschaft sind viele Menschen alt und einsam. Ich erlebe es bei meinem Engagement in der katholischen Ladenkirche immer wieder, wie dankbar Menschen sind, die vielleicht eine schwierige Lebenssituation durchmachen, wenn sie hier jemanden finden, der sich Zeit nimmt und ihnen zuhört. Zeit und Zuwendung für Menschen, die einsam und in Not sind. Das ist eine wichtige Aufgabe der katholischen Kirche.

Müssen auch die Laien in der katholischen Kirche ihre Organisationsstrukturen überdenken? Brauchen wir noch Katholikenräte?

Wörmann: Die Strukturfrage ist für mich nicht die erste Frage. Sondern es geht darum, welche Schwerpunkte wir in unseren Gremien setzen wollen. Und ich erlebe das gleiche, wie Herr Feldmann, wenn ich Ferienfreizeiten für Kinder und Jugendliche organisiere und dafür auch um Spenden bitte, damit auch die Kinder mitfahren können, deren Eltern sich sonst keinen Urlaub erlauben können. Wenn mich diese Kinder dann nach der Freizeit anstrahlen und sagen: Das war toll. So etwas erlebe ich sonst nie. Dann ist das doch das besondere, was Kirche ausmacht und uns trägt. Wir müssen uns als Katholikenräte fragen, mit welchen Themen können wir Menschen ansprechen, begeistern und mitnehmen. Und man kann Menschen mitnehmen. Das erlebe ich, wenn sich der Katholikenrat in Duisburg zum Beispiel für Flüchtlinge und die Schaffung einer Willkommenskultur einsetzt und damit auch anderslautenden Forderungen von Rechtsradikalen entgegentritt. Dann wird katholische Kirche plötzlich ganz positiv wahrgenommen.

Feldmann: Wenn wir Menschen ansprechen und Themen in der lokalen Öffentlichkeit setzen und Stellung beziehen wollen, brauchen wir aber auch auf der stadtkirchlichen Ebene eine professionelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Diese im Rahmen der Umstrukturierung 2006 abgebaut zu haben, war aus meiner Sicht ein schwerer Fehler. Außerdem müssen wir, auf Sicht, wie in Lateinamerika. dafür sorgen, dass. wenn es künftig weniger Pfarrgemeinden, Priester und Kirchen geben wird, dass sich dann kleine Basisgemeinden vor Ort bilden, in denen zuvor dafür ausgebildete Laien auch Seelsorgeaufgaben übernehmen können, damit wir auch in Zukunft die Frohe Botschaft weitergeben können.

Wie aber kann man künftig vor allem junge Menschen für den christlichen Glauben gewinnen und ansprechen, wenn es das katholische Milieu nicht mehr gibt?

Wörmann: Das ist die Königsfrage. Wir müssen als katholische Kirche offener sein für die, die kommen, und ihnen auch zeigen, dass sie auch dann gerne gesehen sind, wenn sie sich vielleicht nur zeitweise und für einzelne Projekte engagieren wollen. Wir haben in der Jugendarbeit gute Erfahrungen damit gemacht, regelmäßige Angebote, die wir personell nicht mehr stemmen können, durch punktuelle Events zu ersetzen und damit Jugendliche zu erreichen und zu begeistern. Jugendliche sind heute natürlich auch mobiler und nicht mehr an eine Pfarrgemeinde gebunden. Und wenn sie bei sich vor Ort kein Angebot finden, das sie anspricht, ist es für sie auch kein Problem zu einem jugendpastoralen Zentrum oder einer Jugendkirche in eine andere Stadt zu fahren. Die Inhalte sind nicht das Problem. Man kann Jugendliche ansprechen. Das hängt natürlich auch von Personen und ihrem Lebensbeispiel ab, das sie ihnen geben. Wichtig ist aber auch, dass wir das nicht alles ehrenamtlich leisten können, sondern hauptamtliche Strukturen brauchen, die ehrenamtliches Engagement unterstützen und begleiten.

Feldmann: Menschen wollen sich heute nicht mehr über 20 Jahre mit einer bestimmten Funktion binden. Sie sind aber in allen Generationen bereit, sich für zeitlich begrenzte Projekte zu engagieren und dafür Zeit und Arbeit einzusetzen. Ich habe das erlebt, als wir hier in Mülheim die katholische Ladenkirche aufgebaut haben und auf die Straße gegangen sind, um mit den Menschen das Thema Missbrauch in der katholischen Kirche zu diskutieren. Und ich erlebe es auch derzeit bei der Vorbereitung des Barbaramahls, das Ende November in der Dümptener Barbarakirche stattfinden und Spenden zugunsten der lokalen Hospizarbeit einspielen wird. Das funktioniert aber nur dann, wenn an der Spitze der Gemeinde auch eine charismatische Priesterpersönlichkeit steht, die andere Menschen ansprechen und mitreißen kann.

Was sagen Sie den Menschen, die aus der Kirche austreten, auch deshalb, weil sie sagen: Ich brauche keine Kirche, um zu glauben?

Wörmann: Auch wenn wir die Amtskirche kritisieren, muss es so etwas, wie Kirche geben. Denn sonst verliert die Kirche ihre klare Linie und der christliche Glaube würde der individuellen Willkür unterliegen. Aber wir dürfen nie vergessen, dass Strukturen, wie immer sie auch heißen, dem Inhalt der Frohen Botschaft dienen müssen. Und aus ihr heraus müssen wir erkennen, was jetzt anliegt und was das für uns bedeutet. Entscheidend ist, dass wir, wie Jesus, immer wieder auf die Menschen zugehen und erkennen, was sie brauchen.

Feldmann: Glauben ist natürlich eine persönliche Angelegenheit. Aber ich kann mir nicht vorstellen, für mich alleine und ohne Menschen zu glauben, die auch glauben. Es macht Freude, den Glauben in einer Gemeinschaft miteinander zu teilen und die Frohe Botschaft zu verkünden. Das ist für uns Christen ganz wesentlich. Und ich vertraue hier mit Blick auf die Zukunft und vor dem Hintergrund meiner eigenen Lebenserfahrung auf die Kraft des Heiligen Geistes und auf die Kraft des Gebetes. Es wird immer wieder Menschen geben, die aus ihrem Glauben heraus sagen: Ich mache das jetzt und ich bin dafür verantwortlich. Und wenn die Laien vor Ort wissen, dass sie sich nicht in jeder Frage an einen Priester wenden müssen und wenden können, weil er vielleicht nur noch alle zwei Monate vorbeikommt, um mit ihnen die Heilige Messe zu feiern, dann wird das zwangsläufig auch den Zusammenhalt und die Selbstständigkeit der Laien vor Ort stärken. Denn Verwaltungsaufgaben kann man vielleicht zentral organisieren. Doch bei der pastoralen und seelsorgerischen Arbeit funktioniert das eben nicht. Und hier werden Laien künftig eine viel größere Rolle spielen.
Zur Person:
Wolfgang Feldmann ist 63 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Kindern. Bis zu seiner Pensionierung arbeitete er in der pharmazoltischen Industrie. Bevor er 2002 den Vorsitz des Mülheimer Katholikenrates übernahm, war er über 20 Jahre Vorsitzender des Pfarrgemeinderates in St. Barbara (Mülheim-Dümpten). Nach seiner Wahl zum Katholikenratsvorsitzenden gehörte Feldmann auch dem Diözesanrat und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken an. Vor kurzem hat er sein Ehrenamt in der katholischen Stadtkirche an seinen bisherigen Stellvertreter Rolf Völker abgegeben.
Daniel Wörmann ist 28 Jahre alt. Er hat Betriebswirtschaft und Sozialarbeit in Bochum studiert und arbeitet seit eineinhalb Jahren in der Personalabteilung des Bistums Essen. Wörmann hat sich bereits früh als Meßdiener und in der katholischen Jugendarbeit engagiert. Er kommt aus der Duisburger Gemeinde St. Josef (Hamborn), die zur Pfarrei St. Johann gehört. Seit einem halben Jahr steht er an der Spitze des Duisburger Katholikenrates. Wörmann ist ehrenamtlich nicht nur für die katholische Kirche, sondern auch in der Kommunalpolitik aktiv. Für die CDU saß er zwischen 2009 und 2014 in der Bezirksvertretung. Inzwischen arbeitet er als sachkundiger Bürger im Schul- und im Jugendhilfeausschuss des Duisburger Stadtrates mit

Dieser Text erschien am 1. November 2014 im Neuen Ruhrwort

Samstag, 22. November 2014

"Das ist eine echte Chance für mein Leben" oder: Wie eine Teilzeitausbildung Arbeitssuchenden und Arbeitgebern helfen kann: Ein Beispiel aus der Immobilienwirtschaft


Beate Steinmann kann sich noch gut an das erste Gespräch mit Joanna Marszolek erinnern. Im April stellte sich die 32-jährige Mutter bei der Berufsberaterin von der Agentur für Arbeit vor. „Ich möchte gerne eine Teilzeitausbildung machen, weil ich zwei Kinder habe, um die ich mich kümmern muss. Aber ich werde so einen Ausbildungsplatz wohl nicht bekommen“, sagte Marzolek ihr damals. „Das wollen wir doch mal sehen“, hatte ihr Steinmann geantwortet. Rückblickend gibt sie aber zu, dass sie die Erfolgsaussichten damals mit „einem Sechser im Lotto“ verglichen habe.

Doch dieser Sechser im Lotto flatterte ihr schon bald in Form einer Stellenausschreibung der Firma Glückauf Immobilien ins Haus. „Wir möchten eine Bürokauffrau ausbilden und freuen uns auch auf Bewerbungen junger Eltern. Die Ausbildung kann auch in Teilzeit absolviert werden“, hieß es da sinngemäß. Aufgegeben hatte die Zeitungsanzeige der Geschäftsführer der Glückauf Immobilien, Sven Fischer.

„Wenn man Leute einstellt, die schon mitten im Leben stehen und nach einer Familienpause zurück in den Beruf wollen, bekommt man Menschen, die eine große Lebenserfahrung und soziale Kompetenzen mitbringen. Sie begreifen ihren Arbeitsplatz als echte Chance und sind deshalb hoch motiviert“, erklärt der 34-jährige Immobilienkaufmann seine Personalpolitik. Solche positiven Beispiele wünscht sich der Chef der Agentur für Arbeit, Jürgen Koch, öfter. Ihn treibt es um, dass viele Arbeitgeber über Fachkräftemangel klagen, aber selbst nicht ausbilden, geschweige denn das Potenzial erkennen, das sie sich mit einem verstärkten Angebot von Teilzeitausbildungsplätzen erschließen könnten.

Das sieht auch der gelernte Chemiker Sven Fischer so, der selbst nach einem schweren Unfall und einer längeren Auszeit über den 2. Bildungsweg in seinen heutigen Beruf kam. Er versteht, warum Berufsbiografien nicht immer auf geraden Wegen verlaufen. Joanna Marszolek hatte nach dem Abitur Germanistik studiert, das Studium aber abgebrochen und sich dann mit 450-Euro-Jobs durchgeschlagen.

„Diese Ausbildung ist für mich nach den vielen 450-Euro-Jobs endlich eine echte Chance und eine Investition in meine Zukunft“, sagt die zweifache Mutter, die nicht nur bei der Kinderbetreuung von ihren Eltern, ihrem Mann und von einer Freundin unterstützt wird. „Ohne mein soziales Netzwerk könnte ich meine Ausbildung nicht schaffen“, gibt die junge Frau zu. Denn trotz Teilzeitarbeit in der Firma, muss die angehende Bürokauffrau immer wieder ganztägige Seminare besuchen und zwei volle Berufsschultage pro Woche absolvieren. Gelernt wird abends und am Wochenende, wenn die Tochter (4) und der Sohn (10) im Bett oder mit Papa unterwegs sind. „Ich habe hier eine sehr verständnisvolle Ausbilderin, die selbst als Mutter in Teilzeit arbeitet“, freut sich Marszolek. Ein Vorbereitungsseminar der Berufsbildungswerkstatt und ein Schnupperpraktikum bei Glückauf Immobilien erleichterten ihr den Einstieg.

Ihr Chef bescheinigt ihr nach zweienhalb Monaten einen „100-prozentigen Arbeitseinsatz in einer 50-prozentigen Arbeitszeit, in der sie sehr konzentriert und komprimiert bei der Sache ist.“

Und so lernt sie in ihrer dreijährigen Teilzeitausbildung alles, was sie als Bürokauffrau braucht, ob Büroplanung und Organisation, Finanzbuchhaltung, Kundenkontakte sowie Verwaltung und Bearbeitung aller für die diversen Immobiliendienstleistungen notwendigen Datensätze. Gerade diese Vielfalt mache ihr Freude.

Dieser Text erschien am 11. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 21. November 2014

So gesehen: In ruhigen Bahnen


Seit Samstagabend kann der Hauptbahnhof wieder sein, was er sein soll, ein Ort an dem Menschen einsteigen und mitgenommen werden können. Denn in den vorangegangenen Streiktagen fühlten sich die Fahrgäste der Deutschen Bahn ja nicht nur auf dem Mülheimer Bahnhof, eher als abgehängte Manövriermasse auf dem Abstellgleis („Mal sehen, wann welcher Zug kommt und wohin er fährt?) denn als willkommene, zahlende und deshalb selbstverständlich mitgenommene Fahrgäste.

Dass die Gewerkschaft der Lokomotivführer, die nicht nur für mehr Lohn und kürzere Arbeitszeiten, sondern auch für mehr eigene Macht gestreikt hat, ihren Streik, der eigentlich bis heute die Fahrgäste auf die Folter spannen, sollte, am Samstagabend vorzeitig abgebrochen haben, zeigt das auch die stursten GDL-Strategen Gott sei Dank nicht nur Bahnhof verstehen, und wissen, dass sie die Leidensfähigkeit ihrer eigentlichen Arbeitgeber, nämlich der Fahrgäste im Zug der Zeit nicht überstrapazieren dürfen, wenn sie am Ende nicht selbst aufs Abstellgleis geraten und abgehängt werden wollen.

Gerade in Zeiten, die schon ohne Bahnstreik manchmal wie eine Achter- oder Geisterbahnfahrt anmuten, ist man heute auf seiner Lebensreise doch wirklich für jede Fahrt dankbar, die auf sicheren Gleisen und in ruhigen Bahnen zur rechten Zeit zum Ziel führt, und sei es auch nur bei einer Zugreise vom Mülheim in andere schöne Städte, die es ja auch geben soll und die eine Reise oder einen Arbeitsweg wert sind, vor allem dann, wenn man eine Rückfahrkarte in der Tasche hat und weiß, dass man auch als Fahrgast der Deutschen Bahn bestimmt wieder nach Hause kommt, ohne draufzahlen oder bis zum Sankt-Nimmerleinstag warten zu müssen.

Dieser Text erschien am 10. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 19. November 2014

Die Sozialarbeiterin Krimhild Orth betreut im Auftrag der Stadt Mülheim die Flüchtlinge an der Gustavstraße in Styrum


Es ist erst gut zwei Wochen her, dass 136 Flüchtlinge an die Gustavstraße in Styrum gezogen sind. Die Koffer dürften mittlerweile ausgepackt sein, alle Fragen aber sicher noch nicht geklärt. Hier hilft Krimhild Orth weiter. Die Sozialarbeiterin ist seit zwei Wochen Ansprechpartnerin für die Flüchtlinge. Was steht im Brief vom Amt? Wo gibt es einen sprachkundigen Arzt, der einer Frau helfen kann, die an Diabetes leidet? Wo bekomme ich einen warmen Mantel her, wenn es jetzt kälter wird? Krimhild Orth kennt die Antworten. Noch ist sie Einzelkämpferin, soll aber in absehbarer Zeit durch eine Kollegin oder einen Kollegen unterstützt werden.

„Ich bin eigentlich ganz gut im Thema“, sagt Orth nach 21 Jahren als Sozialarbeiterin im Dienste der Stadt. Erst arbeitete sie im Flüchtlingsdienst, dann als Bezirkssozialarbeiterin in Styrum. Flüchtlinge, aber auch die Arbeit mit Familien in schwierigen Lebenslagen sind ihr vertraut. „Die Menschen, die hier leben, haben zum Teil Traumatisches erlebt. Sie müssen erst mal ankommen und zur Ruhe kommen,“ sagt Orth. Sie organisiert nicht nur die Teilnahme an Deutschkursen, Arztbesuche, erläutert den Inhalt amtlicher Schreiben oder vermittelt bei Bedarf Gespräche in einem Sozialpsychologischen Zentrum und beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Ganz oft müssen Orth und Hausverwalter Detlef Voß auch einfach nur dafür sorgen, dass Flüchtlinge ihre Wohnung an der Gustavstraße möbliert bekommen oder eine Waschmaschine anschließen können.

Auch wenn die Sozialarbeiterin in ihrem zurzeit noch sehr kärglich eingerichteten Büro regelmäßig Sprechstunden anbietet, wird sie natürlich auch außerhalb ihres Büros regelmäßig angesprochen. „Viele, aber beileibe noch nicht alle Flüchtlinge wissen, dass ich da bin, wer ich bin und was ich hier mache“, erzählt Orth. Doch sie arbeitet an ihrem Bekanntheitsgrad, in dem sie regelmäßig Wohnungsbesuche macht. „Dabei erlebe ich eine große Freundlichkeit und Offenheit. Die Menschen bieten mir meistens sofort einen Sitzplatz und etwas zu trinken an“, berichtet sie. Wenn der eine die Sprache des anderen nicht versteht, behilft man sich eben mit Händen und Füßen oder ein paar Brocken Englisch. Wenn es komplizierter wird, weil es zum Beispiel um gesundheitliche Probleme geht, greift sie auf den Sprachkundigen-Pool und den Gesundheitswegweiser der Stadtverwaltung zurück, um einen Dolmetscher oder einen sprachkundigen Arzt zu besorgen. „Ich bin hier wie ein Drehscheibe“, beschreibt die Sozialarbeiterin ihre Vermittlungs,- Kontakt- und Kommunikationsarbeit.

Sie bindet ehrenamtliche Helfer ein, die Flüchtlinge zum Beispiel bei Arztbesuchen und Ämtergängen begleiten. Sie hat damit begonnen Kontakte zu Einrichtungen im Stadtteil zu knüpfen. Beim Nachbarschaftsverein und in der Bürgerbegegnungsstätte Feldmannstiftung an der Augustastraße war sie schon und hat dort eine große Aufgeschlossenheit und Hilfsbereitschaft gespürt. Vereine, Schulen oder das Jugendzentrum am Styrumer Marktplatz stehen noch auf ihrem Besuchsplan.

„Ich würde mir wünschen, dass Flüchtlinge hier an der Gustavstraße nicht wie in einem Ghetto leben, sondern das es ein selbstverständliches Miteinander und Nebeneinander gibt und sie am ganz normalen Leben im Stadtteil teilnehmen können,“ betont Orth. Auch wenn sie mögliche Probleme und Berührungsängste nicht wegreden will, ist sie optimistisch, dass das gelingen kann, wenn Flüchtlinge und Einheimische sich im Alltag kennen lernen und etwas über das Leben des jeweils Anderen erfahren können. „Das verändert den Blick“, weiß Orth.

Gute Ansätze dafür sieht sie. Dass sich Bürger ehrenamtlich für Flüchtlinge engagieren und eine ältere Dame aus der Nachbarschaft Kleiderspenden für den Winter angeboten hat, sieht sie ebenso als ein gutes Zeichen dafür, wie die Tatsache, „dass sich die Stadt heute bemüht, für die Flüchtlinge ordentliche Wohn- und Lebensbedingungen zu schaffen.“ Als Orth in den frühen 90er Jahren zum ersten Mal mit Flüchtlingen arbeitete, wurden sie nicht, wie heute, in regulären Wohnungen, sondern in Wohncontainern einquartiert. Das ist heute Vergangenheit.

In den SWB-Häusern an der Styrumer Gustavstraße leben derzeit 144 Menschen aus 21 Nationen. Insgesamt bietet Mülheim zurzeit 642 Menschen aus 36 Nationen eine Zuflucht. An der Gustavstraße ist derzeit noch Wohnraum für 25 bis 30 Menschen frei. Darüber hinaus steht die Stadt in enger Verbindung mit den örtlichen Wohnungsbaugesellschaften und privaten Vermietern, um im Bedarfsfall weiteren Wohnraum für Flüchtlinge zu beschaffen.

 
Dieser Text erschien am 11. November 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

 


 

 

 

 

Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...