Samstag, 8. Februar 2014

Auch Mülheims Krankenhäuser sind auf die "heilsame" Zuwanderung qualifizierter Ärzte angewiesen. Zugewanderte Ärzte und Kliniken machen aus der Not eine Tugend und gewinnen so beide, wie das Beispiel zweier griechischer Ärzte zeigt


Mülheims Krankenhäuser hätten ohne ausländische Ärzte erhebliche Probleme, ihren Personalbedarf zu decken und die medizinische Versorgung zu gewährleisten. „Das ist ein Trend, der sich bereits seit Anfang des Jahrtausends durch alle medizinischen Bereiche zieht. Ohne qualifizierte Zuwanderung  werden wir im medizinischen Bereich langfristig nicht klar kommen“, sagt der Geschäftsführer des St. Marien Hospitals, Andreas Weymann. In den letzten fünf Jahren hat das katholische Krankenhaus 16 ausländische Ärzte eingestellt. Sie stellen damit fast 23 Prozent der 70-köpfigen Ärzteschaft.

„Wir sind auf die Zuwanderung und  Einstellung qualifizierter Ärzte und Pflegekräfte angewiesen, weil sie der deutsche Arbeitsmarkt allein nicht hergibt“, betont der Chefarzt der zum Evangelischen Krankenhaus gehörenden Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie Dr. Volker Eichhorn. Er schätzt, dass inzwischen 15 bis 20 Prozent der Ärzte in seinem Verantwortungsbereich aus dem Ausland zugewanderte Mediziner sind.

Das spiegelt sich auch in der gesamten Ärzteschaft des Evangelischen Krankenhauses wider. 26 der 161 Ärzte sind Ausländer. Besonders hoch ist der Anteil der aus dem Ausland zugewanderten Mediziner in der Augenklinik und in der Kardiologie.

Volker Eichhorn bestätigt, dass ausländische Kollegen vor allem in Bereichen gesucht und eingestellt werden, in denen es mehr um ärztliches Handwerk und weniger stark um Kommunikation geht, etwa in der Inneren Medizin, in der Kardiologie und in der Chirurgie.

Warum brauchen Marienhospital und Evangelisches Krankenhaus verstärkt zugewanderte Ärzte? Die Gründe sehen Eichhorn und Weymann zum Beispiel darin, dass der demografische Wandel einen höheren Behandlungsbedarf mit sich bringt und gleichzeitig viele deutsche Mediziner lieber selbst in andere Länder abwandern oder auch in der Pharmaindustrie, im Medizincontrolling, im Medizinjournalismus oder im Medizinischen Dienst der Krankenkassen, als in einer Klinik arbeiten, weil sie dort regelmäßigere Arbeitszeiten finden. Der Personalbedarf wird auch dadurch erhöht, dass Kliniken ihre Ärzte nur noch maximal zwölf Stunden am Stück arbeiten lassen dürfen und vermehrt Teilzeitarbeitsplätze anbieten müssen, um für entsprechend interessierte Bewerber attraktiv zu bleiben.

 

Die Zahl der ausländischen Mediziner, die sich bei uns bewerben, hat sich in den letzten fünf Jahren verdoppelt“, weiß der für das Evangelische Krankenhaus zuständige Ategris-Personalmanager Dirk Huiskens. Die griechischen Ärzte Georgios Papaxanthis und Athanasios Papaioannou sind zwei Bewerber, die ihr Heimatland verlassen und in den Mülheimer Krankenhäusern ihr berufliches Glück gefunden haben. Der 36-jährige Papaxanthis arbeitet seit vier Jahren als Assistenzarzt in der Inneren Medizin des St. Marien Hospitals. Sein 28-jähriger Kollege und Landsmann Papaioannou ist seit 2011 als Assistenzarzt in der Gefäßchirurgie des Evangelischen Krankenhauses tätig. Beide haben eine ähnliche Geschichte zu erzählen. Es ist die Geschichte der Perspektivlosigkeit.

Denn weil dem griechischen Staat das Geld für die eigentlich notwendigen Krankenhausärzte fehlt, hätten Papaxanthis und Papaioannou in ihrer griechischen Heimat zwischen vier und sieben Jahre auf ihre Facharztausbildung warten müssen, die sie jetzt am St. Marien Hospital und am Evangelischen Krankenhaus absolvieren können. Beide sind mit ihrer Geschichte offensichtlich nicht allein. Denn mit acht Kollegen im katholischen und zwölf im Evangelischen Krankenhaus stellen die griechischen Mediziner unter den ausländischen Ärzten der örtlichen Kliniken die größte Landsmannschaft.

Papaxanthis und Papaionnou erzählen übereinstimmend von dem Schmerz, der damit verbunden war, dass sie ihre Heimat verlassen mussten, aber auch über ihre Motivation, sich nach ihrem Medizinstudium eine berufliche und private Lebensperspektive erarbeiten zu wollen.

„Ich wäre gerne in Griechenland geblieben, aber ich muss an meine Frau und an meine beiden Kinder denken. Hier haben wir als Familie eine erheblich höhere Lebensqualität. Und als Arzt verdiene ich in Deutschland mehr als das Doppelte von dem, was ich in Griechenland verdient hätte“, sagt der aus Thessaloniki stammende Papaxanthis.

„Meine Eltern hätten mich auch lieber in Griechenland behalten, aber sie wissen auch keine andere Lösung, als eine Stelle in Deutschland zu suchen“, schildert sein Kollege Papaionnou seine Ausgangslage.

Obwohl der 28-jährige, dessen griechische Freundin als angehende Apothekerin in Dortmund arbeitet, zunächst lieber nach England gehen wollte, entschied er sich am Ende doch für das Abenteuer Deutschland, weil ihm Kommilitonen gesagt hatten: „Wenn du eine gute operative Ausbildung machen willst, musst du nach Deutschland gehen. Da ist es gut.“

„Da ist es gut“ bekam auch Papaxanthis von seinem ehemaligen Kommilitonen Kostas Ioannou zu hören, der bereits einige Jahre vor ihm als Assistenzarzt am St. Marien Hospital gearbeitet und gelernt hatte.

Sein Kollege Papaionnou stieß dagegen während seiner Bewerbungsphase eher zufällig via Internetsuchmaschine auf seine jetzige Stelle am Evangelischen Krankenhaus. Bevor sie ihre Stelle in den Mülheimer Krankenhäusern antraten, brachten sie einen mehrmonatigen Intensivkurs Deutsch hinter sich, durchliefen mehrwöchige Hospitanzen an ihrem künftigen Arbeitsplatz und wurden anschließend in ihren ersten Monaten von erfahrenen deutschen Kollegen an die Hand genommen, um sprachlich und fachlich im deutschen Klinikalltag anzukommen.

Auch wenn Papaxanthis und Papaioannou keinen Hehl daraus machen, dass die deutsche Sprache mit ihrer Grammatik für sie nach wie vor eine schwere Sprache ist, fühlen sie sich an ihrem Arbeitsplatz wohl und sehen dort nicht nur ihre kurz,- sondern in jedem Fall zumindest auch ihre mittelfristige Zukunft als Facharzt.

„Ich werde hier von 98 Prozent der Kollegen und Patienten voll akzeptiert“, freut sich der angehende Gefäßchirurg Papaioannou, der zusammen mit elf anderen fremdsprachigen Kollegen zweimal pro Woche einen zweieinhalbstündigen Deutschkurs für Mediziner besucht, um bald so perfekt Deutsch zu sprechen, wie sein Kollege Papaxanthis. Der scherzt über seinen griechischen Akzent: „Manche Patienten haben mich schon für einen Holländer gehalten.“ Und im Zweifelsfall haben die beiden griechischen Ärzte auch keine Scheu bei Patienten noch einmal nachzufragen: „Haben sie alles verstanden. Haben Sie noch Fragen“.Und im äußersten Notfall auch die Hilfe deutscher Kollegen anzunehmen.

Nicht lange überlegen müssen Papaxanthis und Papioannou, wenn man sie nach den Unterschieden fragt. Dann sagen sie fast wortwörtlich übereinstimmend: „Hier läuft alles etwas ruhiger und durchgeplanter. Die Dienstpläne werden besser organisiert und die deutsche Bürokratie arbeitet schneller.“

Man hört und staunt.

Dieser Text erschien am 22. Januar 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 6. Februar 2014

15 Prozent der Mülheimer Kinder gelten als arm: Deshalb fordert der Mülheimer Sozialamtsleiter: "Wir müssen von den Daten zu Taten kommen"


Deutschland ist im Weltmaßstab ein reiches Land. Schaut man genau hin, ist das Bild nicht ganz so glänzend. Eric Seils und Helge Baumann haben das getan und im Auftrag des zur gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung gehörenden Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institutes (WSI) das Problem der Kinderarmut untersucht.. Dabei kamen sie unter anderem zu folgenden Ergebnissen: 2,4 Millionen Kinder (18,9 Prozent) sind von Armut bedroht, weil ihre Eltern weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Monatsnettoeinkommens von 1564 Euro zur Verfügung haben. Nach ihren Erkenntnissen sind im Regierungsbezirk Düsseldorf 22,7 Prozent der Unter-15-Jährigen von Armut bedroht und 21,3 Prozent leben mit ihren Familien von Arbeitslosengeld II.

Folgt man der Mülheimer Sozialstatistik, die sich aus Zahlen der kommunalen Stadtforschung und des statistischen Landesamtes speist, so gelten in Mülheim neun Prozent aller Familien und aller Kinder als von Armut bedroht, weil ihr monatliches Nettoeinkommen unter 750 Euro liegt. 13 Prozent der Familien und 15 Prozent der Kinder gelten als arm, weil sie monatlich weniger als 615 Euro zur Verfügung haben. Schaut man sich die Entwicklung des Arbeitslosengeld-II-Bezuges an, so zeigt sich, dass der Anteil der Mülheimer, die auf Arbeitslosengeld II angewiesen sind, seit 2007 von 12,7 Prozent auf 14,1 Prozent angestiegen ist. Gleichzeitig stieg der Anteil der Unter-15-Jährigen, die auf Arbeitslosengeld II angewiesen sind von 19,7 auf 23,9 Prozent.

Aus der Praxis weiß Sozialamtsleiter Klaus Konietzka, dass vor allem Alleinerziehende, kinderreiche Familien und Zuwanderer ein besonders hohes Armutsrisiko tragen, weil sie im Spannungsfeld zwischen Bildung und bezahlbarer Kinderbetreuung besonders hohe Hürden überwinden müssen, um auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen zu können. „Wir haben heute einen sehr rigiden Arbeitsmarkt, der auf der einen Seite hohe Qualifikationen fordert und auf der anderen Seite einen wachsenden Niedriglohnsektor, in dem die Menschen mit ihrem Einkommen ihren Lebensunterhalt nicht alleine bestreiten können. Zwar ist Einkommenarmut nicht das alleinige, aber doch das erste und entscheidende Kriterium für Armut, aus dem sich alles andere ergibt“, unterstreicht Konietzka.

Auch wenn es für Mülheim keine unmittelbar vergleichbaren Zahlen gibt, bestätigt der Sozialamtsleiter aus seiner lokalen Sicht die Feststellung der Sozialforscher, das arme Kinder vor allem im Bereich der sozialen und kulturellen Aktivitäten, bei der Kleidung und bei der Anschaffung langlebiger Verbrauchsgüter erheblich öfter verzichten müssen, als ihre Altersgenossen aus Familien mit einem durchschnittlichen oder überdurchschnittlichen Einkommen. Ebenso wie die Sozialwissenschaftler der Hans-Böckler-Stiftung, sieht auch Konietzka im Bereich Wohnen und Ernährung weniger große Unterschiede.

Im Rahmen der kommunalen Familienberichterstattung hat die Stadt 800 repräsentativ ausgewählte Familien nach ihren Ausgaben für Kleidung und Spielzeug befragt. Dabei gaben 59 Prozent der nicht als arm geltenden Familien an, dass ihr Geld für Kleidung ausreichend sei. Diese Einschätzung teilten nur 23 Prozent der von Armut bedrohten und 14 Prozent der armen Familien. 68 Prozent der als nicht arm geltenden Familien hatten dagegen das Gefühl genug Geld für Spielzeug übrig zu haben, während nur 40 Prozent der armutsgefährdeten und 16 Prozent der armen Familien dieses Gefühl teilen konnten.

„Wir müssen von den Daten zu den Taten kommen“, weiß Konietzka. Der Sozialamtsleiter weiß aber auch: „Wir sind als Kommune finanziell nicht so ausgestattet, dass wir Kinderarmut strukturell bekämpfen könnten. Deshalb müssen wir uns auf individuelle Förderung konzentrieren und mit Hilfe von vorbeugenden Handlungsketten und Netzwerken der Entstehung von Kinderarmut entgegenwirken.“ Zu den Perlen solcher vorbeugenden Handlungsketten zählen für Konietzka der Einsatz von Familienhebammen und Familienpaten oder der kommunale Familienbesuchsservice, der junge Eltern auf Hilfsangebote hinweist, aber mehr frühkindliche Bildungsförderung in Kindertagesstätten, Frühförderung zur Überwindung sprachlicher und motorischer Handicaps oder stadtteil- und zielgruppenorientierte Beratungs-, Bildungs-, Kommunikations- und Hilfsangebote, wie sie zum Beispiel im Rahmen der Bildungspartnerschaften, von der Sozialagentur in Styrum oder dem Stadtteilmanagement Eppinghofen organisiert werden. Und natürlich gehören für Konietzka auch die vom Bund gerade reduzierten Leistungen aus Bildungs- und Teilhabepaket oder die Begleitung durch das U25-Haus zu dieser armutsbekämpfenden Handlungskette, weil hier Kindern und Jugendlichen aus sozial benachteiligten Familien soziale und kulturelle Teilhabe, etwa durch Sport im Verein oder Musikunterricht und am Ende die Chance auf einen gelungenen Übergang von der Schule in den Beruf verschafft werden kann. Eben das verhindert dann auch Sozialhilfekarrieren.


Dieser Text erschien am 28, Januar 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

 

 

Dienstag, 4. Februar 2014

Beim Schaffner war es schöner: Eine ehemaliger Straßenbahnschaffner und zwei Kontrolleure der Mülheimer Verkehrsgesellschaft berichten aus ihrem Arbeitsalltag im öffentlichen Personennahverkehr: Damals und heute


„Schwarzfahrer aus Mülheim muss für acht Monate in den Knast“, titelte vor einiger Zeit die NRZ, als sie über einen 43-jährigen Wiederholungstäter berichtete, der bei Bus und Bahn zwar einsteigen, aber nicht bezahlen wollte. Schwarzfahren ist keine Lappalie oder gar ein Kavaliersdelikt. Das macht Olaf Frei von der Mülheimer Verkehrsgesellschaft (MVG) mit einigen Zahlen deutlich.

„Früher gab es zwar auch Leute, die schwarzfuhren oder anderweitig Ärger machten, aber doch wesentlich weniger als heute“, erinnert sich Dietrich Bartels. Der 69-Jährige gehört zur letzten Generation der Mülheimer Straßenbahnfahrer, die noch bis zum Anfang der 70er Jahre parallel auch zu Schaffnern ausgebildet wurden. Als er Ende der 60er Jahre noch bei einer alten Lehrschaffnerin das kleine Einmaleins der Fahrkarten und Galoppwechsler lernte, mit denen man Fahrgästen per Hebeldruck ihr Wechselgeld herausgeben konnte, galt: „Wer eine Fahrkarte hat, steigt vorne beim Fahrer und wer eine Fahrkarte braucht, steigt hinten beim Schaffner ein..

Weil die alten Straßenbahnen kleiner waren und maximal 50 Fahrgästen Platz boten, waren die Chancen für Schwarzfahrer zwischen Fahrer und Schaffner äußerst gering. „Wer schwarzfahren wollte, musste im Grunde in der Mitte des Wagens einsteigen und dann ganz schnell bei der nächsten Haltestelle wieder aussteigen, um vielleicht nicht erwischt zu werden“, erinnert sich Bartels. Wer erwischt wurde, musste damals zehn und später 20 Mark Strafe zahlen. Heute ist das Bußgeld für Schwarzfahrer mit 40 Euro etwa viermal so hoch. Doch MVG-Sprecher Olaf Frei sähe das seit 2003 nicht mehr erhöhte Bußgeld lieber bei 60 Euro, weil er vorrechnet, dass sich die 40 Euro für Schwarzfahrer bei 16 unkontrollierte Fahrten schon rechnen können.

Deshalb hat die MVG stadtweit täglich acht Fahrkartenkontrolleure auf der Strecke. Zwei von ihnen sind Marcel (32) und Miguel (47). Ihre vollen Namen wollen sie in der Zeitung lieber nicht lesen. Denn die beiden Kontrolleure, man ahnt es, haben unter erwischten Schwarzfahrern viele Feinde. Bedrohungen, Beschimpfungen und auch gewalttätige Übergriffe vom Faustschlag bis zum Biss sind für sie keine Seltenheit. „Ich stech’ dich ab. Ich weiß, wo du wohnst.“ oder: „Man sieht sich immer zweimal“, zitiert Miguel, der früher mal beim Bundesgrenzschutz gearbeitet hat, einige Verbalattacken. Sein Kollege Marcel, der in seinem ersten Berufsleben als KFZ-Mechatroniker gearbeitet hat, „bevor er lieber was mit Menschen als mit Maschinen machen wollte“, schätzt, dass seine Kollegen und er 200 bis 300 Fahrgäste pro Tag kontrollieren und dabei etwa zwei bis dreimal pro Woche mit körperlichen Übergriffen konfrontiert werden. „Früher wurden ehemalige Fahrer als Kontrolleure eingesetzt. Heute haben wir alle ein Kampfsportausbildung und werden außerdem von der Polizei regelmäßig geschult“, berichtet Marcel, der zwar als Fahrkartenkontrolleur für die MVG arbeitet, aber als Wach- und Sicherheitsfachkraft bei der Vollmer-Gruppe angestellt ist.

„Wenn wir beschimpft werden, wissen wir, dass die Leute nicht uns meinen, sondern unseren Job“, beschreibt Miguel seine Ausgangsposition, mit der er vermeidet, sich im Ernstfall provozieren zu lassen. „Wir gehen immer mit drei oder vier Kollegen in einen Wagen, um uns gegenseitig zu sichern. Wir treten höflich, aber bestimmt auf und vermeiden es mit mehreren Kollegen frontal auf Fahrgäste zuzugehen, damit sich niemand angegriffen oder provoziert fühlt“, erklärt Marcel die Handlungsstrategie der Fahrkartenkontrolleure. In den zehn Jahren, die sie überblicken können haben Marcel und Miguel den Eindruck gewonnen, „dass es die klassischen Schwarzfahrer gar nicht gibt“. Ihr soziales Spektrum reiche vom Obdachlosen bis zum Professor. Außerdem seien sie zu allen Tages- und Nachtzeiten in Bussen und Bahnen anzutreffen. Auch ihre Zahl schwanke stetig und sei kaum einzuschätzen. Marcel hat das Gefühl, dass die Zahl und Aggressionsbereitschaft von Schwarzfahrern eher gleichbleibend hoch als steigend sei. „Viel gebracht“ haben aus seiner Sicht das stark ermäßigte Sozialticket für 29 Euro pro Monat und das allerdings nur einmalig von erwischten Schwarzfahrern zu nutzende Angebot, statt des Bußgeldes ein Aboticket 1000 oder 2000 zu erwerben.

Eines haben der alte Schaffner und die beiden jungen Kontrolleure aber trotz aller Unterschiede auch gemeinsam erfahren, nämlich das Fahrgäste auch sehr dankbar sein können, wenn die Kontrolleur zu Helfern werden und zum Beispiel einen Kinderwagen in die Bahn heben.

 

Dieser Text erschien am 23. Juli 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 3. Februar 2014

Grenzenlos mobil oder nur bedingt barrierefrei? Wie Menschen mit Behinderung mit Bus, Bahn und Zug unterwegs sein und dabei erfahren können


Eine NRZ-Leserin, die auf einen Rollstuhl angewiesen ist, fährt mit dem Zug von Mülheim nach Krefeld. Während sie beim Start ihrer Reise von einem freundlichen Bahnmitarbeiter die Hilfe bekommt, die sie beim Einsteigen braucht, zeigt ihr ein unfreundlicher Kollege beim Ausstieg in Krefeld die kalte Schulter und lässt sie wissen: „Da könnte ja jeder kommen.“ Auch der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Behindertenverbände (AGB), Alfred Beyer, kann sich daran erinnern, dass er nach einem Krankenhausaufenthalt zeitweise einen Rollstuhl brauchte und eines Tages an einer Speldorfer Haltestelle von einem ignoranten Busfahrer einfach stehen gelassen wurde.

Fast wortgleich beteuern die Sprecher der Deutschen Bahn und der Mülheimer Verkehrsgesellschaft: „So etwas darf eigentlich nicht vorkommen!“

Doch die zwei Erfahrungen mit der DB und der MVG werfen eine Frage auf: „Wie geht also barrierefrei Mobilität mit Bus, Bahn und Zug, wenn sie gut geht?“ Die NRZ wollte es wissen und fragte bei der DB und bei der MVG nach

Beispiel Deutsche Bahn Wer eine Mobilitätshilfe braucht, weil er mit Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen auf Reisen gehen will, sollte sich spätestens zwei Tage vor Reiseantritt unter der täglich zwischen 6 und 22 Uhr erreichbaren Rufnummer 01806/512512 bei der in Frankfurt am Main ansässigen Mobilitätsservicezentrale der Deutschen Bahn anmelden und mitteilen, wo und wann man einsteigen, abfahren, ankommen und aussteigen will.

Die Mitarbeiter der Servicezentrale, bei denen die entsprechenden Daten und Fakten aller deutschen Bahnhöfe zusammenlaufen, sorgen dafür, dass ein Mobilitätshelfer der DB an Ort und Stelle ist oder sie geben Hinweise auf vorhandene Aufzüge und Rolltreppen. Dieser Mobilitätsservice ist kostenlos. Der Anruf bei der Service-Hotline kostet aber 20 Cent pro Minute, wenn man aus dem deutschen Festnetz anruft. Alternativ kann man den Mobilitätsservice der DB aber auch per E-Mail an: msz@deutschebahn.com anfordern.

Fährt man mit der S-Bahn, können Zugführer oder Zugbegleiter bei Bedarf per Hand eine Ein- und Einstiegsrampe anlegen. Mit dem Drücken eines blauen Halteknopfes, auf dem ein Rollstuhllogezu sehen ist, kann der Rollstuhl- oder Rollatorfahrer signalisieren, dass er aussteigen will und entsprechende Hilfe benötigt. Fährt man mit einem Intercity der Deutschen Bahn, kommt eine hydraulische Hebebühne zum Einsatz, die an den Zug herangefahren wird und Rollstuhl- oder Rollatornutzern den Zustieg ermöglicht.

Ein Regionalexpress hat gleich hinter der Zugmaschine oder am Zugende einen tiefergelegten Eingang, der auch von Fahrgästen mit Fahrrad genutzt werden kann und über eine Einstiegsrampe verfügt, die bei Bedarf mechanisch ausgefahren werden kann.

Beispiel Mülheimer Verkehrsgesellschaft
Die MVG hat 2010 einen Begleitservice für in ihrer Mobilität eingeschränkte Fahrgäste ins Leben gerufen. Dieser kostenlose Service, der von 24 Mitarbeitern der MVG geleistet wird, erfreut sich zunehmender Beliebtheit. 2010 wurde er 390 Mal, 2011 790 Mal, 2012 2461 Mal und 2013 2927 Mal angefordert.

Wer diesen Mobilitätsservice der MVG in Anspruch nehmen möchte, muss sich am Tag vor der Bus- oder Bahnfahrt zwischen 8 und 14 Uhr unter der Rufnummer 451-1133 anmelden. Aufgrund der finanziellen und personellen Grenzen kann dieser Begleitservice allerdings nur montags bis freitags von frühestens 6.45 Uhr bis spätestens 20 Uhr angeboten werden. Die Kernarbeitszeit der MVG-Mobilitätshelfer beginnt um 7.30 Uhr und endet um 19 Uhr. Wer also am späten Abend oder am Wochenende mit Handicap mobil sein will, muss sich also anderweitig helfen. Laut MVG sollen bis 2022 alle Haltestellen mit Aufzügen oder erhöhten Einstiegsplateaus barrierefrei umgebaut sein. Bisher gelten 40 Prozent der Haltestellen als barrierefrei. Hinzu kommt, dass alle Busse und zumindest alle neu bestellten Straßenbahnen der MVG mit einer Rampe für Rollstuhl- und Rollatorfahrer sowie Kinderwagen ausgestattet sind.

iWeitere Informationen im Internet unter www.mhvg.de und www.deutschebahn.com

 
Dieser Text erschien am 29. Januar 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 2. Februar 2014

Die letzte irdische Herberge: Ein Blick in das Arbeiten und Leben im stationären Hospiz an der Friedrichstraße


„Liebe Schwestern, liebe Pfleger, liebe Ehrenamtliche! Wir hätten für unsere Mutter keinen schöneren Ort finden können, als dieses Haus. Für Ihre liebevolle Zuwendung und Fürsorge unseren herzlichen Dank.“ Solche Einträge, die tief empfundene Dankbarkeit zum Ausdruck bringen, füllen die Seiten eines Gästebuches, das im Raum der Stille ausliegt. An der Wand hängt ein Bild, das die anziehende Wärme eines Lichtes ausstrahlt. In das Fenster scheint die Sonne in den Raum der Stille, der nicht, wie eine Kapelle, sondern wie ein gemütliches Wohnzimmer eingerichtet ist. Draußen auf der Friedrichstraße fließt der geschäftige Verkehr in Richtung Innenstadt, vorbei an der gut 100 Jahre alten Thyssen-Villa, die im vergangenen Jahr für 2,5 Millionen Euro zum Hospiz umgebaut worden ist.

Das Haus aus der Gründerzeit wurde um einen modernen Anbau aus Stahl und Glas erweitert. Durch ihn wird das alte Gebäude auf der ehemaligen Straße der Millionäre mit Tageslicht geflutet. Gemütliche Apartments, gedeckte Tische, bequeme Sitzecken und eine Terrasse auf dem ein Strandkorb zum Verweilen und zum Ausblick in den Garten einlädt. In einer Küche steht ein Obstkorb bereit und ein kleiner Imbiss wird zubereitet.

Der Gast fühlt sich wie in einem Hotel. Die meisten Gäste, die hier einziehen, bleiben nur wenige Tage, bis sie ihre letzte Reise antreten. 90 Menschen haben seit der Eröffnung des Hospizes im November 2012 hier ihre letzte irdische Herberge gefunden.

Die gastliche Atmosphäre ist für die kommissarische Leiterin des Hospizes, Marie Luise Gerling-Kleine-König und ihre 15 hauptamtlichen Kollegen, die sich als Pflegekräfte um sterbenskranke Menschen kümmern, spricht von ihnen als von „unseren Gästen“ Ein Vers aus dem Lukas-Evangelium: „Was willst du, dass ich dir tun soll?“ haben sie sich zum gemeinsamen Auftrag gemacht.

„Wenn Gäste einen besonderen Wunsch haben, versuchen wir diesen auch zu erfüllen“, betont Gerling-Kleine-König. Das können Kaviar und Sekt sein, dass kann ein Besuch im Fußballstadion oder beim Starlight-Express in Bochum sein.

Obwohl die 54-jährige Gerling-Kleine-König, die in ihrem ersten Berufsleben Hörgeräteakustikerin und Krankenschwester war, ehe sie vor 13 Jahren durch eine Hospitation zur Hospizarbeit fand und ihre in der Pflege tätigen Kollegen Ingo Haneke(44) und Elisabeth Natonski (45) täglich mit sterbenden Menschen umgehen müssen, die zum Beispiel an Krebs, Aids oder unheilbaren Muskelerkrankungen leiden, machen sie keinen unglücklichen Eindruck.

„Wir gehen hier sehr ehrlich und würdevoll miteinander um“, beschreibt Gerling-Kleine-König die Atmosphäre im Angesicht der Endlichkeit. Auch Haneke hat das Gefühl, dass seine Kolleginnen und er gerade im Angesicht des Todes ihren „sehr lebensbejahend“ miteinander leben und arbeiten. „Denn dieser Job“, so Haneke, „erdet einen, weil man die kleinen Dinge des Lebens zu schätzen lernt.“ Dazu gehört auch eine kleine Zigarettenpause im Strandkorb mit Gartenblick. „Hier erlebt man einen ganz anderen zwischenmenschlichen Kontakt mit mehr Ehrlichkeit und Offenheit“, findet Notonski. Seit sie jeden Tag mit sterbenden Menschen umgehen, leben Haneke und Notonski „viel bewusster, weil sie jeden Tag erfahren, dass es am Ende nicht die materiellen Dinge, sondern die menschlichen Beziehungen sind, die unser Leben bereichern.“

Gerade in ihrer Schwäche erleben sie ihre sterbenden Gäste oft als starke und gelassene Menschen, die ihnen selbst zur Kraftquelle werden und ihnen etwas von der eigenen Angst vor dem Tod nehmen. „Ich bin hier am richtigen Ort“, glaubt Haneke, der seine Arbeit als die „einer Hebamme am Ende des Lebens“ begreift. Den Tod selbst sieht er „wie eine Tür, durch die man durchgehen muss.“ Und er ist davon überzeugt, „dass keine menschliche Energie verloren geht.“

Auch Gerling-Kleine-König, hat durch ihre Arbeit im Hospiz zu seiner ehrlicheren und selbstbewussteren Lebenseinstellung gefunden, die sich nicht so schnell auf faule Kompromisse einlässt. Gerade durch ihren Beruf im Dienst der Nächstenliebe, hat sie gelernt, „dass wir uns zunächst einmal selbst akzeptieren müssen, wenn wir andere lieben wollen und das wir als Menschen auch Fehler machen dürfen, die wir uns auch verzeihen müssen.“

Dazu gehört auch die Einsicht, dass man regelmäßig auftanken muss, um neue Kräfte zu bekommen, sei es durch regelmäßige Supervision, durch Musik und Sport in der Freizeit oder, wie es Gerling-Kleine-König zuletzt selbst erlebt hat, durch Besinnungstage im Kloster einer befreundeten Ordensfrau.


Gestärkt werden die 15 hauptamtlichen Mitarbeiter des stationären Hospizes aber auch durch ihre ehrenamtlichen Kollegen, die sich unentgeltlich im und für die Menschen im Hospiz engagieren. Eine von ihnen ist die 49-jährige Marlene Winnesberg, die einmal pro Monat am Empfang des Hospizes mitarbeitet. „Ich fühle mich zum Hospiz hingezogen, weil ich glaube, dass wir gerade in einer Gesellschaft, in der immer mehr Menschen alleine leben, Häuser brauchen, in denen sie würdevoll sterben können.“

Zum ehrenamtlichen Fundament der Hospizarbeit gehört auch der bereits 1996 gegründete Hospizverein, der sich inzwischen als ambulantes Hospiz zum Kooperationspartner des noch jungen stationären Hospizes entwickelt hat. 32 Frauen und acht Männer begleiten im Auftrag des ambulanten Hospizes als ehrenamtliche, aber qualifizierte Sterbebegleiter. Sie stehen sterbenskranken Menschen bei, die noch in ihren eigenen vier Wänden leben oder gerade erst den Umzug ins stationäre Hospiz hinter sich gebracht haben, aber auch dort ihre vertrauten Begleiter nicht missen wollen.

Die Vorsitzende des Ambulanten Hospizes, Ursula König, sieht das stationäre Hospiz nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung und Fortsetzung der 1996 vom damaligen Caritas-Direktor Klemens Anders, ihrem Mann Henning und ihr begonnen Hospizarbeit. „Das ist ein Geschenk“, sagt sie und sieht die ehrenamtlichen Sterbebegleiter „als unseren Schatz.“

Der Schatz besteht aus ihrer Sicht darin, dass die ehrenamtlichen Sterbebegleiter, „dass sie das tun, was heute viele Menschen nicht mehr können, nämlich Zeit mitzubringen und den sterbenden richtig zuzuhören.“ Da wird so mancher letzte Wunsch vom Glas Campari Orange über den Ausflug an die Ruhr bis zum Besuch bei einem alten Freund erfüllt. Da wird so manche Lebensgeschichte besprochen. „Hier geht es auch darum, den sterbenden ein Wohlgefühl zu vermitteln und sich mit ihnen vor allem auch an die guten Zeiten in ihrem Leben zu erinnern, damit sie ihre Leben am Ende auch als wertvoll erfahren können“, sagt König.

Wie lebenswichtig eine solch menschliche Begleitung auf den letzten Metern des irdischen Lebens ist, haben nicht wenige der ehrenamtlichen Sterbebegleiter als Angehörige erfahren, die sterbende Freunde und Verwandte begleiten mussten und dabei von den freiwilligen Helfern des ambulanten Hospizes nachhaltig unterstützt und entlastet wurden.
 

Hintergrund


Sowohl das stationäre als auch das ambulante Hospiz sind auf Spenden angewiesen, um ihre Arbeit zu leisten. Das stationäre Hospiz verfügt über 12 Gästezimmer, zehn für sterbende Menschen und zwei für Angehörige, die im Hospiz übernachten wollen. Die vom Evangelischen Krankenhaus und dem Diakoniewerk getragene Einrichtung kann seine Dienstleistung zum größten Teil über Gelder der Kranken- und Pflegeversicherung finanzieren, muss aber rund zehn Prozent seines jährlichen Budgets (rund 200.000 Euro) durch Spenden erwirtschaften. Bereits vor dem Umbau und der Eröffnung des stationären Hospizes konnten rund 300.000 Euro als Spenden aus der Bürgerschaft eingeworben werden. Weitere 400.000 Euro stellte die von der ARD-Fernsehlotterie finanzierte Stiftung Deutsches Hilfswerk bereit. Außerdem spendete das Ambulante Hospiz 50.000 Euro für die Anschaffung von Pflegebetten zur Verfügung. Im Januar 2013 konnten der Diözesanrat und der Mülheimer Katholikenrat das ambulante und das stationäre Hospiz mit jeweils 6000 Euro unterstützen. Bei dem Geld handelte es sich um die beim dritten Barbaramahl gesammelten Spenden. Die 15 hauptamtlichen Mitarbeiter des Hospizes werden zurzeit von insgesamt 68 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und einem 140 Mitglieder zählenden Förderverein unterstützt. 40 von ihnen kommen aus dem Ambulanten Hospiz, das aus dem 1996 am St. Marien-Hospital gegründeten und heute 275 Mitglieder zählenden Hospizverein hervorgegangen ist. Das Hospiz an der Friedrichstraße 40 ist in Mülheim unter: 0208/97065500 und das Ambulante Hospiz an der Kaiserstraße 30 unter: 0208/3052063 erreichbar. Per E-Mail sind das stationäre Hospiz unter info@hospiz-mh.de erreichbar. Weitere Informationen gibt es im Internet unter: www.hospiz-mh.de und unter www.ambulantes-hospiz-mh.de
 
Dieser Text erschien am 5. Juli 2013 in der katholischen Zeitung Ruhrwort

Samstag, 1. Februar 2014

Gute Gastgeber auf der letzten Etappe der irdischen Lebensreise: Seit November 2012 werden sterbende Menschen im stationären Hospiz an der Friedrichstraße betreut und begleitet: Eine Zwischenbilanz


Wer das Hospiz an der Friedrichstraße betritt, fühlt sich nicht wie in einer Klinik, sondern wie im Hotel. Das Haus wirkt hell und freundlich. Es gibt gemütliche Wohnzimmer, Küchenzeilen und kleine Apartments. Und auf der Terrasse im ersten Stock laden zwei Strandkörbe dazu ein, sich wie im Urlaub hinzusetzen und den Ausblick auf die Bäume im Park hinter dem alten Patrizierhaus zu genießen. „Das ist für mich Leben“, erinnert sich Klaudia Schmalenbach vom Förderverein des Hospizes an den Satz einer sterbenden Frau, die es in ihren letzten Lebenstagen genoss, wie ein Hotelgast, im Strandkorb auf der Terrasse zu frühstücken. Und wie das in guten Hotel der Fall ist, wurde auch im Hospiz gleich ein zweiter Strandkorb auf die Terrasse gestellt, als man feststellte, wie beliebt diese Sitzgelegenheit mit Aussicht auch bei anderen Gästen ist.

Das Wort Gast fällt immer wieder, wenn die Leiterin des Hospizes, Marie-Luise Gerling-Kleine-König, Krankenhausseelsorgerin Klaudia Schmalenbach und der operative Geschäftsführer des Hospizes, Ulrich Schreyer, über die 160 Menschen sprechen, die im letzten Jahr dort gestorben sind.

„Können wir das überhaupt?“ erinnert sich Schreyer, an die Frage, die ihn immer wieder quälte, als der Tag der Eröffnung im November 2012 näher rückte und plötzlich der erste Gast mit seinem Koffer vor der Tür stand, um in die letze Herberge seiner irdischen Lebensreise einzuziehen.
Ein Jahr danach sagt der Geschäftsführer des Diakoniewerkes Arbeit und Kultur: „Wir können das.“ und: „Das Hospiz ist in der Stadt angekommen.“ Das macht er unter anderem an den rund 150.000 Euro fest, die dem Hospiz im ersten Jahr als Spenden zugeflossen sind. Diese Summe macht ihn zuversichtlich, dass das vom Diakoniewerk und vom Evangelischen Krankenhaus getragene Hospiz auch 2014 seinen 20-prozentigen Eigenanteil von rund 238.000 Euro aufbringen kann.

Doch alle finanziellen, organisatorischen und personellen Fragen, die sich im ersten Jahr des Hospizes nicht nur mit dem Wechsel in der Leitung gestellt haben, spielen für ihn eine untergeordnete Rolle. „Der Gast steht im Mittelpunkt. Auf seine Bedürfnisse muss sich alles konzentrieren, ihm muss sich alles unterordnen. Denn wir betreuen hier Menschen, die sich uns in der schwierigsten Situation ihres Lebens anvertrauen“, betont Schreyer. „Keine Schmerzen, keine Einsamkeit und eine möglichst hohe Lebensqualität.“ Das sind aus seiner Sicht die drei Ziele, an denen alle „auf Augenhöhe und mit einem Höchstmaß an Offenheit und Gesprächsbereitschaft arbeiten müssen.“ Alle: Das sind 15 hauptamtliche Pflegekräfte, 44 ehrenamtliche Mitarbeiter, aber auch die Geschäftsführung und Leitung des Hospizes sowie Ärzte und Apotheker.

„Hospizarbeit denken ist etwas anderes, als Hospizarbeit zu leben. Wir sind ein Haus, in dem man jeden Tag starke Emotionen und auch Verzweiflung erlebt und in dem man die Traurigkeit der Angehörigen mittragen muss. Das muss man aushalten,“ beschreibt Hospizleierin Gerling-Kleine-König die Herausforderung, der sich die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter täglich stellen müssen.“ Damit das funktionieren kann, brauchen haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter aus ihrer Sicht eine „ehrliche Kommunikation,“ aber auch die Fähigkeit sich zurückzunehmen, wenn es darum geht, was Gäste und ihre Angehörigen gerade brauchen.

Für Gerling-Kleine-König ist es wichtig: „Das jeder ohne schlechtes Gewissen Ja oder Nein sagen kann, wenn jemand in bestimmten Situationen an seine Grenzen stößt.“ Auch wenn seine Leiterin das Hospiz „auf einem guten Weg“ sieht, macht sie sich keine Illusionen darüber, dass man in der Hospizarbeit Wege und Methoden immer wieder überprüfen und individuellen Bedürfnissen anpassen muss.

Dazu passt auch, dass haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter nicht nur im Gespräch miteinander ihre Arbeit reflektieren, sondern auch regelmäßig eine Supervision bekommen. Letzteres gilt jetzt auch für die ehrenamtlichen Mitarbeiter. „Wir sind sehr dankbar für das Engagement unserer ehrenamtlichen Mitarbeiter. Aber sie müssen auch eine hohe Verbindlichkeit und die Bereitschaft mitbringen, sich mit ihrer eigenen Persönlichkeit und ihrem Verhältnis zum Sterben auseinanderzusetzen“, betont Schreyer.

Für Schmalenbach, die auch als Seelsorgerin „gerne ins Hospiz kommt, weil hier kein Hektik herrscht“, ist es entscheidend zu begreifen, dass jede Arbeit, die im Hospiz haupt- oder ehrenamtlich geleistet wird, wichtig ist, ob am Empfang oder im Gespräch mit Gästen.
 
Dieser Text erschien am 9. November 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Gute Gastgeber auf der letzten Etappe der irdischen Lebensreise: Seit November 2012 werden sterbende Menschen im stationären Hospiz an der Friedrichstraße betreut und begleitet: Eine Zwischenbilanz


Wer das Hospiz an der Friedrichstraße betritt, fühlt sich nicht wie in einer Klinik, sondern wie im Hotel. Das Haus wirkt hell und freundlich. Es gibt gemütliche Wohnzimmer, Küchenzeilen und kleine Apartments. Und auf der Terrasse im ersten Stock laden zwei Strandkörbe dazu ein, sich wie im Urlaub hinzusetzen und den Ausblick auf die Bäume im Park hinter dem alten Patrizierhaus zu genießen. „Das ist für mich Leben“, erinnert sich Klaudia Schmalenbach vom Förderverein des Hospizes an den Satz einer sterbenden Frau, die es in ihren letzten Lebenstagen genoss, wie ein Hotelgast, im Strandkorb auf der Terrasse zu frühstücken. Und wie das in guten Hotel der Fall ist, wurde auch im Hospiz gleich ein zweiter Strandkorb auf die Terrasse gestellt, als man feststellte, wie beliebt diese Sitzgelegenheit mit Aussicht auch bei anderen Gästen ist.

Das Wort Gast fällt immer wieder, wenn die Leiterin des Hospizes, Marie-Luise Gerling-Kleine-König, Krankenhausseelsorgerin Klaudia Schmalenbach und der operative Geschäftsführer des Hospizes, Ulrich Schreyer, über die 160 Menschen sprechen, die im letzten Jahr dort gestorben sind.

„Können wir das überhaupt?“ erinnert sich Schreyer, an die Frage, die ihn immer wieder quälte, als der Tag der Eröffnung im November 2012 näher rückte und plötzlich der erste Gast mit seinem Koffer vor der Tür stand, um in die letze Herberge seiner irdischen Lebensreise einzuziehen.
Ein Jahr danach sagt der Geschäftsführer des Diakoniewerkes Arbeit und Kultur: „Wir können das.“ und: „Das Hospiz ist in der Stadt angekommen.“ Das macht er unter anderem an den rund 150.000 Euro fest, die dem Hospiz im ersten Jahr als Spenden zugeflossen sind. Diese Summe macht ihn zuversichtlich, dass das vom Diakoniewerk und vom Evangelischen Krankenhaus getragene Hospiz auch 2014 seinen 20-prozentigen Eigenanteil von rund 238.000 Euro aufbringen kann.

Doch alle finanziellen, organisatorischen und personellen Fragen, die sich im ersten Jahr des Hospizes nicht nur mit dem Wechsel in der Leitung gestellt haben, spielen für ihn eine untergeordnete Rolle. „Der Gast steht im Mittelpunkt. Auf seine Bedürfnisse muss sich alles konzentrieren, ihm muss sich alles unterordnen. Denn wir betreuen hier Menschen, die sich uns in der schwierigsten Situation ihres Lebens anvertrauen“, betont Schreyer. „Keine Schmerzen, keine Einsamkeit und eine möglichst hohe Lebensqualität.“ Das sind aus seiner Sicht die drei Ziele, an denen alle „auf Augenhöhe und mit einem Höchstmaß an Offenheit und Gesprächsbereitschaft arbeiten müssen.“ Alle: Das sind 15 hauptamtliche Pflegekräfte, 44 ehrenamtliche Mitarbeiter, aber auch die Geschäftsführung und Leitung des Hospizes sowie Ärzte und Apotheker.

„Hospizarbeit denken ist etwas anderes, als Hospizarbeit zu leben. Wir sind ein Haus, in dem man jeden Tag starke Emotionen und auch Verzweiflung erlebt und in dem man die Traurigkeit der Angehörigen mittragen muss. Das muss man aushalten,“ beschreibt Hospizleierin Gerling-Kleine-König die Herausforderung, der sich die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter täglich stellen müssen.“ Damit das funktionieren kann, brauchen haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter aus ihrer Sicht eine „ehrliche Kommunikation,“ aber auch die Fähigkeit sich zurückzunehmen, wenn es darum geht, was Gäste und ihre Angehörigen gerade brauchen.

Für Gerling-Kleine-König ist es wichtig: „Das jeder ohne schlechtes Gewissen Ja oder Nein sagen kann, wenn jemand in bestimmten Situationen an seine Grenzen stößt.“ Auch wenn seine Leiterin das Hospiz „auf einem guten Weg“ sieht, macht sie sich keine Illusionen darüber, dass man in der Hospizarbeit Wege und Methoden immer wieder überprüfen und individuellen Bedürfnissen anpassen muss.

Dazu passt auch, dass haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter nicht nur im Gespräch miteinander ihre Arbeit reflektieren, sondern auch regelmäßig eine Supervision bekommen. Letzteres gilt jetzt auch für die ehrenamtlichen Mitarbeiter. „Wir sind sehr dankbar für das Engagement unserer ehrenamtlichen Mitarbeiter. Aber sie müssen auch eine hohe Verbindlichkeit und die Bereitschaft mitbringen, sich mit ihrer eigenen Persönlichkeit und ihrem Verhältnis zum Sterben auseinanderzusetzen“, betont Schreyer.

Für Schmalenbach, die auch als Seelsorgerin „gerne ins Hospiz kommt, weil hier kein Hektik herrscht“, ist es entscheidend zu begreifen, dass jede Arbeit, die im Hospiz haupt- oder ehrenamtlich geleistet wird, wichtig ist, ob am Empfang oder im Gespräch mit Gästen.
 
Dieser Text erschien am 9. November 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

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