Mittwoch, 10. August 2011

60 Jahre nach ihrem Abitur am städtischen Gymnasium trafen sich sechs ehemalige Klassenkameraden am der heutigen Karl-Ziegler-Schule wieder



Joseph Otterbeck, Karl-Heinz Memmel, Heinz Wilhelm Auberg, Ulrich Grabowski, Hans Bernskötter und Friedrich Heierhoff besuchen an diesem Tag ihre alte Schule, an der sie vor 60 Jahren mit dem Zeugnis der Reife in den Ernst des Lebens entlassen worden sind. Damals war es das städtische Gymnasium, heute die Karl-Ziegler-Schule.Nicht wieder zu erkennenDie alten Herren aus den Jahrgängen 1930 und 1931 erkennen nichts wieder.






Denn ihre alte Schule wurde in den 70er Jahren durch einen Neubau ersetzt, der inzwischen um- und ausgebaut wird, um für die Anforderungen einer modernen Ganztagsschule fit gemacht zu werden. Was sie besonders beeindruckt, ist die technische Ausstattung der neuen naturwissenschaftlichen Fachräume und das breite Fremdsprachenangebot. Spanisch stand bei ihnen damals nicht auf dem Stundenplan. Und Französisch konnte man nur in einer freiwilligen Arbeitsgemeinschaft lernen.Dafür gab es jeweils acht Wochenstunden Latein und Mathematik, drei Wochenstunden Englisch und sechs Wochenstunden Deutsch.






„Wir mussten viel mitschreiben, weil die alten Schulbücher aus der Nazi-Zeit aus dem Verkehr gezogen worden waren“, erinnert sich Auberg.Die ersten Romane nach dem Krieg lasen sie auf Zeitungspapier. Die gab es für 50 Pfennig das Exemplar. „Manchmal haben wir auch auf den weißen Streifen der Tageszeitungen geschrieben, weil das Papier so knapp war“, erinnert sich der vom Bodensee zum Ehemaligentreffen angereiste Karl Heinz Memmel an seine ersten Nachkriegsschuljahre.Damals brachten seine Kollegen und er nicht nur einen Ranzen, sondern auch einen Henkelmann mit zur Schule.






In den wurde während der Pause die Schulspeisung aus Schweden und USA eingeschenkt. Mal gab es Erbsen- mal Biskuitsuppe, mal Haferflocken, mal Kartoffelpüree und manchmal auch ein Maisbrot. „Das Maisbrot schmeckte scheußlich“, erinnert sich Hans Bernskötter, der aus Hamburg gekommen ist, um seine alten Schulkameraden wiederzusehen.WechselschichtWeil die Schulgebäude noch kriegsbeschädigt waren, mussten sich die Schüler des staatlichen und des städtischen Gymnasiums das Schulgebäude an der Schulstraße bis 1947 teilen. Deshalb wurde in Wechselschichten gelernt, mal morgens, mal mittags.An den Unterricht, der damals noch frontal vom Katheder aus erteilt wurde, erinnern sie sich als „streng und diszipliniert.“






Besonders dankbar denken sie an ihren Mathematik und Mechaniklehrer Paul Voigt zurück, der ihnen das kleine Einmaleins des wissenschaftlichen Arbeitens beigebracht hat und dessen Einfluss es zu verdanken gewesen sei, dass dieser Abiturjahrgang des als naturwissenschaftlich geltenden Gymnasiums besonders viele Ingenieure hervorgebracht habe, unter ihnen Auberg, Memmel, Grabowski und den Physiker Otterbeck, während Bernsksötter und Heierhoff als Betriebswirte, Unternehmensberater und Juristen einen anderen Berufsweg einschlugen.Mensch und LehrerGerne erinnern sich die alten Abiturienten auch an ihren Deutschlehrer Walter Engels, der sie mit Thomas Mann und Franz Kafka bekannt machte und der bei den insgesamt 21 Abiturienten des Abiturjahrganges 1951 deshalb so beliebt war, „weil er zuhören, auf uns eingehen konnte und Menschlichkeit ausstrahlte.“ Der Geschichtsunterricht, so erinnert sich Auberg, „hörte damals bei Bismarck auf.“ Die Weltkriege und die Nazi-Zeit waren kein Thema.






Bernskötter erinnert sich aber an einen Englischlehrer, der in Großbritannien studiert hatte und den Schülern abseits des Lehrplans über die englische Demokratie und ihre historische Wurzeln berichtete. „Wir verließen die Schule mit einem guten Gefühl und dem festen Entschluss zu studieren , auch wenn einige vorher noch eine Ausbildung gemacht haben“, erinnert sich Otterbeck an die gemeinsame Schulentlassung. Über die berichtete damals auch die Lokalpresse und zitierte den Klassenlehrer des Abiturjahrgangs mit den an seine Schüler gerichteten Worten: „Werden Sie eine Persönlichkeit. Es kommt nicht darauf an, welchen Beruf Sie ergreifen, sondern wie Sie ihn ausüben.“






Dieser Text erschien am 28. Juli 2011 in NRZ und WAZ

Sonntag, 10. Juli 2011

Vorbeugen ist besser als verurteilen: Deshalb erleben Schüler an der Hauptschule Bruchstraße, wie es sich anfühlt, wenn man vor Gericht steht



Vom Schüler zum Staatsanwalt. Diese ungewöhnliche Karriere macht Nikolaj aus der sechsten Klasse der Hauptschule an der Bruchstraße an diesem Morgen. Und er merkt gleich, dass es gar nicht so leicht ist, die im besten Juristendeutsch verfasste Anklageschrift unfallfrei vorzutragen. Aller Anfang ist schwer. Doch dann klappt es immer besser.










„Das war nicht so leicht, viele neue Wörter vorzulesen, die ich gerade erst kennen gelernt hatte“, gibt Nikolaj später zu. Wörter, wie Strafzumessung, Beweismittel oder Angeschuldigter benutzt ein Sechstklässler ja auch nicht jeden Tag.Doch Nikolaj ist an diesem Schultag Teil einer Gerichtsverhandlung, die er mit seinen Klassenkameraden nachspielt. Und so wird aus seiner Mitschülerin Melissa im juristischen Rollenspiel der Schüler Steffen, der vor Gericht steht, weil er seinem Mitschüler Daniel bei einem Streit buchstäblich zwischen Tür und Angel den Arm gebrochen hat. Auch Davina, die trotz vorgeschriebenem Manuskript, frei spricht, spielt als Zeugin Hilal eine zentrale Rolle und gerät zwischenzeitlich sogar unter Verdacht, selbst an der Tat beteiligt gewesen zu sein.










Nur der Richter ist bei dieser Gerichtsverhandlung echt. Benno Braun war bis zu seiner Pensionierung Jugendrichter am Amtsgericht Gelsenkirchen. Jetzt spielt der 69-Jährige seinen alten Beruf regelmäßig und detailgetreu an Schulen nach. „Es macht Freude, den Schülern Neuland zu erschließen und meine Erkenntnisse, die ich über Jahrzehnte gesammelt habe, weiterzugeben. Ich möchte den Schülern zeigen, dass es sich nicht lohnt, Konflikte mit Gewalt zu lösen. Wenn ich nur einen Schüler so davon abhalten kann, straffällig zu werden, hat sich der Einsatz schon gelohnt“, erklärt Braun seine Motivation. Auch wenn der pensionierte Jurist, der über das Centrum für bürgerschaftliches Engagement zur Hauptschule an der Bruchstraße kam, zugibt, dass die Sechstklässler noch etwas jung sind, um den Lerneffekt der nachgespielten Gerichtsverhandlung vollends zu erfassen, kennt er aus seiner Berufspraxis viele Fälle, in denen Zwölf- und Dreizehnjährige gezielt Straftaten begangen haben, weil sie wussten, dass sie erst mit 14 Jahren strafmündig werden. Deshalb plädiert er auch dafür, die Altersgrenze der Strafmündigkeit auf 13 Jahre herunterzusetzen.










Den Schülern von der Bruchstraße wird an diesem Vormittag schnell klar, dass eine Gerichtsverhandlung kein Kinderspiel ist. Gleich zu Beginn lernen sie, dass man aus Respekt vor dem Gericht aufsteht, wenn Richter und Schöffen den Raum betreten. Auch spöttische Zwischenbemerkungen maßregelt der Richter sofort. Zwar hat Nikolaj als Staatsanwalt die textlastigste Rolle. Doch auch seine Mitschüler und Mitspieler merken während der eineinhalbstündigen Verhandlung, wie anstrengend die detaillierte Befragung durch einen Richter sein kann, bei der jede Kleinigkeit, auch aus dem Privatleben auf den Tisch kommt, um den Hintergrund des Tathergangs zu erhellen. Immer wieder müssen sie konzentriert zuhören oder präzise formulieren.










Für Melissa steht nach der Verhandlung, fest, „dass man immer gleich die Wahrheit sagen sollte, um sich Ärger zu ersparen.“ Und ihre Mitschülerin Davina hat beim Gerichtsspiel gelernt: „Was aus so einem Streit werden kann und das man sich besser nicht provozieren lässt.“ Deutschlehrerin Christna Thomas, die das juristische Rollenspiel angeregt hatte und Klassenlehrer Lothar Jankowski sind sich nach der Urteilsverkündung einig, dass ihre Schüler „dafür sensibilisiert worden sind, was aus Gewalt entstehen kann und das eine Körperverletzung keine Lappalie ist.“










Dieser Text erschien am 7. Juli 2011 in NRZ und WAZ

Dienstag, 5. Juli 2011

Bei der Weltmeisterschaft sind die deutschen Fußball-Frauen auf der Erfolgsspur: Aber wie ist es um den Mülheimer Frauenfußball bestellt?

Kaum zu glauben, dass Frauenfußball bis 1970 beim Deutschen Fußballbund Tabu war. Inzwischen ist die Frauennationalmannschaft als mehrfache Welt- und Europameisterin ein Aushängeschild des deutschen Fußballs. Am Samstag steht sie bei der Frauen-WM im eigenen Land gegen Japan im Viertelfinale. Viele schauen auf die Nationalkickerinnen und drücken die Daumen, damit es mit dem dritten Titel in Folge klappt.

Doch wie sieht es mit dem Frauen- und Mädchenfußball in Mülheim aus?Gisela Schmitz kennt sich aus. Über ihren Sohn zum Fußball gekommen, engagiert sie sich seit 20 Jahren als Vorstandsfrau im Verband Mülheimer Fußballvereine sowie im Fußballverband Niederrhein und im Westdeutschen Fußballverband, dessen Vize-Vorsitzende sie ist.„Der Mülheimer Mädchen- und Frauenfußball stagniert. Wir hatten mal über 20 Prozent Zuwachs pro Jahr. Das gibt es nicht mehr“, sagt Schmitz.

Sie kann sich zwar vorstellen, dass die Frauenfußballweltmeisterschaft zu einem gewissen Schub für den lokalen Frauenfußball führen könnte. Doch ihr Erwartungen in diese Richtung sind nicht euphorisch. Gerade mal drei von 16 Mülheimer Fußballvereinen, der Turnerbund Heißen, der MSV 07 und der TSV Heimaterde, haben Frauen- oder Mädchenmannschaften. Die Zahl der aktiven Fußballerinnen schätzt sie auf etwa 200, die durchschnittliche Zuschauerzahl bei Frauenfußballspielen mit Mülheimer Beteiligung auf 50 bis 70. Dabei spielen die Fußballdamen des Turnerbundes Heißen immerhin in der Niederrheinliga und damit in der vierthöchsten Spielklasse.

Außerdem erinnert sich die Fußballfachfrau an eine Frauenmannschaft beim Post SV, die unter ihrem Trainer Bernd Brattge in den 70er und 80er Jahren sehr erfolgreich spielte. Nur kurzlebig war dagegen die 1978 gegründete Frauenmannschaft von Rot Weiß Mülheim. Das gleiche Schicksal erlitt die Mädchenmannschaft des Tuspo Saarn. Warum hat es der Frauenfußball in Mülheim so schwer? „In vielen Vorständen gibt es noch alte Zöpfe. Das Potenzial der Mädchen und Frauen bei der Mitgliedergewinnung ist leider noch nicht überall erkannt worden.

Vielleicht führt die Frauen-WM da zu einem Umdenken“, analysiert Schmitz die Lage.Das oft gehörte Argument, es fehle an Umkleidekabinen und Toiletten für Frauen, hält sie für vorgeschoben. Schmitz weiß aus Erfahrung, dass sich auch manche Trainer mit Frauen und Mädchen schwertun, „weil die gerne alles hinterfragen und genau wissen wollen, warum sie was wie machen sollen.“ Die meisten Eltern, so Schmitz, hätten heute kein Problem mehr damit, wenn ihre Tochter kickt. Und für die Mädchen selbst sei „Fußball heute ein Sport, wie jeder andere.“

Bliebe aus gegebenem Anlass noch die Frage, ob die deutsche Mannschaft im eigenen Land ihren dritten WM-Titel holen kann: „Das wird kein Selbstläufer für Deutschland“, sagt Schmitz und sieht neben den Asiatinnen auch die Französinnen, die Brasilianerinnen und die Amerikanerinnen als mögliche Titelaspirantinnen.

Dieser Text erschien am 25. Juni 2011 in der NRZ

Sonntag, 3. Juli 2011

Gut 200 Katholiken, denen ihre Kirche am Herzen liegt, diekutierten in St. Barbara über deren Weg aus der Krise und in die Zukunft




Wenn Katholiken sich in einer Kirche versammeln, wird in der Regel gebetet. Als sich am Dienstagabend gut 200 Katholiken in der Dümptener Barbarakirche versammeln, wird auch gebetet. Doch der Zweck der Zusammenkunft, zu der Katholiken- und Diözesanrat eingeladen haben, ist, mit der Kirche ins Gebet zu gehen. Zwei Stunden diskutieren Menschen, die sich in der Kirche engagieren und beheimatet fühlen darüber, wie ihre Kirche wieder anziehender, lebendiger und glaubwürdiger werden kann. Dass trotz hochsommerlicher Temperaturen so viele Menschen zum Kirchendialog gekommen sind, werten der Katholikenratsvorsitzende Wolfgang Feldmann und Stadtdechant Michael Janßen als ein gutes Zeichen dafür, dass "Kirche und Glauben den Menschen noch am Herzen liegen".






Was aber auffällt, ist das Fehlen ganz junger Gesichter. "Ich fühle mich hier schon als jung", sagt eine Frau in den Vierzigern. Für einen katholischen Vater aus Selbeck lautet die entscheidende Zukunftsfrage seiner Kirche: "Was wird unsere Jugend glauben und wie können wir die Fundamente unseres Glaubens auf sie übertragen?" Hans-Theo Horn aus Saarn sieht sie Kirchenkrise vor allem als "Glaubens- und Glaubwürdigkeitskrise." Er wünscht sich nicht nur einen Papst, der sich davon überzeugen lässt, dass es auch ein Priesteramt ohne Zölibat und eine Kommunion mit wiederverheirateten Geschiedenen geben kann, sondern auch "eine Kirche, in der es mehr um Begegnung als um Mitgliedschaft geht." Niederschwellige City- und Jugendkirchen sind für ihn das pastorale Gebot der Stunde.Applaus bekommt Gerda Kaufmann aus als Speldorf, als sie "mehr Chancen und eine stärkere Mitwirkung der Frauen in der Kirche" fordert und später auch zu bedenken gibt, ob man konfessionell gemischten Familien nicht auch die gegenseitige Teilnahme an Kommunion und Abendmahl gestatten sollte. "






Die Ökumene wird nicht wirklich vorangetrieben", beklagt auch Kolpingbruder Theo Niess aus Heimaterde. Applaus bekommt er, als er transparentere Entscheidungsprozesse und mehr Mitwirkungsrechte der Laien fordert, sei es bei der Wahl eines Bischofs oder bei der Entscheidung über die Umstrukturierung von Gemeinden."






Die Kirche muss die Menschen stärker mitnehmen und einbinden. Außerdem brauchen die Kirchenvorsteher der Gemeinden mehr Handlungsfreiheit", glaubt Rolf Hohage aus Saarn. Eine Frau aus der Broicher Gemeinde Herz Jesu ist davon überzeugt, dass ihre Kirche nur bestehen kann, wenn sie sich "zu einer ganz anderen Offenheit gegenüber den Jugendlichen" durchringt, "um diese mitzunehmen und für den Glauben zu begeistern.""So geht es auf keinen Fall weiter", sagt der Dümptener Grundschulrektor Andreas Illigens mit Blick auf den Priestermangel und eine katholische Jugendarbeit, "die vor die Hunde zu gehen droht", weil sie keine Impulse mehr durch das aufgelöste Katholische Jugendamt bekommt.






Wie Illigens glauben viele Diskussionsteilnehmer, dass der akute Seelsorgermangel in der katholischen Kirche nur dann aufgelöst werden kann, wenn die Kirche künftig auch verheiratete Männer und Frauen zum Priesteramt zulässt und darüber hinaus auch qualifizierten Laien mehr Seelsorgeaufgaben zutraut.Jochen Schulte aus Stadtmitte warnt beim Thema Seelsorge davor, die alten und kranken Menschen in Kliniken und Altenheim zu vergessen, die nicht mehr zur Kirche kommen können. Kritisch sieht er den Rückzug seiner Kirche aus Kindertagesstätten, durch die Schließung ihres Jugendamtes oder durch die Einsparung ihrer Öffentlichkeitsarbeit, weil sie dadurch die Chance verliere, auch kirchenferne Menschen anzusprechen.






Überhaupt zweifelt er, "ob unsere Kirche den Stresstest in Sachen Nächstenliebe überall bestehen würde." Auch Meinolf Demmel aus Styrum glaubt, dass die katholische Kirche nur durch das aktive Vorbild ihrer Gläubigen: "Guck mal, wie die miteinander umgehen" wieder an Glaubwürdigkeit gewinnen kann, sei es durch lokale Bibelkreise, Gemeindefeste oder auch konkrete Alltagshilfen im eigenen Wohnviertel. Der Saarner Hohage sagt es so: "Wenn wir auf die Menschen zugehen und ihnen zeigen, dass wir uns darüber freuen, dass sie da sind, kommt unsere Kirche auch wieder in die Gänge."




"Wir erwarten schon eine nachhaltige Resonanz auf unsere Vorschläge und Anregungen", machte der Vorsitzende des Katholikenrates, Wolfgang Feldmann, mit Blick auf die Ergebnisse des Kirchendialogs am Dienstag in St. Barbara deutlich. Diesen Dialog sieht der aus Mülheim stammende Vorsitzende des Diözesanrates, Luidger Wolterhoff, der die Veranstaltung moderierte, als "ein wichtiges Transportband, um unseren Dialog mit den Bischöfen zu gestalten."Der Katholikenratschef Feldmann nutzte den Kirchendialog in St. Barbara auch dazu, um die Gründung eines Fördervereins anzukündigen, der die Arbeit der katholischen Ladenkirche am Kohlenkamp absichern soll.






Dieser Beitrag erschien am 30. Juni 2011 in der NRZ

Montag, 27. Juni 2011

Seit 65 Jahren in der politischen Diaspora aktiv: Die CDU im Mülheimer Norden will nicht zur Ruhe kommen



Mit 65 Jahren geht man normalerweise in den Ruhestand. So alt ist jetzt auch der CDU-Ortsverband Nord. „Doch wir werden mit 65 nicht zur Ruhe kommen. Denn wir haben zwar viel unternommen, aber längst noch nicht alles erreicht. Und wir haben noch viel Energie“, sagte die Ortsverbandsvorsitzende und Ratsfrau Ursula Schröder am Freitag beim Geburtstagsfest im Gemeindehaus am Steigerweg. Künftig möchte sie den Ortsverband noch stärker als bisher für an einer Mitarbeit interessierte Bürger öffnen.




Schröder, die den Ortsverband Nord seit 2002 führt, macht sich keine Illusionen darüber, dass die Stadtteile Winkhausen, Eppinghofen, Papenbusch und Mellinghofen für die CDU eine politische Diaspora darstellen, die aus ihrer Perspektive "dunkelrot" ist. Dabei war der Norden in der Gründungsphase der CDU mit 91 "Aufnahmen" der mitgliederstärkste Ortsverband, der in der Spitze bis zu 140 Mitglieder zählte. "Wenn wir hier bei einer Wahl zwei oder drei Prozent dazu gewinnen, ist das für uns schon ein großer Sieg", betont Schröder. Wenn der Ortsverband, der heute 89 Mitglieder hat, Stadtverordnete stellt. dann werden sie nicht direkt gewählt, sondern ziehen über die Reserveliste ihrer Partei in den Rat ein.






Ursula Schröder, die sich zusammen mit ihren Kollegen aus dem Ortsverbandsvorstandsvorstand bei Stadtteilrundgängen ein Bild über aktuelle Probleme macht, ist das 15. Ratsmitglied, das seit 1956 für den Ortsverband Nord ins Stadtparlament eingezogen ist. Auf der aktuellen Agenda der Nord-CDU stehen neben dem Dauerbrenner Sauberkeit und Ordnung unter anderem Instandsetzungsmaßnahmen an Einfallstraßen, der Ausbau der Übermittagbetreuung an der Realschule Mellinghofer Straße, die Schaffung von Nahversorgungszentren in der Papenbusch-Siedlung. der Naturschutz im Winkhauser Tal, die Bebauung des Klöttschens und die Überplanung der alten Feuerwache an der Aktienstraße.






Der Kreisparteivorsitzende Andreas Schmidt, der seine politische Laufbahn mit 18 Jahren als Schriftführer des Ortsverbandes Nord begonnen hatte, nahm die kommunalpolitisch aktiven Bürger aller Parteien bei der Jubiläumsfeier im Gemeindehaus am Steigerweg ausdrücklich in Schutz: „Es ist immer leichter, auf den Golfplatz zu gehen und alles zu kritisieren, als es selbst besser zu machen “, betonte er. Der aus Eppinghofen stammende Oberbürgermeister Hagens, Jörg Dehm, dessen politischer Werdegang ebenfalls im Vorstand der CDU-Nord begonnen hatte, sprang für die ehrenamtlichen Kommunalpolitiker in die Bresche. „Sie sind weder korrupt noch dumm und arbeiten in ihrer Freizeit Hunderte von Vorlagen durch“, unterstrich der Hagener OB.






Er machte deutlich, dass seine erste und zweite Heimatstadt vor vergleichbaren Herausforderungen stehen, wenn es darum geht, Schulden abzubauen und die kommunale Infrastruktur dem demografischen Wandel anzupassen.Trotz „permanenter Mangelverwaltung“ ist Dehm davon überzeugt, „dass Kommunalpolitik auch Freude machen kann, wenn es uns gelingt, die Bürger mit ins Boot zu holen und ihre Lebensbedingungen an der einen oder anderen Stelle zu verbessern.“






Dehm bekannte sich angesichts der kommunalen Verschuldung zur finanzpolitischen Eigenverantwortung der Städte, machte aber auch deutlich, dass die Kommunen ihre Probleme nur mit Hilfe von Bund und Land lösen könnten.


Text zu diesem Thema erschienen am 16. Juni und am 23. Juni 2011 in NRZ und WAZ

Sonntag, 26. Juni 2011

In Dümpten will man sich nicht damit abfinden, dass die Grundschule an der Gathestraße geschlossen wird




Seit 140 Jahren lernen Kinder in der Schule an der Gathestraße. Eines von ihnen war die heutige NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Doch wenn es nach den Vorschlägen der Schulverwaltung geht, sollen die Schuljahre an der Gathestraße gezählt sein. Die Dümptener Grundschule steht im Rahmen der kommunalen Bildungsentwicklungsplanung zur Disposition. Das letzte Wort hat der Rat. Nach der Sommerpause soll entschieden werden.Am Samstag meldeten sich Eltern der Gathestraße zu Wort.






Beim Sommerfest der Werbegemeinschaft WIK und des Dümptener Bürgervereins, das in diesem Jahr auf dem Schulhof an der Gathestraße stattfand, sammelten sie Unterschriften für den Erhalt der Schule. Innerhalb einer Stunde kamen 300 davon zusammen."Es wäre sehr schade, wenn diese Schule geschlossen würde. Dann könnten die Kinder nicht mehr gemeinsam zur Schule gehen, sondern müssten morgens zu einer anderen Schule gefahren und nachmittags wieder abgeholt werden. Damit würde ihnen eine wichtige Erfahrung für ihre Entwicklung genommen", findet Antje Kocks. Sie unterschreibt den Appell zum Erhalt der Traditionsschule an diesem Nachmittag ebenso wie Claire Kleiner. Sie sagt: "Diese Schule war für uns immer ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens. Hier haben unsere Kinder nicht nur gemeinsam gelernt. Hier konnten sie auch nachmittags in einem geschützten Raum spielen, weil gleich neben der Schule auch ein Spielplatz ist.






Bei einer Schulschließung würde den Menschen im Stadtteil ein Stück Heimat genommen."Als Mütter, deren Kinder bereits die vierte Grundschulklasse besuchen, wären Kleiner und Kocks nicht mehr persönlich von einer Schließung betroffen.Anders ist das für Elternvertreterin, Nicole Kunze, deren Kind die erste Klasse besucht und vor allem für die 37 Eltern, die ihr Kind für das kommende Schuljahr an der Gathestraße angemeldet hatten. Sie könnten bei einer Schließung nicht mehr davon ausgehen, dass ihre Kinder die Grundschulzeit an der Gathestraße beenden können."Die Menschen sind sofort bereit, zu unterschreiben, weil sie sich auch fragen, was hier hin käme, wenn die Schule geschlossen würde", schildert Kunze die spontane Resonanz auf ihre Unterschriftensammlung. Sie weist darauf hin, dass das alte Schulgebäude an der Straße unter Denkmalschutz steht.






Auch mit Blick in die Zukunft wäre eine Schulschließung an der Gathestraße aus ihrer Sicht kontraproduktiv, weil im Rahmen des 100-Häuser-Programms an der Sellerbeckstraße 40 neue Häuser für Familien mit Kindern im Grundschulalter gebaut würden. "Die anderen Schulen könnten unsere Schüler gar nicht alle aufnehmen", glaubt auch der Schulpflegschaftsvorsitzende Frank Denkhaus und verweist auf weitere Neubaumaßnahmen im Bereich Auf dem Bruch. "Das ist ein wichtiger Mittelpunkt von Unterdümpten. Wir haben hier eine sehr familiäre Atmosphäre. Hier geht jeder gerne hin", beschreibt Denkhaus das Profil der Schule, die er sich mit ihrem barrierefreien Schulhof und ebenerdigen Klassenräumen im Erdgeschoss des Altbaus auch als geeigneten Standort für gemeinsames Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung vorstellen könnte.






Auch der Erhalt als Außenstelle einer anderen Grundschule wäre für die beiden Elternvertreter denkbar.Mit dieser Option könnte auch Rektor Hans Gerd Krimphove leben. Er könnte sich seine Schule, die in Dümpten als Kontaktschule für die Integration von Flüchtlingskindern zuständig ist, auch als Schwerpunktschule für die Förderung von Kindern aus Zuwandererfamilien vorstellen. Derzeit haben 35 Prozent der rund 170 Grundschüler an der Gathestraße einen Migrationshintergrund.Das mögliche Aus für seine Schule überrascht Krimphove außerdem deshalb, weil die Schule auch Kinder aus anderen Bezirken aufnimmt und ihr neuer Gebäudeteil erst im vergangenen Jahr mit neuen Fenstern und einer neuen Toilettenanlage ausgestattet worden ist.






Unterstützung bekommen Eltern, Lehrer und Kinder der Grundschule an der Gathestraße vom Dümptener Bürgerverein. Dessen Vorsitzender Bernd Lüllau hat sich in einem Brief an Schuldezernent Peter Vermeulen für einen zweizügigen Erhalt der traditionsreichen Schule ausgesprochen. Lüllau weist in diesem Zusammenhang auch darauf hin, dass im Rahmen der Bildungsentwicklungsplanung ein zweizügiger Schulneubau an der ebenfalls traditionsreichen Trooststraße erwogen wird. Diese Option muss aus Lüllaus Sicht auch für den Grundschulstandort in Dümpten in Betracht gezogen werden.Außerdem kann sich der Vorsitzende des Dümptener Bürgervereins vorstellen, dass die Grundschule an der Gathestraße künftig durch den Anschluss eines Familienzentrums und eines Vorschulkindergartens aufgewertet werden könnte.






Dieser Text erschien am 20. Juni 2011 in der NRZ

Freitag, 24. Juni 2011

Rückblick: Als die Zillertalbahn vor 40 Jahren an die Ruhr kam, waren nicht nur die Mülheimer begeistert

Wie bekommt man Leute in die Stadt und macht Mülheim über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Das ist eine gute Frage, mit der sich heute nicht nur die Stadtmarketing- und Tourismusgesellschaft MST beschäftigt. Eine Antwort lautet: „Man muss Anziehungspunkte schaffen, die Menschen begeistern.“ Genau das tat man vor 40 Jahren, als der Mülheimer Verkehrsverein im Mai 1971 die Zillertalbahn für zwei Wochen ins Ruhrtal holte. Oberbürgermeister Heinz Hager, Oberstadtdirektor Heinz Heiderhoff, Hauptamtsleiter Kurt Wickrath und Presseamtsleiter Günter Ader stießen mit ihrer Idee nicht nur auf Zustimmung. Kritiker befürchten ein Zuschussgeschäft.

Doch die Eisenbahnfans im Rathaus setzten sich durch und stießen beim Freundeskreis der Zillertalbahn und dem Fremdenverkehrsverband des Zillertales mit ihrer Idee auf Gegenliebe.Die Ruhrstädter hofften auf eisenbahnbegeisterte Touristen aus ganz Nordrhein-Westfalen und die Zillertaler auf Touristen aus dem Ruhrgebiet. Beide Seiten werden nicht enttäuscht.Zehntausende, unter ihnen auch viele Medienvertreter aus Nah- und Fern pilgerten ins Ruhrtal, um über die alte Dampflok (Baujahr 1900) zu berichten und diese zu bestaunen, die auf einer 600 Meter langen Trasse zwischen Schloßbrücke und Luisental pendelte.

Anziehende NostalgieKleine und große Eisenbahnnostalgiker kamen vom 1. bis 16. Mai 1971 voll auf ihre Kosten. Die NRZ schätzte die Zahl der Fahrgäste auf 75 000 Menschen. Doch die Zahl der schaulustigen Eisenbahnfans, die die alte Zillertalbahn an der Ruhr fahren sehen und bestaunen wollten, ging weit über diese Zahl hinaus. Allein an den ersten drei Tagen, an denen die Dampflok ihre drei „schokoladenbraunen Wagen“ durch die Ruhranlagen zog, schätzte man die Zahl der Besucher auf 100 000.„Wir machen es hier spannender als bei der englischen Königin“, scherzte Lokführer Hans Oberholzer damals angesichts des großen Aufsehens, dass er mit seiner gerade mal zehn km/h schnellen Zillertalbahn an der Ruhr erregte.

Die viereinhalbminütige Fahrt kostet e eine Mark. Kinder waren für die Hälfte dabei. Die Geschäftsleute der Innenstadt hatten bereits vorab einige 1000 Fahrkarten gekauft, die sie an ihre Kunden und deren Kinder verteilten. „Das ist die beste Werbeaktion, die wir je durchgeführt haben“, sagte Valentin Reicheneder vom Werbering Innenstadt damals der NRZ.Bei der Probefahrt mit Pressevertretern fühlte sich der NRZ-Reporter an den „feurigen Elias“ erinnert, eine Dampflok, die nach dem Krieg bei der Trümmerbeseitigung eingesetzt worden war. Sein Resümee: „Die Zillertalbahn absolvierte ihre Generalprobe mit viel Glanz und Dampf.“Der organisatorische und finanzielle Aufwand hatte sich gelohnt. Das zeigte schon der erste Tag, an dem die historische Zillertalbahn, die auch schon mal als „schwarzer Star aus Tirol“ beschrieben wurde, durch die Ruhranlagen schnaufte. Die NRZ schrieb damals: „Das hat es in Mülheim noch nicht gegeben, ein Volksfest in den Ruhranlagen. Die fröhliche Jungfernfahrt der Zillertalbahn brachte am Samstagnachmittag die gesamte Stadt auf die Beine. Von der Schloßbrücke bis zum Luisental, überall grenzenlose Begeisterung über die alte Schnauferlok.“

Oberbürgermeister Heinz Hager freute sich nach der ersten Fahrt mit der Zillertalbahn „über die erste Eisenbahnstrecke, die ich in meinem Leben eröffnen durfte.“ Und der Direktor des Fremdenverkehrsverbandes, Erich Heiß, fragte sich mit dem Ausblick auf die Weiße Flotte, „ob man im Zillertal nicht darüber nachdenken sollte, Urlaubsreisen ins Ruhrgebiet auszuschreiben.“

Die Zillertalbahnfahrten an der Ruhr wurden übrigens von der Post mit einem Sonderstempel gewürdigt und durch ein Festprogramm mit Musikkapellen, Chören und einem Tiroler Heimatabend mit Schuhplattlern und Jodlern flankiert.Am Tag, nachdem die Bahntrasse im Ruhrtal demontiert und die Dampflok aus dem Zillertal abtransportiert worden war, schrieb die NRZ fast wehmütig: „Das große Spiel der Kleinen und Großen mit der kleinen Eisenbahn ist aus. Den Mülheimern wird die Zillertalbahn ewig in heiterer Erinnerung bleiben. Viele haben versprochen, sie schon bald im Zillertal zu besuchen.“

Dieser Text erschien am 17. Mai 2011 in der NRZ

Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...