Dienstag, 24. August 2010

Was Sport und Kirche voneinander lernen können: Ein Gespräch mit Pfarrer und Tischtennisspieler Wolfgang Sickinger


Wer könnte fachkundiger über die Zusammenhänge von Sport und Religion Auskunft geben als Pfarrer Wolfgang Sickinger, der in seiner Freizeit beim TSV Heimaterde oder zuletzt beim Ruhr-2010-Stilleben auf der A 40 Tischtennis spielte. Für die NRZ befragte ich ihn zum Doppelpass zwischen Sport und Religion.

Was können Pfarrer von Sportlern lernen und umgekehrt?
Von Sportlern können wir als Pfarrer die Konzentration auf ein Ziel lernen: wie Sportler einen Wettkampf, ein Turnier, ein Spiel gewinnen wollen und sich dafür vorbereiten. So könnten Pfarrer mit der Gemeinde oder für ein Projekt gezielt auf ein Ergebnis hinarbeiten und versuchen, dafür die Voraussetzungen zu schaffen, so weit das möglich ist. Gemeinsam Ziele erreichen zu wollen ist auch in der Kirche sinnvoll. Umgekehrt könnten Sportler von Pfarrern lernen, dass Fitness und Pokale nicht das Wichtigste im Leben sind. Jesus sagt: Was würde es dem Menschen helfen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?

Tun Leibesübungen auch der Seele gut?
Eindeutig ja: Bewegung an frischer Luft, sportliche Aktivität, ein erfolgreicher Wettkampf können zum seelischen Gleichgewicht beitragen, nicht allein, aber als eine Ursache von mehreren.

Kann Sport zu einer Ersatzreligion werden?
Leider ja. Das sieht man an Auswüchsen mancher Fußballfans im Ruhrgebiet. Bettwäsche in den Vereinsfarben kann ich noch verstehen, aber wenn ich auf dem Friedhof auf einem Grabstein ein Vereinsabzeichen sehe und sonst nichts, wäre mir als Ausdruck der Hoffnung über den Tod hinaus ein Kreuz oder ein Bibelwort einleuchtender. Schalke oder BVB können mich als Fan zwar zum Jubel über die Meisterschaft bringen, aber nicht in den Himmel. Es ist interessant, dass es in 14 Bundesligastädten christliche Fußball-Fan-Vereinigungen gibt, die im Stadion ihren Verein anfeuern, aber auch vom Glauben an Gott erzählen können und Gewalt und übermäßigen Alkoholkonsum ablehnen.

Dieser Text erschien am 20. August in der NRZ

Sonntag, 22. August 2010

Wo und wie der Mensch und seine Kollege Computer eine zweite Chance bekommen


Ruhestand. Manche Menschen nehmen ihn wörtlich und wollen als Rentner in Ruhe gelassen werden. Die 180 in dem 2005 gegründeten Netzwerk der Evangelischen Kirchengemeinde Saarn aktiven Ruheständler lassen es zwar auch ruhig angehen, sind aber weiter offen für neue Menschen, neue Aktivitäten und neue Ideen. Gemeinschaft und Engagement werden ganz unspektakulär gepflegt und entfalten so ihren menschlichen Mehrwert.


So machen auch die Computer-Cracks, die ihre Netzwerkgruppe vor fünf Jahren aus der Taufe hoben, ihr gemeinsames Hobby für andere Menschen fruchtbar, indem sie zum Beispiel im Gemeindezentrum der Christuskirche am Lindenhof Computerkurse für Senioren anbieten oder bei ihrem wöchentlichen Treff, jeweils mittwochs von 11 bis 13 Uhr, gerne Fragen rund um Hardware und Software beantworten. Von ihrer neuesten Idee, alte Computer mit Festplatten, Soundcards und Co neu aufzurüsten, um sie dann Menschen zu spenden, die einen Computer brauchen, aber nicht bezahlen können, kam jetzt als erstes den Bewohnern im Haus Engelbert, das zur Selbecker Fliednerstiftung gehört, zugute.


Die Idee funktioniert natürlich nur dann, wenn die Netzwerker ausgediente Rechner und entsprechendes Zubehör gespendet bekommen, das sie aufarbeiten können. PC-Netzwerker Werner Rausch hatte das Glück des Tüchtigen. Er bekam von seinem ehemaligen Arbeitgeber. der nicht genannt werden möchte, fünf pensionierte „Computer-Kollegen“ zur Wiederverwendung. Mit frischer Festplatte und neuer Soundkarte ausgerüstet konnten Rausch und seine Netzwerk-Kollegen Rudolf Eschenberg, Andrea Ruckelshaus und Gemeindediakonin Ragnhild Geck sie im Haus Engelbert abliefern. So wie die alten Computer dort eine zweite Chance bekommen, so bereiten sich auch die derzeit 32 Menschen mit einer Suchtkrankengeschichte auf ihre zweite Chance für ein selbstständiges Leben ohne Suchtmittel vor.


„Wenn wir unsere Bewohner für das ganz normale Leben draußen fit machen wollen, dann schließt das natürlich auch den Umgang mit modernen Kommunikationsmitteln wie Computer und Internet ein“, betont der Leiter des soziotherapeutischen Zentrums, Dieter Bork. Damit dieses Ziel erreicht werden kann, bietet Gruppenleiter und EDV-Fachmann Holger Kischel für die Bewohner von Haus Engelbert regelmäßig Kurse im Seminarhaus der Fliednerstiftung an.Einer der seiner Kursteilnehmer, der 41-jährige Erik M., der den ersten Netzwerk-Computer in Empfang nahm, steht mit seiner Leidensgeschichte, zu viel Arbeit und zu viel Stress, die in einer Alkoholabhängigkeit und Angststörungen mündeten, für eine wachsende Zahl gerade jüngerer Menschen, die nach einem klinischen Entzug „trocken“ sind und jetzt im Haus Engelbert neue Kräfte, neue Einsichten und neues Selbstbewusstsein für den Neustart in die persönliche Selbstständigkeit tanken. Den alte neuen Kollegen Computer empfindet Erik dabei als nützlichen Motivationsschub auf seinem Weg zurück ins Berufsleben.


Wer die Computer-Doktoren des Saarner Netzwerks mit einer Sachspende, vom Rechner bis zur Festplatte oder ganz persönlich unterstützen will, kann sich unter  48 91 20 mit Werner Rausch in Verbindung setzen. Internetinformationen zum Haus Engelbert gibt es unter der Adresse: http://www.engelbert.fliedner.de/


Dieser Text erschien am 19. August 2010 in NRZ und WAZ

Samstag, 21. August 2010

Heinz und Hilde Schmidt betreuen seit 40 Jahren ehrenamtlich den Seniorentreff des Roten Kreuzes an der Prinzeß-Luisen-Straße in Broich


Nehmen wir an: Sie sind 30, haben eine Familie gegründet und stehen mitten im Beruf. In dieser Situation bietet Ihnen jemand eine ehrenamtliche Tätigkeit für die nächsten 40 Jahre an. Sicher lehnen Sie dankend ab und erklären den Anbieter für verrückt.Doch auf dieses Abenteuer haben sich Heinz und Hilde Schmidt vor 40 Jahren eingelassen. Heinz arbeitete damals beim werksärztlichen Dienst der Mannesmann Röhrenwerke und engagierte sich neben seinem Beruf ehrenamtlich als Sanitäter beim Deutschen Roten Kreuz (DRK). Hilde hatte als junge Mutter von zwei kleinen Jungs zu Hause alle Hände voll zu tun. In dieser Situation wurden die beiden Eheleute von der damaligen DRK-Geschäftsführerin Herta von Knoblauch gefragt, ob sie nicht den neuen DRK-Seniorentreff an der Prinzeß-Luisen-Straße betreuen wollten: „Das ist nicht viel Arbeit. Sie müssen nur Kaffee kochen und sich ein bisschen mit den Leuten unterhalten. Ihre Butterbrote bringen sich die Besucher selber mit“, hieß es damals.


Und weil die Schmidts das Herz am rechten Fleck haben, sagten sie zu. „Wir wussten damals gar nicht, worauf wir uns da einlassen“, sagen sie heute. Doch das klingt nicht so, als würden sie ihre Entscheidung von damals bereuen. Im Gegenteil: Wer sich mit den Schmidt über ihre ehrenamtliche Arbeit unterhält, in die sie nach eigener Schätzung 70 bis 80 Stunden pro Woche investieren, vergisst man schnell, dass die beiden inzwischen ein Alter erreicht haben, in dem sie selbst einen Seniorentreff besuchen könnten statt einen zu leiten.Eine Lebensaufgabe „Das ist für uns ein Lebenselixier. Und wir wollen das, was wir hier selbst aufgebaut haben, natürlich auch nicht hängen lassen“, sagt Heinz Schmidt. Und seine Frau ergänzt: „Wenn man sich immer wieder auf neue Menschen einlassen und mit ihren Problemen auseinandersetzen muss, hält das auch jung.“


Deshalb wollen die Schmidts auch „noch einige Jahre weitermachen, so lange es die Gesundheit erlaubt“, zumal Nachfolger noch nicht in Sicht sind und Heinz Schmidt mit Blick in die Zukunft sogar befürchtet, dass es eine vergleichbare Spezies von Ehrenamtlern kaum noch geben wird, weil der Spagat zwischen Familie, Beruf und Engagement immer schwieriger wird.Doch bis jetzt funktioniert das seit 40 Jahren bewährte Erfolgs-Tandem Schmidt. Und das wird am 27. August ab 11 Uhr im DRK-Seniorentreff an der Prinzeß-Luisen-Straße gebührend gefeiert.


Gefeiert werden zwei Menschen, die gerne anpacken und gerne gebraucht werden, egal ob sie in der Küche stehen, Feste und Ausflüge organisieren, renovieren, Rat geben oder einfach nur zuhören.


Dieser Text erschien am 19. August in NRZ und WAZ

Freitag, 20. August 2010

Was macht eigentlich der Ruhrpreisträger Christian Rickert? oder: Am Anfang war die Zeichnung


Man kannte sie, weil sie Schlagzeilen machten, weil ohne sie nichts gelaufen wäre oder weil sie für kurze Zeit im Rampenlicht standen. Wie ist es ihnen ergangen, was machen sie heute? Für die NRZ fragte jetzt beim Maler Christian Rickert (Foto: privat) nach, der vor 40 Jahren mit dem Ruhrpreis für Kunst und Wissenschaft ausgezeichnet wurde und vor wenigen Tagen seinen 70. Geburtstag feiern konnte."

Am Anfang war die Zeichnung" steht auf seiner Internetseite: www.christian-rickert.com. Tatsächlich begann sein Künstlerleben mit Bleistiftzeichnungen, ein Genre, das er auch heute noch großformatig in seinem Berliner Atelier pflegt. Gerade erst hat er die 100 x 70 Zentimeter große Zeichnung "Die Horde überzieht das Land" vollendet."Wer die Horde ist, kann sich jeder selbst denken", sagt er mit einem Anflug subtiler Ironie, die seinem gesamten Werk nicht fremd ist.

Wer seine Bilder und Zeichnungen, wie etwa das um 1970 entstandene Ölgemälde "Gemütliches Beisammensein" betrachtet, wirft einen fotorealistischen Blick auf die Wirklichkeit. Rickert arbeitet unter anderem mit den Stilelementen von Verwackelung und buchstäblicher Vielschichtigkeit. "Meine Arbeiten geben keine Antworten. Sie stellen Fragen und fordern auf, Fragen zu stellen", schreibt der 1966 bereits mit dem renommierten Kunstpreis des Jungen Westens ausgezeichnete Ruhrpreisträger denn auch 1974 in einem Selbstporträt. Im gleichen Text heißt es über seine künstlerischen Wurzeln: "Im 17. und 18. Lebensjahr unterwarf mich mein Vater einem harten und intensiven Naturstudium. Somit muss ich den Ausgangspunkt meiner bildnerischen Bemühungen als den eines sachlichen Realismus bezeichnen."Sein Vater Johannes unterrichtete Kunst an der heutigen Otto-Pankok-Schule, wo Christian 1960 das Abitur bestand und anschließend zum Studium nach Berlin ging.

Johannes Rickert war Mitgründer des Kunstvereins und Promoter eines neuen Kunstmuseums. Obwohl sein Sohn bis heute gerne in Berlin lebt und erfolgreich als freischaffender Künstler arbeitet – seine Werke wurden nicht nur in Mülheim, sondern auch in Brüssel, Berlin, Kiel, Mannheim, Darmstadt Düsseldorf und München von Museen, Galerien und Sammlern angekauft und ausgestellt –, bezeichnet der in Breslau geborene Rickert Mülheim bis heute als seine Heimatstadt. Obwohl sich der Wahl-Berliner bei seinen Besuchen, wen wundert es, mit der Mülheimer Verkehrsführung manchmal schwer tut, hat er aus seiner Außensicht den Eindruck, "dass die Stadt wohnlicher geworden ist.", weil es hier inzwischen mehr Straßencafes gebe als in seiner Mülheimer Jugendzeit.

Mit Blick auf den 1977 errichteten Hajek-Brunnen vor dem Kunstmuseum alte Post ist sich Rickert mit der Mehrheit der Mülheimer einig: "Der gehört da nicht hin". Das umstrittene Kunstbauwerk sieht Rickert als Ausdruck eines falscherstandenen Modernismus und Bauhausstil’, "mit dem man damals gegen die als alt und überholt empfundene Architektur aus der Gründerzeit gegensteuern wollte."Gerne erinnert er sich an seine frühen Bootspartien auf der Ruhr und besucht regelmäßig seine in Mülheim lebende Schwägerin und deren Kinder. Dass das Kunstmuseum keines seiner 26 Rickert-Werke in der aktuellen Jubiläumsausstellung präsentiert, schmerzt den Künstler. "Wir hatten die Qual der großen Auswahl, aber wir arbeiten weiter mit unseren Beständen und werden auch Rickert wieder zeigen," verspricht aber der stellvertretende Museumsleiter Gerhard Ribbrock.

Dieser Text erschien am 20. August 2010 in der NRZ

Donnerstag, 19. August 2010

Was sagen sozialpolitische Praktiker zur möglichen Einführung einer Bildungschipkarte für Kinder aus Hartz-IV-Familien?

Bildung vom Nachhilfe- über den Musikschulunterricht bis zur Mitgliedschaft im Sportverein soll es für Kinder und Jugendliche aus Familien, die Arbeitslosengeld II beziehen, künftig per Chipkarte geben. Was sagen sozialpolitisch engagierte Mülheimer zum Vorschlag von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen? Die Ministerin reagiert damit auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes, das eine Neuberechnung der Hartz-IV-Regelsätze für Kinder fordert. Langfristig möchte von der Leyen die Bildungskarte mit Hilfe von Spenden und Sponsoring für alle Kinder einführen.

Die bei der Caritas für die sozialen Dienste zuständige Abteilungsleiterin Martina Pattberg findet es „grundsätzlich gut, wenn bildungsferne Familien gefördert werden“, sieht aber auch eine stigmatisierende Wirkung und weist darauf hin, dass auch Kinder aus Familien mit geringem Einkommen einen entsprechenden Bildungsbedarf hätten. „Ich sehe bei den Familien, mit denen wir arbeiten, keinen Missbrauch, sondern die Einstellung: Meinen Kindern soll es besser gehen als mir.“

Sozialamtsleiter Klaus Konietzka findet die Bildungschipkarte gut, „weil damit Bildungschancen erweitert werden.“ Er verweist in diesem Zusammenhang auf die positiven Erfahrungen mit dem Mülheim-Pass, mit dessen Hilfe derzeit 16 800 Mülheimer, die auf auf Sozialleistungen angewiesen sind, öffentliche Dienstleistungen auch aus den Bereichen Bildung und Kultur vergünstigt in Anspruch nehmen können.

Die Geschäftsführerin der Arbeiterwohlfahrt, Adelheid Zwilling , lehnt die Bildungs-Chipkarte für Kinder aus Hartz-IV-Familien als stigmatisierend ab. Das Geld für die Bildungschipkarte sähe sie lieber in die öffentliche Infrastruktur investiert, um zum Beispiel durch kostenlose Kindergartenplätze, Lernmittelfreiheit, flächendeckende Ganztagsschule inklusive Mahlzeiten und Weiterbildung sowie ein gebührenfreies Studium die Bildungschancen aller Kinder und Jugendlichen, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft, erhöhen zu können.In die gleiche Richtung tendiert auch die Vorsitzende des Kinderschutzbundes, Ursula Faupel . Eine Bildungschipkarte allein für Kinder aus Hartz-IV-Familien sieht sie als diskriminierend an. Gerade bildungsferne Familien erreicht man aus ihrer Sicht eher dann, wenn man entsprechende Bildungsangebote für ihre Kinder kostenlos und verpflichtend in Kindertagesstätten und Schulen flächendeckend einführen würde. Um einer Stigmatisierung vorzubeugen, empfiehlt der Sozialausschussvorsitzende Johannes Gliem die flächendeckende Einführung einer Bildungskarte für alle Kinder und Jugendlichen mit einer sozial gestaffelten Angebotspalette.

Die Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Brigitte Mangen , begrüßt die Bildungschipkarte, „weil sie dafür sorgt, dass die Förderung auch bei denen ankommt, die sie brauchen.“ Da Kinder und Jugendliche heute in allen Lebensbereichen ganz selbstverständlich mit Chipkarten umgingen, glaubt Mangen, dass die Bildungscard von ihnen „eher als cool denn als diskriminierend“ empfunden würde.„Warum sollte das diskriminierend sein?“, fragt auch Rainer Könen von der Arbeitsuchendeninitiative Styrumer Treff. „Diskriminierend wäre es eher, wenn Kinder aus Hartz-IV-Familien Bildung und Kultur nicht wahrnehmen könnten, weil es so ein Angebot nicht gäbe“, betont er.

Auch der Geschäftsführer des Diakonischen Werkes, Hartwig Kistner , begrüßt die Karte, die in seinen Augen nicht diskriminiert, sondern finanzielle Leistungsgerechtigkeit schafft, indem sie der wissenschaftlich nachweisbaren Erkenntnis Rechnung trage, „dass Geldleistungen nicht immer dort ankommen, wo sie hingehen sollen.Angesichts der positiven Erfahrungen mit dem Mülheim-Pass begrüßt auch die stellvertretende Leiterin der Sozialagentur, Jennifer Neubauer , die Idee einer Bildungskarte, die man in den Mülheim-Pass integrieren könnte. Sie plädiert für eine dezentrale und kostengünstige Umsetzung durch die Kommunen.

Dieser Text erschien am 17. August 2010 in der NRZ

Mittwoch, 18. August 2010

Wo Lieder Freunde machen oder: Ehre, wem Ehre gebührt: Eindrücke von einem klangvollen Sommerfest in der Styrumer Union


„Das Lied beherrscht die Welt, weil es die Menschen aufrecht erhält“ – mit eben diesem Lied eröffnen die 46 Sänger der vor fünf Jahren aus Männerchor der Mannesmann-Röhrenwerke 1878 und dem Männergesangverein Eintracht Dimbeck 1883 gebildeten Chorgemeinschaft ihr Sommerfest im Biergarten der Styrumer Union.Auch dass sie einen „alten Jahrgang vom Rhein“ besingen und der selbst als Sänger bekannte Gastwirt Wolfgang Thöne das etwas wehmütige, aber trotzdem schöne Ständchen „Wenn auch die Jahre enteilen, bleibt doch die Erinnerung“ anstimmt, hat seinen besonderen Sinn.


Denn an diesem Dienstagabend ehrt die Mülheimer Chorgemeinschaft mit Hans Hahn und den jetzt zum Ehrenmitglied ernannten Hermann Kirchberg zwei „gute alte Jahrgänge“, für die ihr Chor ein Teil ihres Lebens geworden ist. Hahn fand bereits vor 65 Jahren, unmittelbar nach Kriegsende, zum Mannesmannchor, während Kirchberg 15 Jahre später zu den Chorkollegen stieß und sich seit inzwischen 40 Jahren im Vorstand des Chores engagiert. Beide haben den Chor noch als Thyssenchor unter dem legendären Willi Giesen kennen gelernt, als die Kollegen für Proben auch schon mal dienstfrei bekamen. Lang ist es her.Beide haben auch das Auf und Ab des Chores mit erlebt, der in den 60er Jahren auf 20 Sänger schrumpfte und später durch intensive Mitgliederwerbung wieder 70 Sänger in seinen Reihen hatte. Beide wollen die Freundschaften, die sie im Chor geschlossen haben, nicht missen. „Das Singen hält jung und ist der beste Arzt. Wenn ich hier dienstags bei den Proben mit meinen Chorbrüdern singe, denke ich nicht mehr an meine Wehwehchen“, sagt Ehrenmitglied und Chor-Nestor Hans Hahn, der eben erst seinen 90. Geburtstag gefeiert hat.


Neben Hahn und Kirchberg wurde beim Sommerfest in Styrum zum ersten Mal in der über 130-jährigen Chorgeschichte, wenn auch in Abwesenheit, mit Lenchen Gehrlicher eine Frau zum Ehrenmitglied der singenden Mannesmänner gekürt.Denn seit die musikbegeisterte Dame aus dem sächsischen Rödertal den Mannesmannchor vor 24 Jahren bei einem Konzert am Gardasee hörte, ist sie ein Fan. Sie hat immer mal wieder, wenn es ihr möglich war, dessen Konzerte besucht und lässt seitdem keinen Advent verstreichen, in dem sie die Chorbrüder nicht mit einem liebevoll gestalteten Weihnachtsgruß bedenkt. Das erfreut der Sänger Herzen.


Dieser Text erschien am 12. August 2010 in NRZ und WAZ

Dienstag, 17. August 2010

Laschet oder Röttgen? Das ist bald auch für Mülheims Christdemokraten die Frage: Was meinen die örtlichen Parteispitzen?

Nach der Wahl ist vor der Wahl. Bald müssen die 798 Mülheimer Christdemokraten in einer Mitgliederbefragung ihren neuen Landesvorsitzenden wählen. Der Fraktionsvize im Landtag, Ex-Integrationsminister Armin Laschet, hatte sich sich bereits erklärt und Bundesumweltminister Norbert Röttgen wird jetzt als sein Gegenkandidat antreten. Für die NRZ fragte ich bei Parteibasis und Parteiführung nach ihren Erwartungen an die neue Landesspitze.

Kreisvorsitzender Andreas Schmidt hält beide Politiker für „gut und fähig“, die Auswahl zwischen zwei Bewerbern und eine Mitgliederbefragung sieht er als den demokratischen Normalfall und wünscht sich vom neuen Landeschef, dass er das Profil der CDU als Großstadtpartei schärft und die Partei als charismatischer Herausforderer der Ministerpräsidentin für „Menschen mit einer modernen Geisteshaltung“ öffnet und attraktiver macht.

Gleich mehrere Ortsverbandsvorsitzende der CDU, wie Markus Püll (Stadtmitte), Heiko Hendriks (Broich), Frank Blum (Saarn), Henner Tilgner (Holthausen) und Carsten Schmidtke (Styrum) glauben, dass der neue Landesvorsitzende vor allem eines tun muss: das konservative Profil der Partei schärfen, um die christdemokratischen Nichtwähler zurückzugewinnen. „Das war ein scharfer Schuss vor den Bug“, sagt Püll. Was heißt hier konservativ? „Der Einzelne muss wieder mehr im Mittelpunkt der Politik stehen“, glaubt Püll. Er empfiehlt seiner Partei, sich auf ihre Grundwerte zu konzentrieren und auch die Steuerpolitik verstärkt in den Blick zu nehmen. Neben der inneren Sicherheit nennen die Befürworter einer konservativen Profilierung auch die Schwerpunkte mittelstandsfreundliche Wirtschaftspolitik und den Kampf gegen eine angebliche Abschaffung des Gymnasiums und die Einführung einer Gemeinschaftsschule, die sie als kontraproduktive „Gleichmacherei“ und Abkehr von der individuellen Talentförderung sehen.

„Wir müssen von der Vorstellung wegkommen, dass der Mensch erst beim Abiturienten anfängt. Wir brauchen nicht nur Menschen, die denken, sondern auch welche, die anpacken“, meint Roland Chrobok aus Dümpten. Was die Personalfrage an der Parteispitze angeht, wollen sich Schmidt und Ursula Schröder (Winkhausen) noch nicht festlegen, während Püll, Blum, Chrobok und Bernd Diekmann (Speldorf) schon aus pragmatischen Gründen zu einer „landespolitischen Lösung“ mit Laschet tendieren, weil sie sich nicht vorstellen können, dass ein Bundespolitiker wie Röttgen stark genug in der Landespolitik verankert sein kann, um der Regierung Paroli zu bieten.

Schmidtke, Hendriks und Henner Tilgner (Holthausen) geben zu, dass sie sowohl bei Laschet als auch bei Röttgen politische Bauchschmerzen haben. Tilgner würde sich einen völligen Neuanfang mit „einem neuen und unverbrauchten Gesicht wünschen“, das nicht unbedingt aus der Politik kommen müsste. Heißens CDU-Chef Eckhart Capitain würde am liebsten für den ehemaligen Chef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Friedrich Merz stimmen, wenn der als konservativ geltende Wirtschafts- und Finanzexperte aus dem Sauerland denn zur Wahl stünde.

Schröder, Püll und Diekmann sind sich einig, dass der neue Vorsitzende der Landes-CDU mit mehr Offenheit die Basis vor Ort stärker einbeziehen muss als bisher, indem er „die Menschen mitnimmt und ihnen seine Politik erklärt“, damit sie sich nicht von der Politik abwenden. „Die Menschen sind sehr frustriert und wollen oft gar nichts mehr von Politik hören“, gibt Schröder ihren Eindruck aus vielen Gesprächen wieder und wünscht sich vom neuen Chef-Christdemokraten an Rhein und Ruhr, „dass er wieder mehr Pepp in die Politik bringt und die Leute aus ihrer Trauer und Lethargie heraus holt.“

Dazu gehört für Diekmann auch die Ehrlichkeit „den Menschen zu sagen, was finanziell geht und was nicht.“ Ganz in diesem Sinne sieht Diplom-Kaufmann Blum „eine Finanzpolitik der neuen Landesregierung, die alles auf Pump verspricht“, als Angriffspunkt für die CDU-Opposition im Landtag.Auch wenn Chrobok und Hendriks durchaus nicht sicher sind, ob eine Urwahl durch alle Parteimitglieder automatisch den besten Kandidaten ins Amt bringt, sind sich die Ortsverbandsspitzen der Mülheimer CDU einig, dass das Instrument einer Mitgliederbefragung zur erwünschten Aktivierung der Parteibasis beitragen und vielleicht auch motivieren kann, selbst politisch wieder mitzuarbeiten.

Dieser Text erschien am 14. August 2010 in der NRZ

Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...