Mittwoch, 5. Mai 2010

Eine öffentliche Podiumsdiskussion der Bürgerstiftung zeigte: Man muss kein Held sein, um Zivilcourage zu beweisen

Eine Frau berichtet von einer S-Bahn-Fahrt, bei der sie unvermittelt Zeugin eines verbalen Streits zwischen zwei Männern wurde, der plötzlich gewaltsam zu eskalieren drohte. Sie schritt ein, indem sie den Aggressor auf die Schulter klopfte und ihm zu verstehen gab: "Hören Sie auf damit." Der Mann war so erstaunt über den unerwarteten Einsatz der couragierten Frau, dass er sofort von seinem Opfer abließ.Ein Mann berichtet, wie er in Anwesenheit seiner Frau in der Stadtmitte und am helligten Tag von einem betrunkenen Mann attackiert wurde und nur deshalb mit dem Schrecken davon kam, weil ihm zwei Mitbürger halfen und seine Frau ein Handy dabei hatte, mit dem sie die Polizei herbeirufen konnte. Die zwei Geschichten aus dem Publikum zeigten bei der Diskussionsveranstaltung "Gewalt vor meinen Augen - Was tun?", zu der die Bürgerstiftung ins Medienhaus eingeladen hatte: Jeder kann von jetzt auf gleich zum Opfer oder zum Zeugen einer Straftat werden.

Der Vorsitzende der Bürgerstiftung, Hans-Christoph von Rohr, wünschte sich von den Podiumsteilnehmern der von Martin von Mauschwitz souverän moderierten Diskussion eine "Erste Hilfe" für den Ernstfall der Zivilcourage. Doch Kriminalhauptkommissar Jürgen Probst, Rechtsanwältin Birgit Hülsdünker und Psychiater Eugen Davids gaben sich zurückhaltend, wenn es darum ging vermeintlich gute Ratschhläge zu geben.Stattdessen rieten sie ihrem Publikum, sich mit ihrem eigenen Persönlichkeits- und Angstprofil auseinanderzusetzen und im Ernstfall und im Zweifel lieber auf Distanz zu gehen als den Helden zu spielen und sich damit in Gefahr zu bringen. Kann man denn gar nichts tun? Doch!

"Den Polizei-Notruf 110 zu wählen sollte für Sie im Ernstfalle keine Hemmschwelle sein", war der wichtigste Tipp, den Kriminalhauptkommissar Probst gab, der in Zusammenarbeit mit Vereinen, Gemeinden, Verbänden und anderen Institutionen Sicherheitskurse für Bürger anbietet. Ausdrücklich warnte er vor dem Einsatz von Pfeffersprays und Elektroschockern und riet, lieber auf das eigene Gefühl zu hören und zu erkennen, an welchen Orten man sich unsicher fühle.Psychiater Davids und die auch als streitschlichtende Mediatorin arbeitende Juristin Hülsdünker waren sich einig in ihrem Plädoyer für die Anwendung von Deeskaltionsstrategien. Einen Täter zu dutzen oder mit den Augen zu fixieren könne im Ernstfall einen Konflikt eskalieren lassen.

Hülsdünker machte aber auch klar, dass Helfer juristisch und finanziell durch den Gesetzgeber abgesichert seien, wenn ihr Einsatz verhältnismäßig bleibe. Auch der Vorwurf der "unterlassene Hilfeleistung" könne nur erhoben werden, wenn Zeugen einer Straftat das ihnen in dieser Situation Zumutbare nicht täten. Und wie wird ein Täter zum Täter? Ein Mix aus fehlender Erziehung, belastenden Lebenssituationen und unbehandelten psychischen Störungen können aus der Sicht des Psychiaters Davids impulsive und aggressive Menschen zu Tätern machen.

Dieser Text erschien am 30. April 2010 in der NRZ

Dienstag, 4. Mai 2010

Erinnerungen, die zum Frieden mahnen: Das Friedensforum ließ Kriegskinder von gestern und heute zu Wort kommen


Jana und Sarah Jabr sind 13 und elf Jahre alt. Angelika Romeik ist 69, Klaus Heienbrok 72 und Peter Mostard 79. Was sie über die Generationsgrenzen hinweg vereint, ist die Erfahrung von Krieg. Alle haben als Kinder erlebt, was Krieg bedeutet. Über ihre Erlebnisse, die zum Teil bis heute nachwirken, berichteten sie jetzt als Zeitzeugen und auf Einladung des Friedensforums im Agenda-Lokal an der Friedrichstraße. Für Jana und Sarah sind ihre Kriegserinnerungen noch sehr frisch. Sie wirken sehr ruhig und gefasst, aber auch ernst und ein wenig in sich gekehrt, als sie von einem israelischen Bombenangriff berichten, den sie im Sommer 2006 während des Libanon-Krieges erlebten. Eben noch hatten sie mit ihren Verwandten Kaffee getrunken. Da fielen Bomben und ließen den Familienbesuch im Sommerurlaub zum Alptraum werden. Jana erinnert sich daran, dass alle weinten. Eine Bombe war in das Nachbarhaus eingeschlagen. Es brannte. Alle liefen um ihr Leben, mussten später in einem Keller übernachten, konnten aber nicht nur in dieser Nacht nicht schlafen. Lange haben Jana und Sarah noch von ihren traumatischen Kriegserlebnissen und ihrer überstürzten Abreise über Syrien und Ägypten, zurück ins friedliche Deutschland geträumt. Jetzt haben sie ihr Trauma scheinbar überwunden. Sogar Silvesterknaller sind für sie kein Problem. Doch wenn Jana im Fernsehen die Kriegsbilder aus Afghanistan und dem Irak sieht, spürt sie wieder diese ohnmächtige Trauer, Angst und Wut von damals. Und wenn sie dann an die Kinder denkt, die immer noch unter Krieg und Bombenterror leiden müssen, kommen ihr manchmal die Tränen.

Angelika Romeik (rechts) zündet sich manchmal gerne eine Kerze an, aber vor offenem Feuer hat sie Angst. Warum das so ist, konnte sie lange nicht begreifen, bis ihre älteren Geschwister sie an jene Nacht vom 22. auf den 23. Juni 1943 erinnerten, als Mülheim den schlimmsten Luftangriff des Zweiten Weltkrieges erlebte. Romeik hatte bis dahin keine bewusste Erinnerung an den Feuersturm dieser Nacht. Doch als sie erfuhr, dass sie diesen Luftangriff zusammen mit ihrem Bruder Karl in einem Kinderbett überlebte, weil ein umgekippter Kleiderschrank zum „hölzernen Schutzengel wurde“ und Gesteinsbrocken, Bomben- und Glassplitter von dem Kinderbettchen abhielt. Jetzt wurde Romeik, die damals keine vier Jahre alt war, auch klar, warum sie bis heute immer wieder von ihrer Lieblingspuppe Erika träumt, die ihre Großmutter für sie genäht hatte und die in einem großen Feuer unrettbar verbrannte. Als Kriegskind kann sich Romeik sehr gut vorstellen, wie traumatische Kriegserlebnisse, „Menschen für ihr Leben zeichnen und kaputt machen können.“ Um so wichtiger ist es für sie, offen über das zu sprechen, was im Krieg passiert - und deshalb engagiert sie sich auch konsequent im Friedensforum.

Peter Mostard, (links) der bei Kriegsausbruch neun Jahre alt war, macht in seiner Erinnerung keinen Hehl daraus, dass er als Kind den Krieg auch spannend fand. Er wuchs im linksrheinischen Meerbusch auf, war erst im Jungvolk und später in der Hitler-Jugend. Dort mit Fackeln und Fahnen hinter einem Fanfarenchorps zu marschieren, machte auf den Jungen ebenso Eindruck, wie die kriegsverherrlichende Pflichtlektüre. Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ oder Felix Dahns „Der Kampf um Rom.“ Abenteuerlich fand er es auch, 1940 mit seinen Kameraden für die Wehrmachtstruppen, Spalier zu stehen, die vom Westfeldzug heimkehrten. Mit seinen Altersgenossen begeisterte er sich vor allem für die Waffentechnik, die er sah: Panzer und Kanonen. Dass es auch damals Menschen gab, die mit Hitler und seiner Kriegspolitik nicht einverstanden waren, erlebte er am Beispiel eines Kaplans, der sich nach der Kapitulation Frankreichs weigerte, die Glocken läuten zu lassen. Der Kaplan wurde wenig später zum Gestapo-Verhör abgeholt, kam aber nach einer Woche wieder zurück.Dass Krieg kein Kinderspiel ist, begriff Mostard erst, als er 1944 als Melder im bombardierten Krefeld und später dem Ausheben von Panzersperrgräben in Venlo eingesetzt wurde. Da sah er erstmals brennende Häuser und Tote, hatte den süßlichen Verwesungsgeruch in der Nase und geriet bei Tieffliegerangriffen selbst in Lebensgefahr. Da schlug die kindliche Abenteuerlust in Angst um und das Gefühl: „Wie kommst du hier heil heraus“. Nachdenklich machte ihn der Anblick der abgekämpften Wehrmachtssoldaten, deren Rückzug er im Frühjahr 1945 beobachten konnte; der Bericht eines Schulfreunds, der als Soldat in Kriegsgefangenschaft geraten; die Nachricht von zwei Mitschülern, die in den letzten Tagen des Krieges als Soldaten getötet worden waren. Da begriff er, dass Krieg keine Heldentat ist, sondern ein Verbrechen an der Menschlichkeit.

"Angst, Bomben, Schreie“, so beschreibt der ehemalige Leiter der Evangelischen Akademie, Klaus Heienbrok, die Erinnerung an seine Soester Kindheit im Krieg. Als der Zweite Weltkrieg 1945 zu Ende ging, war er gerade einmal sieben Jahre alt. 1943 erlebte der Erstklässler seinen ersten Luftangriff. Weil seine Volksschule nicht genug Luftschutzräume hatte, wurde er während des Alarms nach Hause geschickt. Er lief. Doch die Bomber kamen schneller als erwartet. Noch heute sieht er die Haustür vor sich, die sich ihm öffnete und einen Ausweg in einen rettenden Luftschutzkeller frei machte. Es krachte. Es wurde geweint und gebetet. Als er wieder herauskam, brannten draußen die Häuser, lagen Tote auf der Straße. Ähnliches erlebte er beim Großangriff auf Soest am Nikolaustag 1944.Unvergessen ist für ihn auch die Erinnerung an das Kriegsende 1945. Es war Ostern. Der Festtagskuchen stand auf dem Tisch. Da forderten Lautsprecherwagen die Menschen auf, ihre Stadt zu verlassen, damit die sie von der Wehrmacht gegen die anrückenden Amerikaner verteidigt werden könne. Mit Mutter, Bruder, Tante und Vetter lud er ein paar Habseligkeiten auf einen Bollerwagen. Dann begann der lange Marsch aufs Land. Dort fand man Unterschlupf auf einem mit Flüchtlingen überfüllten Bauernhof. Nach zwei Tagen ging der Proviant aus. Die letzten Marmeladengläser waren bei einem Tieffliegerangriff zu Bruch gegangen. Doch dann kamen die Amerikaner und mit ihnen die Freiheit. Mit einem am Bollerwagen festgebundenen weißen Taschentuch, ging es wieder nach Hause - wo noch der Osterkuchen auf dem Tisch stand.Später, 1966, hat Heienbrok auch deshalb als Freiwilliger in einem israelischen Kibbuz gearbeitet, um, wie er selber sagt: „die deutsche Geschichte abzuarbeiten und einen persönlichen Beitrag zum Frieden durch Versöhnung zu leisten.“

Montag, 3. Mai 2010

Die CDU zwischen Etat-Krise und Landtagswahlkampf


Wonnemonat Mai? Na ja. Es soll ja Menschen geben, die das Wahlkämpfen und das Wählen als Wonne empfinden. Noch acht Tage bis zur Landtagswahl. Da tun die Parteien gut daran, jede Gelegenheit zu nutzen, um ihre politischen Botschaften unter das Wahlvolk zu bringen. Die CDU schuf sich diese Gelegenheit jetzt selbst, in dem sie am Donnerstagabend zum Frühlingsempfang ins Medienhaus lud. Erst gab es für die rund 200 Gäste aus allen Bereichen der Bürgerschaft politische Kost und Ansprachen, ehe man zu Mölmsch, Schnittchen und Gesprächen überging.

Bevor Landtagskandidatin Karin Kückelhaus zum landespolitischen Rundumschlag ausholte, stieg Fraktionschef Wolfgang Michels in die Niederungen der kommunalen Haushaltskonsolidierung. Kein Thema für Frühlingsgefühle. Und Michels ging denn auch mit der Verwaltungsspitze hart ins Gericht. „Sie predigt Wasser und trinkt Wein.“ Unter dem Hinweis, dass Ministerpräsident Rüttgers den Städten finanzielle Hilfe zugesagt habe, stellte Michels mit Blick auf Mülheim fest: „Es kann nicht sein, dass unsere Verwaltungsspitze immer auf die zeigt, die uns von außen Lasten auferlegt haben und dann die eigenen Sparbemühungen hintanstellt.“ Für Michels steht fest: „Steuererhöhungen können nur das wirklich allerletzte Mittel sein.“ Die CDU-Fraktion werde keiner Haushaltskonsolidierung zustimmen, die einem Kahlschlag in der Daseinsfürsorge gleichkomme und sich einseitig auf die Erhöhung von Grund- und Gewerbesteuer festlege und gleichzeitig weite Bereiche beim Sparen vergesse.

Mit dem Hinweis auf 8000 neue Lehrerstellen, die seit 2005 unter der Regierung Rüttgers geschaffen worden seien, leitete Michels zum landespolitischen Parforceritt seiner Parteifreundin Kückelhaus über. Die Landtagskandidatin forderte unter dem Generalmotto: „Wir wollen niemanden zurücklassen“, eine Bildungspolitik, die auch jene fördert, die auf dem geraden Weg keinen Erfolg haben, eine Arbeitsmarktpolitik, die Sicherheit und Flexibilität miteinander verbindet, eine innovative Wirtschaftspolitik, die sich zum Industriestandort NRW bekennt und gleichzeitig, etwa durch eine Förderung der Öffentlichen Personennahverkehrs Ökonomie und Ökologie verbindet und eine Gesellschaftspolitik, die die Einheit der Gesellschaft bewahre, in dem sie vor allem die Integration der Menschen mit Zuwanderungsgeschichte vorantreibe. „Jeder muss die Chance zur Integration bekommen. Er muss sie aber auch wollen“, betonte die Christdemokratin.

 Am heutigen Montag, 3. Mai, erwartet die CDU Jürgen Rüttgers um 14.30 Uhr zum Wahlkampfauftritt auf dem Kurt-Schumacher-Platz.

Dieser Text erschien am 1. Mai 2010 in der NRZ

Donnerstag, 29. April 2010

Zum 1. Mai: Warum die CDU- und IG-Metall-Vorstandsfrau Regina Görner Kirchen und Gewerkschaften als klassische Verbündete sieht


Der unglückliche Zufall der katholischen Terminplanung wollte es, dass am Dienstagabend gleich zwei Christdemokratinnen zur Sozialpolitik sprachen: Bundeskanzlerin Angela Merkel vor 500 Zuhörern in der Wolfsburg und Regina Görner vom Bundesvorstand der CDU und der IG Metall vor 30 Gästen des katholischen Arbeitnehmerempfangs im Pfarrsaal von St. Barbara.Doch Quantität ist bekanntlich nicht gleich Qualität. Und so hätte man auch Görner mehr Zuhörer gewünscht, als sie auf Einladung des Katholikenrates der Frage nachging „Alles für den Markt?“ und die Konsequenzen aus der Wirtschaftskrise aufzeigte.

Hermann Meßmann vom gastgebenden Sachausschuss Berufs- und Arbeitswelt gab gleich zu Anfang die Richtung vor: „Arbeitslosigkeit spaltet die Gesellschaft und verhindert, dass Menschen am Schöpfungsauftrag mitwirken können.“Woher neue Arbeitsplätze kommen sollen, konnte Görner auch nicht sagen. Aber sie machte deutlich, dass nur ein starker Staat und starke Gewerkschaften dafür sorgen können und müssen, dass die strukturellen Nachteile der Arbeitnehmer, „die gezwungen sind, ihre Arbeitskraft anzubieten, um zu überleben“ ausgeglichen oder zumindest gemildert werden können. Mit Blick auf die christliche Soziallehre und die päpstlichen Sozialenzykliken machte die ehemalige Sozialministerin des Saarlandes deutlich, dass Kirchen und Gewerkschaften Verbündete seien, wenn es um den Kampf gegen die Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse und schlecht bezahlter Leiharbeitsverträge gehe. Alt-Pastor Meinolf Demmel forderte ein stärkeres sozialpolitisches Engagement der Pfarrgemeinderäte.

Von prekären Arbeitsverhältnissen, so Görner, seien vor allem junge Berufseinsteiger und Berufsrückkehrer betroffen. Sie verwies auf eine Studie des NRW-Sozialministeriums, wonach Leiharbeiter nur zwei Drittel dessen verdienten, was Festangestellte für die gleiche Arbeit bekämen.Mit Sorge sieht sie, dass immer weniger der neu entstehenden Arbeitsplätze unbefristet sind. Das habe negative Auswirkungen auf die öffentlichen Haushalte und Sozialversicherungen, aber auch auf die Bereitschaft junger Menschen, Familien zu gründen und sich gesellschaftlich zu engagieren.Am Beispiel der IG-Metall-Kampagne Operation Übernahme zeigte sie, dass die Gewerkschaften ihren Einfluss geltend machen könnten, um jungen Leuten eine Berufsperspektive nach der Ausbildung zu verschaffen. Allerdings müssten die Gewerkschaften in den Betrieben nicht nur die Blaumann-Fraktion, sondern auch die steigende Zahl junger Akademiker für sich gewinnen.

Mannesmann-Betriebsrat Peter Hennecke unterstrich die positive Einflussnahme der IG-Metall am Beispiel seines Arbeitgebers. Der habe auf Druck der Gewerkschaft in einem hauseigenen Tarifvertrag zugesagt mindestens 38 der derzeit 56 Leiharbeiter schrittweise in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis zu übernehmen.Nach den Erfolgen beim Kurzarbeitergeld und den Konjunkturförderprogrammen sieht Görner jetzt die Durchsetzung eines gesetzlichen Mindestlohns und einer internationalen Börsentransaktionssteuer auf der sozialpolitischen Agenda.

Dieser Text erschien am 21. April 2010 in der NRZ

Mittwoch, 28. April 2010

Innenansichten eines Traumberufes: Warum die Medizinstudentin Christina Spangenberg unbedingt Hausärztin werden will


"Warum willst du denn ausgerechnet Hausärztin werden. Da arbeitet man doch viel und verdient vergleichsweise wenig?" Solcherlei Fragen hat die 25-jährige Medizinstudentin Christina Spangenberg immer wieder von Kommilitonen zu hören bekommen. Doch das lässt sie nicht an ihrem Entschluss zweifeln, "dass ich lieber als Hausärztin in einer Gemeinschaftspraxis als in der Hierarchie eines Krankenhauses arbeiten möchte, weil man als Hausärztin Patienten nicht nur abschnittsweise, sondern langfristig behandeln und begleiten kann." Doch nur 15 von 160 Semesterkollegen haben sich entschlossen, im letzten Drittel ihres Praktischen Jahres ein hausärztliches Praktikum zu absolvieren.Seit gut zwei Wochen geht Spangenberg nur noch mittwochs zur Universität, um an ihrer Doktorarbeit zu feilen und sich aufs Examen vorzubereiten. An den anderen Tagen ist ihr Arbeitsplatz die Praxis von Uwe Brock.

Auch an diesem Tag zieht sie sich im Aufenthaltsraum ihren weißen Kittel über. Nur das Emblemes ihrer Universität Duisburg-Essen zeigt, dass es sich hier noch nicht um die Ärztin, sondern um die Medizinstudentin Spangenberg handelt. In einer ersten Besprechung erörtert sie mit ihrem Chef, welche Blutwerte bei welchem Patienten abzunehmen sind und welche Laborwerte vom Vortrag bereits vorliegen.Patientenbriefe und Karteikarten sucht man vergebens. Alles läuft über den Computer. Jeder Patient hat seine eigene Datei. Was für den Laien auf dem Bildschirm wie die Kurven einer Statistik aussieht, ist tatsächlich die elektronische Dokumentation von Blutdruck- oder Blutzuckerwerten. "Daran muss man sich erst mal gewöhnen. Jede Praxis hat ihr eigenes System", sagt Spangenberg. Jeder ärztliche Handgriff muss im PC dokumentiert werden.Die Medizinstudentin erinnert sich noch an ihre ersten Arbeitstage in der Praxis, als sie erst mal lernen musste, wie Rezepte auszufüllen und Verordnungen zu formulieren sind.

Während Brock die ersten akuten Notfälle des Tages verarztet, schickt er seine PJ-lerin auf Hausbesuch.Die Tür öffnet sich in der Seniorenwohnung des Sommerhofes. Bei einem bettlägerigen Mann, der erst vor kurzem nach einem Schlaganfall das Krankenhaus verlassen hat, überprüft sie Blutdruck- und Blutzuckerwerte, testet mit einem kleinen Gerät, das für den Laien wie eine elektronische Wäscheklammer aussieht, den Sauerstoffgehalt des Blutes und hört die Lunge ab. Alles in Ordnung. Doch die Frau des 82-Jährigen macht sich Sorgen, weil ihr Mann nicht essen will. "Wenn Sie nichts essen wollen, kann es mit Ihren Kräften auch nicht besser werden", redet Spangenberg ihm gut zu. Noch einmal holt sie ihr Stetoskop heraus, dessen Gebrauch ihr offensichtlich schon in Fleisch und Blut übergegangen ist, um die Darmgeräusche abzuhören und organische Gründe für seine Appetitlosigkeit auszuschließen. "Der Darm ist aktiv", stellt sie fest und vermutet psychische Ursachen. Ein Thema für die nächste Besprechung mit Dr. Brock. Später wird er sie beauftragen, mit dem Neurologen des Mannes zu telefonieren. Vorläufiges Fazit: Die verordneten Antidepressiva müssen erst Mal anschlagen, um mit der Stimmung auch den Appetit wieder zu heben.Die nächste Patientin wartet im Pflegezentrum Bonifatius. Weil die an Demenz erkrankte Dame gelegentlich Herzrhythmusstörungen hat, überprüft Spangenberg mit Hilfe der vielseitigen "elektronischen Wäscheklammer" die Frequenz des Herzschlages und den Sauerstoffgehalt des Blutes. "Alles in Ordnung", stellt sie fest und fragt: "Wie ist es mit der Luft?" "Gut", antwortet die Seniorin, der das Lächeln und der aufmunternde Händedruck der Studentin sichtbar gut tut.Zurück in der Praxis muss der Computer mit den neuesten Patientendaten gefüttert werden. "Das ist noch ungewohnt für mich", sagt Spangenberg mit einem Lächeln, als sie für diese Arbeit im Behandlungszimmer auf dem Stuhl ihres Chefs Platz nimmt. Jetzt sieht sie wirklich aus wie Frau Dr. Spangenberg. Ansonsten steht sie bei Patientengesprächen meistens hinter ihrem Chef.

"Meine Aufgabe ist es, zuzuhören und zuzusehen und mir so praktisches Wissen passiv anzueignen", sagt sie bescheiden. Doch sie tut noch mehr. Sie nimmt nicht nur Blut ab oder misst den Blutdruck, sie führt auch kleinere Vorgespräche, um Symptome und erste Diagnosevermutungen aufzunehmen. Nach jeder Behandlung bespricht Brock mit ihr den Fall: "Was halten Sie davon? Welche Therapieschritte wären aus Ihrer Sicht sinnvoll?" Er genießt es, seine Motivation und sein Wissen an die Kollegin weiterzugeben und gleichzeitig auch von ihrem frischen akademischen Wissen zu profitieren. "Ich möchte mir später nicht sagen lassen: Ihr habt nichts getan", erklärt Brock mit Blick auf den prognostizierten Ärztemangel. Obwohl er selbst noch 19 Jahre von der Rente entfernt ist, denkt er jetzt schon daran, "dass ich mein Lebenswerk ja später auch einmal in gute Hände legen will."Und wie reagieren die Patienten auf die Medizinstudentin im Behandlungzimmer? "Bis jetzt hat mich noch niemand raus geschickt", sagt Spangenberg lakonisch und fügt hinzu: "Manche erkundigen sich sogar nach dem Stand meines Studiums." Ilse Fiebich spricht wohl für viele Patienten, wenn sie sagt: "Das muss ja auch sein. Irgendwo müssen die Ärzte ja ausgebildet werden. Akademiker sollten während ihres Studiums noch viel mehr in der Praxis lernen."Spangenberg hat die medizinische Praxis während ihres Studiums bereits in etlichen Monaten kennen gelernt. Sie hat in Kliniken in der Chirurgie, aber auch in der Inneren Medizin und in der Anästhesie gearbeitet. Auch in einer anderen Hausarztpraxis und in der Krankenpflege hat sie hospitiert. Was der Hauptunterschied zwischen der klinischen und der hausärztlichen Praxis ist? "In der hausärztlichen Praxis muss man die Palette seiner Diagnoseinstrumente herunterschrauben. Da arbeitet man weniger mit Geräten und muss mehr in Gesprächen herausfinden, was dem Patienten fehlt." Brock bestätigt: "Die kommunikativen Fähigkeiten sind für einen Hausarzt entscheidend, um sich in einen Patienten hineinzuversetzen und nachempfinden zu können, worauf bestimmte Symptome zurückzuführen sein könnten.


Und wie geht die angehende Ärztin mit dem täglichen Leid um, mit dem sie von Berufs wegen konfrontiert wird? "Da wächst man rein. Das muss jeder mit sich ausmachen", sagt sie und spricht von einer Balance zwischen Nähe und professioneller Distanz zwischen Arzt und Patient. Doch sie gibt zu: "Manches bleibt auch im Kopf hängen." Und dabei denkt an eine Frau, die sie während eines klinischen Praktikums kennen lernte und die mit 35 an Eierstockkrebs starb. "Dann tut es gut, wenn man Freunde und Familie hat, die einen auffangen können."


Dieser Text erschien am 27. April 2010 in der NRZ

Hintergrund: Der lange Weg zum Hausarzt - Steuert auch Mülheim langfristig auf einen Ärztemangel zu?


Der Weg zur niedergelassenen Hausärztin oder zum Hausarzt ist lang. Wer sein Medizinstudium, einschließlich Praktika und Praktischem Jahr, in der Regelstudienzeit abschließt, kann frühestens nach zwölf Semestern, also nach sechs Jahren, sein Examen machen.

Dem Examen schließt sich eine dreijährige Zeit als Assistenzarzt in einer Klinik an, die eine Facharztausbildung im Bereich Innere- und Allgemein-Medizin umfasst. Danach müssen die jungen Medizinerinnen und Mediziner aber noch einmal zwei Jahre als Assistenzarzt in einer hausärztlichen Praxis gearbeitet haben, ehe sie sich selbstständig als Hausarzt oder Hausärztin allein oder zusammen mit Kollegen mit einer eigenen Praxis niederlassen können.Hausarzt Uwe Brock (links) und Medizinstudentin Christina Spangenberg (rechts) sind sich einig, dass der Trend immer mehr zu Gemeinschaftspraxen geht, und zwar aus wirtschaftlichen, arbeitstechnischen und sozialen Gründen. Beide Mediziner wünschen sich für die Hausärzte weniger Bürokratie und mehr Zeit für den Patienten zu haben, aber auch für das eigene Privatleben.

Nach Angaben des Marburger Bundes fehlen in Deutschland schon heute 6000 Ärzte. Gleichzeitig geht jeder dritte Mediziner, der in Deutschland ausgebildet wurde nach seinem Studium zum Beispiel nach Österreich, in die Schweiz oder nach Skandinavien, weil dort Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen oft besser sind. Hinzu kommt die Alterung der Gesellschaft, die den Ärztebedarf tendenziell steigen lassen dürfte. Anders als etwa in vielen ländlichen Regionen gibt es in Mülheim mit seinen 107 Hausärzten derzeit keine Unterversorgung, sondern mit einer Quote von 119 Prozent sogar eine leichte Überversorgung.

Doch der Vorsitzende der Mülheimer Ärztekammer, Uwe Brock, (links) weist darauf hin, dass den 20 Hausärzten, die in den nächsten fünf Jahren in Pension gehen, voraussichtlich nur zehn neue Hausärzte gegenüberstehen werden. Als Vorstandsmitglied der Ärztekammer Nordrhein weiß er, dass in diesem Bezirk jährlich im Durchschnitt 100 junge Mediziner, davon zwei Drittel Frauen, ihr Studium abschließen, der tatsächliche Ärztebedarf aber bei jeweils 200 bis 250 liegt. Setzt sich dieser Trend fort, ist ein akuter Ärztemangel programmiert.

Dienstag, 27. April 2010

Nachgefragt: Wie halten es die Mülheimer mit ihren jetzt zwei Stimmen bei der Landtagswahl?

Am Sonntag, 9. Mai, haben 128 000 Mülheimer bei der Landtagswahl gleich zweimal die Wahl. Wie bei Bundestagswahlen kann man jetzt auch bei der NRW-Wahl zwei Kreuze machen, um mit der Erststimme über den Wahlkreis-Abgeordneten und mit der Zweitstimme über die Regierungsmehrheit im Landtag zu entscheiden. Wie halten es die Mülheimer mit Erst- und Zweitstimme? Tun sie sich schwer mit der differenzierten Stimmabgabe, die ihnen ein Stimmensplitting erlaubt oder setzen sie es gar gezielt ein?

Ich fragte beim Wahlamt und in der Stadtmitte beim Mann und der Frau auf der Straße nach. Aufgrund der Erfahrungen bei den Bundestagswahlen stellt Wahlamtsleiter Wolfgang Sauerland fest, dass etwa 30 bis 40 Prozent der Wähler ihre Stimmen aufteilen und damit die Vorteile der kombinierten Mehrheits- und Verhältniswahl nutzen, um einen bestimmten Kandidaten im Wahlkreis und eine bestimmte Regierungsmehrheit zu wählen. Obwohl die Aufteilung in Erst- und Zweitstimmen die Auszählung des Wahlergebnisses um etwa ein Drittel in die Länge zieht, bekommen die Wahlhelfer weder bei der Bundestags- noch bei der jetzt anstehenden Landtagswahl einen Zähl-Zuschlag.

Auch wenn mancher einen Augenblick überlegen musste, konnten alle befragten Bürger gestern den Unterschied zwischen Erst- und Zweitstimme erklären. Trotzdem hätte dem Rentner Helmut Marzian (72) „eine Stimme gereicht, weil das übersichtlicher ist und der politische Cocktail, der auf dem Wahlzettel steht, die Entscheidung ohnehin schwierig macht.“ Er wählt in der Regel durch und gibt beide Stimmen den Kandidaten der von ihm bevorzugten Partei. Buchhändler Klaus Bloem (58) hat seine beiden Stimmen schon per Briefwahl abgegeben. Er ist ein ausgesprochener Anhänger des Stimmensplittings, „weil man dadurch zwischen Personen und Programmen unterscheiden und auf mögliche Koalitionsbildungen Einfluss nehmen kann.“Wenn es nach der arbeitssuchenden Einzelhandelskauffrau Elvira Meier (52) ginge, „hätte es ruhig bei einer Stimme bleiben können, weil das einfacher und übersichtlicher ist“ und sie ohnehin traditionell einer bestimmten Partei ihre Stimme gibt und durchwählt, statt zu splitten.

Obwohl auch der 62-jährige Rentner Jürgen van Beusekom eine „Stammpartei“ hat, begrüßt der die Chance des Stimmensplittings, „weil es den Wählern mehr Einflussmöglichkeiten gibt.“Die 33-jährige Zahnarzthelferin Emriye Tasman glaubt, dass die Unterscheidung in Erst- und Zweitstimme „die meisten Leute irritiert und eine einzige Stimme übersichtlicher wäre“, wobei sie insgesamt noch eher unschlüssig, ist, wem sie am Wahlsonntag ihre Stimmen geben soll. „Den meisten Bürgern würde eine Stimme reichen“, glaubt auch die 65-jährige Rentnerin Brigitte Schulz und bekennt sich dazu, auch bei Bundestagswahlen ihre bevorzugte Partei mit beiden Stimmen „durchzuwählen.

“Dem 55-jährige Architekt Lutz Weber war noch gar nicht bewusst, dass er jetzt auch bei der Landtagswahl zwei Stimmen hat. Grundsätzlich findet er Erst- und Zweitstimme „aber sehr positiv, weil man so zwischen Partei und Person differenzieren kann.“ Eine Möglichkeit, die er bei Bundestagswahlen schon oft genutzt hat. Der 60-jährige Rentner Udo Quattelbaum, der gerade erst in seine Heimatstadt zurückgezogen ist, weiß noch gar nicht, ob er am 9. Mai wählen gehen kann, „weil ich noch gar keine Wahlbenachrichtigung bekommen habe.“

Dennoch begrüßt er es grundsätzlich, zwei Stimmen zu haben, „mit denen ich zwischen den Personen in einer Stadt und überregionalen Parteien differenzieren kann.“ Obwohl Busfahrer Helmut Kampmann (63) bisher mit beiden Stimmen eher „durchwählt“, glaubt er trotzdem, „dass die Wähler mit Erst- und Zweitstimme tendenziell mehr bewegen können, obwohl man nie genau wissen kann, was am Ende dabei herauskommt.“Auch die 33-jährige Diplom-Geografin Katrin Blumberg (33) findet das Stimmensplitting mit Erst- und Zweitstimme „gut“ und hat dies auch bei Bundestagswahlen „manchmal“ praktiziert.

Sie kann sich aber auch vorstellen, dass die Unterscheidung zwischen Erst- und Zweitstimmen verwirren kann. Ausgesprochen „logisch“ und „gut“ erscheint das Stimmensplitting auch dem Ehepaar Sigrid und Peter Lohmar, „weil man so zwischen den Kandidaten in einer Stadt und den Parteien auf Landesebene unterscheiden kann.“Krankenschwester Christine Hubert (51) hält es mit dem Stimmensplitting und dem Durchwählen von Wahl zu Wahl verschieden. „Der Wechsel in der Politik ist sehr viel intensiver geworden“, findet sie und glaubt, dass eine zunehmend wechselhafte Politik es Wählern auch zunehmend schwerer macht, mit ihrer Erst- und Zweitstimme zwischen Parteien und Personen sinnvoll zu differenzieren.

Dieser Text erschien am 27. April 2010 in der NRZ

Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...