Dienstag, 13. Juli 2021

Kirche als Politikum

27. Juni 1971: Vor 50 Jahren wird eine Kirche zum Politikum. An diesem Tag beschließt das Presbyterium der Evangelischen Altstadtgemeinde, die um 1880 an der Delle errichtete Pauli Kirche abzureißen. Schon 1683 war an gleicher Stelle eine Vorgänger-Kirche eingeweiht worden.

Für viele Mülheimer ist die (zweite) Paulikirche, ursprünglich die Gemeindekirche der Lutheraner, mit vielen persönlichen Erinnerungen verbunden. Die Kirche ist als Hochzeitskirche beliebt und lädt täglich zu ökumenischen Andachten ein. Doch am 27. Juni 1971 wird der letzte Gottesdienst gefeiert. Pastor Walter Hufschmidt erinnert an diesem Tag in seiner Predigt daran, „dass in der Vergangenheit in dieser Kirche und von dieser Kanzel aus immer wieder Mahnungen des Friedens und des Verstehens anderer ausgegangen sind.“


Sein Appell an Verständnis und Versöhnung kommt nicht von ungefähr. Viele Gemeindemitglieder tun sich mit dem Abriss der Paulikirche schwer. Doch die auf 193.000 Einwohner angewachsenen Stadt braucht neues Bauland für die Innenstadterweiterung. Und das Presbyterium der Evangelischen Altstadtgemeinde, die inzwischen in der Vereinten Evangelischen Kirchengemeinde Mülheim aufgegangen ist, sieht keinen Anlass dafür, sich neben der nahen Petrikirche eine zweite Innenstadt-Kirche leisten zu wollen und zu müssen.


In dieser Situation entdecken Jugendliche ihre Chance. Sie wollen in der nicht mehr genutzten Paulikirche ein selbstverwaltetes Jugendzentrum eröffnen. Und sie machen gleich die Probe aufs Exempel.


Zeitzeuge Hartmut Krämer erinnert sich: „Ich war damals 17 Jahre alt und machte eine Berufsausbildung im Lebensmittelhandel. Mit Thomas Sschröer bin ich bei Nacht und Nebel durch ein Fenster in die Paulikirche eingestiegen. Von innen haben wir dann die Kirchentüren entriegelt. Dann haben wir uns regelmäßig nicht mehr am Brunnen auf dem Berliner Platz, sondern in der Paulikirche getroffen. Das lag ja nahe. Wir waren damals etwa 50 Jugendliche und junge Erwachsene, die ein selbstverwaltetes Jugendzentrum aufbauen wollten. Wir in der Paulikirche das gemacht, was wir im selbstverwalteten Jugendzentrum machen wollten, Musik, Diskussion, Theater und Kabarett. Leider mussten wir damals die Erfahrung machen, dass die damals mit absoluter Mehrheit regierende SPD die Idee eines Jugendklubhauses unterstützte, aber nichts für uns getan hat. Viele Jugendliche, die regelmäßig in die Paulikirche kamen, bekamen deshalb zu Hause Ärger. Sie bekamen zu hören: ‚Da gehst du nicht mehr hin‘“.


Obwohl es im Sommer 1971 zwischen Kirche, Stadt und Jugendlichen zum Gespräch kommt, können sich die jungen Leute mit ihrer Idee eines selbstverwalteten Zentrums nicht durchsetzen.


Am 7. Oktober 1971 schaffen Bagger mit dem Abriss der Paulikirche Fakten. Gleichzeitig wird eine große Kastanie gefällt. Eine weitere überlebt nur dank eines massiven Bürgerprotests und einer Unterschriftensammlung. Stehen bleibt vorerst auch ein windschiefes Fachwerkhaus, in dem die Grünen wenige Jahre später ihre erste Geschäftsstelle einrichten. „Ich bin dort zum ersten Kreissprecher der Grünen gewählt worden“, erinnert sich Hartmut Krämer. Im Fachwerkhaus an der Delle wird auch das alternative Stadtmagazin Freie Presse gemacht, das den mölmschen Filz ins Visier nimmt.


1984 ziehen die Grünen erstmals in den Rat ein und machen sich unter anderem für ein autonomes Jugendzentrum stark, das 1997 als Ergebnis einer ersten schwarzgrünen Koalitionsvereinbarung an der Auerstraße eröffnet wird. Ironie der Geschichte: Der Platz, auf dem einst die Paulikirche stand, ist bis heute ein Parkplatz geblieben.


Zur Person


Thomas Schröer war 1971 als 25-jähriger Lehramtsstudent bereits in der der SPD aktiv. Von 1980 bis 1990 gehörte der Pädagoge dem Deutschen Bundestag an und kehrte dann ab 1994 als Stadtverordneter in die Kommunalpolitik zurück. Bei der Kommunalwahl 1994 verlor die SPD nach mehr als 40 Jahren ihre absolute Mehrheit im Rat und wurde vom ersten schwarz-grünen Bündnis unter Oberbürgermeister Hans-Georg Specht (CDU) und Bürgermeister Wilhelm Knabe (Grüne) abgelöst.


Thomas Schröer kandidierte bei der ersten Direktwahl 1999 als SPD-Bewerber für das Amt des Oberbürgermeisters und unterlag nach einer kuriosen Zweitauszählung dem damaligen CDU-Kandidaten Jens Baganz mit 58 Stimmen, nachdem er zunächst mit einem Vorsprung von 33 Stimmen zum Sieger und damit zum ersten direkt gewählten Oberbürgermeister der Stadt ausgerufen worden war. Thomas Schröer starb 2007.


NRZ/WAZ, 27.06.2021

Freitag, 9. Juli 2021

Kirche unter Druck

Wie geht es mit der katholischen Kirche in Mülheim weiter? Damit haben sich mehrere 100 Katholiken seit 2015 im Pfarreientwicklungsprozesses (PEP) befasst, in Gemeindeversammlungen, Sachausschüssen, Pfarrgemeinderäten und Kirchenvorständen. Zurzeit sind Steuerungsgruppen der drei Pfarreigemeinden St. Mariä Himmelfahrt, St. Mariae Geburt und St. Barbara dabei, die Ergebnisse des Pfarreientwicklungsprozesses, die 2018 in Gemeindevoten dokumentiert und vom Bischof abgesegnet worden sind, in die Tat umzusetzen. Doch es gibt Kritik von der Basis, formuliert zum Beispiel vom Saarner Katholiken Hubert Kauker. Er hat den Initiativkreis Unsere Kirche 2030 und die namensgleiche Internet-Diskussions-Plattform ins Leben gerufen.

 

Die Gemeindemitglieder, so Kauker, seien  im Reformprozess nicht ausreichend mitgenommen worden. Er fordert: „Strukturentscheidungen für die Zukunft der katholischen Stadtkirche nicht nur von den Gremien wie Pfarrgemeinderäten und Kirchenvorständen getroffen werden.“ Kauker betont: „Der PEP 1 muss durch einen PEP 2 abgelöst werden. Die Reformdiskussion muss inhaltlich geführt werden. Sie darf sich nicht nur auf die Umwidmung und den Verkauf von Kirchenimmobilien beschränken. Wir brauchen in den Gemeinden wieder mehr Ungezwungenheit und Freude am Glauben und dürfen funktionierende Strukturen nicht zerschlagen. Sonst setzen wir eine Abwärtsspirale in Gang.“

 

Kauker verlangt die Offenlegung der Gemeindehaushalte, „damit alle Gemeindemitglieder wissen, wovon wir reden.“ Außerdem wünscht er sich, „dass das Bistum eine Bedarfsumfrage startet, um herauszufinden was die Menschen in den Gemeinden wirklich brauchen und haben.“ Er plädiert für eine gemeindebezogene Betrachtung des Status quo, die das Ziel habe, „die Kirche zu einem attraktiven Anziehungspunkt für Menschen mit ihren Sinn- und Orientierungsfragen zu machen.“

 

Die beiden Pfarrer Michael Janßen (St. Mariae Geburt) und Christian Böckmann (St. Mariä Himmelfahrt und St. Barbara.) weisen Kaukers Kritik am PEP-Verfahren zurück. Sie weisen darauf hin, dass Hubert Kauker im Sachausschuss seiner zu St. Mariä Himmelfahrt gehören Gemeinde St. Elisabeth mitarbeitet und aus Protest gegen den aktuellen Umstrukturierungskurs aus dem Pfarrgemeinderat ausgetreten ist.

 

„Niemand wird beiseitegedrängt. Jeder konnte und kann sich mit seiner Meinung einbringen. Außerdem kann jeder die Haushalte der Pfarr Gemeinden im jeweiligen Pfarrbüro einzusehen. Aber nur sehr wenige Gemeindemitglieder machen Gebrauch davon, weil es sich um eine komplexe Materie handelt. Der Haushaltsplan für ein Jahr umfasst einen Aktenordner. Es ist nicht möglich, das komplett im Internet zu veröffentlichen“, sagt Pfarrer Böckmann.

 

Für Stadtdechant Janßsen steht fest: „Angesichts der demografischen und finanziellen Veränderungen müssen wir uns den Strukturreformen in unserer Kirche stellen, damit sie auch künftig ihre Kernaufgaben leisten kann, nämlich im Sinne Jesu seine Frohe Botschaft unter den Menschen zu verbreiten und sie mit Leben zu füllen. Alles andere wäre angesichts der unbestreitbaren Tatsachen verweigert, begeht Verrat am Evangelium.“ Böckmann und Janßen nehmen die ehrenamtlichen und gewählten Mitglieder der Kirchenvorstände und des Kirchensteuerrates in Schutz. Sie stellen fest: „Niemand trifft leichten Herzens schmerzliche Entscheidungen. Die Kirchenvorstände, die für ihre Entscheidungen  mit ihrem eigenen Vermögen haften, wägen jeden Beschluss verantwortungsvoll ab.“

Beide Pfarrer erkennen in den Folgen der Corona-Pandemie eine Beschleunigung der Strukturveränderungen, angesichts derer Michael Janßen sagt: „Wir müssen jetzt handeln, um nicht schon bald behandelt zu werden.“ Neben der wirtschaftlichen Herausforderung sehen Böckmann und Janßen auch eine pastorale Herausforderung, um die durch die Coronakrise entstandene Seelsorgelücke zu schließen.“

 

Zahlen, Daten, Fakten.

 

In den vergangenen 25 Jahren ist die Zahl der Katholiken von 64.000 auf 45.000 zurückgegangen. Von 20001 bis 2020  sind 7040 Mülheimer aus der katholischen Kirche ausgetreten. Im gleichen Zeitraum konnte die Stadtkirche 538 Eintritte verzeichnen. Seit der Einführung der kaufmännischen Buchführung im Jahr 2012 machen die an der Katholikenzahl und der Gemeindefläche orientierten Schlüsselzuweisungen des Bistums aus Kirchensteuereinnahmen 40% der Pfarreihaushalte aus. Bis 1995 konnten die Pfarrgemeinden ihren Finanzbedarf beim Bistum melden und wurden bei den Personalkosten zu 100% vom Bistum finanziert. 1996 wurde mit der Budgetierung die Finanzplanungshoheit vom Bistum auf die Pfarrgemeinden übertragen und Schlüsselzuweisungen eingeführt. Diese Umstellung bedeutete für die Gemeinden ein Einnahmen-Minus von 30%. Von 2012 bis 2020 blieben die Schlüsselzuweisungen an die Pfarrgemeinden konstant. 2021 wurden sie aufgrund der sinkenden Kirchenmitgliedszahlen um 12% gesenkt. Weitere Einnahmen generieren die Pfarrgemeinden aus Kollekten, Mieten, Pachten und zweckgebundenen kommunalen Mitteln. Ihr jährliches Haushaltsvolumen liegt bei derzeit ca. 1 Million Euro, wobei die Unterdeckung aktuell bei 10% liegt. Gleichzeitig steigen ihre Personal,- Sach- und Energiekosten pro Jahr zwischen 1- und 3,5%. Je nach Gebäudebestand müssen die Pfarrgemeinden jährlich Rückstellungen für Instandsetzungen bilden. Diese schwanken zwischen 23.000 und 51.000 Euro. 2016 rechnete das Bistum damit, dass die Kirchensteuereinnahmen bis 2030 um 44% und die Kirchenmitgliedszahlen um 33% sinken werden.


NRZ/WAZ, 08.07.2021

Hier zu Hause - nrz.de

 

Donnerstag, 8. Juli 2021

Den Menschen zugewandt

Fünf Monate nach seinem COVID-Tod sind die sterblichen Überreste Wilhelm Knabes am 26. Juni auf dem Hauptfriedhof in einem Urnenfriedhof beigesetzt worden. Rund 40 Angehörige, Freunde und Wegbegleiter nahmen in der Trauerhalle Abschied vom Mitgründer und ersten Bundessprecher der Grünen, der auch dem Deutschen Bundestag angehört hatte und als Bürgermeister in den 1990er Jahren das erste schwarzgrüne Bündnis in Mülheim mit angeführt hatte.

Knabes Tochter Ricarda, Pfarrer Wolfgang Sickinger, Bürgermeister Markus Püll und der Bundesgeschäftsführer der Grünen, Michael Kellner, warfen aus ihrer persönlichen Perspektive Schlaglichter auf das 97-jährige Leben des Wilhelm Knabe. Naturfreund, Pfarrersohn, Forstwissenschaften, vierfacher Familienvater, Ehemann, pflegender Angehöriger, Christ, Gemeinde- und Kantorei-Mitglied, Politiker. Das Leben Knabes hatte viele Facetten. Doch allen Würdigungen gemein war die Erinnerung „an einen liebevollen und zugewandten Menschen, der bis ins hohe Alter an Menschen interessiert war und mit ihnen etwas zum Besseren bewegen wollte.“


Die Nachrufe auf den aus Sachsen stammenden Wahl-Mülheimer zeichneten den grünen Lebensfaden des Wilhelm Knabe nach, der in seinem Elternhaus, einem evangelischen Pfarrhaus, „den moralischen Kompass für seine Lebensreise mitbekam.“ Die Trauerredner, die den Blick „auf die Dankbarkeit für ein bewegtes und bewegendes Leben“, in dem Knabe für seine Mitmenschen zum inspirierenden Vorbild wurde, ob im Widerstand gegen die NS- und die SED-Diktatur, als Bewahrer der Schöpfung, als Vordenker des Klimaschutzes oder als Unterstützer der demokratischen Opposition im kommunistischen Polen und der Deutschen Einheit.


Knabe, so seine Laudatoren, habe die weltpolitische Wende der Jahre 1989/90 und die Deutsche Einheit hellsichtig nicht als Ende der Geschichte, sondern als einen Neuanfang gesehen, der nur gelingen könne, wenn die Fehler der Vergangenheit aufgearbeitet würden und so als Lehre zum Humus für Gegenwart und Zukunft werde.


„Sein politisches Engagement hat seiner Frau und seiner Familie viel abverlangt und es ist unerträglich, dass mein Vater Wilhelm als zugewandter Mensch den einsamen COVID-Tod sterben musste“, ließ Ricarda Knabe in ihr trauerndes Herz blicken. Sie hatte ihren Vater bis zum Schluss begleitet. 


NRZ/WAZ, 28.06.2021

Mittwoch, 7. Juli 2021

TEAM MÜLHEIM

Ein alter Mann geht mit seinem Stock über die Schloßstraße. Plötzlich kommt ihm ein Fußball in die Quere, Komma den ein Junge in die Tiefe des Raumes der Fußgängerzone geflankt hat. Spontan stützt sich der alte Herr auf seinen Gehstock und spielt den Ball gekonnt mit seinem rechten Fuß zurück. Die Szene wirkt skurril. Interessant, wie ein Ball die Phantasie der Menschen beflügeln kann und selbst aus reifen Herren mit Handicap im Geiste wieder kleine Jungs werden lassen kann, die sich an den Straßenkick ihrer Kindheit erinnert fühlen. Wenig später sehe ich auf der gleichen Straße einen jungen Mann, der mit seinem E-Scooter wie ein Rennfahrer auf dem Nürburgring fühlt und frech einen Rollatorfahrer beiseite hupt. Das nennt man wohl ein grobes Foul, um in der Sprache des Fußballs zu bleiben. Leider ist auf dem Spielfeld des Lebens nicht immer ein Schiedsrichter zur Stelle, wenn er vonnöten wäre, um solche Regelverstöße zu ahnden und dafür zu sorgen, dass sich alle Spieler auf dem Spielfeld des Lebens als Mitspieler und nicht als Ego-Shooter begreifen. Das Team ist der Star, nicht nur im Fußballstadion, sondern auch auf dem Spielfeld, das sich Leben nennt. Gewinnen können wir auch als Team Mülheim nur dann, wenn wir uns die Bälle zuspielen, statt uns die Steine in den Weg zu legen.


NRZMH, 07/2021

Sonntag, 4. Juli 2021

Kultur als Lebensmittel

 "Kultur und Literatur sind der Regenschirm, der uns vor der Scheiße des Lebens schützt!" So hat es der Literaturkritiker Dennis Scheck keck, aber korrekt formuliert. Tatsächlich werden wir uns im Rückblick auf unser Leben eher an Begegnungen und inspirierende Kulturerlebnisse erinnern, denn an Überstunden, Lohnabrechnungen und Kontoauszüge.

Früh übt sich deshalb auch der Literaturgenuss, den nicht nur die Leiterin der Jugendstadtbibliothek, Elke Hoffmann, zurecht "als Kino im Kopf", bezeichnet, "das uns mit unserer Phantasie in andere Welten abtauchen lässt." Gut also, dass die im Medienhaus am Synagogenplatz und in vier Stadtteil- und Schulbüchereien ansässige Stadtbibliothek, auch im zweiten Corona-Jahr nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch ihre Eltern- und Großeltern zum generationsübergreifenden Lesen verführt und mit finanzieller Hilfe ihres Förderers Westenergie die kleinen und großen Leseratten mit einem Überraschungsgeschenk belohnen kann.

Energie fürs Leben

Es stimmt, wenn die Kommunalbetreuerin der Westenergie, Simone Kastner-Zens,  bei der Vorstellung des inzwischen sechsten Sommerleseclubs das Lesen und die damit verbundene Bildung "als eine der wichtigsten Energien unserer Gesellschaft" charakterisiert.

Energie im Sinne eines nachweislich gesundheitsfördernden Lachens gibt uns auch das 1990 von Volkmar Spira ins Leben gerufene und heute von Michael Bohn geleitete Backsteintheater des Evangelischen Krankenhauses, wenn es jetzt am 3. und 4. Juli-Wochenende seine freche und fröhliche Komödie "Ewig Jung" auf die Bretter bringt, die die Welt bedeuten. Diese Bretter befinden sich in diesen Corona-Zeit aber nicht im Kasino-Theater des Evangelischen Krankenhauses, sondern in der Freilichtbühne an der Dimbeck.

Mit Theater fing alles an

Vor 85 Jahren wurde die im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme errichtete Freilichtbühne, die ursprünglich eine Müllkippe werden sollte, auch mit einem Theaterstück, Shakespeares "Sommernachtstraum", eröffnet. Die Kooperation zwischen der Regler-Produktion, die die Freilichtbühne seit 2014 mit ihren Netzwerkpartnern betreibt und dem Backsteintheater ist ein Gewinn für alle Beteiligten, zu denen auch das Publikum gehört. Michael Bohn spricht in diesem Zusammenhang von "Aufbruchstimmung".

Ironie der Corona-Geschichte. Aufgrund der Hygieneregeln können pro Vorstellung nur 200 Zuschauer das Theatervergnügen, Marke Backstein, in der Freilichtbühne genießen. Das sind genauso viele Zuschauer, wie sonst im Kasino des Evangelischen Krankenhauses Platz finden. Weitere Informationen findet man im Internet unter: www.reglerproduktion.de und unter: www.backsteintheater.de


Mülheimer Woche im Juni & Juli 2021

Samstag, 3. Juli 2021

Beispielhaftes Bauen und Planen

Im Rahmen meiner Berichterstattung für den Niederrheinanzeiger konnte ich jetzt in Dinslaken ein gutes Beispiel für klimaangepasstes Planen und Bauen kennenlernen. Die Stadt will das 150.000 Quadratmeter große Areal der 1954 eröffneten Trabrennbahn ab 2022 als Wohnquartier umwidmen. Der Rat hat die Verwaltung 2018 auf den Grundsatz der klimaangepassten Stadtplanung verpflichtet.

In diesem Sinne wird die Planung des künftigen Wohnquartiers auf der ehemaligen Trabrennbahn im Rahmen eines digitalen Bürgerbeteiligungsverfahren mithilfe der Internetseite: www.zukunft-trabrennbahn.de sowie mithilfe von Video-Workshops rund um die Themen: Mobilität, Energie und Klimaschutzvorangetrieben. Bürger können auf diesen Plattformen ihre Ideen für die Planung des künftigen Wohnquartiers einbringen können. Der gesamte Planungsprozess wird von externen Fachbüros begleitet und mit deren Know-How, etwa mit dem Errechnen von Kaltluftströmungsmodellen gespeist.

Diskutiert wird zum Beispiel, wie man im Wohnquartier CO2-arme Mobilität und Energieversorgung organisieren und die neue Siedlung vor dem Hintergrund des Klimawandels und seiner extremen Wetterlagen wetterfest machen kann.


Konkret soll das zum Beispiel nur die Einplanung von Grün- und Freiflächen sowie von zentralen Parkplätzen am Rande des Quartiers sowie dessen optimale Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr und an das regionale Radwegenetz erreicht werden. Über die Anbindung an Car-Sharing-Systeme wird ebenso nachgedacht, wie über erneuerbare u nd dezentrale Energieträger, die Nutzung der Geothermie und des Grubenabwassers der ehemaligen Zeche Lohberg. Eine defensive und verdichtete Bauweise soll Freiflächen schaffen, um die Lebensqualität im Wohnquartier durch Kaltlufträume und Regenrückhalteflächen zu erhöhen. Das Ziel ist eine angemessene lokale Antwort auf das globale Problem des Klimawandels, um die Erderwärmung im Geist des Pariser Klimaabkommens  auf maximal 2 Grad Celsius zu begrenzen und damit der Entstehung von sommerlichen urbanen Hitzeinseln entgegenzuwirken. Die jüngste Hitzewelle im Nordwesten Kanadas mit Temperaturen von bis zu 50 Grad Celsius machen die Notwendigkeit einer klimaangepassten Stadt- und Bauplanung deutlich.


LK/NRA, Juni 2021  

Freitag, 2. Juli 2021

Wie fair ist der Verkehr?

 2020 sind auf Deutschlands Straßen 2724 Menschen ums Leben gekommen. Auch wenn das, nach Angaben des Statistischen Bundesamtes  10,6 Prozent weniger Verkehrstote waren, als im Jahr zuvor, ist diese Zahl für die Verkehrswacht alarmierend genug, um für die Verkehrssicherheit auf die Straße zu gehen. Auch die von Prof. Dr. Gunter Zimmermeyer geführte Ortsgruppe war beim bundesweiten Aktionstag am 19. Juni mit von der Partie. Besonders wichtig war Zimmermeyer, der Hinweis, dass in Mülheim die Zahl der im Straßenverkehr verunglückten Fußgänger und Radfahrer angestiegen ist.

Folgt man der Mülheimer Verkehrsunfallstatistik der Polizei für die Jahre 2019/2020, so ist die Zahl der Verkehrsunfälle von 6155 auf 5090 gesunken. Die Zahl der Verletzten sank von 478 auf 453. Die Zahl der Verkehrstoten blieb mit jeweils einer Person gleich. Allerdings stieg die Zahl der Schwerverletzten von 76 auf 91, die Zahl der verunglückten Fußgänger von 76 auf 79 und die Zahl der verunglückten Fahrradfahrer von 109 auf 133.

Auf dem Kurt-Schumacher-Platz bot die Verkehrswacht, am 19. Juni zusammen mit den beiden Polizeibeamtinnen Mandy Kaiser und Ruth Krobok auf einem mobilen Parcours ein Rollatortraining sowie Hör- und Sehtestes für motorisierte Verkehrsteilnehmer an. Allein zwischen 10 und 12 Uhr nutzten 16 Passanten dieses Test-Angebot. Kaiser und ihre Kollegin nutzten auch die Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass ihr Kollege Hans-Joachim Ruhl von Polizei Essen-Mülheim ein aufsuchendes Rollator- und Mobilitätstraining für Senioren anbietet. Ruhl ist bei der Polizeidienststelle an der Von-Bockstraße 50 unter der Telefonnummer: 0201-829-4137 oder per E-Mail an: vupo@polizei.nrw.de erreichbar.

Regelmäßig testen lassen

Vor allem ältere Autofahrer mit einer langen Fahrpraxis unterschätzen die Beeinträchtigung ihrer Reaktionsfähigkeit, wenn Seh- und Hörkraft altersbedingt nachlassen. "Für mich war der Rillenteil des Parcours die größte Herausforderung. Ich habe hier wirklich wertvolle Tipps bekommen, wie man seinen Rollator so lenken, anheben und abbremsen kann, um auf jedem Untergrund stabil auf den Beinen zu bleiben", sagte Jürgen Rosendahl nach seinem Rollatortraining. "Ich komme mit dem Auto in die Stadt und fahre dann mit dem Rollator im Aufzug aus der Tiefgarage. Den Rollator brauche ich vor allem für mein Kreuz, damit ich mich während meines Stadtbummels immer wieder hinsetzen kann", beschreibt Rosendahl seinen persönlichen Mobilitätsmix.

Auch Arno Klare, SPD-Bundestagsabgeordneter und Mitglied im Verkehrsausschuss des Parlaments, schaute am Kurt-Schumacher-Platz vorbei. Im Gespräch mit dem Verkehrswächter Zimmermeyer wird schnell klar: "Mülheim ist bei der Radwegen auf einem guten Weg, aber noch weit entfernt von einer Verkehrswende mit einem sicheren Verkehrsradwegenetz, die das Klima und alle Verkehrsteilnehmer gleichermaßen schützt und sicher ans Ziel bringt."

Beispiel Niederlande

"Wir brauchen einen Mentalitätswechsel, hin zu mehr gegenseitige Rücksichtnahme auf unseren Straßen", sind sich Zimmermeyer und Klare einig. Klare hat in den Niederlanden selbst erfahren, wie autofreie Innenstädte und Fahrradstraßen mit einer Grünen Welle für Radfahrer eine umwelt- und menschenfreundliche Verkehrswende voranbringen kann." Zimmermeyer macht klar: "Wir wollen niemandem das Autofahren verbieten oder alle Menschen aufs Fahrrad zwingen, aber wir brauchen einen gleichberechtigten Mobilitätsmix und einen Straßenverkehr, in dem alle Verkehrsteilnehmer nicht nur auf sich, sondern auch auf die anderen Verkehrsteilnehmer achten." Um sichere und rücksichtsvolle Mobilität in einem geschützten Raum trainieren zu können, plädiert Gunter Zimmermann für einen Verkehrsübungsplatz, der dem Mobilitätsmix und Mobilitätsbedarf einer 172.000-Einwohner-Stadt entspricht.

Das sieht der auch im Verein Fuss e.V. für die Mobilitätsrechte von Fußgängern kämpfende Verkehrswächter Wolfgang Packmohr so. "Wir bekommen die Verkehrswende nur hin, wenn wir allen Verkehrsteilnehmern einen eigenen, geschützten Öffentlichen Raum einräumen, in dem sie sich gut, gerne und sicher bewegen können. Doch das wird nur funktionieren, wenn wir dem dominierenden Autoverkehr etwas Platz wegnehmen", unterstreicht Packmohr.

Mit den jungen Verkehrswächtern André Romahn und Alina Migecheva besetzte er am Tag der Verkehrssicherheit den zweiten Infostand, den die Verkehrswacht auf dem Radruhrschnellweg aufgebaut hatte, um zum Beispiel für das Tragen eines Fahrradhelms und ein E-Bike-Training zu werben. "Wie konnten heute einige Fahrradhelme an die Frau und den Mann bringen. Aber leider tragen immer noch viele Radfahrer, die auf dem Radruhrschnellweg unterwegs sind, keinen Helm, auch wenn sie sich einsichtig zeigen, sobald man sie auf dieses Sicherheitsdefizit anspricht", berichtet André Romahn. Für seine an diesem Samstag auf dem Kurt-Schumacher-Platz aktive Kollegin Susanne Kluge ist die fast 100 Mitglieder zählende "heute wichtiger denn je, um Verkehrsteilnehmern aller Generationen zu vermitteln, wie sie in unserer Stadt sicher und rücksichtsvoll mobil sein können."

Halbherzige Verkehrswende

Wie halbherzig die Stadt ihre neue umwelt- und menschenfreundlichere Mobilitätsinfrastruktur aufbaut, kann man an einigen, alles andere als leicht begeh- und befahrbaren Zugängen zum Radschnellweg und an einem Aufzug sehen, der für ein Lastenrad zu klein und zu allem Überfluss oft auch defekt ist. Dann müssen Radfahrer ihr Rad über eine Metalltreppe auf den Radruhrschnellweg hieven.

Ein anderes Beispiel für die gut gemeinte, aber oft nicht gut gemachte Verkehrswende ist auch die am Kahlenberg besonders enge Mendener Straße, die mit rotweißen Baken zur Fahrradstraße gemacht worden ist, ohne den motorisierten Verkehr von der für alle Verkehrsteilnehmer zu schmalen Straße zu nehmen. So kommen sich Auto,- Bus- und Radfahrer bei Ausweich- und Einfädelungsmanövern immer wieder gefährlich nahe und in die Quere. "Um wirklich sicher zu sein, müssen Geh- und Fahrwege mindestens jeweils 2,50 Meter breit sein", sagt Wolfgang Packmohr, der als pensionierter Polizeibeamter heute an der NRW-Hochschule für Polizei und Verwaltung Verkehrs- und Einsatzlehre unterrichtet.

Auch in der Innenstadt sieht der Packmohr einen kontraproduktiven Mobilitätsmix, der allen schadet und niemanden nutzt. Er erinnert uns daran: "Als Touristen fühlen wir uns doch auch in den Städten am wohlsten, in denen wir ungestört und sicher fußläufig unterwegs sein oder in ein Café oder Restaurant einkehren können. Das schafft Lebens- und Aufenthaltsqualität. Es müssen sich nicht alle Verkehrsteilnehmer überall in die Quere kommen. Einige 100 Meter zu Fuß zum nächsten Parkplatz oder zur nächsten Haltestelle zu gehen, ist doch für niemanden ein Problem."

Weiterführende Informationen zum Thema bieten die Internetseiten: www.verkehrswacht-muelheim.de, www.essen.polizei.nrw.de und: www.fuss-ev.de


MW/LK, 20.06.2021

Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...