Mittwoch, 7. April 2010

"Da liegt ein enormes Potenzial brach" oder: Andreas Düsing - Ein Mann will arbeiten


Die wollen doch gar nicht arbeiten und machen es sich auf unsere Kosten in der sozialen Hängematte bequem.“ Diese Vorurteile über Langzeitarbeitslose kann man an Stammtischen immer wieder hören. Andreas Düsing ist ein Beispiel dafür, dass diese Parolen mit der sozialen Wirklichkeit in der Regel nichts zu tun haben.Der 49-Jährige sucht Arbeit, weil er arbeiten will und arbeiten kann. Das hat er jetzt bei der Arbeiterwohlfahrt (Awo) bewiesen. Die Awo gab dem Arbeitslosengeld-II-Empfänger eine Chance, die er genutzt hat.


Finanziell gefördert durch die Sozialagentur stellte sie ihn für ein Jahr ein, um sich von ihm eine Festschrift zum 90-jährigen Bestehen des Sozialverbandes erstellen zu lassen. Das war für den gelernten Buchhändler und studierten Sozialwissenschaftler die richtige Aufgabe, deren Ergebnis sich auf 90 Seiten nachlesen und sehen lassen kann.Historische, politische und soziale Fakten zusammenzutragen, zu ordnen und in einer gegliederten Form schriftlich darzustellen, hat Düsing in seinem Studium gelernt, das er 1992 mit einem Diplom abschloss. „Ich habe sehr viel über die Mülheimer Sozialgeschichte gelernt und war immer wieder überrascht, wie eng Awo und Stadt miteinander verbunden waren“, erinnert sich Düsing an seine Archivrecherchen, bei denen er nicht nur unzählige Vorstandsprotokolle, Schriftwechsel und Akten, sondern auch Zeitungsbände ausgewertet hat. Dabei fand er heraus, dass auch die guten alten Zeiten in Mülheim alles andere als gut waren, so dass die Awo bereits während der 20er Jahre in der Jugendgerichtshilfe gefordert war und am Kohlenkamp eine Armenküche betreiben musste.Als Düsing den beiden Awo-Geschäftsführern Adelheid Zwilling und Lothar Fink sein Manuskript präsentierte, waren sie voll des Lobes: „Toll, dass wir Sie haben.“ Auch das Lob von anderer Seite blieb nach dem Erscheinen der Chronik nicht aus.


Von dieser Anerkennung zehrt Düsing noch heute. „Ich habe jetzt etwas, das ich vorzeigen kann und mit dem ich beweisen kann, dass bei meiner Arbeit etwas herausgekommen ist“, freut sich Düsing.Auch wenn der Awo-Job auf Zeit das Thema Arbeitslosigkeit für den 49-jährigen Dümptener nicht erledigt hat, ist er dankbar für diese Chance. Wichtiger als die Tatsache, dass er mit seiner Arbeit mehr Geld bekam als im Arbeitslosengeld-II-Bezug war und ist ihm das Gefühl „wieder im Spiel zu sein.“Seine Augen leuchten, wenn er das sagt. Und er konkretisiert dieses Gefühl, wenn er hinzufügt: „Der Tag hat wieder Struktur. Man steht morgens früh auf und fährt mit der Straßenbahn irgendwo hin.“ Und Awo-Chef Fink hat bei Düsing „ein echtes Aha-Erlebnis gehabt“, hat an ihm gesehen, wie ein Mensch mit seiner Arbeit wächst, „plötzlich ganz anders auftritt, selbstbewusster wird und viel sicherer spricht.“ Doch er merkt auch, wie ihn die erneute Aussicht auf das Arbeitslosengeld II „seelisch belastet.“ Denn Düsings Tage bei der Awo sind gezählt. Dabei könnte ihn Fink gut gebrauchen. Düsing hat bei der Awo nicht nur die Chronik erstellt.


Er hat in der Telefonzentrale ausgeholfen, das Archiv der Awo auf Vordermann gebracht, einen täglichen Pressespiegel zusammengestellt und Recherchedienste für die Geschäftsführung übernommen. Doch Fink fehlt das Geld für eine entsprechende Stelle, die er dem qualifizierten Mitarbeiter gerne anbieten würde. „Damit gehen sie abends nach Hause“, beschreibt er seinen eigenen Zwiespalt. Und Düsing macht keinen Hehl daraus, dass gerne bei der Awo bliebe. „Ich habe finanziell keine hohen Ansprüche. Außerdem wird hier eine sinnvolle Arbeit geleistet, zu der ich auch persönlich einen Bezug habe. Und die Kollegen haben es mir einfach gemacht, mich hier einzubringen und mich wohlzufühlen“, beschreibt Düsing seine Arbeit bei der Awo, die ihm nicht nur Geld und Anerkennung, sondern auch „ein bisschen Optimismus“ gebracht hat. Letzteren braucht der Vater einer 16-jährigen Tochter für seinen erneuten Bewerbungsmarathon, den er mit Unterstützung seiner Fallmanagerin bei der Sozialagentur nun wieder absolvieren muss. „Der Arbeitsmarkt ruft nicht gerade hier“, weiß Düsing. Am liebsten würde er weiter bei einem Sozialverband, in einem Archiv, bei einer Buchhandlung oder in einer Bibliothek arbeiten, kann sich darüber hinaus beruflich „aber grundsätzlich fast alles vorstellen.“Warum tut sich ein so qualifizierter und motivierter Mann wie er so schwer, Arbeit zu finden? „Ich bin in die typische Frauenfalle getappt“, sagt er.


Weil seine Frau, von der er inzwischen geschieden ist, besser als er verdiente, stieg er nach der Geburt seiner Tochter aus dem Job aus und kümmerte sich als Vater und Hausmann um die Familie. Eine Erfahrung, die er nicht missen möchte. Doch diese Auszeit wird ihm heute als „fehlende Berufserfahrung“ angekreidet.„Leider sind nur wenige Arbeitgeber bereit so wie die Awo, sich Leute anzuschauen, um sie auszuprobieren“, bedauert Düsing. Er wünscht sich deshalb einen mit Steuergeldern finanzierten zweiten Arbeitsmarkt mit sozial sinnvollen Tätigkeiten, auf dem Langzeitarbeitslose wieder eine Chance bekommen. Denn angesichts ihrer großen Zahl glaubt er, „dass hier ein enormes Potenzial brach liegt.“


Dieser Text erschien am 7. April 2010 in der NRZ

Dienstag, 6. April 2010

Auch der Städtepartnerschaftsverein könnte vom Rotstift-Diktat im städtischen Haushalt empfindlich getroffen werden



Der Vereinsvorsitzende Martin Weck (Foto) fordert die Mitglieder und Sympathisanten des Fördervereins Mülheimer Städtepartnerschaften auf, im Internetportal der Stadt unter www.muelheim-ruhr.de im Rahmen des Bürgerforums zur Haushaltskonsolidierung der Stadtspitze und den Ratsmitgliedern deutlich zu machen, warum der Verein keinesfalls auf eine hauptamtliche und bei der Stadt angesiedelte Geschäftsführung verzichten kann. Nach Wecks Ansicht kann die kontinuierliche Koordination der zahlreichen Kontakte in die Partnerstädte Tours, Darlington, Kuusankoski/Kovolola, Oppeln, Kfar Saba und Beykoz nur durch eine hauptamtliche Anlaufstelle bei der Stadt gewährleistet werden. Das gilt für Weck umso mehr, als das es nicht in allen Partnerstädten einen bürgerschaftlich getragenen Förderverein, wie in Mülheim, gibt. Schon eher hält es Weck für möglich den Wegfall des städtischen Zuschusses von aktuell 7400 Euro pro Jahr durch das Einwerben von Stiftungs,- Sponsoren- und Drittmittel ausgleichen zu können.
Durch einen Verzicht auf eine amtliche Koordination der Städtepartnerschaften will die Stadt in diesem Jahr 33.400 Euro und in den Folgejahren jeweils 120 000 Euro an Personalkosten einsparen. Allein durch die Aufgabe der im Rathaus angesiedelten Geschäftsstelle des Städtepartnerschaftsvereins würde die Stadt jährlich 52 000 Euro einsparen.

Die ebenfalls vom Stadtkämmerer vorgeschlagene Einsparung der Sachkosten für städtepartnerschaftliche Aktivitäten würde die Stadtkasse in diesem Jahr um 15000 Euro und in den Folgejahren um jeweils 30 000 Euro entlasten. Ein Zahlenvergleich macht deutlich, das der derzeit 307 Mitglieder zählende Förderverein wesentlich mehr Mittel für die Pflege der Städtepartnerschaften erwirtschaftet hat, als er an städtischen Zuschüssen dafür bekommen hat. In den 15 Jahren seines Bestehens hat der Förderverein rund 180000 Euro als Mitgliedsbeiträge und rund 97000 Euro als Spenden für Begegnungen im Rahmen der Städtepartnerschaften verwenden können.In der gleichen Zeit hat er mit Hilfe von Sponsoren 212 000 Euro als Zuschüsse für Begegnungen an Schulen, Vereine und Verbände auszahlen können. Gleichzeitig erhielt er für sein Engagement städtische Mittel in Höhe von 38000 Euro.
 

Montag, 5. April 2010

Der Saarner Heinz Weirauch hat jetzt ein Buch über Nonnen und Pistolen im alten Kloster Saarn geschrieben



Über Kloster Saarn (Foto) ist schon viel geschrieben worden. Hier lebten und arbeiteten von 1214 bis 1808 Zisterzienserinnen. Doch wie ging die Geschichte des Klosters weiter, als es keines mehr war. Darüber hat der gebürtige Saarner Heinz Weirauch jetzt ein Buch geschrieben, das unter dem Titel "Von Nonnen und Pistolen" in der Reihe Zeitschrift des Mülheimer Geschichtsvereins erschienen ist.


Spannend und anekdotenreich lässt sich auf 93 Seiten nachlesen, dass das Kloster nach seiner Aufhebung durch Napoleon zunächst von seiner letzten Äbtissin Agathe von Heinsberg gepachtet und bewirtschaftet wurde, aber dann schon bald einer sehr weltlichen Nutzung als Kaserne und Gewehrfabrik zugeführt wurde. Nach den Nonnen kamen zunächst russische und preußische Soldaten und später die Gewehrfabrik des Sylvestre Trinelle ins Kloster.
Der bezahlte seine Arbeiter zwar gut, führte aber auch ein strenges Regiment. Seine Facharbeiter, die er vor allem aus Frankreich und Belgien nach Saarn geholt hatte, büchsten immer wieder aus, wenn ihr Heimweh zu groß wurde. Dann ließ sie Trinelle von der Polizei steckbrieflich suchen und wieder einfangen, denn als Facharbeiter und Geheimnisträger im Dienste der preußischen Armee durften sie Saarn nur mit ausdrücklicher Erlaubnis ihres Dienstherrn verlassen.


1862 war es mit der Waffenproduktion im Kloster vorbei. Weil die militärisch wichtige Produktionsstätte zu nah an der französischen Grenze lag, wurde sie nach Erfurt verlegt. Produziert wurde im Kloster aber weiterhin, jetzt für den zivilen Bedarf. 1865 zog Wilhelm Backhaus mit seinem Holzhandel und Sägewerk dort ein. Außerdem wurden Teile des Klosters jetzt als Tapetenfabrik und Eisengießerei genutzt.


1906 erwarb dann der Industrielle August Thyssen das Kloster, um hier nach Gutsherrenart eine Landwirtschaft betreiben zu lassen, ehe seine Familie die Anlage in den 30er Jahren der Stadt schenkte. Die nutzte das alte Kloster vor allem als Wohnraum für bedürftige Familien. Für reichlich Protest und die Gründung des Saarner Bürgervereins sorgte damals, dass ein Teil des Klosters dem Straßenausbau der B1 weichen musste.


Nach dem Zweiten Weltkrieg verfiel das Kloster in einen Dornröschenschlaf, aus dem es erst Ende der 70er Jahre durch archäologische Ausgrabungen des Rheinischen Landesmuseums geweckt wurde. Sie gaben den Anstoß für die vom Bistum, der Stadt, dem Land und engagierten Bürgern betriebenen Restaurierung von Kloster Saarn, das heute als Bürgerbegegnungsstätte dient und seit 2008 ein Klostermuseum beherbergt, das vom Verein der Freunde und Förderer von Kloster Saarn betrieben wird.


Heinz Weirauchs Buch "Von Nonnen und Pistolen" ist für 5 Euro im örtlichen Buchhandel, im Klostermuseum Saarn und im Mülheimer Stadtarchiv ab der der Aktienstraße 85 erhältlich.
Weitere Informationen im Internet unter:
www.freunde-kloster-saarn.de sowie im Stadtarchiv Mülheim unter der Rufnummer 0208/455-4260

Sonntag, 4. April 2010

So gesehen: Frohe Ostern oder: Da haben wir den Salat


Mein Gemüsehändler und ich sind uns grün. Doch jetzt überraschte er mich im negativen Sinne, als er 1,80 Euro für den Salatkopf haben wollte, der eine Woche zuvor noch 1,20 Euro kostete.

„Da habe ich den Salat“, dachte ich mir und sprach ihn auf die inflationäre Preisentwicklung an. Hatte ich etwas verpasst? Sind die Griechen jetzt doch schon pleite und der Euro nichts mehr wert? Doch mein Mann fürs Gemüse klärte mich auf: „Vor Ostern setzen die Großhändler immer die Preise hoch.“ Interessant. Bisher hatte ich vor Ostern höchstens mit höheren Eierpreisen gerechnet. Doch jetzt schießt auch noch der Salat preislich ins Kraut? Kein Wunder, dass man da als Otto-Normalverbraucher und Kleinverdiener finanziell gesehen ruckzuck in den Bohnen ist.

Vielleicht haben einige Händler Ostern als Fest der Auferstehung auch missverstanden, indem sie vorher eine Preiserhöhung aus ihren roten Zahlen auferstehen wollen.Wenn dem so wäre, sollte ich vielleicht bei meinem Brötchengeber auch mal einen einen vorösterlichen Honorarzuschlag erbitten. Doch die Erfüllung dieser Bitte dürfte wohl genauso realistisch sein wie das Warten auf den Osterhasen, der uns die Eier ins Haus bringt -- natürlich ohne österlichen Preisaufschlag.

Samstag, 3. April 2010

Rückblick: Vor 100 Jahren wurde aus der Landbürgermeisterei Dümpten ein Mülheimer Stadtteil


Wenn die heute knapp 19 000 Dümptener von ihrem Stadtteil reden, sprechen sie gern vom „Königreich.“ Das zeugt von einer besonders intensiven Verbindung mit ihrem Stadtteil. Diese rührt ebenso wie der Begriff aus einer Zeit, als Dümpten eine eigenständige Landbürgermeisterei war.Als Dümptens Bürgermeister Paul Beuther (1850-1917), ein altgedienter preußischer Offizier, unter anderem mit einem Festumzug und hoch zu Ross in sein neues Amt eingeführt wurde, sollen Leute auf der Straße gerufen haben: „Das ist ja wie in einem Königreich.“ Soweit die Legende.

Heute erinnert die Paul-Beuther-Straße neben dem 1908 errichteten und inzwischen als Bürgerbegegnungsstätte genutzten Bürgermeisteramt an der Mellinghofer Straße (Foto) an die Jahre der Dümptener Eigenständigkeit. Ironie der Geschichte: Während die Landbürgermeistereien Styrum und Broich 1904 bereits nach Mülheim eingemeindet wurden, wurde Dümpten eben in diesem Jahr zur Bürgermeisterei erhoben.Das hatte sicher auch mit dem enormen Bevölkerungswachstum zu tun. Dümpten, das damals vor allem vom Bergbau und von der Landwirtschaft lebte, hatte seine Einwohnerzahl von 1871 bis 1907 auf gut 12 000 vervierfachen können. In dem Königreich wurde am Anfang des 20. Jahrhunderts noch Kohle gemacht. Hier gab es mit Sellerbeck und Roland gleich zwei Zechen. Während Sellerbeck schon im Jahre 1905 stillgelegt wurde, förderte man auf Roland das schwarze Gold noch bis 1928 zu Tage. Dort standen 1906 immerhin 863 Bergleute in Lohn und Brot.

Vieles von dem, was das Dümptener Stadtteilleben bis heute prägt, war damals schon vorhanden: die beiden Kirchen am Schildberg und an der Oberheidstraße, die Straßenbahn, mit der man für zehn Pfennige von der Mellinghofer Straße zum heutigen Hauptbahnhof fahren konnte, ein kaiserliches Postamt, das heute als Pizzeria genutzt wird, Volksschulen und die beiden Sportvereine DTV und TV Einigkeit. Während der Dümptener Turnverein bei Gründung der Landbürgermeisterei schon seit 19 Jahren existierte, sollte sich der TV Einigkeit erst zwei Jahre später gründen.Was überrascht, ist die Tatsache, dass es in der vor 1904 zur Landbürgermeisterei Styrum gehörenden Landbürgermeisterei Dümpten bereits drei katholische, fünf evangelische und eine jüdische Volksschule gab.Neben dem Schulwesen gehörten unter anderem auch die Armenfürsorge und der Wegebau zum Verantwortungsbereich der Landbürgermeisterei. Beuther und seine Verwaltung, zu der auch die beiden Beigeordneten Schaap-haus und Hellweg gehörten, trieben unter anderem den Ausbau der Mühlenstraße voran. Sie erhöhten die Lehrergehälter und ließen am Wenderfeld eine weitere evangelische Volksschule errichten, die ab 1965 als Sonder- und heute als Förderschule genutzt wird.Eine Apotheke, zwei Kassenärzte, eine Ortskrankenkasse und eine Sparkasse komplettierten die öffentliche Infrastruktur der Landbürgermeisterei.

Ironie der Geschichte: Kaum war der Bau des Bürgermeisteramtes, in dessen Keller das örtliche Gefängnis untergebracht war, vollendet, fuhr der Zug der Zeit auch schon in Richtung Eingemeindung. Der Trend der Zeit ging zu Großstädten. Dümpten konnte sich dem Sog Mülheims, das 1908 die 100 000-Einwohner-Schwelle zur Großstadt überschritten hatte, nicht entziehen.Die 1908 begonnenen Eingemeindungsverhandlungen wurden am 19. November 1909 mit der Unterzeichnung eines entsprechenden Vertrages abgeschlossen. Er sah unter anderem vor, dass das vorhandene Restvermögen der Landbürgermeisterei auch in Dümpten verbleiben und investiert werden sollte. Der Dümptener Gemeinderat und die Ortskrankenkasse wurden aufgelöst, während die örtliche Sparkasse und eine Einwohnermeldestelle erhalten blieben. Unklar blieb am Tag der Eingemeindung, dem 1. April 1910, nur die Zukunft des kaiserlichen Postamtes. Die Belange der Dümptener Bürger wurde nun von drei der damals 66 Stadtverordneten wahrgenommen, die dem neuen Stadtteil Dümpten zugestanden worden waren.

Dieser Text erschien am 1. April 2010 in NRZ und WAZ

Freitag, 2. April 2010

Seit zehn Jahren sorgt der Verein Donum Vitae dafür, dass Frauen und Paare im Schwangerschaftskonflikt nicht alleine gelassen werden


Katholische Schwangerschaftskonfliktberatung gibt es nicht mehr. 1999 verordnete Papst Johannes Paul II. der Kirche den Ausstieg aus der Schwangerschaftskonfliktberatung. Seine Argumentation: Die katholische Kirche dürfe nicht mit einem entsprechenden Beratungsnachweis die Voraussetzung für einen Schwangerschaftsabbruch und damit für die Tötung ungeborenen Lebens schaffen.Dieses Verbot rief vor zehn Jahren auch in Mülheim engagierte Christen auf den Plan, die der Ansicht waren, die katholische Kirche dürfe Frauen im Schwangerschaftskonflikt nicht alleine lassen. Sie gründeten den Verein Donum Vitae, dessen lateinischer Name Programm ist: "Geschenk des Lebens."

Der heute knapp 100 Mitglieder zählende gemeinnützige Verein trägt eine Beratungsstelle, die zu 80 Prozent aus Landesmitteln und zu 20 Prozent aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden finanziert wird. Nur so können Ulla Höhne (Foto) und ihre Kollegin Bettina Bubbat van Hasseln eine Beratung gewährleisten, die, wie sie sagen, "kostenlos, aber nicht umsonst ist."Um ihre anspruchsvolle Aufgabe erfüllen zu können, haben sich die Sozialpädagogin und die Sozialwissenschaftlerin zusätzlich zu Familien- und Gesprächstherapeutinnen ausbilden lassen. Es sind schwere Gespräche, die sie meistens mit Frauen und nur selten mit Frauen und Männern führen, wenn es um die Frage geht: Kann und will ich in meiner jetzigen Lebenssituation Mutter oder Vater werden? Oder: Kann ich die Verantwortung für ein behindertes Kind übernehmen?"Wir beraten ergebnisoffen. Wir wollen niemanden überreden, sondern gemeinsam mit den Betroffenen eine Entscheidung finden, die auch für ihr weiteres Leben gut ist", betont Ulla Höhne.Obwohl Donum Vitae von einem christlichen Menschenbild ausgeht, berät der Verein auch Frauen, die aus dem Islam kommen oder gar keine religiöse Bindung haben.

Dabei stellt Höhne immer wieder fest, dass religiös geprägte Frauen in besonders großer Gewissensnot sind, wenn sie ungewollt schwanger werden. "Ich dürfte eigentlich gar nicht schwanger sein, kann aber auch das Kind nicht bekommen", beschreibt Höhne die moralische und oft auch materielle Zwickmühle, in der viele Klientinnen stecken.Die Frauen, die den Weg zu Höhne und Bubbat van Hassel finden, kommen aus allen sozialen Schichten und Altersgruppen. "Dabei ist der finanzielle Aspekt nicht unbedingt der Entscheidende, wenn Frauen über einen Schwangerschaftsabbruch nachdenken", sagt Höhne. Oft seien vielmehr die fehlende Unterstützung durch Partner, Familie oder Arbeitgeber ausschlaggebend..Vor allem die betroffenen Männer verdrängen das Problem viel zu oft. "Ich muss doch nicht zur Psychotante", schilderte eine Klientin Höhne jüngst die Reaktion ihres Partners, als sie ihn bat, mit zur Beratung zu kommen.

Dabei versuchen die beiden Frauen den ungewollt Schwangeren immer wieder klar zu machen: "Sie müssen Ihre Probleme nicht alleine lösen." So helfen die Beraterinnen im Ernstfall auch bei der Beantragung finanzieller Hilfen, etwa in Form des Arbeitslosengeldes II, aber auch mit Geld von der Bundesstiftung Mutter und Kind oder von der katholischen Aktion für das Leben. Sie unterstützen Frauen auch bei der Suche nach einer Wohnung oder vermitteln, wenn es nicht anders geht, einen Platz im Frauenhaus.Trotz aller Aufklärungsarbeit, die auch die Frauen von Donum Vitae etwa vorbeugend in Schulklassen leisten, müssen Höhne und Bubbat van Hasseln oft feststellen, dass ungewollte Schwangerschaften nach wie vor ein angst- und tabubesetztes Thema sind, das in der Gesellschaft gerne verdrängt wird. Am Anfang einer ungewollten Schwangerschaft steht nicht selten ein unzureichendes Wissen über die Wirkung von Verhütungsmitteln. Wer weiß schon, welche Kondomgröße er braucht und wie schnell ein Kondom perforiert und damit unbrauchbar wird, weil Mann es diskret im Portemonnaie mit den Geldmünzen zusammenwirft, oder dass die Wirkung der Pille durch die Einnahme von Antibiotika außer Kraft gesetzt wird.

Stichwort Donum Vitae


Die von der Sozialpädagogin Ulla Höhne und der Sozialwissenschaftlerin Bettina Bubbat van Hassel betreute Beratungsstelle von Domum Vitae findet sich an der Schloßstraße 8-10. Sie ist montags bis donnerstags von 9 bis 17 Uhr und freitags von 9 bis 14 Uhr unter ~ 969 15 15 sowie per E-Mail an muelheim@donumvitae.org erreichbar. Die kostenlosen Beratungsgespräche finden nach Vereinbarung statt.

2009 suchten 259 Frauen und Paare den Rat von Donum Vitae. In 148 Fällen wurde eine Konfliktberatung und in 111 Fällen eine allgemeine Schwangerschaftsberatung durchgeführt. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr bei 557 Beratungsgespräche geführt. Dass der Rat von Donum Vitae zunehmend gefragt ist, macht ein Zahlenvergleich deutlich: So fanden im ersten Beratungsjahr 2001 nur 69 Frauen im Schwangerschaftskonflikt und 28 Schwangere mit allgemeinem Beratungsbedarf den Weg zu Donum Vitae.

Dieser Text erschien am 31. März 2010 in der NRZ

Donnerstag, 1. April 2010

Rückbick Vor 80 Jahren wurde der Atenhof an der Kaiserstraße eröffnet: Ein Haus für Kirche, Kultur und mehr


Sein Name lässt es erahnen: Der Altenhof ist schon alt. Vor genau 80 Jahren wurde er offiziell eröffnet. Seine Geschichte reicht aber noch viel weiter zurück, nämlich bis ins Mittelalter. Ursprünglich befand sich dort, wo von 1927 bis 1929 der heutige Altenhof gebaut wurde, der von einer Mauer umgebene Wirtschaftshof der Edelherren von Mülheim.Später ging der Hof auf dem Kirchenhügel in den Besitz der Grafen von Altena und von Styrum über und war zwischenzeitlich sogar Sitz eines Hofgerichtes. 1794 wurde die Witwe Brink, die später Mülheims ersten Bürgermeister Hermann Vorster heiraten sollte, ihr neuer Besitzer. Den Altenhof verkaufte sie ihrerseits für 30 000 Gulden an den neuen Styrumer Schlossherren Philipp Marck, der dort ab 1821 eine Landwirtschaft betrieb.

Das alles war schon wieder Geschichte, als die Evangelische Altstadtgemeinde am 30. März 1930 den heutigen Altenhof eröffnete. Es war die Zeit der Weltwirtschaftskrise. Dementsprechend sang man beim Einweihungsfest: „Wohl tobet um die Mauern der Sturm in wilder Wut. Das Haus wird’s überdauern.“ Welche Stürme auf den Altenhof noch zukommen würden, konnte man sich damals allerdings noch nicht ausmalen.Ende der 20er Jahre war der Bau des Gebäudes ein willkommenes Beschäftigungsprogramm, das 500 Arbeitern, 107 Handwerkern und 30 Firmen Lohn und Brot gab. Der von den Rathaus-Architekten Hans Grossmann und Artur Pfeifer entworfene Mehrzweckbau, den sich die Evangelische Altstadtgemeinde 720 000 Mark kosten ließ, passte aber auch in die Zeit. Denn erst im Jahr zuvor war gleich nebenan die neue Marienkirche entstanden, die ebenso wie der Altenhof im zweckmäßigen Stil der Bauhausarchitektur errichtet worden war.Zur Eröffnung des Altenhofes, in dem Wohnungen und Arbeitsräume für die Kirchenverwaltung ebenso ihren Platz fanden wie Geschäfte, eine Gaststätte mit zwei Kegelbahnen und zwei große Veranstaltungssäle mit Bühne, schrieb die Mülheimer Zeitung: „Die äußere Erscheinung des Baus ist dem Wunsch der Gemeinde entsprechend sehr schlicht gehalten. Der einzige Luxus besteht in einem kleinen Turm, der die Bedeutung des Hauses unterstreichen und zugleich eine Brücke in die Vergangenheit zum ehemaligen Altenhof schlagen soll.“Der Altenhof, der als Gemeindehaus errichtet worden war, wurde rasch zu einem beliebten Veranstaltungs- und Ausstellungsort. In den 30er Jahren muss man dort für eine Fahrzeug- und Motorschau sogar eine Mauer eingerissen haben, um den nötigen Platz für die Ausstellung eines Flugzeuges zu bekommen.Die Flugzeuge der Alliierten waren es, die während des Zweiten Weltkrieges dem Altenhof arg zusetzen. Beim großen Luftangriff vom 22./23. Juni 1943 wurde das repräsentative Kirchenhaus schwer beschädigt. Doch man konnte es rasch so weit wieder herstellen, dass es noch während des Krieges als Notschlafstelle und Lazarett, aber auch als Gottesdienstraum genutzt werden konnte.Nach dem Kriegsende wurde der Altenhof vor allem Kulturort. Bis zur Wiedereröffnung der Stadthalle war er der Mittelpunkt des Mülheimer Kulturlebens. Hier gingen in den ersten 25 Jahren seines Bestehens mehr als 10 000 Veranstaltungen über die Bühne: Konzerte, Vorträge, Filmvorführungen, Feste und Ausstellungen, aber auch Ratssitzungen.Doch ab 1957 lief die Stadthalle dem Altenhof seinen Rang ab.

Er wurde zu einem reinen Verwaltungs- und Wohnsitz für kirchliche Mitarbeiter. In den 70er Jahren erwog man sogar, das Gebäude, dessen Tuffsteinfassade unter Denkmalschutz stand, ganz abzureißen. Doch dazu kam es nicht. Stattdessen wurde der Altenhof Mitte der 80er Jahre für vier Millionen Mark umgebaut und bekam damit seine Funktion als Veranstaltungsort zurück, der heute nicht nur von der Kirche, sondern auch von Parteien, Wohlfahrtsverbänden und Karnevalsvereinen gerne als Fest- Tagungs- und Veranstaltungsort genutzt wird.Als die Evangelische Kirche vor fünf Jahren ihre Gemeinde- und Kirchenkreisverwaltungen zusammenlegte, wurde ihr gemeinsamer Dienstsitz noch einmal für rund eine MillionEuro zu einem modernen und vor allem barrierefreien Verwaltungs- und Veranstaltungszentrum umgebaut.

Dieser Text erschien am 30. März 2010 in der NRZ

Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...