Samstag, 3. September 2016

Die Rohrinspektoren: Wer mit den RWW-Technikern Frank May und Frank Kurkowski unterwegs ist, staunt über den massiven Einsatz von Mensch und Material, der notwendig ist, um das Wasserrohrnetz dicht zu halten

Frank May (links) und seine Kollege Frank Kurkowski im Einsatz
Frank May und Frank Kurkowski sind in ihren sonnengelben Overalls nicht zu übersehen. Das kann auch an sonnigen Sommertagen nicht schaden. Denn die beiden Rohrinspektoren der Rheinisch-Westfälischen Wasserwerksgesellschaft RWW arbeiten auf der Straße und gehen doch auch mit ihren Gerätschaften unter die Erde. Denn sie fahnden nach Wasserrohrbrüchen. „Unsere Arbeit hat was von Detektiv und Sisyphos“, finden sie. Zusammen mit sechs weiteren Koellgen der RWW-Rohrinspektion und einer vierköpfigen Reparatur-Crew sind sie für ein 3000 Kilometer langes Versorgungsnetz zuständig, das von Borken bis Breitscheid reicht. Darüber hinaus nutzen auch Industrie und Privatkunden das Know-How der RWW-Rohrinspektoren. Besonders gerne erinnern sich May und Kurkowski an die glücklichen Gesichter in einem Kleingartenverein, dem sie helfen konnten, einen Rohrbruch aufzuspüren und zu reparieren und so Wasserverluste von 100 Kubikmeter pro Jahr zu beseitigen.

An diesem Tag prüfen sie einen zwei Kilometer langen Netzabschnitt in Styrum. Die beiden Fahrzeuge, mit denen sie unterwegs sind, muten wie Lieferwagen an. Doch der größere „Lieferwagen“ hat es in sich. Wenn seine Heck- und Seitentüren geöffnet werden, kommt hochwertige Mess- Computer- und Mikrofontechnik zum Vorschein. „Wenn Sie mich vor zehn Jahren gefragt hätten, ob ich mal mit Computertechnik arbeiten würde, hätte ich sicher nein gesagt. Doch heute geht nichts mehr ohne“, beschreibt der 47-jährige Frank May den Wandel. Doch neben Computer- und Mikrofontechnik kommt auch Handarbeit zum Einsatz. Erst wird mit einem kleinen Hammerschlag, der das Fingerspitzengefühl des Profis verrät, die Bodenkappe geöffnet. „Heute sind unsere Schieberschlüssel Gott sei Dank nicht mehr aus bleischwerem Eisen, sondern aus erheblich leichterem Carbon. Das geht nicht mehr so stark aufs Kreuz“, erklärt Frank Kurkowski, während er den Schieber-Verschluss des Wasserrohres zur Überprüfung erst öffnet und dann wieder schließt und dann zwei schwere Standrohre auf zwei nebeneinander liegende Hydranten montiert. Sie werden mit zwei zehn Meter langen Trinkwasserschläuchen verbunden, deren anderes Ende durch einen Rohrkopf zur Messtechnik im RWW-Hightechmobil führt. Das Wasser wird dort nur durchgeleitet und über einen zweiten Schlauch zurück in den Ersatzwasserkreislauf geführt. Denn ohne dass die Anwohner, in diesem Fall zwischen Lohberg, Stockhecke, Friesenstraße und Neickmannsfeld, an diesem Vormittag etwas davon merken, haben die Rohrinspektoren ihre Wasserrohre mit Hilfe eines Belüftungsventils geleert und ihr Wasser durch ihr provisorisches Rohrnetz und seine Messtechnik umgeleitet. Das machen May und Kurkowski so lange, bis ihnen die am Computerbildschirm dargestellten Messergebnisse anzeigen, dass ein Nullverbrauchswert erreicht werden konnte, der Wasserdruck bewegt sich mit sechs bis sieben Bar im grünen Bereich. Würde kein Nullverbrauchswert erreicht und der Wasserdruck wäre erheblich geringer, wäre das ein Hinweis auf einen Rohrbruch.

Wo die so gewonnenen Messergebnisse keine absolute Sicherheit bringen, setzen May und Kurkowski Mikrofon und Sendetechnik ein, die mit einem Radius von 150 bis 300 Meter ins Rohrnetz hineinhorchen und Geräusche oder Frequenzen zu Tage fördern. Extrem laute Fließgeräusche oder extreme Frequenzausschläge zeigen den Rohrinspektoren an, dass ein Wasserrohr nicht ganz dicht ist.

„2015 konnten wir in den etwa 1000 Kilometern des Mülheimer RWW-Rohrnetzes Wasserverluste von 250 Kubikmetern aufspüren und durch Rohrreparaturen beseitigen. Gleichzeitig konnten wir die Schäden an Hydranten, Bodenkappen, Schiebern oder Be- und Entlüftungsventilen in den vergangenen Jahren um 50 Prozent senken“, erinnert sich Frank May.

Oft müssen May und Kurkowski auch nachts arbeiten. Zur Notbereitschaft, bei der auch schon mal um zwei Uhr nachts das Telefon klingelt, wenn ein Rohrbruch ruft, kommen die Rohrnetzwartungen in großen Netzbereichen und an starkbefahrenen Straßen. „Das können Sie heute nur noch nachts machen“, sagt Kurkowski mit Blick auf den Verkehrslärm, der dort tagsüber das Aushorchen des Rohrnetzes unmöglich machen würde. Das ist nicht gerade familienfreundlich. Frank May, Ehemann und Vater von drei Kindern, musste auch schon mal einen Familienausflug verschieben, als ihm ein großer Rohrbruch dazwischen kam. „Unsere Arbeit kann man nur mit viel Interesse und vollem Einsatz machen und das auch nur, wenn die Familie dahinter steht“, betont May.

Trotz mancher Härten bereuen es der 47-jährige May, der früher als Betriebsschlosser im Bergbau gearbeitet hat uns sein 43-jähriger Kollege Kurkowski, der in seinem ersten Arbeitsleben Installateur war, nicht, dass sie ihr Berufsweg zur Rohrinspektion der RWW geführt hat. „Wir sind ein gutes Team, können selbstständig arbeiten und unsere Arbeit ist jeden Tag neu“, sagen sie. Und sie sind zurecht stolz darauf, dass sie mit ihrer Arbeit dazu beitragen, dass man in Deutschland den Wasserhahn gefahrlos aufdrehen kann, um zu trinken, sich die Zähne zu putzen oder Kaffee zu kochen.


Dieser Text erschien am 27. August 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Freitag, 2. September 2016

Zeitsprung an der Wolfsburg in Speldorf

Die parkseitige Jugendstilfassade der Wolfsburg im August 2016
Wir springen in das frühe 20. Jahrhundert zurück und schauen auf die 1906 errichtete Wolfsburg am Falkenweg in Speldorf. Damals noch Kurhotel des 1909 eröffneten Solbades Raffelberg und Ausflugslokal, ist die Wohlburg seit 1960 Sitz der katholischen Akademie des Bistums Essen. Im alten Kurhaus gab es nicht nur Kaffee und Kuchen, sondern auch Kurkonzerte in einem Parkpavillon. Der Name Wolfsburg stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert, als in dem Wald auf dem Speldorfer Wolfsberg noch Wölfe gelebt haben sollen. Im Zweiten Weltkrieg diente das alte Kurhotel eine Flak-Stellung. Nach dem Krieg zog hier die britische Militärregierung ein, ehe es zum Ausflugslokal wurde. Dort kehrte 1959 auch der erste Ruhrbischof Franz Hengsbach ein und wurde mit dem verkaufsbereiten Eigentümer handelseinig, so dass am 9. Juli 1960 das Haus der Erwachsenenbildung für das 1958 gegründete  Ruhrbistum Essen eröffnet werden konnte. Getreu der Vorgabe Hengsbachs: 

„Ihr sollt kein katholisches Ghetto sein“, diskutieren hier jährlich rund 30 000 Tagungsgäste heute über Gott und die Welt. Michael Schlagheck, der die in  den 60er und 90er Jahren modernisierte und erweiterte katholische Akademie seit 1992 leitet, hat ihre Aufgabe einmal so beschrieben: „Sie ist eine Grenzgängerin zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, die von einer klaren christlichen Position auf andere zugehen kann.“

Anfang der 90er Jahre war die Katholische Akademie auch einmal Drehort für einen Tatort-Krimi mit Götz George, alias Kommissar Schimanski.

Dieser Text erschien am 30. August 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 1. September 2016

Schön war's in der Freilichtbühne:: Regler Produktion sucht Fundstücke von Anno Dazumal




Die Regler an ihrer Wirkungsstätte in der Freilichtbühne

Peter Michael Schüttler, Peter Szabowski und Susanne Beckers sitzen im klienen Büro der Regler-Produktion und schauen sich alte Fotos an. Da sieht man Winnetou und Old Shatterhand auf der Freilichtbühne und über die Schloßstraße reiten. Ein anderes altes Foto zeigt das Gelände der Freilichtbühne noch vor seiner Herrichtung als Steinbruch.
Solche und ähnliche historischen Fundstücke aus der 80-jährigen Geschichte der Freilichtbühne suchen die Regler. Denn am 2. September wollen sie an der Dimbeck mit ihren Freunden und Gästen den runden Geburtstag feiern.

„Wir planen eine bunte Gala mit Musik von Klassik bis Rock und Lichtkunst. Aber wir wollen auch Zeitdokumente und Zeitzeugen aus den letzten acht Jahrzehnten präsentieren“, erzählt Ur-Regler Peter Michael Schüttler, der als junger Statist 1971 bei den Karl-May-Festspielen auf der Freilichtbühne stand. Aus dieser Zeit stammt auch das Programmheft „Das Geheimnis der Bonanza“, das sein Regler-Kollege Peter Szabowski beim damaligen Veranstalter erworben hat.

Für Susanne Beckers sind die ersten School’s out-Partys der späten 70er Jahre unvergessen, als dort ein gewisser Helge Schneider am Keyboard mit der Band The New auftrat, „Wir konnten hier ungestört Freunde treffen und uns einfach frei fühlen“, erinnert sich Beckers. „Die große Wiese im Park der Freilichtbühne galt damals unter Jugendlichen als Liebesinsel. Hier konnte man ungestört knutschen, Gitarre spielen und rauchen“, schwelgt Szabowski in seinen Jugend-Erinnerungen an die Flower-Power Jahre der schwungvollen Siebziger.

Am 2. September wird gefeiert

Solche, ähnliche und vielleicht auch ganz andere Erinnerungen und Fundstücke aus 80 Jahren Freilichtbühne suchen die Regler. Alte Fotos und Filme sind ihnen ebenso willkommen, wie schriftliche oder gesprochene Zeitzeugen-Geschichten. Auch Videoaufnahmen von Interviewpartnern wären möglich. Es können aber auch Eintrittskarten, Programmhefte, Plakate oder Filmaufnahmen sein, die die unterschiedlichsten Facetten der Freilichtbühne beleuchten. Wie fühlte sich die Operrettenseligkeit der 50er Jahre mit „Carmen“ oder dem „Schwarzwaldmädel“ an. Oder wie spannend war es, als der BC Ringfrei Mülheim seine Meisterschaftskämpfe noch in der Freilichtbühne austrug?

Es gibt viele Geschichten über die Freilichtbühne zu erzählen. Das wollen die Regler nicht nur am Jubiläusabend des 2. Septembers tun. Peter Michael Schüttler plant den Aufbau eines Freilichtbühnenarchivs und möchte eine Dokumentation über das Mülheimer Freilufttheater erstellen, das im Sommer 1936 mit Shakespeares „Sommernachtstraum“ eröffnet wurde, später aber auch Propaganda-Aufmärsche der NSDAP erlebte.

Bitte, melden oder gleich vorbeikommen!

Wer den Reglern Zeitzeugnisse aller Art zur Verfügung stellen kann, sollte sich unter der Rufnummer 0177-7643993 an Peter Michael Schüttler wenden, eine E-Mail an: info@regler-produktion.de senden oder dienstags ab 19 Uhr und mittwochs ab 16.30 Uhr persönlich vorbeikommen, wenn die Regler ganz persönlich in der Freilichtbühne an der Dimbeck 2 anzutreffen sind.

Dieser Text erschien am 4. August 2016 in der Mülheimer Woche und im Lokalkompass

Mittwoch, 31. August 2016

So gesehen: Kindermund tut Wahrheit kund

Was macht man mit seinem Geld, wenn man denn welches übrig hat? Sparen? Das hat sich mit der Kamikaze-Zins-Politik der Europäischen Zentralbank erledigt. Also legt man sein Geld in nachhaltige Wertgegenstände an. Haus, Villa, ein Auto, zwei Autos oder Gold und Schmuck. Doch wenn man das alles zu Hause, in der Garage oder im  Tresor hat, hilft nur noch eines: Ein Kunstwerk muss her, möglichst eines von einem Künstler mit Zukunft. Es soll nicht unbezahlbar sein, sich irgendwann aber doch bezahlt machen, wenn man sich daran leid gesehen hat.

So ein Kunstwerk, großformatig und mit großen bunten Kreisen, wurde jetzt in einem großbürgerlichen Wohnzimmer stolz begutachtet. Man redete sich in Euphorie, ob des einzigartigen Kunstwerkes. Die Stimmung im Raum war prächtig, zumindest solange, bis die fünfjährige Tochter des Hauses sich das Ausnahmewerk genauer anschaute und zu dem Ergebnis kam: „So was kann ich auch malen!“ Die kunstsinnigen und um Fassung ringenden Eltern mussten einsehen. Kindermund tut Wahrheit kund, auch wenn er den Eltern manchmal einen Strich durch ihre Rechnung macht. Kinder sind eben das größte Kunstwerk und die beste Zukunftsinvestition. Meistens!

Dieser Text erschien am 26. Juli 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 30. August 2016

„Eine lohnende Investition“: In der Kranhalle des Diakoniewerkes diskutierte die NRZ mit Vertretern der Politik, der Wirtschaft und den Gewerkschaften über den sozialen Arbeitsmarkt

Es lässt die Zuhörer aufhorchen, wenn Inaya Chahrour, sagt: „Es ist super, hier ehrenamtlich in der Kantine arbeiten zu können, aber es wäre schön, wenn sich der Arbeitsmarkt mal wieder so verändern würde, dass ich mein eigenes Geld in der Gastronomie verdienen könnte.“ Nachdenklich macht es auch, wenn Vorarbeiter Roland Eifler feststellt: „Es gibt Arbeit genug. Das sieht man an den schmutzigen Straße. Die Regierung müsste dafür aber Geld in die Hand nehmen, aber sie würde dafür auch viel zurückbekommen.“ Beide haben den Satz: „Wir melden uns, wenn wir für Sie Arbeit haben“, im Ohr. Inaya Chahrour wartet seit einem Jahr auf einen Beratungstermin bei der Agentur. Und Eifler hat über zwei Jahre nichts vom Amt gehört.

Dass etwas schief läuft auf dem Arbeitsmarkt, macht der Geschäftsführer des Diakoniewerkes deutlich. Ulrich Schreyer sagt, dass der Bund seine Investitionen in den sozialen Arbeitsmarkt in den letzten 20 Jahren halbiert habe, während der Anteil der Beschäftigten, die das Diakoniewerk in Richtung erster Arbeitsmarkt verlassen konnten im gleichen Zeitraum von 30 bis 40 auf 3 oder 4 Prozent abgestürzt sei. Wenn er von Mitarbeitern, deren Verträge ausgelaufen sind, das Angebot bekommt: „Ich komme auch für 50 Cent“, empfindet er das als unwürdig.

Was tun? Darüber wurde nach dem Podiumsgespräch in der Kranhalle des Diakoniewerkes angeregt diskutiert. „Wir haben als Gesellschaft die Pflicht, so gut funktionierende Einrichtungen wie das Diakoniewerk zu unterstützen, weil hier Menschen ihre Fähigkeiten einbringen können und Zufriedenheit gewinnen. Das ist eine langfristige Investition in den sozialen Frieden“, findet der Stiftungsdirektor des Evangelischen Krankenhauses, Nils B. Krog. Seinen Hinweis auf die sozialen Beschäftigungspotenziale im großen Bereich der Grünpflege, kontert der Apotheker und Vorsitzende der Bürgerstiftung, Patrick Marx, mit dem Hinweis: „Das darf aber nicht dazu führen, dass Garten- und Landschaftsbauer auf dem ersten Arbeitsmarkt ihre Mitarbeiter entlassen, weil sie nicht mehr genug Aufträge bekommen.“

Marx wünscht sich „unbürokratischere Lösungen bei der Integration in den deutschen Arbeitsmarkt, wenn man hier etwa ein syrischen Apotheker zum Pharmazeutisch-Technischen Assistenten umschulen will, weil man ihn dringend braucht.“

Die Dümptener Pfarrerin Gundula Zühlke ist überzeugt: „Investitionen in einen sozialen Arbeitsmarkt lohnen sich. Denn es gibt nicht nur in der Grünpflege, sondern auch bei der Begleitung von alten und behinderten Menschen genug zu tun.“

Der Geschäftsführer des Diakonischen Werkes, Hartwig Kistner, sieht das genauso. Er plädiert „für staatliche Förderprogramme, die auch in kleineren Betrieben Arbeitgebern und Arbeitnehmern Planungssicherheit geben könnten.“ Kistner sähe es als lohnende Aufgabe für einen großen Mathematiker, der mal ausrechnen könnte, „ob man vielleicht gar nicht so weit weg wäre, wenn man alle Sozial- und Wohnhilfekosten in einen zweiten Arbeitsmarkt investieren würde.“

Für die stellvertretende Geschäftsführerin der Caritas, Margret Zerres ist dagegen , dass ein sozialer Arbeitsmarkt nicht ohne massive Bundesmittel installiert werden kann. „Man sollte das Grundrecht auf Arbeit ins Grundgesetz schreiben. Denn die ständige Befristung von Arbeit ist menschenunwürdige. Die Arbeitssituation muss dem Menschen dienen und nicht umgekehrt“ MBI-Ratsmitglied Lothar Reinhard fordert auf allen politischen Ebenen „eine ehrliche Diskussion, die neue Schwerpunkte setzt“, wenn es darum gehe, Arbeit statt Arbeitslosigkeit zu finanzieren. Diakonie-Mann Kistner und Caritas-Frau Dagmar Auberg fühlen sich durch die Diskussion bestärkt: „Langzeitarbeitslose können und wollen arbeiten.“ Auberg ist überzeugt, dass „Wirtschaft und Gesellschaft von den Arbeitnehmern des zweiten Arbeitsmarktes profitieren können, auch wenn sie nicht die volle Schlagzahl erreichen.“ Das größte Problem sieht sie darin, dass die Betroffenen keine Lobby haben.

„Das Geld und die Werte sind doch da, um allen Menschen gerecht bezahlte Arbeit zu geben, die mit ihrer Tagesstruktur zur Würde des Menschen gehört“, sagt Pastor Michael Clemens aus St. Engelbert in Eppinghofen mit Blick auf die Rekordsteuereinnahmen des Staates und die Vermögenswerte der Kirche. „Wir müssen unser gesamtes Sozial- und Arbeitssystem vereinfachen und uns angesichts sprudelnder Steuereinnahmen fragen, wie viel Geld wir in die Verwaltung von Arbeitslosigkeit investieren“, beschreibt der Katholikenratsvorsitzende Rolf Völker die politische Ausgangslage. Sein Fazit am Ende der Veranstaltung: „Wir sind in einem Denkprozess, haben aber noch keine Lösung.“



Dieser Text erschien am 25. August in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 28. August 2016

So gesehen: Sankt Martin lässt grüßen

Unsere Verwaltung ist ihrer Zeit voraus. Das merkte ich, als ich jetzt in unserer Lokalausgabe las, dass es höchste Zeit werde, die Martinszüge anzumelden. Meines Wissens kommt Sankt Martin doch erst im November. Mahlen die Mühlen der Verwaltung so langsam, dass die Veranstalter von Martinszügen schon jetzt ins Schwitzen kommen müssen, ohne, dass sie dafür am Ruhrstrand oder anderswo in der Sonne brutzeln müssten.

Aber nein. Heiliger Bürokratius hilf. In so unsicheren Zeiten, wie diesen kann man nicht nur im Rathaus nicht früh genug auf Nummer sicher gehen. Und so müssen jetzt auch Veranstalter von Martinszügen schon im Sommer über ihren Sicherheitskonzepten brüten. Sankt Martin könnte als Bote der Nächstenliebe bei seinem Lichterzug ja vom Pferd fallen, während er seinen Mantel teilt oder sich an einer Laterne die Finger verbrennen. „Denn das Leben ist“, wie schon Erich Kästner uns einst wissen ließ, „immer lebensgefährlich.“ Ich fürchte nur, dieses Restrisiko wird auch das beste Sicherheitskonzept nicht 100-prozentig ausschließen können. Doch keine Angst, liebe Martinszugplaner. Die Nervennahrung für eure schweißtreibende Sommerschreibtischarbeit kommt schon bald in die Supermarktregale: die ersten Dominosteine und Lebkuchenherzen.

Dieser Text erschien am 18. August 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 27. August 2016

Ein grün-weißes Sommermärchen: 1956 schaffte es der VfB Speldorf bis ins Berliner Finale der deutschen Fußball-Amateure und euphorisierte damit die Mülheimer Fußballfans

Was für Deutschland die Helden von Bern, das waren für Mülheim die Helden von Berlin. Die Rede ist von der Elf des VfB Speldorf, die vor 60 Jahren Vizemeister der deutschen Fußball-Amateure wurde.

Nur den „Roten“ aus Neu-Isenburg mussten sich die Grün-Weißen aus Speldorf im Berliner Finale geschlagen geben. Auch wenn es für die von Kurt Biesenkamp trainierte Mannschaft nach 90 Minuten 2:3 hieß, sahen viele der 75 000 Zuschauer die vom Verletzungspech und von umstrittenen Schiedsrichter-Entscheidungen gebeutelten Speldorfer als „moralische Sieger.“ Auch Bundestrainer Sepp Herberger und Torwart-Legende Bernd Trautmann diktierten der Presse den Satz: „Die Speldorfer waren eine Klasse besser“ in den Block.

VfB-Leistungsträger und Nationalspieler Theo Klöckner, erlitt gleich zu Beginn des Spiels einen Wadenbeinbruch, machte aber unbeirrt weiter und schoss später sogar noch ein Tor.
Helmut Hirnstein, Heinz Riepe, Ernst Stroß, Hans Otto Bösebeck, Georg Hanselmann, Horst Riemenschneider, Walter Krogel, Werner Höttger, Walter Reichert, Theo Klöckner, Kurt Zimmermann, Heinz Brands, Harro Weiß

Die Spieler-Namen der Vizemeister-Elf von 1956 klingen für Speldorfer Fußball-Nostalgiker noch heute, wie Musik oder wie Fritz Walter, Toni Turek und Helmut Rahn.
Nach ihrer Rückkehr aus Berlin wurden die Verlierer, wie Sieger gefeiert. Ihr Triumphzug durch die Stadt dauerte eineinhalb Stunden. Tausende säumten die Straßen. In vielen Fenstern wurde Grün und Weiß geflaggt. Der Verkehr kam zeitweise völlig zum Erliegen.

Spieler des Vizemeisters und VfB-Präsident Heinz Otten sprachen später von einem „100-prozentigen Mülheimer Ereignis“ und von einem nie zuvor und nie danach erlebten „Rausch“ der Fußball-Euphorie. „Die Menschen feierten die Mannschaft auf eine Art, wie es Mülheim bisher noch nie erlebt hatte“, schrieb die lokale Sportpresse.

Das Speldorfer Sommermärchen 1956 hatte mit dem Gewinn der Niederrhein-Meisterschaft begonnen. Als Niederrhein-Meister hatte sich der VfB Speldorf für die ab 1951 ausgetragene Deutsche Meisterschaft der Fußball-Amateure qualifiziert.

Siege über Duisburg 08, Dortmund 95, die Spielvereinigung Hagen und Eintracht Braunschweig sowie ein Unentschieden bei Troisdorf 05 hatten Speldorf den Weg zum Deutschen Vizemeister der Fußball-Amateure geebnet.

Auch wenn die Speldorfer nach ihrer umjubelten Vizemeisterschaft für eine Saison in der Zweiten Liga West und viele Jahre später immerhin auch in der NRW-Liga spielen sollten, konnten sie bis heute nie wieder die Fans so begeistern, wie sie es im Sommer 1956 getan hatten.
Während ein in Speldorf verwurzelter Spieler, wie Kurt Zimmermann Angebote von Schalke 04 und Fortuna Düsseldorf ablehnten und noch bis 1963 in den Reihen der Grün-Weißen kickten, spielte Theo Klöckner nach der Einführung der Bundesliga (1963) unter anderem für Werder Bremen und wurde so in der Saison 1964/65 Deutscher Fußballmeister.

Stichwort: VFB Speldorf


Das VFB im Vereinsnamen der Speldorfer steht für „Verein für Bewegungsspiele.“ Der 1919 gegründete VFB Speldorf trat als Zusammenschluss die Nachfolge der Clubs Rheinland und Preußen an. Die Grün-Weißen, deren erste Mannschaft zurzeit in der Landesliga spielt, kickten in den 30er Jahren in der Bezirksklasse Niederhein, die sie zweimal als Meister abschlossen, ohne in die Gauliga aufsteigen zu können. Der kriegsbedingte Spielermangel führte 1943 dazu, dass der VFB Speldorf zusammen mit dem TSV Broich 85 und dem MSV 07 eine Kriegsspielgemeinschaft Linksruhr bildete. Nach dem Krieg spielte der VFB zunächst in der Bezirksliga Niederrhein. Nach seinem 1956 erreichten Aufstieg in die Zweite Oberliga West konnte sich der VFB nur eine Saison lang in dieser Klasse halten. Ursprünglich am Blötter Weg beheimatet, spielen und trainieren die Grün-Weißen seit 2010 im Ruhrstadion und auf dem Sportplatz an der Saarner Straße. 2009 konnte sich VFB Speldorf als Niederrhein-Pokalsieger für den DFB-Pokal qualifizieren.

Dieser Text erschien am 20. August 2016 in NRZ/WAZ

Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...