Mittwoch, 10. November 2010

Auch die Evangelische Kirche muss sparen: Am Wochenende tagt die Kreissynode im Altenhof


Was die katholische Kirche mit der Bildung von drei Groß-Gemeinden (2006) hinter sich hat, könnte dem Evangelischen Kirchenkreis An der Ruhr noch bevorstehen. Am kommenden Wochenende berät die Kreissynode im Altenhof darüber, wie sich die Evangelische Stadtkirche angesichts sinkender Gemeindegliederzahlen in Zukunft aufstellen soll.


Auch wenn die Kirchensteuerprognose auch für 2011 von 5,275 Millionen Euro Kirchensteuern ausgeht, sprechen die demografischen Zahlen eine eindeutige Sprache. 1973 gab es im Kirchenkreis noch 113.000 evangelische Christen. Heute sind es erstmals weniger als 60.000. Die Evangelische Kirche Deutschlands geht davon aus, dass sie bis 2030, setzt sich der demografische Trend fort, ein Drittel weniger Mitglieder und nur noch die Hälfte ihrer heutigen Finanzkraft haben wird.


Bei den jüngsten Kreissynoden hatte Superintendent Helmut Hitzblick von 2,5 bis 2,8 Millionen Euro gesprochen, die angesichts der tendenziell sinkenden Kirchensteuereinnahmen bis 2015 eingespart werden müssen. Vor diesem Hintergrund muss die Kreissynode darüber entscheiden, was die evangelische Stadtkirche in Zukunft noch leisten muss und was sie noch leisten kann.


Auch wenn durchaus umstritten ist, ob die Kirche in der Krise eher auf zentrale oder dezentrale Strukturen setzen soll, geht der Trend zur Bündelung der Kräfte. Nach der Bildung der Vereinigten Evangelischen Kirchengemeinde aus Altstadt, Menden und Raadt (2006) wird sich 2011 eine die neue Lukagemeinde im Mülheimer Norden formieren. Ihr gehören die Gemeinden Dümpten, Styrum, Johannis und voraussichtlich auch die Markusgemeinde an.


Ihr Presbyterium hatte noch im Mai den Ausstieg aus dem Fusionsprozess beschlossen, weil man nach dem Gemeindezentrum Rolands Kamp nicht auch noch das Gemeindezentrum und den dortigen Kindergarten am Knappenweg aufgeben wollte. Doch jetzt das Presbyterium der Markuskirchengemeinde mehrheitlich eine Kehrtwende vollzogen.


Gegen den Widerstand vieler Gemeindeglieder, die in diesen Tagen Unterschriften sammeln und Mahnwachen organisieren, wurde kürzlich beschlossen, das Gemeindezentrum am Knappenweg Ende 2011 und den Kindergarten Mitte 2012 aufzugeben. Die Mitglieder dee Fordervereins der dort ansässigen Kindertagesstätte Unter dem Regenbogen gehen davon aus, dass sie die Betriebskosten den Gemeindezentrums und des Kindergartens durch Vermietungen und gezieltes Sozialmarketing erwirtschaften können.


Auch in den Linksruhr-Gemeinden Saarn, Speldorf und Broich wurde bereits vor Jahren über eine Fusion diskutiert, die aber bisher nicht weiterverfolgt wurde. Stattdessen baute man eine gemeinsame Kirchenmusik Links der Ruhr auf, um Synergieeffekte nutzen zu können.


Grundsätzlich bleibt die Frage, wie der kleiner werdende Finanzkuchen der Kirchensteuereinnahmen zwischen den Gemeinden und dem Kirchenkreis verteilt wird. Welche Aufgabebn werden wo wahrgenommen? Wie viel Geld sollen die Gemeinden und wie viel Geld die überörtlichen Einrichtungen des Kirchenkreises, wie etwa die Evangelisch Familienbildungsstättem das Diakonische Werk oder die Ehe- Familien- und Lebensberatungsstelle bekommen?


Auch bei den Pfarrstellen muss langfristig eingespart werden. Ab 2011, so will es die Rheinische Landeskirche soll es nur noch für 3000 Gemeindeglieder eine volle Pfarrstelle geben. Derzeit hat der Kirchenkreis mit seinen knapp 60.000 Gemeindegliedern 22 Pfarrstellen, also einen Überhang von zwei Pfarrstellen.
Das Foto zeigt die Dümptener Markuskirche am Springweg. Weitere Informationen zu diesem Themenkomplex finden Sie im Internet unter: http://www.kirche-muelheim.de/ oder: http://www.winkhausen24.de/

Montag, 8. November 2010

Eine Erinnerung an John F. Kennedy: 50 Jahre nach seiner Wahl zum Präsidenten der USA

Normalerweise lesen Sie an dieser Stelle nur Beiträge zu lokalen Beiträgen. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel. Bereits am 13. Juli 2010 hatte ich die Gelegenheit im Katholischen Bildungswerk an der Althofstraße einen Vortrag über John F. Kennedy zu halten, der vor 50 Jahren als erster Katholik zum Präsidenten der USA gewählt wurde. Dass er auch für die Mülheimerf Jugend ein politischer Hoffnungsträger war, zeigte der spontane Trauermarsch, zu dem sich junge Leute nach seiner Ermordung am 22. November 1963 in der Mülheimer Innenstadt formierten.

Hier lesen Sie in der Folge einen Beitrag, der auf der Basis meines Vortrages im Katholischen Bildungswerk entstand und in den katholischen Zeitungen RUHRWORT und DIE TAGESPOST erschienen ist.

Auch im zurückliegenden Wahlkampf versuchten seine Gegner, US-Präsident Obama, mit der Feststellung zu diskreditieren, er sei Moslem. Sein republikanischer Unterstützer, Ex-Außenminister Colin Powell konterte die Angriffe mit der Gegenfrage: "Was wäre falsch daran, wenn er ein Moslem wäre? Nichts." Obama selbst antwortete bei einem Wahlkampfauftritt auf die Frage: Warum sind Sie Christ? "Ich bin Christ aus Überzeugung. Ich habe aber erst spät in meinem Leben zum Glauben gefunden. Die Grundsätze, nach denen Jesus Christus gelebt hat, haben mich angesprochen. Nach denen wollte auch ich mein Leben führen."
Die beiden Zitate machen deutlich, welche Rolle die Religion in der amerikanischen Politik spielt. Obwohl die amerikanische Verfassung in ihrem ersten Zusatzartikel von 1791 die Religionsfreiheit garantiert, kennt Amerika als Land der religiösen Freiheit auch die religiöse Intoleranz. Der sahen sich früher auch katholische Politiker ausgesetzt, die nach dem höchsten Amt im protestantisch geprägten Amerika strebten.

1928 scheiterte der demokratische Gouverneur von New York, Alfred E. Smith, als erster katholischer Präsidentschaftskandidat, nicht nur, aber auch, weil er Katholik war. Seine deutliche Niederlage mit 41:59 Prozent der abgegebenen Stimmen veranlasste vor 50 Jahren den Ex-Präsidenten Harry S. Truman davor, seine Demokratische Partrei davor zu warnen, mit Senator John F. Kennedy aus Massachusetts wieder einen Katholiken zu ihrem Präsidentschaftskandidaten zu nominieren. Wie Smith musste sich auch Kennedy den Vorwurf anhören: Wenn ein Katholik ins Weiße Haus einziehe, werde in Washington der Papst mitregieren.
Kennedy konnte die Vorbehalte erst entkräften, nachdem er die Vorwahlen im mehrheitlich protestantischen West Virigina gewonnen und am 12. September 1960 vor protestantischen Pastoren in Houston/Texas eine viel beachtete Grundsatzrede über das Verhältnis von Kirche und Staat gehalten hatte.

Damals sagte Kennedy unter anderem: "Ich glaube an ein Amerika mit einer absoluten Trennung von Kirche und Staat. Ich glaube an ein Amerika, das offiziell weder katholisch, protestantisch noch jüdisch ist Schließlich glaube ich an ein Amerika, in der religiöse Intoleranz eines Tages beendet wird."

Obwohl sich Kennedy selbst bewusst nicht als katholischen, sondern nur als demokratischen Präsidentschaftskandidaten deklarierte und alles, wie etwa die Forderung nach einer staatlichen Unterstützung für katholische Konfessionsschulen vermied, was ihn in den Augen protestantischer Wähler als zu katholisch erscheinen lassen konnte, schätzt man, dass ihn seine katholische Konfession am Ende etwa drei Millionen Stimmen gekostet haben dürfte.
Entsprechend knapp fiel denn auch am 8. November 1960 Kennedys Wahlsieg über den Republikaner Richard M. Nixon aus. Kennedy gewann gerade einmal mit einem Stimmenanteil von gut 50 Prozent und einem Vorsprung von gut 100.000 Stimmen. Dabei konnte Kennedy als Katholik gerade in den Großstädten punkten, in denen viele katholische Amerikaner irischen, italienischer, polnischer, deutscher und spanischer Herkunft lebten. Hinzu kam, dass sich der katholische Bevölkerungsanteil seit der Wahlniederlage von Alfred Smith verdoppelt hatte. Heute stellen die Katholiken übrigens ein Viertel der amerikanischen Bevölkerung und in den Bundesstaaten New Mexiko, Rhodes Island und Massachusetts sogar die Bevölkerungsmehrheit.
Der Wahlsieg des Katholiken Kennedy hatte Signalwirkung und führte zu einem verstärkten öffentlichen Engagement der amerikanischen Katholiken. Katholische Schulen, Universitäten und Krankenhäuser sind heute in den USA selbstverständlich, wenn auch das Problem des sexuellen Missbrauchs im Priesteramt auch der katholischen Kirche in den USA moralisch und materiell nachhaltig geschadet hat.

Als mit Senator John Kerry 2004 wieder ein katholischer Senator aus Massachusetts für das Präsidentenamt kandidierte, spielte seine katholische Konfession im Wahlkampf keine Rolle mehr, ebenso wie für katholischen Senator aus Dalaware, Joseph Biden, der 2009 als Vizepräsident mit Barack Obama ins Weiße Haus einzog. In der Euphorie des Präsidentschaftswahlkampfes von 2008 hatten viele seiner Anhänger Obama als einen "schwarzen John F. Kennedy" apostrophiert. Wie einst Kennedy stand Obama für ein gerechteres Amerika. Was für Kennedy die Bürgerrechte, war für den ersten schwarzen US-Präsidenten Obama ein umfassender Krankenversicherungsschutz für alle Amerikaner. Wie die Präsidentschaft Kennedy endete, ist bekannt. Welcher Erfolg Obama beschieden sein wird, ist nach den Kongresswahlen ungewisser denn je.

Sonntag, 7. November 2010

Ein Leben zwischen Moschee und Minirock: Melda Akbas stellte bei den Herbstblättern ihre Autobiografie vor


Nicht nur Stadtbibliothekarin Claudia vom Felde ist begeistert: „Toll, dass sie in ihrem Alter schon so ein großartiges Buch schreibt und so gut argumentieren kann“, schwärmt die Gastgeberin der Literaturreihe Herbstblätter über Melda Akbas. Die 19-jährige Autorin, die gerade in Berlin ihr Abitur gemacht hat und demnächst Rechts- und Politikwissenschaften studieren möchte, stellt an diesem Abend im Medienhaus ihre Autobiografie „So wie ich will – Mein Leben zwischen Moschee und Minirock“ vor.

Das passt zur aktuellen Integrationsdebatte und interessiert gut 60 Zuhörer. Damit gehört diese Herbstblätter-Veranstaltung zu einer der am besten besuchtesten der Literaturreihe. Tatsächlich ist der Abend ein Lehrstück über gelungene Integration. Selbstbewusst und charmant liest Akbas Passagen aus ihrem Buch vor, um dann ihr Publikum immer wieder um Fragen und Diskussionsbeiträge zu bitten. In der Diskussion ist sie um keine Antwort verlegen. Auch kritische Fragen wie die, warum sie trotz ihrer deutschen Staatsbürgerschaft betone, Türkin zu sein, bringen sie nicht aus dem Konzept. „Ich habe immer die Berliner Luft geatmet und beherrsche die deutsche Grammatik unfallfrei, obwohl sie verflixt schwer ist. Mein Türkisch ist dagegen heute schlechter als mein Englisch. Und ich könnte nicht ein Jahr in der Türkei überleben, ohne mich darüber zu ärgern, was dort nicht so gut funktioniert wie in Deutschland. Dennoch habe ich ein Heimatgefühl, wenn ich meine Großeltern in der Türkei besuche. Das schließt sich nicht aus, deutsche Staatsbürgerin zu sein und sich trotzdem mit der türkischen Kultur der eigenen Familie verbunden zu fühlen“, sagt Akbas.

Da spürt man die Eloquenz der ehemaligen Schülersprecherin, die von einem Charlottenburger Gymnasium mit hohem Diplomatenkinderanteil bewusst auf ein Kreuzberger Gymnasium mit hohem Migrantenanteil wechselte. Warum? „Ich merkte, dass ich selbst Vorurteile gegen die entwickelte, für die ich mich einsetzen wollte. Ich wollte wissen, wie das läuft, um nicht wie manche Politiker von etwas zu schwafeln, von dem man keine Ahnung hat.“Akbas verschweigt nicht ihre Frustrationserlebnisse. Sie berichtet von ihrem gescheiterten Versuch, einen Mädchenabend zu organisieren, weil die Eingeladenen erst zu- und dann wieder absagten, weil ihre Teilnahme dem Freund oder der Familie nicht recht waren.

Oder sie erzählt von ihrem zwiespältigen Gefühl, weil sie sich oft mit deutschen oder italienischen Mitschülern besser verständigen konnte als mit ihren türkischen. Aber sie berichtet auch von türkischen Freundinnen, die trotz Kopftuch ihren eignen Weg gesucht und gefunden und am Ende ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen haben. „Man darf nicht nur auf die Extreme gucken. Es gibt immer viele Schattierungen“, betont die junge Autorin.Dass Schwarz-Weiß-Muster die Wahrnehmung der Wirklichkeit verstellen, macht auch ihre autobiografische Lesung deutlich. An manchen Stellen amüsiert sie sich selbst über die von ihr beschriebene Situationskomik, etwa wenn ihre Mutter im Zimmer der Tochter die Frauenzeitschrift mit Sextipps entdeckt und sich das Journal sehr zu Meldas Verwunderung mit der Bemerkung ausleiht: „Vielleicht kann ich ja noch etwas dazulernen“. Ein Zuhörer fragt nach: „Haben Sie das Heft zurück bekommen?“ Die Antwort kommt prompt: „Nein.“

Schnell wird klar, dass Akbas aus einer Familie kommt, in der traditionelle Wertvorstellungen, Bildungsbewusstsein und politisches Interesse keine Gegensätze sind.„Ohne meine Mutter wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin. Sie hat mir schon früh vorgelesen und immer darauf geachtet, dass ich meine Hausaufgaben mache. Vor ihr konnte ich keine Fünf geheim halten“, beschreibt Akbas die Bildungsambitionen ihrer Mutter.Sie selbst ist davon überzeugt: „Bildung ist immer der Schlüssel.“ In der Diskussion stimmt sie einem Zuhörer zu, als der feststellt: „Vorurteile entstehen, weil wir oft zu wenig über den persönlichen Hintergrund von Menschen wissen.“ Obwohl Akbas ihre Suche danach, „wo man hingehört“, als „Hürdenlauf“ beschreibt und von Konflikten mit dem Vater berichtet, der seine Tochter angesichts von Jeans, Top und Weste „nicht wie einen Hippie“ auf die Straße gehen lassen wollte,“ zeigt sich, dass sie am Ende ihren eigenen Lebensweg zwischen Moschee und Minirock gefunden hat, weil sie immer wieder den Mut zur Rebellion gehabt hat.„Auch deutsche Väter tun sich manchmal schwer, ihre Töchter loszulassen“, räumt ein Mann ein. Und eine Frau erinnert sich an die Warnung ihrer Mutter „Bring bloß keinen evangelischen Freund mit nach Hause“, als Akbas über die familiären Turbulenzen im Vorfeld einer deutsch-türkischen Hochzeit in ihrer Familie berichtet

Am Ende der Diskussion sagt der Vorsitzende des Türkischen Vereins, Fevzi Eraslan, der seit 53 Jahren in Deutschland lebt und als Diplom-Ingenieur auch beruflich seinen Weg gefunden hat, mit Blick auf Akbas: „Ich habe meine eigene bikulturelle Erfahrung immer als Reichtum empfunden. Und deshalb sind Sie für mich ein Vorbild.“

Dieser Beitrag erschien am 29. Oktober 2010 in der NRZ

Sonntag, 24. Oktober 2010

Eine literarische Betrachtung des Gewohnheitstieres Mensch: Wolfgang Rüb stellte bei den Herbstblättern seinen neuen Roman vor


Passend zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung luden die Macher der Mülheimer Literaturreihe Herbstblätter mit Wolfgang Rüb einen ostdeutschen Autor ein, ein echter Gewinn. "Das ist von vorne bis hinten humorvoll“, verspricht Wolfgang Rüb seinen Zuhörern im Medienhaus, bevor der Musikpädagoge aus Sachsen-Anhalt aus seinem zweiten Roman „Wohnquartett mit Querflöte“ liest.Der Mann hat nicht zu viel versprochen.


Seine Zuhörer, leider viel zu wenige, haben an diesem Herbstblätter-Abend viel zu lachen. Sein Humor und seine Sprache kommen fast still und hintergründig herüber. Das Buch erzählt die Geschichte eines ostdeutschen Ehepaares, das die von den Eltern und Schwiegereltern ererbte Jugendstilvilla verkauft, um endlich Geld für die so lange erträumten Reisen zu haben. Doch dann kann es sich aber doch nicht von dem alten Haus trennen, und formiert sich mit dem neuen Besitzer-Ehepaar zu einem Quartett.


Dabei erzählt der Autor zwischen den Zeilen viel über das Leben.Obwohl „Wohnquartett mit Querflöte“ in Rübs ostdeutscher Heimat spielt und seine Protagonisten Renate und Lenz „wie Hunderttausende nach der Wende“ ihre Arbeit als Naturwissenschaftler in der Chemischen Industrie verloren haben, ist sein Buch mehr als ein Regionalroman.Rüb beschreibt das Gewohnheitstier Mensch, das auch nach einer Veränderung der materiellen Lebensverhältnisse nicht aus seinen alten Verhaltensmustern herauskommt.


Und so reisen Renate und Lenz nach dem Verkauf ihrer Villa eben nicht wie geplant nach Spanien, sondern schauen in ihrem alten Garten immer wieder nach dem rechten. Mal zupfen sie Unkraut. Mal graben sie ein Beet um. Mal gönnen sie sich dort sogar ein Schäferstündchen, was den neuen Eigentümern erst mal gar nicht auffällt.Der 57-jährige Autor, der durch das Briefeschreiben und einen Literaturclub zum Romanschreiben kam, begeistert immer wieder mit Wortwitz. Da lässt er Lenz zum Beispiel sagen: „Wir kannten die Dominikanische Republik gar nicht. Aber auf einmal fehlte sie uns.“ oder, Gorbi lässt grüßen: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, aber wer zu früh kommt, ist auch gestraft."


Und seine bessere Hälfte Renate fragt sich angesichts des „Goldenen Sparbuches“, auf das die Beiden ihren üppigen Verkaufserlös eingezahlt haben: „Ich weiß gar nicht, ob ich wirklich reich sein will. Einmal nach Spanien und wieder zurück hätte mir auch gereicht.“ Und bei den Bankern, die Renate und Lenz bei der Anlage ihres neuen Reichtums nur zu gerne beraten wollen, bekommen einen echten Kulturschock, als ihnen die beiden, nicht ohne Schalck im Nacken, mitteilen, dass sie ihr Geld "lieber verjubeln als investieren wollen", weil sie nicht einsehen wollen, dass sie jeden Monat nur soviel Geld ausgeben sollen, wie die Zinsen ihres Kapitals ergeben, "damit wir am Ende als Millionäre sterben können."


Eine Zuhörerin, die sich nach der Lesung von Rüb das Buch signieren lässt, sagt ihm: „Es trifft so vieles.“ Tatsächlich trifft Rüb in seinem „Wohnquartett mit Querflöte“ den richtigen Ton und den Nagel auf den Kopf, wenn er Menschen beschreibt, die an der Erfüllung ihrer Lebensträume immer wieder gehindert werden, weil sie zu sehr an materiellen Dingen hängen; und sei es an einem alten Haus.


Ein Beitrag zu diesem Thema erschien am 23. Oktober 2010 in der NRZ

Samstag, 23. Oktober 2010

Die Mülheimer Stadtmarketinggesellschaft lud am Freitag zu einem Stadtrundgang durch das Mülheim unter dem Hakenkreuz


Normalerweise präsentiert die Mülheimer Stadtmarketimg- und Tourismusgesellschaft MST mit ihren jährlich 200 Rundängen zu 42 verschiedenen Themen die schönsten Seiten der Stadt. Doch am Freitagnachmittag führte Anne Kebben im Auftrag der MST 25 interessierte Bürger zu einigen der insgesamt 95 Mülheimer Stolpersteinen, die an Mitbürger erinnern, die von den Nazis ermordet worden sind. Der Rundgang war bedrückend und beeindruckend zugleich. "Wir möchten gerne auch noch mehr Schulklassen für diesen historischen Rundgang gewinnen", betonte Kebben. Sie erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass es 2004 Schüler der Realschule Stadtmitte waren, die die Biografien der jüdischen Mitschüler erforschten, die in den 30er Jahren von den NS-Machthabern gezwungen wurden ihre Schule zu verlassen. Manche von ihnen konnten der Ermordung durch die Nationalsozialisten entfliehen. Andere wurden deportiert und kamen in Konzentrationslagern ums Leben. Heute geht man davon aus, dass rund 270 jüdische Mülheimer dem Holocaust zum Opfer gefallen sind.



Tatsächlich bietet sich der gut zweistündige Stadtrundgang, bei dem Anne Kebben, auf den Spuren der Mülheimer Nazi-Zeit als ein bedrückend lebendiger Beitrag zum Geschichtsunterricht an. Denn die gut vorbereietete Anne Kebben konfrontiert ihre Zeitreisenden im Laufe von gut zwei Stunden mit vielen Einzelschicksalen, Daten, Fakten, Zeitzeugenberichten und Bildern aus der Zeit des Dritten Reiches.



Eigentlich soll der Rundgang der MST zu den „Stolpersteinen“ führen, die in der Innenstadt an Menschen erinnern, die von den Nationalsozialisten ermordet worden sind, die zum Beispiel Juden oder politische Gegner der NS-Diktatur waren. Da überrascht es, dass der Stadtrundgang mit Anne Kebben ausgerechnet auf dem Rathausmarkt beginnt, wo kein Stolperstein liegt. Doch Kebben macht schnell deutlich, warum sie gerade diesen Platz als Ausgangspunkt für die Zeitreise in das Mülheim des Dritten Reiches ausgewählt hat.Sie zeigt ein Bild, das diesen Ort im Jahre 1933 zeigt. Man sieht Hakenkreuzfahnen am Rathaus und begeisterte Menschen davor.Kebben erzählt vom Aufstieg der Mülheimer NSDAP, die 1925 in Anwesenheit von Joseph Goebbels gegründet wurde und bei den Reichstagswahlen 1930 bereits 21 Prozent der Stimmen errang, ehe sie nach den letzten freien Kommunalwahlen vom März 1933 mit 23 Stadtverordneten die stärkste Fraktion im Rat stellte und ihre Macht sofort dazu nutze, ihre politischen Gegner auszuschalten.


Unter den Bürgern, die sich an diesem Nachmittag auf den Weg in die dunkelste Zeit der Stadtgeschichte machen, sind mit Hartmut Mäurer (SPD) und Ursula Schröder (CDU) auch zwei Stadtverordnete: „Ich interessiere mich für die Mülheimer Stadtgeschichte, über die ich ein profundes Halbwissen habe, das ich immer wieder durch wichtige Details ergänzen möchte“, erklärt Mäurer, Und seine Kollegin Schröder sagt: „Da ich erst 1979 nach Mülheim gezogen bin, ist es mir besonders wichtig auch etwas über die frühere Zeitgeschichte der Stadt zu erfahren, um Gästen, mit denen ich durch die Stadt gehe, auch davon berichten zu können.“


Die MST-Stadtführerin berichtet zum Beispiel vom Baudezernenten Artur Brocke und den Stadtverordneten Willi Müller (SPD), Fritz Terres und Otto Gaudig (beide KPD), die ihre Gegnerschaft zu den Nazis mit dem Leben bezahlen mussten oder vom neuen NS-Oberbürgermeister Maerz, der die Stadt in seiner dreijährigen Amtszeit finanziell vollständig ruinierte.Gleich gegenüber dem Rathausturm macht Kebben noch einmal kurz Halt, um zu erzählen, dass das unscheinbare Haus an der Friedrich-Ebert-Straße, in dem heute die Mülheimer Klimaschutzinitative sitzt, bis 1945 die Parteizentrale der NSDAP, das Horst-Wessel-Haus war. Die Nähe von Rat- und Parteihaus sprach für sich. Und auch das erfahren die Zeitreisenden, dass der Vater von Horst Wessel, der die Nazis zu ihrem vielleicht bekanntesten Kampflied "Die Reihen fest geschlossen. SA marschiert" inspirierte, zeitweise als Petrkirchen-Pfarrer in Mülheim an der Heißner Straße wohnte, die damals bezeichnenderweise Horst-Wessel-Straße hieß.Weiter geht es zum Synagogenplatz.



Der Name ist Programm. Dort, wo heute das Medienhaus steht, stand früher die Synagoge. Kebben zeigt unter anderem ein Foto, das das jüdische Gotteshaus in den Flammen der Reichspogromnacht vom November 1938 zeigt. Kebben berichtet unter anderem von der Grundsteinurkunde der Synagoge aus dem Jahr 1905, die heute in einer Vitrine im Medienhaus ausgestellt ist und von dem damals in Mülheim sehr angesehenen Rabbiner Otto Kaiser. Der hatte bei der Grundsteinlegung die symbolhafte Nähe von Synagoge, Petri- und Marienkirche als Hoffnungssymbol dafür beschworen, dass sich die Religion friedlich die Hände reichten und dafür sorgten, „dass nie mehr die Flammen des Hasses aufzüngeln“ würden. Den Tod seiner Frau Eleonore und die Flucht seiner vier Kinder musste der 1925 gestorbene Kaiser Gott sei Dank nicht mehr miterleben.



Wie wichtig und wie gut integriert die jüdischen Mülheimer bis 1933 waren, wird vor allem mit Blick auf die großbürgerlichen Jugendstilhäuser an der Bahnstraße deutlich. „Hier haben viele jüdische Ärzte, Rechtsanwälte und Beamte gewohnt“, erzählt Kebben. Vor dem heutigen Schulverwaltungsamt erfahren die Geschichtsgänger, dass hier seinerzeit das jüdische Bankhaus Hanau seinen Sitz hatte. Staunend hören sie vom eigenen Bahnanschluss des Bankhauses, mit dem die Hanaus ihre Rennpferde nach Baden Baden transportieren konnten und dass einer ihrer Vorfahren im 18. Jahrhundert, Salomon Gombe, Mülheims erste Ruhrschleuse finanzierte.



Gleich gegenüber, an der Bahnstraße 44, wird es trauriger. „Hier befand sich ein sogenanntes Judenhaus“, sagt Kebben und erklärt dessen Funktion als letzten Wohnort, in dem jüdische Bürger interniert wurden, ehe sie irgendwann im Morgengrauen mit einem Zug vom nahen Bahnhof in die Vernichtungslager abtransportiert wurden. Sie berichtet von den Repressalien, denen Bewohner ausgesetzt waren, etwa das sie kein Telefon haben und keine Haustiere halten, aber auch nicht zur Arbeit oder zur Schule gehen durften. Doch sie berichtet auch von einem Bäcker, der sie nachts heimlich und gegen das Verbot der Nazis nachts mit Brot belieferte.



Vor dem Rosenhof an der Kaiserplatzkreuzung, wo Kebben von dem Schicksal des NS-Gegners Karl Briel berichtet, der noch wenige Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner verhaftet wurde und dessen Schicksal bis heute ungeklärt ist, kommt ein Mann vorbei und ruft „Heil Hitler.“ Der Zwischenfall geht im Straßenlärm fast unter, und die Zeitreisenden ignorieren ihn. Auf dem Kirchenhügel erfahren sie zum Beispiel vom katholischen Pfarrer Heinrichsbauer, der regelmäßig die von der Partei befohlene Beflaggung der Marienkirche vergaß oder vom evangelischen Pastor Barnstein, der in der Petrikirche regimekritische Predigten hielt, aber immer wieder vom Gestapo-Mann Kolk gewarnt wurde, der ihn bespitzeln sollte. An den vielen Stolperstein-Lebensgeschichten, die Kebben im Stadtkern auf Schritt und Tritt erzählen kann, wird der mörderische Wahnsinn des NS-Systems deutlich. „Das Ausgeschlossen sein macht einen kaputt“, zitiert sie zum Beispiel den katholischen Alfred Zsigmond, der nur deshalb drangsaliert wurde, weil seine Mutter Jüdin war. Und so erzählt Kebben zum Beispiel an der Althof- und der Leineweberstraße auch von vormals jüdischen Mitbürgern, die sich auch durch ihren Übertrittt zum Christentum nicht vor Deportation und Tod retten konnten.



Sie zeigt Bilder von der beim großen Luftangriff vom 22./23. Juni 1943 zu 80 Prozent zerstörten Innenstadt und eine Todesanzeige aus der Mülheimer Zeitung, in der eine Familie acht Angehörige beklagt, die im Bombenhagel ums Leben gekommen sind. Am Ende des Zweiten Weltkrieges werden in Mülheim mehr als 1100 Menschen dem Luftkrieg zum Opfer gefallen sein.



Am Schluss des gut zweistündigen Rundgangs, der am Mahnmal für die NS-Opfer im Luisental zu Ende geht, sagt der 1935 in Mülheim geborene Wilfried Hausmann, der Diktatur und Krieg noch als Kind miterlebt hat: „Die vielen bewegenden Einzelschicksale zeigen eine systematische Verfolgung, von der man als Kind gar keine Vorstellung hatte und die einem noch heute die Schamesröte ins Gesicht treiben kann.“



Weitere Informationen zu den Themen-Stadtrundgängen der MST gibt es unter 960 96 42 oder im Internet unter: http://www.muelheim-ruhr.de/



Ein Beitrag zu diesem Thema erschien am 23. Oktober 2010 in der NRZ

Sonntag, 17. Oktober 2010

Ein Sonntagsimpuls aus der Marienkirche

"Wer sich an Gott hält, wird von Gott gehalten." Von diesem Gedanken ließ sich Alt-Weihbischof Franz Grave in seiner Predigt leiten, die er heute in St. Mariae Geburt hielt.

Mit Blick auf Rettung von 33 verschütteten Bergleuten im chilenischen San Jose machte er deutlich, dass dieses technische Wunder der Ingenieurskunst ohne die Glaubenskraft, die den Bergleuten die Zuversicht gab, fast 70 Tage in 600 Metern Tiefe auszuharren, obwohl es für sie keine Gewissheit auf Rettung gab, nicht möglich gewesen wäre.

Auch viele Ingenieure, Techniker oder Ärzte, so Grave, wüssten sich in ihrer persölnlichen Risikoabschätzung, etwa vor einer schweren Operation, im Bewusstsein ihrer eigenen Fehlbarkeit von Gott gehalten, weil sie Selbstvertrauen mit Demut zu verbinden wüssten.

Samstag, 16. Oktober 2010

Wie der ehemalige Stadtrat Paul Heidrich und seine Mitstreiter Behinderten in Bulgarien helfen


Als Paul Heidrich vor zehn Jahren einen Bericht über die menschenunwürdigen Lebensverhältnisse behinderter Heimbewohner in Bulgarien sah, war der Vater eines behinderten Kindes entschlossen, zu helfen. So entstand der Verein zur Förderung von Einrichtungen für Behinderte im Ausland.


Mit Spenden und Zuschüssen der Aktion Mensch sowie mit fachlicher Unterstützung des Landschaftsverbandes Rheinland hat der heute 65 Mitglieder zählende Verein vor allem im Osten Bulgariens durch Bau- und Fortbildungsmaßnahmen sowie durch Hilfsmitteltransporte die Lebensverhältnisse der Betroffenen nachhaltig verbessert.


So wurde in Malko Scharkovo ein aus zwölf Häusern bestehendes Betreuungszentrum, in dem heute 100 behinderte Frauen von 38 Pflegekräften betreut werden modernisiert. Im nahegelegenen Bolyarovo wurde eine zentrale Außenwohngruppe für acht Bewohner eingerichtet. Das nächste Ziel des Vereins ist ein Tageszentrum mit beschützender Werkstatt für Behinderte, das mit Zuschüssen des bulgarischen Staates in Yambol betrieben werden soll.


Obwohl das Bulgarische Helsinki Komitee erst kürzlich darauf hinwies, dass seit 2000 im EU-Land Bulgarien 187 behinderte Heimbewohner an den Folgen von Vernachlässigung und falscher Pflege gestorben sind, sieht Heidrich nach zahlreichen Politikern und Vertretern der Nationalen Agentur für soziales Unterstützung auch ein Umdenken in Bulgarien. Hilfreich war aus seiner Sicht, dass das bulgarische Fernsehen 2009 über Missstände in der stationären Betreuung von Behinderten berichtete. Die Folge: Die bulgarische Regierung will ihre Sozialausgaben um 20 Prozent steigern und die herkömmlichen Heime auf der grünen Wiese schrittweise durch zentral gelegene Wohngruppen und durch Pflegefamilien ersetzen. Mut machte im jetzt auch der Besuch eines Rehabilitationszentrums und einer Wohngruppe, die ein Elternselbsthilfe verein 100 Kilometer südlich von Sofia eingerichtet hat. Auch dies könnte ein lohnendes Unterstützungsprojekt für Heidrich und seine Mitstreiter werden.


Auch wenn der langjährige CDU-Stadtrat Paul Heidrich seine Arbeit als "das Bohren dicker Bretter" beschreibt, hat er doch das Gefühl, dass sich seine ehrenamtliche Arbeit für die Behinderten in Bulgarien lohnt. Wer ihm dabei helfen will, erreicht ihn telefonisch unter der Rufnummer: 0208/460267.

Ein Beitrag zu diesem Thema erschien am 16. Oktober 2010 in der NRZ

Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...