Samstag, 31. Oktober 2009

So gesehen: Läuten statt twittern und der Geschmack des Glaubens - Gedanken zum neuen Ruhrbischof und zum Reformationstag



Als Horst Köhler wieder zum Bundespräsidenten gewählt wurde, wurde das Abstimmungsergebnis direkt aus der Bundesversammlung an die weltweite Internet- und Mobifunkgemeinde getwittert. Als Franz-Josef Overbeck gestern vom Papst zum neuen Ruhrbischof ernannt wurde, ließ die katholische Kirche die Glocken läuten. Das eine rauscht durchs World Wide Web, das andere klingt uns in den Ohren. Die Kirche weiß schon seit hunderten von Jahren und damit länger als jede Partei und jedes Medium: Wer auf sich aufmerksam machen will, muss die Glocken läuten lassen. Das hat die Kirche auch nötig. Denn ihre Schäfchen werden weniger. Und deshalb kann sie weniger denn je glauben, ihre Schäfchen im Trockenen zu haben. Wer in dieser Situation die Glocken läuten lässt, pfeift nicht nur im Dunkeln, sondern lässt aufhorchen, wenn er, wie der neue Ruhrbischof, sagt, die Kirche müsse den Menschen zeigen, wo es zu Gott geht. Das klingt himmlisch, wie das Glockengeläut und lässt glauben,dass das einer weiß, wo es lang geht, wenn den Worten Taten folgen, die zeigen, dass Kirche mehr ist als eine Kirchensteuergemeinschaft. Dann würde das Glockengeläut von gestern zur Zukunftsmusik.

Und kaum war der neue Ruhrbischof gewählt, ließ die katholische Kirche die Glocken läuten. Kaum ist Hannovers Landesbischöfin Margot Käßmann zur Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Deutschlands gewählt worden, verteilt die Evangelische Kirche in Mülheim am morgigen Samstag auf dem Kurt Schumacher-Platz ab 15 Uhr Bonbons. Zugegeben. Dieser Akt praktizierter Nächstenliebe, der in diesen Herbsttagen jedem rauhen Rachen gut tut, hat nichts mit der Wahl Käßmanns, sondern mit dem Reformationstag zu tun. Aber man sieht, die Protestanten sind Pragmatiker. Sie wissen: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, aber manchmal geht auch der Glaube durch den Magen, wenn uns das Reformationsbonbon an Martin Luthers zentrale These erinnert, nämlich, dass sich der Mensch nicht alles durch eigene Taten verdienen kann, sondern darauf angewiesen bleibt, beschenkt zu werden, sei es mit menschlicher und göttlicher Liebe und Gnade oder auch mit einem leckeren Reformationsbonbon. So schmeckt der Glauben.

Freitag, 30. Oktober 2009

Warum man bei den Caritas Sozialdiensten die höchstrichterliche Überprüfung der Hartz-IV-Regelsätze für Kinder begrüßt



Reicht der Hartz-IV-Regelsatz für Kinder aus? Mit dieser Frage beschäftigt sich jetzt das Bundesverfassungsgericht. Gleich zu Beginn des Prozesses äußerten die Verfassungsrichter deutliche Zweifel an der Methode, mit der die Hartz-IV-Regelsätze errechnet werden. Eine genaue Prüfung soll nun folgen.

Experten gehen davon aus, dass das Gericht die Ermittlung des Regelsatzes beanstanden wird. 4644 Mülheimer Kinder und Jugendliche, die derzeit nach Angaben der Stadtverwaltung vom Arbeitslosengeld-II-Bezug ihrer Eltern abhängig sind, könnten nach einem höchstrichterlichen Urteil, das im kommenden Jahr erwartet wird, damit rechnen, dass ihr Regelsatz angehoben wird. Derzeit steht Kinder unter 14 Jahren ein monatlicher Regelsatz von 215 Euro und Jugendlichen über 14 Jahren ein Regelsatz von monatlich 287 Euro zu.

Martina Pattberg, die die Familien- Kinder- und Jugendhilfe der Caritas Sozialdienste leitet, begrüßt die juristische Überprüfung. Auch wenn sie sich nicht auf einen bestimmten Betrag festlegen möchte, ab dem der Hartz-IV-Regelsatz für Kinder und Jugendliche aus ihrer Sicht tatsächlich bedarfsdeckend wäre, steht für sie außer Frage, dass die öffentlichen Zuwendungen von Kindern aus Elternhäusern im Arbeitslosengeld-II-Bezug erhöht werden müssten, um die soziale Stigmatisierung der Betroffenen zu überwinden. "In dem Warenkorb, der dem Regelsatz zugrunde liegt, ist zum Beispiel nicht berücksichtigt, dass Kinder, die wachsen, eben auch schon mal zwei oder drei Paar neue Schuhe im Jahr brauchen oder dass ein ordentlicher Tornister heute locker 50 bis 100 Euro kostet", kritisiert Pattberg.

Einen weiteren Nachteil, der in der Praxis oft zu einer sozialen Ausgrenzung von Kindern aus Hartz-IV-Familien führt, sieht sie darin, dass das Arbeitslosengeld II im Gegensatz zur alten Sozialhilfe in der Regel keine einmaligen Beihilfen mehr vorsieht. "Wenn zum Beispiel eine Waschmaschine kaputt geht, und eine neue angeschafft werden muss, gibt es dafür keine Beihilfe mehr", berichtet Pattberg. Dann versuchen sie und ihre Kolleginnen den Betroffenen mit Stiftungsgeldern aus der Notlage heraus zu helfen. Doch wenn das nicht gelingt, kann es passieren, dass die Kinder aus den betroffenen Familien plötzlich mit unreiner Kleidung im Kindergarten oder in der Schule auftauchen, was ebenso zu Ausgrenzung und Benachteiligung führt, wie das fehlende Geld "für die auch immer teurer werdenden Schulmaterialien" vom Heft über Stifte bis zum Buch. Auch die möglichen Beihilfen für die Erstausstattung eines Säuglings, einer neuen Wohnung oder für die Teilnahme an einer Klassenfahrt, sind, laut Pattberg, inzwischen keine Muss,- sondern nur noch eine Kann-Bestimmung.
Auch wenn Pattberg aus der Praxis der flexiblen Familienhilfe weiß, dass viele Hartz-IV-Familien "Multi-Problem-Familien" sind, denen es nicht nur am Geld fehlt, lässt sie doch keinen Zweifel daran, dass in letzter Konsequenz eben doch vieles am Geld hängt und die drängensten Nöte der betroffenen Familien und ihrer Kinder mit einem angemesseneren Regelsatz gelindert werden könnten.

Wenn Geld keine Rolle spielte, würde sich Pattberg auch eine flächendeckende und kostenfreie Kinderbetreuung in Kindergärten und Schulen wünschen. Aus der Praxis der Familienhilfe weiß sie, dass finanzielle Nöte und die soziale Isolation der betroffenen Familien und ihrer Kinder oft zwei Seiten der selben Medaille sind, etwa wenn das Geld für das gemeinsame Mittagessen in der Schule oder in der Kindertagesstätte fehlt.
Weitere Informationen über die Caritas Sozialdienste finden Sie im Internet unter: www.caritas-muelheim.de

Donnerstag, 29. Oktober 2009

Die Soroptimistinnen - Der Club der starken Frauen feiert seinen 50. Geburtstag


Die in Mülheim und Duisburg derzeit von der Augenärztin Nicola von der Ohe geführten Soroptimistinnen engagieren sich für eine bessere Vereinbarung von Familie und Beruf sowie für internationale Projekte. Jetzt feiert ihr Regional-Club seinen 50. Geburtstag.

Was um Himmels Willen sind Soroptimistinnen? Die Vizepräsidentin ihres für Mülheim und Duisburg zuständigen Clubs, Vera Grunow-Lutter, erklärt es so: „Der Begriff leitet sich aus dem Lateinischen ab und bedeutet soviel, wie: Die Schwestern, die das Beste suchen.”

Das Vereinsleben der derzeit 27 Soroptimistinnen aus Mülheim und Duisburg funktioniert wie bei den Rotariern. Frauen aus verschiedenen Berufen treffen sich regelmäßig zum Gedanken- und Erfahrungsaustausch und unterstützen soziale Projekte. Die Idee eines freundschaftlich verbundenen und sozial aktiven Frauennetzwerkes entstand 1921 in den USA, als sich das Leitbild der beruflich und politisch engagierten Frau noch nicht durchgesetzt hatte.
Auch als die Soroptimistinnen in Mülheim und Duisburg ihren Club 1959 mit Hilfe einer belgischen Gründungspatin aus der Taufe hoben, waren berufstätige Frauen noch keine Selbstverständlichkeit und die Rotaryclubs noch eine reine Männergesellschaft. Da hieß es: Selbst ist die Frau. Das Deutschland einmal von einer Bundeskanzlerin regiert würde, hätten sich die ersten Clubschwestern vor 50 Jahren wohl ebenso wenig träumen lassen, wie die Tatsache, dass Rotary-Clubs inzwischen auch Frauen aufnehmen.

Trotz dieser Fortschritte in Sachen Gleichberechtigung, möchten Club-Präsidentin Nicola von der Ohe (Foto) und ihre Stellvertreterin den entspannten Gedankenaustausch in der weiblichen Gesellschaft der Soroptimistinnen nicht missen. „Auch, wenn die Stellung der Frau sich bei uns wesentlich verbessert hat, ist unser gesellschaftspolitischer Einsatz für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf nach wie vor gefragt”, ist die Soziologin Grunow-Lutter überzeugt. Sie weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass eine ganztägige Kinderbetreuung für berufstätige Mütter in Deutschland immer noch nicht die Regel, sondern nur die Ausnahme sei.

„Man bekommt bei unseren Treffen Einblicke in Berufsfelder, die man sonst nie kennenlernen würde. Außerdem faszinieren mich die Prinzipien Freundschaft und Internationalität”, erklärt die Augenärztin von der Ohe, weshalb sie Soroptimistin ist. So zählt sie heute Lehrerinnen, Juristinnen, Ökonominnen oder Musikerinnen zu ihren Clubschwestern. Und theoretisch könne sie jederzeit eine der 90 000 Soroptimistinnen besuchen, die es in mittlerweile 125 Ländern der Erde gibt.

Tatsächlich schauen die Soroptimistinnen regelmäßig über den nationalen Tellerrand hinaus. Sie haben zum Beispiel Partnerclubs in England, Frankreich und den Niederlanden, unterstützen rumänische Studentinnen mit einem Stipendium oder spenden Geld für eine Aufklärungskampagne gegen die in Afrika weitverbreitete Genitalverstümmelung von Frauen. Im Sinne der Mädchenbildung wurde auch schon ein Schulbauprojekt in Afghanistan mitfinanziert. Aber auch vor Ort sind sie aktiv, unterstützen Hausaufgabenhilfen und Deeskalationsprojekte an Schulen oder die Freizeitbetreuung alter Menschen.
Dabei machen von der Ohe und Grunow-Lutter keinen Hehl daraus, dass ihr Club immer auch für neue Projekte aufgeschlossen ist, die seine Mitglieder als unterstützungswürdig ansehen.
Hintergrund: Willkommen im Club der Soroptimistinnen
Ihren 50. Club-Geburtstag feiern die Mülheimer und Duisburger Soroptimistinnen am 31. Oktober ab 13 Uhr im Duisburger Lehmbruck-Museum. Dort laden sie ab 16 Uhr zu einer Podiumsdiskussion über das Thema „Das Ehrenamt als Brücke zwischen Zivilgesellschaft und Staat” ein. An dieser werden unter anderem Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld und die Leiterin des Centrums für bürger-schaftliches Engagement (CBE), Andrea Hankeln, teilnehmen. Auch Nichtmitglieder sind bei der Jubiläumsveranstaltung willkommen, müssen sich aber vorab bei Claudia Mosny unter 41 27 488 oder per E-Mail an: Soroptimistdumh@googlemail.com anmelden. Grundsätzlich können alle berufstätigen Frauen Soroptimistin werden, wenn sie von einem Clubmitglied dazu eingeladen und von den Clubmitgliedern aufgenommen werden. Der Jahresbeitrag kostet 150 Euro. Hinzu kommt eine Mindestspendensumme von 80 Euro pro Jahr. Weitere Informationen im Internet unter: http://www.soroptimist-du.de/

Mittwoch, 28. Oktober 2009

Was sagt die Spitze der Stadtkirche zum neuen Ruhrbischof? Hoffnung auf geistliche Akzente und einen Pragmatiker mit Zukunft





Seit heute Mittag ist es offiziell. Papst Benedikt XVI. hat den aus Marl stammenden Münsteraner Weihbischof Franz-Josef Overbeck (45) zum neuen Ruhrbischof ernannt. Ich fragte beim Stadtdechanten Michael Janßen (links) und beim Vorsitzenden des Mülheimer Katholikenrates, Wolfgang Feldmann nach: Was erwarten, was erhoffen Sie sich vom neuen Bischof.

Stadtdechant Janßen begrüßt, dass der Essener Bischofsstuhl nach dem Weggang Felix Genns nicht zu lange unbesetzt geblieben ist. Was erwartet er vom neuen Ruhrbischof, wie auch immer er nun heißen wird? „Er sollte in die Fußstapfen von Felix Genn treten und die Umstrukturierung des Bistums mit geistlichem Leben füllen und geistliche Akzente setzen,” meint Janßen.

Der Vorsitzende des Katholikenrates, Wolfgang Feldmann, wird jedoch etwas konkreter. „Der Mann ist mit 45 Jahren relativ jung. Wenn er es wird, kommt da wieder mehr Kontinuität rein und wir bekommen einen Bischof, der über 20 oder 25 Jahre das Bistum auf Kurs und wieder in die Spur bringen kann”, freut sich Feldmann auf den voraussichtlichen Ruhrbischof.
Dass der in Marl geborene Overbeck das Ruhrgebiet kennt, empfindet Feldmann ebenso als positiv, wie die Tatsache, dass er als Weihbischof von Münster „von außen ins Ruhrbistum käme.” In diesem Sinne erhofft sich Feldmann vom neuen Ruhrbischof neue Ideen und eine pragmatische Herangehensweise an die sozialen und strukturellen Probleme des Ruhrbistums.

„Ich hoffe, dass er nicht so konservativ ist”, sagt Feldmann auch mit Blick auf die katholische Schwangerschaftskonfliktberatung durch Donum Vitae. „Wir brauchen Donum Vitae um den Menschen vor Ort in ihrer Not helfen zu können”, betont Feldmann und wünscht sich als Sprecher der Mülheimer Laien natürlich auch, dass der neue Bischof trotz der neuen Groß-Pfarreien „die Laienarbeit auf der mittleren Ebene der Stadtkirche nachhaltig unterstützt.” Nur so kann aus seiner Sicht sichergestellt werden, dass Entscheidungsträger in Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft auf Stadtebene auch einen notwendigen Partner finden, der für die katholische Stadtkirche sprechen und handeln kann.

Ein ausführliches Porträt des Ruhrbischofs finden Sie im Internet unter: http://www.bistum-essen.de/



Heike Rechlin-Wrede wird neue Bezirksbürgermeisterin im Mülheimer Norden



Anders, als am Montag, in der Bezirksvertretung 1, gab es gestern in der Bezirksvertretung 2 bei der Wahl des Bezirksbürgermeisters keine Kampfabstimmung. SPD und CDU einigten sich in dem für Styrum, Dümpten und Winkhausen zuständigen Stadtteilparlament auf eine gemeinsame Listennverbindung. Ihr Wahlvorschlag erhielt in geheimer Verhältniswahl 13 von 19 Stimmen.
Danach konnte der Altersvorsitzende der Bezirksvertretung 2, Hermann Meßmann (CDU) die bisherige SPD-Fraktionschefin Heike Rechlin-Wrede als neue Bezirksbürgermeisterin auf ihr Amt verpflichten. Meßmann selbst (Mitte) und der SPD-Bezirksvertreter Ali Katircioglu wurden zu stellvertretenden Bezirksbürgermeistern gewählt.

Nach ihrer Wahl bedankte sich die neue Bezirksbürgermeisterin Rechlin-Wrede ausdrücklich bei ihrem aus dem Amt geschiedenen Amtsvorgänger und Parteifreund Knut Binnewerg: "Seine Verdienste um die Bezirksvertretung und den Stadtbezirk aufzuzählen, würde den Rahmen dieser Sitzung sprengen", machte Rechlin-Wrede deutlich.

Als vorrangigste Aufgaben für die kommende Wahlperiode der Bezirksvertretung nannte die neue Bezirksbürgermeisterin die Neugestaltung am Styrumer Sültenfuss, die Aufwertung der Mellinghofer Straße in Dümpten sowie die weitere finanzielle Unterstützung von Vereinen, Verbänden, Schulen und Kindertagesstätten durch die Verfügungsmittel der BV2. Derzeit können die drei Mülheimer Bezirksvertretungen jährlich rund 30.000 Euro als Verfügungsmittel für diese Form der aktiven Stadtteilarbeit auf Antrag vergeben. Außerdem appellierte Rechlin-Wrede an ihre BV-Kollegen, wie in der abgelaufenen Wahlperiode, künftig eine sachliche Zusammenarbeit und eine faire und offene Streitkultur zu pflegen.

Dienstag, 27. Oktober 2009

Arnold Fessen bleibt Bezirksbürgermeister in Rechtsruhr-Süd


Der neue Bezirksbürgermeister des Stadtbezirks 1 (Rechtsruhr-Süd) ist der Alte. Der Christdemokrat Arnold Fessen wurde gestern in der konstituierenden Sitzung der Bezirksvertretung 1 mit 10 von 19 Stimmen in seinem Amt bestätigt.

Zu seinen Stellvertretern wurden der Sozialdemokrat Constantin Körner und der Christdemokrat Rudolf Ehlert gewählt. Da keiner der Bezirksverteter Ehlerts Frage: „Ist jemand von Ihnen vor dem 9. Januar 1935 (20 Uhr) geboren” mit Ja beantworten konnte, hatte Ehlert die konstituierende Sitzung des Bezirksparlamentes als Altersvorsitzender eröffnet.
„Als Bezirksvertreter sind wir am nächsten an den Bürgern dran. Und ich hoffe, dass wir auch in der neuen Legislaturperiode hier kritisch und konstruktiv zusammenarbeiten werden”, appellierte Ehlert zum Beginn der Sitzung an seine Kollegen. Darüber hinaus erklärte er zum Selbstverständnis der für die Stadtteile Stadtmitte, Heißen, Holthausen, Menden und Raadt zuständigen Bezirksvertretung: „Unsere Aufgabe muss es sein, Kritik, Wünsche und Anregungen der Bürger in positive Beschlüsse umzusetzen. Und auch dort, wo wir Bürgern vielleicht Belastungen zumuten müssen, sollten wir in der Diskussion mit ihnen zu einer fairen Übereinkunft kommen können.”

In eine kuriose Situation geriet Ehlert gestern übrigens, als er sich in seiner Funktion als Altersvorsitzender selbst fragen musste, ob er die Wahl zum stellvertretenden Bezirksbürgermeister annehme. Seine Antwort: „Ich habe mir das lange überlegt und mich entschlossen, zu sagen: Ja, ich nehme die Wahl an.” Während auch Ehlerts Parteifreund Fessen seine Wiederwahl zum Bezirksbürgermeister „mit Dank für Ihr Vertrauen und als Quelle innerer Freude” annahm, nahm der Sozialdemokrat Heinrich-Peter Pickert seine Wahl zum stellvertretenden Bezirksbürgermeister nicht an. So wurde sein von der Stimmenanzahl nächstplazierter Parteifreund Constantin Körner zum stellvertrenden Bezirksbürgermeister gewählt. Pickert begründete seinen Verzicht damit, dass er bereits zum Fraktionschef seiner Partei gewählt worden sei und deshalb seinem Parteifreund Körner den Vortritt lassen wollte. „Wir sind ja ein Team”, sagte Pickert: „Das haben wir vorher so abgesprochen. Wäre ich zum Bezirksbürgermeister gewählt worden, hätten wir die Fraktionsspitze natürlich neu gewählt.” Auch wenn Pickert keinen Hehl aus seiner Enttäuschung darüber machte, „das wir als stärkste Fraktion wieder nicht den Bezirksbürgermeister stellen können”, nahm er seine knappe Niederlage gelassen: „Die Welt dreht sich weiter.”

Bereits vor dem geheimen Wahlgang hatte sich eine Listenverbindung aus SPD und FDP sowie aus CDU, Grünen und MBI abgezeichnet. Die CDU-Fraktion scheiterte allerdings mit ihrem Antrag, drei statt bisher zwei stellvertretende Bezirksbürgermeister zu wählen. Zur Begründung hatte CDU-Fraktionschef Björn Brinken darauf hingewiesen, dass man derzeit auch im Rat über die Wahl eines dritten Bürgermeisters nachdenke.

Montag, 26. Oktober 2009

Künstler und Chronist der Stadt: Vor 100 Jahren wurde Daniel Traub geboren


Jungen Mülheimern wird der Dame Daniel Traub nichts mehr sagen. Doch sie können ihm begegnen, wenn sie mit der U-Bahn fahren. Denn der 1995 gestorbene Maler hat Mitte der 70er Jahre die Stadtmotive geschaffen, die jeder Fahrgast unweigerlich sieht, der zwischen Hauptbahnhof und Forum mit der Rolltreppe zu den Bahnsteigen der U18 hinabfährt. (Foto) Es handelt sich um bunte Keramikgemälde, die uns Mülheims klassische Motive vor Augen führen: Die Altstadt mit der Petrikirche, das Schloß Broich, den Wasserbahnhof und die Stadthalle. Die hat der am 25. Oktober 1909 in Breslau geborene Traub, der 1924 mit seinen Eltern nach Mülheim kam und später unter anderem an der Essener Folkwangschule studierte, in den 20er Jahren eigenhändig mit aufgebaut.

Das Geld, dass er damit verdiente sparte er nicht, sondern investierte es umgehend in seine erste Mal- und Studienreise nach Italien. Später sollten ihn auch Reisen nach Norwegen zu starken Landschaftsstudien inspirieren. "Hier habe ich die Botschaft des Lichts als wesenhaftes Element der Landschaft erleben dürfen," berichtete Traub später. "Mein Vater war kein Geschäftsmann, aber enorm fleißig", erinnert sich seine Tochter Monika Kappelmeyer. Das musste er auch sein, denn schließlich hatte Traub Frau und neun Kinder zu ernähren. Dies tat er nicht nur mit Landschaftsbildern und Portraits, sondern zum Beispiel auch mit dem Ausmalen von Theaterkulissen, Schulgebäuden und Kunst am Bau, Buchillustrationen, Mal- und Zeichenkursen, die er unter anderem an der Volkshochschule gab oder dem Malen von Werbeplakaten und Entwürfen von Etikettenbandrolen, die später zum Beispiel Konservendosen schmückten.

Tochter Monika weiß noch, dass sich ihre Eltern in den 30er Jahren kennen lernten, als Traub im Auftrag der Stadt die damaligen Volksschulen am Muhrenkamp und an der Eduardstraße ausmalte. Denn dort war der Vater seiner Frau Anna Elise, die er 1937 heiraten sollte, Hausmeister. Unvergessen ist Kappelmeyer auch, dass ihr Vater einmal sogar auf ein Baugerüst stieg, als er für den Mülheimer Wohnungsbau an einer Hauswand ein Sgraffito aufmalen musste, und das, obwohl er als Soldat im Krieg ein Bein verloren hatte. Von seinem Atelier im Schulturm der heutigen Realschule Stadtmitte hatte Traub wohl einen perfekten Ausblick auf seine Wahlheimat. Ob dieser ihn auch zu seinem großen Mülheim-Panoramabild inspiriert hat, das heute ebenso im Tersteegenhaus einen Ehrenplatz hat wie Traubs 1938 geschaffenen Linolschnitte mit Motiven aus Karll Arnold Kortums Jobsiade. "Die Arbeiten sind so gekonnt, dass dies allein schon reichen würde, ihn nicht in Vergessenheit geraten zu lassen", sagte Johannes Rickert in seiner Laudatio, als der künstlerische Stadchronist Traub 1980 von der Bürgergesellschaft Mausefalle mit dem Ehrenpreis Jobs - Der Kandidat ausgezeichnet wurde.

Bereits 1963 war Traubs vielseitiges Werk, in dem sich Aquarelle und Zeichnungen ebenso finden, wie Holzschnitte und Litographien, mit dem Ruhrpreis ausgezeichnet worden. Trotz der Auszeichnungen tat sich seine Wahlheimat schwer mit Traub. Es dauerte bis zu seinem 75. Geburtstag, bis das städtische Kunstmuseum, das heute viele seiner Arbeiten bewahrt, ihn mit einer umfassenden Werkschau würdigte. Vielleicht lag es auch daran, dass der Mitgründer der Arbeitsgemeinschaft Mülheimer Künstler ein streitbarer Zeitgenosse war. "Mein Vater hatte Zivilcourage und hat sich damit auch schon mal den Mund verbrannt," erzählt seine Tochter Monika. Sie erinnert sich daran, dass er in den frühen 70er Jahren beim damaligen Baudezernenten Gellinek gegen die damals neu entstehenden Hochhäuser am Hans-Böckler-Platz protestierte. Doch schon viel früher - im Dezember 1950 - hatte Traub bei einer großen Ausstellung Mülheimer Künstler die Kulturpolitik der Stadt scharf kritisiert und gemahnt: "Untätiges Wohlwollen reicht nicht aus." Sein damals aufgestellter Forderungskatalog: Mehr Begabtenförderung und Stipendien für junge Künstler, den Zugang zu Kulturveranstaltungen auch für die eher kulturfernen Bürger zu erleichtern, die Jugend intensiver an die Kunst heranzuführen war ein Impuls für die Gründung der Arbeitsgemeinschaft Mülheimer Künstler. Traub und seine Mitstreiter erreichten inmerhin eine erhebliche Ausweitung des städtischen Etats für den Ankauf von Kunst und gaben später den Anstoß zur Stiftung des Ruhrpreises für Kunst und Wissenschaft.

Dass man trotz mancher Reibungspunkte wusste, was man an Traub hatte, machen die Worte des damaligen Bürgermeisters Günter Weber deutlich, der Traub anlässlich der Werkschau zu dessen 75. Geburtstag bescheinigte mit seinen Arbeiten "Stadtgeschichtsschreibung von höchstem Stellenwert" betrieben zu haben. Was das bedeutet, wird sichtbar, wenn Monika Kappelmeyer die Zeichnungen ihres Vaters zeigt, mit denen Traub seine Wahlheimat bereits in, vor, aber auch nach dem Krieg mit weichem Bleistiftstrich und scharfem Blick für Details ins Bild gesetzt hat. Neben den klassichen Vorzeige-Motiven, die jetzt in einer Postkartenedition neu aufgelegt worden sind, staunt der nachgeborene Mülheimer über die ländlich anmutende Aktienstraße der 30er Jahre und die Baustellenbilder aus der Innenstadt. Ja, Baustellen. Die gab es im Stadtzentrum schon, als Mülheim nach dem Krieg an allen Ecken und Ende wieder aufgebaut werden musste. Mit Skizzenblock und Fotoapparat fing Traub die Bilder ein, die anschaulich zeigen, wie Mülheim nach 1945 aus Ruinen wieder auferstehen musste.

Wie konnte eine elfköpfige Künstlerfamilie in der Not der Nachkriegszeit überleben? Die 1945 geborene Monika Kappelmeyer, die als kleines Kind in Dümpten noch barfuß über freie Felder laufen konnte, lächelt, als wenn sie es selbst nicht genau wüsste. Dann sagt sie: "Meine Eltern hatten immer viel Gottvertrauen. Irgendwoher kam immer wieder etwas. Und was man hatte, das wurde geteilt." Und so profitierten die Traubs nicht nur vom Nutzgarten der Großeltern, von den Nähkünsten der Großmutter oder von der damals noch alltäglichen Nachbarschaftshilfe, sondern ließen auch selbst hungrige Künstler an ihrem Mittagstisch Platz nehmen. Dass das Künstlerleben auch nach Krieg, Wiederaufbau und Wirtschaftswunder nicht leicht war, zeigen Traubs 1980 gesprochenen Dankesworte für die Verleihung des Jobs: "Ich befinde mich derzeit in einer Verfassung der Resignation. Denn der freischaffende Künstler in Mülheim fristet nur ein kärgliches Dasein, will sagen: Die Kunst bleibt brotlos. Dass ausgerechnet in dieser Phase ein Künstler mit dem Jobs ausgezeichnet wird, freut mich deshalb besonders." Für Daniel Traub, den die NRZ an seinem 80. Geburtstag als "Anwalt für die Sache der Künstler" würdigte, war die Kunst, wie er selbst einmal sagte: "Ein Wirkstoff der Gesellschaft", ohne den ihr "ein wesentlicher Bereich geistiger Auseinandersetzung fehlt."

Aus Anlass des 100. Geburtstages von Daniel Traub hat sein Sohn Hartmut unter dem Titel "Gott hat ja mit jedem seinen Extraplan" im Klartext-Verlag eine lesens- und betrachtenswerte Biographie seines Vaters herausgegeben. Sie umfasst 95 Seiten und ist für 14,95 Euro im Buchhandel erhältlich.

Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...