Montag, 27. Dezember 2010

Vom Ausflugslokal zur Jugendherberge: Vor 120 Jahren wurde das Haus am Kahlenberg eröffnet, das die Stadt jetzt an einen privaten Investor verkaufte

Das ist ein Haus der Mülheimer Bürger“, sagt Herbergsvater Eugen Meyer über seinen Wohn- und Arbeitsplatz, den er Ende des Jahres zusammen mit seiner Frau Angelika in Richtung Ruhestand verlassen wird.Mehr als zwei Jahrzehnte lang haben die Meyers am Kahlenberg Menschen beherbergt und beköstigt. In ihrer fürsorglichen Obhut waren hier Kindergartengruppen und Schulklassen, Theater- und Musikensemble, kirchliche Gruppen oder etwa die Teilnehmerinnen des Mädchenkulturfestivals und der Internationalen Jugendbegegnungen zu Gast.

„Da geht einem das Herz auf. Da weiß man, wofür man arbeitet“, erinnert er sich an die Tage an denen seine Frau und er volles Haus hatten. Noch heute muss er lachen, wenn er sich an die Steppkes erinnert, die ihn mit: „Du, Herr Meyer“ oder: „Herr Hausherbert“ ansprachen, weil ihnen das Wort Herbergsvater nicht über die Lippen kommen wollte. Meyer wünscht sich für die Jugendherberge am Kahlenberg eine öffentliche Nachnutzung. Mit dem Einzug eines Vereins für Kinder und Jugendarbeit könnte er gut leben, mit der Vermarktung als Wohneigentum, wie ihn die Ratsmehrheit jetzt beschlossen hat, nicht.Meyers Arbeitsplatz, der vielleicht den schönsten Ruhrblick der Stadt bietet, wurde vor 120 Jahren im November 1890 als Ausflugslokal eröffnet. Bis zu 4000 Gäste fanden im Innenraum und auf der Terrasse Platz.

Ab 1897 brachte die elektrische Straßenbahn die Ausflügler zum Kahlenberg, den der Mülheimer Verschönerungsverein mit Hilfe der Stadt in den 1880er Jahren von einem Steinbruch in eine grüne Oase verwandelt hatte. Aber auch Mülheims Wassersportler wussten den Bierkeller des Kahlenberg-Restaurants als Treffpunkt zu schätzen.Der Ausflug zum Kahlenberg lohnte sich. Denn ab 1909 stand dort auch der Bismarckturm. Und bis 1957 konnte man von dort aus mit einer Fähre auf die andere Ruhrseite nach Saarn übersetzen. Außerdem gab es dort zwischen 1902 und 1924, als Mülheim noch Garnisonsstadt war, eine Militärbadeanstalt, die aber auch von den Mülheimer Zivilisten genutzt werden konnte.Doch als sich 1944 die Wehrmacht am Kahlenberg einquartierte, war Schluss mit Lustig und Lecker an der Ruhr.

Der Wehrmacht folgte 1945 die britische Rheinarmee, die ihr Quartier am Kahlenberg ab 1946 zumindest teilweise und am Wochenende als Ausflugslokal für die Mülheimer freigab. Doch der Betrieb rechnete sich nicht und wurde 1951 eingestellt.Damals gab es in der Bauverwaltung Überlegungen, das alte Haus am Kahlenberg abzureißen, ehe sich der damalige Jugenddezernent und spätere Oberstadtdirektor Bernhard Witthaus 1952 damit durchsetzen konnte, dort eine Jugendherberge einzurichten. Dass seine Idee gut ankam, zeigten die 65 000 Gäste aus 50 Ländern, die sich bis 1962 am Kahlenberg beherbergen ließen. Doch nicht nur die Gäste, sondern auch die Handwerker gingen in der alten Jugendherberge ein und aus. 1986 mussten Stadt und Land 1,8 Millionen Mark in die Modernisierung der Jugendherberge investieren.

Auch wenn die Jugendherberge mit 70 Betten in 16 Räumen jetzt auch eine Bar und eine Bauernstube, zwei große Tagesräume, einen Grillplatz, eine Dachterrasse und einen offenen Kamin hatte, konnte die schöne Herberge in den letzten Jahren nicht mehr mit den modernen Komfortstandards mithalten. Die Gästezahl sank von 8674 im Jahre 2004 auf 6119 im vergangenen Jahr. Genau das war auch der Anstoß für die Stadt, an den Verkauf der Jugendherberge zu denken und deren Betriebskosten von jährlich rund 132 000 Euro im Rahmen der Haushaltskonsolidierung einzusparen.Dabei hat der Abschied von der Jugendherberge am Kahlenberg viele Gesichter. Eines davon war die letzte Kindertheateraufführung, die dort am 28. November mit „Weihnachten im Mäuseland“ und den selbstgebackenen Plätzchen der Meyers über die Bühne ging.

Dieser Text erschien am 20. November 2010 in der NRZ

Freitag, 24. Dezember 2010

Helden des Alltags: Was eine Post- und ein Zeitungszusteller im Winter erleben können


Wer hat sich nicht schon mal weiße Weihnachten gewünscht? In diesem Jahr stehen die Chancen dafür gut. Denn leise rieselt der Schnee und er verwandelt Mülheim in ein Winterwunderland. Doch gerade die fleißigen Menschen, die täglich dafür sorgen, dass wir unsere Post und unsere Zeitung bekommen können im Winterwunderland auch ihr blaues Wunder erleben.


„Das ist wirklich Hochleistungssport“, sagt die 40-jährige Postzustellerin Michaela Zimmermann, die sich derzeit durch ihr verschneites und vereistes Revier entlang der Duisburger Straße kämpft. „Ich rechne immer zwei Stunden zusätzlich ein“, sagt sie und bittet die Bürger um Verständnis, wenn die Post in diesen Wintertagen nicht immer ganz pünktlich kommt.


An diesem Montag ist sie von 9.30 Uhr bis 16 Uhr in der Speldorfer Schneewüste unterwegs. „Ich bin enttäuscht. Gestern war doch Sonntag, da hätte man doch schon mal den einen oder anderen Gehweg saubermachen können“, klagt Zimmermann. Besonders ärgert sie sich über vereiste Treppen und zugefrorene Briefkästen, die von den Anwohnern nicht rechtzeitig vom Eis befreit worden sind. Nicht nur vereiste Wege, sondern auch Schneehügel am Straßenrand machen ihr das Wechseln der Straßenseite und damit das Leben als Briefträgerin schwer.


Briefträgerin. Diese Bezeichnung trifft bei Zimmermann nur bedingt zu. Denn sie bringt die Post mit einem gut bereiften Fahrrad von Haus zu Haus. Damit komme ich besser durch die engen Gassen“, sagt sie.Gerade in der Vorweihnachtszeit, wenn die Postzustellerin besonders viele Briefe und Päckchen von Haus zu Haus bringen muss, transportiert sie auf ihrem Dienstrad schon mal locker 70 Kilo.Doch auch unter dem Eindruck der erschwerten Arbeitsbedingungen im Winter, dem sie kleidungstechnisch unter anderem mit Ski-Unterwäsche, Thermosohlen und Spikes unter den Schuhen trotzt, sagt Zimmermann auch nach 16 Dienstjahren noch: „Die Arbeit macht mir auch jetzt Spaß.“


Dafür sorgen etwa die großen Kinderaugen, die sie sieht, wenn sie Weihnachtspakete abliefert, oder die Leute, die sie auf eine heiße Tasse Tee hereinbitten, damit sie sich auf ihrer Tour durch Speldorf aufwärmen kann.Belohnung nach der TourUnd womit belohnt sich die wetterfeste Postzustellerin, wenn sie wieder zu Hause ist. „Dann nehme ich erst mal ein heißes Bad und gönne mir ein leckeres Mittagessen mit einem Stück Kuchen als Nachtisch“, sagt Zimmermann und lächelt voller Vorfreude, ehe sie ihr 70-Kilo-Postrad weiter durch die verschneiten und vereisten Straßen schiebt.


Ebenfalls als Zusteller in Speldorf unterwegs ist Kurt Linden. Der 71-Jährige sorgt dafür, dass Sie Ihre Zeitung ins Haus geliefert bekommen. Seine Tour beginnt bereits zwischen drei und vier Uhr in der Frühe. „Es ist schon anstrengend, den Zeitungskarren mit jeweils 60 bis 70 Blättern durch Eis und Schnee zu ziehen“, gibt Linden zu. Er setzt auf „kleine Schritte“ und Spikes unter den Schuhen, um Stürze zu verhindern. Bisher ist er nur einmal gestürzt und das war im Sommer.Als besonders riskant empfindet er Marmorfliesen auf Treppen und in Hauseingängen. „Die sind unter Schnee besonders rutschig“, sagt er.


Generell sind seitlich und nicht direkt am Straßenrand gelegene Hauseingänge für den Zusteller, der sich mit Mantel, Mütze, Schal und doppelter Unterwäsche warm hält, ein schwieriges Pflaster, wenn es nicht nur dunkel, sondern auch glatt ist. Linden schätzt, dass er für seine zweieinhalbstündige Tour im Winter etwa 20 Minuten länger braucht. „Die Leute reagieren in aller Regel verständnisvoll, wenn die Zeitung morgens etwas später kommt.“ Wie ein Bergmann unter Tage ist Linden morgens mit einer Kopfleuchte unterwegs, damit er den dunklen Weg erkennen kann.


Weil er schon vor sechs Uhr morgens unterwegs ist, kann er nie damit rechnen, dass Anwohner zu diesem Zeitpunkt Gehwege geräumt oder gestreut haben. Während er in den reinen Wohnstraßen seines Speldorfer Reviers zu Fuß unterwegs ist, steigt Linden zwischenzeitlich immer wieder in sein Auto um, ohne das eine Zeitungszustellung, etwa im Gewerbegebiet an der Ruhrorter Straße, gar nicht möglich wäre.


Nach seiner zehn Kilometer langen Morgentour durch Speldorf gönnt sich der Mann, daheim erst mal einen Blick in die Zeitung und natürlich ein gutes Frühstück, ehe er sich auf die zweite Tour des Tages begibt: um die Zeitungen dort abzuliefern, wo sie am Morgen noch nicht angekommen sind. Dann ist der 71-Jährige nicht nur in Speldorf, sondern in ganz Mülheim unterwegs. Aber nicht zu Fuß, sondern mit dem Auto.


Dieser Text erschien am 22. Dezember 2010 in der NRZ

Sonntag, 19. Dezember 2010

Manchmal kommt der Nikolaus auch als Frau daher: Eine Adventsgeschichte aus der Heimaterde


Eine Frau im katholischen Bischofsgewand. Ist das möglich? Es ist, St. Nikolaus macht es möglich. Denn er kommt in der Grundschule am Sunderplatz als Frau daher. Für die NRZ sprach ich mit der Fördervereinsvorsitzenden und zweifachen Mutter Anja Bollmeier (47), darüber, warum sie nur zu gern den heiligen Nikolaus von Myra verkörpert.


Welche Kindheitserinnerungen haben Sie an den Nikolaus?

Sehr schöne. Obwohl mich der Nikolaus nie persönlich besucht hat. Aber ich musste als Kind immer meine Stiefel blank putzen. Und wenn ich dann am Nikolausmorgen erwachte, hing ein Nikolausbild über meinem Bett und meine Stiefel, die ich vor die Tür gestellt hatte, waren gut gefüllt.


Warum schlüpfen Sie als Frau und Mutter gerne in die Rolle des heiligen Nikolaus?

Wir haben sonst auch einen Vater, der das gerne übernimmt, aber in diesem Jahr verhindert war. Und deshalb bin ich gerne in die Rolle des Nikolaus geschlüpft, weil ich mich ohnehin gerne verkleide und den Kindern Geschichten erzähle. Es macht einfach riesigen Spaß, in die großen und strahlenden Kinderaugen zu schauen. Außerdem hilft mir auch meine Körpergröße dabei, den Bischof Nikolaus glaubhaft darzustellen.


Worin sehen Sie den pädagogischen Mehrwert des Nikolaustages?

Ich finde es gerade in unserer kalten und nüchternen Zeit wichtig, diese Tradition und die mit ihr verbundene Magie und ihre Rituale aufrechtzuerhalten.Frage: Warum ist das wichtig?Antwort: Es geht darum, den Kindern das Gefühl der Zusammengehörigkeit und den Glauben an das Gute und Schöne im Leben zu vermitteln. Diese Magie hat mir als Kind gut getan und tut auch heute Kindern gut.


Glauben die Kinder heute noch an den Nikolaus?

80 Prozent der Kinder, auch in der vierten Klasse, machen mit und haben Spaß daran. Manche Kinder in der ersten Klasse haben auch schon mal Angst. Aber denen sage ich dann: Schau mich nur an. Ich bin kein wilder böser Mann. Ich bin der Nikolaus. Manchmal sagt ein Kind auch: Dich gibt es gar nicht. Dann sage ich: Natürlich gibt es mich. Du siehst doch, dass ich vor dir stehe.


Was haben Sie im Goldenen Nikolausbuch notiert?

Ich habe den Kindern erzählt, dass mir meine Engel mitgeteilt haben, dass es in der Grundschule am Sunderplatz nur liebe Kinder gibt und meine Seiten über böse Kinder deshalb leer sind. Viel Spaß hatten die Kinder, als ich gefragt habe, ob die Lehrerinnen denn auch nett zu ihnen seien. In allen Klassen haben die Kinder diese Frage übrigens mit einem einhelligen Ja beantwortet. Viele haben auch gestaunt, als ich ihnen erzählte, dass ich als Nikolaus der Schutzpatron der Kinder bin.


Werden Sie als Nikolaus von den Kindern auch schon mal angesprochen?

Ja. Gerade erst hat mir ein Junge gesagt: Lieber Nikolaus, bitte überanstrenge dich nicht. Denn du weißt ja: Für deine alten Knochen kann das ganz schön gefährlich sein und böse enden.


Ist es für Sie als Frau schwierig, in die Rolle eines alten Bischofs zu schlüpfen?

Ich versuche natürlich, etwas dunkler zu sprechen. Und wenn mir das nicht ganz gelingt, erkläre ich den Kindern, dass meine Stimme nicht mehr ganz so dunkel klingt, weil ich ja auch schon so alt bin. Das akzeptieren die meisten Kinder und eines meinte heute zu seinem Klassenkameraden: Ich habe dir doch gesagt, dass das der Hausmeister war.


Sind Sie als Frau am Ende der bessere Nikolaus?

Nein. Ich finde es schon schön, wenn ein Mann diese Rolle verkörpert. Aber oft scheitert es daran, dass die Männer berufstätig sind und deshalb keine Zeit haben. Ich arbeite zwar auch als Medizinisch-Technische Assistentin, hatte heute aber frei. Und deshalb hat das ganz gut gepasst.


Was hatten Sie für die Kinder in Ihrem Sack?

Da waren Lernspiele drin, die das logische Denken fördern. Diese Spiele habe ich den Kindern nicht einzeln, sondern immer für die ganze Klasse mitgebracht. Das gilt auch für den Nikolausteller mit den Mandarinen und Nüssen.


Wie reagiert Frau Nikolaus auf Weihnachtsmänner?

Die ignoriere ich.


Dieses Gespräch erschien am 4. Dezember 2010 in der NRZ

Samstag, 11. Dezember 2010

Heinrich Thöne setzte als Oberbürgermeister Maßstäbe: Vor 120 Jahren wurde er geboren

Oberbürgermeister zu sein kann Spaß machen, wenn man das Gefühl hat, dass es mit der Stadt aufwärts geht. Diese Freude kann man Heinrich Thöne auf dem Foto ansehen, das ihn 1951 mit der damals ältesten Bürgerin des Stadtteils bei der Eröffnung der neuen Straßenbahnlinie nach Oberdümpten zeigt. Damals war er seit drei Jahren Oberbürgermeister.

Der am 28. November 1890 in Bocholt geborene Thöne gehört zu den Mülheimer Stadtoberhäuptern, denen eine besonders lange und erfolgreiche Amtszeit beschieden war. Thöne, der 1912 als gelernter Former nach Mülheim kam, um bei der Friedrich-Wilhelms-Hütte seinen Lebensunterhalt zu verdienen, wurde als Oberbürgermeister der Jahre 1948 bis 1969 zur Galionsfigur des Wiederaufbaus.Was seine Biografie so faszinierend macht, sind ihre unerwarteten Wendungen mit allen Höhen und Tiefen. Als der spätere Sozialdemokrat Thöne 1890 geboren wurde, wurden Bismarcks Sozialistengesetze aufgehoben. In dem Jahr, als er nach Mülheim kam, wurde die SPD bei den Reichstagswahlen erstmals zur stärksten Partei. 1913, im Todesjahr August Bebels wurde Thöne selbst Sozialdemokrat, nachdem er bereist 1907 dem Deutschen Metallarbeiterverband beigetreten war.

Thöne gehörte zu der Generation, die zwei Weltkriege und eine Diktatur überstehen mussten. Im Ersten Weltkrieg wurde er verwundet und später für seine Tapferkeit ausgezeichnet. Im Zweiten Weltkrieg machten ihm die Nazis das Leben schwerer als es ohnehin schon war.Damit rächten sich die braunen Machthaber unter anderem dafür, dass er sich als Stadtverordneter 1933 geweigert hatte, für die Verleihung der Ehrenbürgerschaft an Adolf Hitler zu stimmen. Dass ihm selbst diese höchste Auszeichnung der Stadt 1960 zu Teil werden sollte, mag er rückblickend als ausgleichende Gerechtigkeit der Geschichte empfunden haben.

Er selbst betonte später, auch in den dunkelsten Stunden der Demütigung „nie an Kapitulation oder Resignation gedacht“ zu haben.Das größte Glück im Leben des Heinrich Thöne war zweifellos die Erfahrung, nach dem Niedergang der ersten deutschen Demokratie den Aufstieg der zweiten deutschen Demokratie in Mülheim mitgestalten zu können. Seine ersten politischen Erfahrungen hatte der Sozialdemokrat bereits während der Weimarer Republik gesammelt. Ab 1922 war er Betriebsratsvorsitzender Friedrich-Wilhelms-Hütte und Zweiter Bevollmächtigter des Metallarbeiterverbandes.1929 wurde er erstmals in den Stadtrat gewählt, dem er nach 1945 zunächst von der britischen Militärregierung ernannt und später von den Mülheimern gewählt wieder angehören sollte.

Für den bürgernahen Pragmatismus Thönes spricht ein Satz aus einem seiner frühen Rechenschaftsberichte als erster Nachkriegs-Vorsitzender der Mülheimer SPD: „So lange Menschen in Mülheim auf eine menschenwürdige Wohnung warten, brauchen wir keinen ideologischen Unterbau.“ Mit diesem bodenständigen Politikverständnis gewann er als Spitzenkandidat der SPD fünf Kommunalwahlen, drei davon mit absoluter Mehrheit. Weil seine Bürotür für Ratsuchende immer offen stand, öffneten ihm viele Mülheimer auch außerhalb der SPD ihre Herzen.

Nicht zuletzt weil er als Oberbürgermeister viele Grundsteine für neue Wohnungen und Schulen legen konnte, wurde er im Bewusstsein vieler Mülheimer zur Symbolfigur des Wiederaufbaus, den er selbst immer als „Gemeinschaftsleistung“ beschrieb.Als Heinrich Thöne 1969, zwei Jahre vor seinem Tod, aus seinem Amt ausschied, sagte er, was heute noch aktuell klingt: „Der politische Gegner darf nie zum Feind werden. Nur in einem vernünftigen Miteinander, Füreinander und Nebeneinander ist etwas Großes zu erreichen.“ Ein guter Gedanke, der die Erinnerung an einen Bürger lohnt, nach dem nicht nur die Volkshochschule und ein Schiff der Weißen Flotte, sondern auch eine Stiftung zur Förderung der Altenhilfe benannt ist.

Dieser Text erschien am 27. November 2010 in der NRZ

Mittwoch, 10. November 2010

Auch die Evangelische Kirche muss sparen: Am Wochenende tagt die Kreissynode im Altenhof


Was die katholische Kirche mit der Bildung von drei Groß-Gemeinden (2006) hinter sich hat, könnte dem Evangelischen Kirchenkreis An der Ruhr noch bevorstehen. Am kommenden Wochenende berät die Kreissynode im Altenhof darüber, wie sich die Evangelische Stadtkirche angesichts sinkender Gemeindegliederzahlen in Zukunft aufstellen soll.


Auch wenn die Kirchensteuerprognose auch für 2011 von 5,275 Millionen Euro Kirchensteuern ausgeht, sprechen die demografischen Zahlen eine eindeutige Sprache. 1973 gab es im Kirchenkreis noch 113.000 evangelische Christen. Heute sind es erstmals weniger als 60.000. Die Evangelische Kirche Deutschlands geht davon aus, dass sie bis 2030, setzt sich der demografische Trend fort, ein Drittel weniger Mitglieder und nur noch die Hälfte ihrer heutigen Finanzkraft haben wird.


Bei den jüngsten Kreissynoden hatte Superintendent Helmut Hitzblick von 2,5 bis 2,8 Millionen Euro gesprochen, die angesichts der tendenziell sinkenden Kirchensteuereinnahmen bis 2015 eingespart werden müssen. Vor diesem Hintergrund muss die Kreissynode darüber entscheiden, was die evangelische Stadtkirche in Zukunft noch leisten muss und was sie noch leisten kann.


Auch wenn durchaus umstritten ist, ob die Kirche in der Krise eher auf zentrale oder dezentrale Strukturen setzen soll, geht der Trend zur Bündelung der Kräfte. Nach der Bildung der Vereinigten Evangelischen Kirchengemeinde aus Altstadt, Menden und Raadt (2006) wird sich 2011 eine die neue Lukagemeinde im Mülheimer Norden formieren. Ihr gehören die Gemeinden Dümpten, Styrum, Johannis und voraussichtlich auch die Markusgemeinde an.


Ihr Presbyterium hatte noch im Mai den Ausstieg aus dem Fusionsprozess beschlossen, weil man nach dem Gemeindezentrum Rolands Kamp nicht auch noch das Gemeindezentrum und den dortigen Kindergarten am Knappenweg aufgeben wollte. Doch jetzt das Presbyterium der Markuskirchengemeinde mehrheitlich eine Kehrtwende vollzogen.


Gegen den Widerstand vieler Gemeindeglieder, die in diesen Tagen Unterschriften sammeln und Mahnwachen organisieren, wurde kürzlich beschlossen, das Gemeindezentrum am Knappenweg Ende 2011 und den Kindergarten Mitte 2012 aufzugeben. Die Mitglieder dee Fordervereins der dort ansässigen Kindertagesstätte Unter dem Regenbogen gehen davon aus, dass sie die Betriebskosten den Gemeindezentrums und des Kindergartens durch Vermietungen und gezieltes Sozialmarketing erwirtschaften können.


Auch in den Linksruhr-Gemeinden Saarn, Speldorf und Broich wurde bereits vor Jahren über eine Fusion diskutiert, die aber bisher nicht weiterverfolgt wurde. Stattdessen baute man eine gemeinsame Kirchenmusik Links der Ruhr auf, um Synergieeffekte nutzen zu können.


Grundsätzlich bleibt die Frage, wie der kleiner werdende Finanzkuchen der Kirchensteuereinnahmen zwischen den Gemeinden und dem Kirchenkreis verteilt wird. Welche Aufgabebn werden wo wahrgenommen? Wie viel Geld sollen die Gemeinden und wie viel Geld die überörtlichen Einrichtungen des Kirchenkreises, wie etwa die Evangelisch Familienbildungsstättem das Diakonische Werk oder die Ehe- Familien- und Lebensberatungsstelle bekommen?


Auch bei den Pfarrstellen muss langfristig eingespart werden. Ab 2011, so will es die Rheinische Landeskirche soll es nur noch für 3000 Gemeindeglieder eine volle Pfarrstelle geben. Derzeit hat der Kirchenkreis mit seinen knapp 60.000 Gemeindegliedern 22 Pfarrstellen, also einen Überhang von zwei Pfarrstellen.
Das Foto zeigt die Dümptener Markuskirche am Springweg. Weitere Informationen zu diesem Themenkomplex finden Sie im Internet unter: http://www.kirche-muelheim.de/ oder: http://www.winkhausen24.de/

Montag, 8. November 2010

Eine Erinnerung an John F. Kennedy: 50 Jahre nach seiner Wahl zum Präsidenten der USA

Normalerweise lesen Sie an dieser Stelle nur Beiträge zu lokalen Beiträgen. Doch Ausnahmen bestätigen die Regel. Bereits am 13. Juli 2010 hatte ich die Gelegenheit im Katholischen Bildungswerk an der Althofstraße einen Vortrag über John F. Kennedy zu halten, der vor 50 Jahren als erster Katholik zum Präsidenten der USA gewählt wurde. Dass er auch für die Mülheimerf Jugend ein politischer Hoffnungsträger war, zeigte der spontane Trauermarsch, zu dem sich junge Leute nach seiner Ermordung am 22. November 1963 in der Mülheimer Innenstadt formierten.

Hier lesen Sie in der Folge einen Beitrag, der auf der Basis meines Vortrages im Katholischen Bildungswerk entstand und in den katholischen Zeitungen RUHRWORT und DIE TAGESPOST erschienen ist.

Auch im zurückliegenden Wahlkampf versuchten seine Gegner, US-Präsident Obama, mit der Feststellung zu diskreditieren, er sei Moslem. Sein republikanischer Unterstützer, Ex-Außenminister Colin Powell konterte die Angriffe mit der Gegenfrage: "Was wäre falsch daran, wenn er ein Moslem wäre? Nichts." Obama selbst antwortete bei einem Wahlkampfauftritt auf die Frage: Warum sind Sie Christ? "Ich bin Christ aus Überzeugung. Ich habe aber erst spät in meinem Leben zum Glauben gefunden. Die Grundsätze, nach denen Jesus Christus gelebt hat, haben mich angesprochen. Nach denen wollte auch ich mein Leben führen."
Die beiden Zitate machen deutlich, welche Rolle die Religion in der amerikanischen Politik spielt. Obwohl die amerikanische Verfassung in ihrem ersten Zusatzartikel von 1791 die Religionsfreiheit garantiert, kennt Amerika als Land der religiösen Freiheit auch die religiöse Intoleranz. Der sahen sich früher auch katholische Politiker ausgesetzt, die nach dem höchsten Amt im protestantisch geprägten Amerika strebten.

1928 scheiterte der demokratische Gouverneur von New York, Alfred E. Smith, als erster katholischer Präsidentschaftskandidat, nicht nur, aber auch, weil er Katholik war. Seine deutliche Niederlage mit 41:59 Prozent der abgegebenen Stimmen veranlasste vor 50 Jahren den Ex-Präsidenten Harry S. Truman davor, seine Demokratische Partrei davor zu warnen, mit Senator John F. Kennedy aus Massachusetts wieder einen Katholiken zu ihrem Präsidentschaftskandidaten zu nominieren. Wie Smith musste sich auch Kennedy den Vorwurf anhören: Wenn ein Katholik ins Weiße Haus einziehe, werde in Washington der Papst mitregieren.
Kennedy konnte die Vorbehalte erst entkräften, nachdem er die Vorwahlen im mehrheitlich protestantischen West Virigina gewonnen und am 12. September 1960 vor protestantischen Pastoren in Houston/Texas eine viel beachtete Grundsatzrede über das Verhältnis von Kirche und Staat gehalten hatte.

Damals sagte Kennedy unter anderem: "Ich glaube an ein Amerika mit einer absoluten Trennung von Kirche und Staat. Ich glaube an ein Amerika, das offiziell weder katholisch, protestantisch noch jüdisch ist Schließlich glaube ich an ein Amerika, in der religiöse Intoleranz eines Tages beendet wird."

Obwohl sich Kennedy selbst bewusst nicht als katholischen, sondern nur als demokratischen Präsidentschaftskandidaten deklarierte und alles, wie etwa die Forderung nach einer staatlichen Unterstützung für katholische Konfessionsschulen vermied, was ihn in den Augen protestantischer Wähler als zu katholisch erscheinen lassen konnte, schätzt man, dass ihn seine katholische Konfession am Ende etwa drei Millionen Stimmen gekostet haben dürfte.
Entsprechend knapp fiel denn auch am 8. November 1960 Kennedys Wahlsieg über den Republikaner Richard M. Nixon aus. Kennedy gewann gerade einmal mit einem Stimmenanteil von gut 50 Prozent und einem Vorsprung von gut 100.000 Stimmen. Dabei konnte Kennedy als Katholik gerade in den Großstädten punkten, in denen viele katholische Amerikaner irischen, italienischer, polnischer, deutscher und spanischer Herkunft lebten. Hinzu kam, dass sich der katholische Bevölkerungsanteil seit der Wahlniederlage von Alfred Smith verdoppelt hatte. Heute stellen die Katholiken übrigens ein Viertel der amerikanischen Bevölkerung und in den Bundesstaaten New Mexiko, Rhodes Island und Massachusetts sogar die Bevölkerungsmehrheit.
Der Wahlsieg des Katholiken Kennedy hatte Signalwirkung und führte zu einem verstärkten öffentlichen Engagement der amerikanischen Katholiken. Katholische Schulen, Universitäten und Krankenhäuser sind heute in den USA selbstverständlich, wenn auch das Problem des sexuellen Missbrauchs im Priesteramt auch der katholischen Kirche in den USA moralisch und materiell nachhaltig geschadet hat.

Als mit Senator John Kerry 2004 wieder ein katholischer Senator aus Massachusetts für das Präsidentenamt kandidierte, spielte seine katholische Konfession im Wahlkampf keine Rolle mehr, ebenso wie für katholischen Senator aus Dalaware, Joseph Biden, der 2009 als Vizepräsident mit Barack Obama ins Weiße Haus einzog. In der Euphorie des Präsidentschaftswahlkampfes von 2008 hatten viele seiner Anhänger Obama als einen "schwarzen John F. Kennedy" apostrophiert. Wie einst Kennedy stand Obama für ein gerechteres Amerika. Was für Kennedy die Bürgerrechte, war für den ersten schwarzen US-Präsidenten Obama ein umfassender Krankenversicherungsschutz für alle Amerikaner. Wie die Präsidentschaft Kennedy endete, ist bekannt. Welcher Erfolg Obama beschieden sein wird, ist nach den Kongresswahlen ungewisser denn je.

Sonntag, 7. November 2010

Ein Leben zwischen Moschee und Minirock: Melda Akbas stellte bei den Herbstblättern ihre Autobiografie vor


Nicht nur Stadtbibliothekarin Claudia vom Felde ist begeistert: „Toll, dass sie in ihrem Alter schon so ein großartiges Buch schreibt und so gut argumentieren kann“, schwärmt die Gastgeberin der Literaturreihe Herbstblätter über Melda Akbas. Die 19-jährige Autorin, die gerade in Berlin ihr Abitur gemacht hat und demnächst Rechts- und Politikwissenschaften studieren möchte, stellt an diesem Abend im Medienhaus ihre Autobiografie „So wie ich will – Mein Leben zwischen Moschee und Minirock“ vor.

Das passt zur aktuellen Integrationsdebatte und interessiert gut 60 Zuhörer. Damit gehört diese Herbstblätter-Veranstaltung zu einer der am besten besuchtesten der Literaturreihe. Tatsächlich ist der Abend ein Lehrstück über gelungene Integration. Selbstbewusst und charmant liest Akbas Passagen aus ihrem Buch vor, um dann ihr Publikum immer wieder um Fragen und Diskussionsbeiträge zu bitten. In der Diskussion ist sie um keine Antwort verlegen. Auch kritische Fragen wie die, warum sie trotz ihrer deutschen Staatsbürgerschaft betone, Türkin zu sein, bringen sie nicht aus dem Konzept. „Ich habe immer die Berliner Luft geatmet und beherrsche die deutsche Grammatik unfallfrei, obwohl sie verflixt schwer ist. Mein Türkisch ist dagegen heute schlechter als mein Englisch. Und ich könnte nicht ein Jahr in der Türkei überleben, ohne mich darüber zu ärgern, was dort nicht so gut funktioniert wie in Deutschland. Dennoch habe ich ein Heimatgefühl, wenn ich meine Großeltern in der Türkei besuche. Das schließt sich nicht aus, deutsche Staatsbürgerin zu sein und sich trotzdem mit der türkischen Kultur der eigenen Familie verbunden zu fühlen“, sagt Akbas.

Da spürt man die Eloquenz der ehemaligen Schülersprecherin, die von einem Charlottenburger Gymnasium mit hohem Diplomatenkinderanteil bewusst auf ein Kreuzberger Gymnasium mit hohem Migrantenanteil wechselte. Warum? „Ich merkte, dass ich selbst Vorurteile gegen die entwickelte, für die ich mich einsetzen wollte. Ich wollte wissen, wie das läuft, um nicht wie manche Politiker von etwas zu schwafeln, von dem man keine Ahnung hat.“Akbas verschweigt nicht ihre Frustrationserlebnisse. Sie berichtet von ihrem gescheiterten Versuch, einen Mädchenabend zu organisieren, weil die Eingeladenen erst zu- und dann wieder absagten, weil ihre Teilnahme dem Freund oder der Familie nicht recht waren.

Oder sie erzählt von ihrem zwiespältigen Gefühl, weil sie sich oft mit deutschen oder italienischen Mitschülern besser verständigen konnte als mit ihren türkischen. Aber sie berichtet auch von türkischen Freundinnen, die trotz Kopftuch ihren eignen Weg gesucht und gefunden und am Ende ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen haben. „Man darf nicht nur auf die Extreme gucken. Es gibt immer viele Schattierungen“, betont die junge Autorin.Dass Schwarz-Weiß-Muster die Wahrnehmung der Wirklichkeit verstellen, macht auch ihre autobiografische Lesung deutlich. An manchen Stellen amüsiert sie sich selbst über die von ihr beschriebene Situationskomik, etwa wenn ihre Mutter im Zimmer der Tochter die Frauenzeitschrift mit Sextipps entdeckt und sich das Journal sehr zu Meldas Verwunderung mit der Bemerkung ausleiht: „Vielleicht kann ich ja noch etwas dazulernen“. Ein Zuhörer fragt nach: „Haben Sie das Heft zurück bekommen?“ Die Antwort kommt prompt: „Nein.“

Schnell wird klar, dass Akbas aus einer Familie kommt, in der traditionelle Wertvorstellungen, Bildungsbewusstsein und politisches Interesse keine Gegensätze sind.„Ohne meine Mutter wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin. Sie hat mir schon früh vorgelesen und immer darauf geachtet, dass ich meine Hausaufgaben mache. Vor ihr konnte ich keine Fünf geheim halten“, beschreibt Akbas die Bildungsambitionen ihrer Mutter.Sie selbst ist davon überzeugt: „Bildung ist immer der Schlüssel.“ In der Diskussion stimmt sie einem Zuhörer zu, als der feststellt: „Vorurteile entstehen, weil wir oft zu wenig über den persönlichen Hintergrund von Menschen wissen.“ Obwohl Akbas ihre Suche danach, „wo man hingehört“, als „Hürdenlauf“ beschreibt und von Konflikten mit dem Vater berichtet, der seine Tochter angesichts von Jeans, Top und Weste „nicht wie einen Hippie“ auf die Straße gehen lassen wollte,“ zeigt sich, dass sie am Ende ihren eigenen Lebensweg zwischen Moschee und Minirock gefunden hat, weil sie immer wieder den Mut zur Rebellion gehabt hat.„Auch deutsche Väter tun sich manchmal schwer, ihre Töchter loszulassen“, räumt ein Mann ein. Und eine Frau erinnert sich an die Warnung ihrer Mutter „Bring bloß keinen evangelischen Freund mit nach Hause“, als Akbas über die familiären Turbulenzen im Vorfeld einer deutsch-türkischen Hochzeit in ihrer Familie berichtet

Am Ende der Diskussion sagt der Vorsitzende des Türkischen Vereins, Fevzi Eraslan, der seit 53 Jahren in Deutschland lebt und als Diplom-Ingenieur auch beruflich seinen Weg gefunden hat, mit Blick auf Akbas: „Ich habe meine eigene bikulturelle Erfahrung immer als Reichtum empfunden. Und deshalb sind Sie für mich ein Vorbild.“

Dieser Beitrag erschien am 29. Oktober 2010 in der NRZ

Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...