Dienstag, 8. Juni 2010

Was Mülheimer Meinungsführer zum Berliner Sparparket sagen

Deutschland sitzt auf einen Schuldenberg von derzeit rund 1,7 Billionen Euro, der nach Berechnungen des Bundes der Steuerzahler sekündlich um 4481 Euro wächst. Zeit ist Geld. Deshalb hat sich die Bundesregierung jetzt die Zeit für eine Klausur genommen um ein Sparpaket zu schnüren. Für die NRZ befragte ich Mülheimer Meinungsführer aus verschiedenen Bereichen der Bürgerschaft dazu, in welchen Bereichen sie Einsparungen für sinnvoll oder für kontraproduktiv halten.

„Es ist richtig zu erkennen, dass Sparen drin sein muss, wo Sparen drauf steht“, schreibt Unternehmerverbandspräsident Hanns Peter Windfeder Politikern in Mülheim und Berlin ins Stammbuch. Wohlstand und Zukunft kann unsere Gesellschaft in seinen Augen nur gewinnen, wenn die Politik den Mut zu Einsparungen und Bürokratieabbau hat und nicht in Steuererhöhungen flüchtet, um steigende Staatsausgaben zu finanzieren. Zu Details des Berliner Sparpaketes möchte er sich nicht äußern, findet es aber mit Blick auf die Zukunftsperspektiven unseres Landes gut, „dass Bildung und Forschung beim Sparen außen vor bleiben.

“Ganz anders sieht das die Geschäftsführerin der Vereinigten Dienstleitungsgewerkschaft Verdi Henrike Greven : „In der Krise darf man nicht sparen. Erst wenn der Wirtschaftsaufschwung geschafft ist, kann man überlegen, wo sich etwas einsparen lässt“, betont sie. Statt auf Einsparungen zu setzen, „die vor allem die normalen Bürger schädigen“, rät sie dem Staat durch einen Finanzmarkttransaktionssteuer, eine Vermögenssteuer, sowie Erbschaftssteuern sein Einnahmeproblem zu lösen. Einen Verbündeten findet Greven mit dieser Ansicht im Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt , Lothar Fink. Mit einem Sparpaket in der Wirtschaftskrise setzt die Bundesregierung nach seiner Ansicht „den falschen Akzent“ und trifft „die Menschen, die ohnehin schon knapp bei Kasse sind.“ Seine Furcht ist, dass sich die Schere zwischen Armen und Reichen weiter öffnet. Fink fürchtet um den Massenkonsum und damit um den Wirtschaftsaufschwung, der neues Steuergeld in die Staatskassen bringen würde. Geld könnte der Bund, so Fink, auch durch eine Börsenumsatz- und eine Vermögenssteuer, ein Rücknahme der Mehrwertsteuersenkung für Hoteliers und eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes von 42 auf die noch unter der Regierung Kohl geltenden 53 Prozent in Staatskassen bringen.

Die Leiterin der Evangelischen Familienbildungsstätte, Annette Sommerhoff findet es gut, dass im Bereich Bildung nicht gespart werden soll. Die Kürzungen beim Elterngeld kann sie nicht verstehen, nachdem man diese Leistung erst 2007 eingeführt habe. Zukunft hat unsere Gesellschaft nach in ihren Augen nur, wenn sie nicht weniger, sondern mehr in die Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur investiert, die Familien und Kindern „die Möglichkeit gibt ihren Alltag sinnvoll zu organisieren und sich weiterzuentwickeln.“ Einsparungspotenzial sieht sie vor allem bei der Rüstung. Die Leiterin des Jugendzentrums Leybank, Lisa Freymann, möchte „auch die Banken mit im Boot und in die Pflicht genommen sehen“, die sich nach ihrer Ansicht „zu sehr verselbstständigt haben.“ Die Einführung einer Vermögens- und einer Finanztransaktionssteuer wären für sie ein Weg zur Konsolidierung der Staatsfinanzen, die nicht weiter auf Kosten der Leistungsträger in der Mittelschicht gehen dürfe.

„Ich habe da keine 100-prozentige Antwort“, gibt Stadtdechant Michael Janßen auf die Frage nach der Rettung der Staatsfinanzen zu. Nur ganz grundsätzlich weiß er: „Es dürfen nicht die Ärmsten der Armen betroffen sein. Es sollen die helfen, die helfen können und die Einsparungen auch ertragen können.“ Deshalb könnte der katholische Stadtpfarrer eher mit der Erhöhung des Spitzensteuersatzes und der Einführung einer Vermögenssteuer statt mit Sozialkürzungen bei Hartz-IV-Empfängern leben. Janßens evangelischer Kollege im Pfarramt, Michael Manz von der Heißener Friedenskirche kritisiert: „Es wird mal wieder vor allem bei den kleinen Leuten gekürzt.“ Er gibtden Bundeshaushältern unter anderem folgende Spartipps: Kürzung von Ministerpensionen und der Bezüge des zurückgetretenen Bundespräsidenten, Abschaffung der Wehrpflicht und Kürzung der staatlichen Repräsentationskosten auf allen Ebenen, weniger Bundesländer und damit verbunden auch weniger Kosten für Landesregierungen und Landesverwaltungen. Grundsätzlich möchte Manz lieber Spitzenverdiener und Spekulanten als Arbeitslosengeld-II-Empfänger an der Aufbesserung der Staatskasse beteiligt sehen.

Zu Einsparungspotenzialen in anderen Bereichen möchte sich der Chef der Sozialagentur, Matthias Spies , nicht äußern, macht aber keinen Hehl daraus, dass er die Kürzungen der Mittel für Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik gerade in der Wirtschaftskrise für kontraproduktiv hält. „Die Politik muss sagen, wie sie sich eine sinnvolle Bekämpfung der Arbeitslosigkeit vorstellt“, fordert Spies angesichts eher steigender als sinkender Fallzahlen. „Das ist doch eine sinnvolle Sache, die wir hier nicht zum Zeitvertreib machen“, kritisiert er die geplante Kürzung der Eingliederungshilfen für Arbeitslose, die seine Behörde „immer zielgerichtet, wirtschaftlich und sparsam“ einsetze.Auch der Geschäftsführer des Diakonischen Werkes, Hartwig Kistner, empfindet die geplanten Kürzungen in der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik „als besorgniserregend“, obwohl er einräumt, dass sich kein Bereich „Sparaufgaben verschließen kann.“ Gerade in der Krise bei Programmen zu sparen, die Arbeitslosen wieder eine Jobperspektive bieten, sieht Kistner nicht nur als unsozial, sondern auch als kontraproduktiv an. Durch das ständige Hin und Her sieht Kistner sowohl bei der Arbeitsmarktförderung als auch beim Elterngeld keine Einsparungen, sondern immer neue Verwaltungskosten, die durch die ständige Änderung der Verfahrensregeln provoziert würden. Seine katholische Amtskollegin Regine Arntz von der Caritas findet es „ganz fatal, beim Sparen ganz unten anzufangen und damit Familien zu treffen, die mit ihrem Geld sowieso nicht auskommen.“ Viel Geld einsparen ließe sich, laut Arntz, wenn der Staat den Hinweisen des Steuerzahlerbundes und der Rechnungshöfe nachginge und alle staatlichen Investition und Subventionen auf ihre Effektivität und Sinnhaftigkeit überprüfen würde: „Der Staat muss eine Prioritätensetzung im Sinne und Interesse der Menschen in unserem Land vornehmen. Das wäre mal wieder dran“, meint Arntz.

Zum verminderten Mehwertsteuersatz für seine Branche möchte sich Hotelier und Gastronom Martin Hesse vom Handelshof gar nicht äußern. „Das hat uns nur Ärger und Diskussionen, aber keinen Kunden mehr gebracht“, weiß Hesse zu berichten. Was ihn an den Berliner Sparvorschlägen positiv überrascht ist die Tatsache, dass der Bund auch in seiner eigenen Verwaltung sparen will und die Normal- und Kleinverdiener vorerst nicht mit neuen Steuern belastet. Dem politischen Spitzenpersonal der Bundesrepublik empfiehlt er, mit dem Sparen voranzugehen, wenn es etwa um all zu üppige Ministerpensionen, Staatskarossen und Staatsbankette geht.

Dieser Text ist am 8. Juni 2010 in der NRZ erschienen

Sonntag, 6. Juni 2010

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es: Ein Beispiel aus der Dümptener Gemeinde St. Barbara


„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Der zeitlos aktuelle Satz aus der Feder von Erich Kästner könnte die Überschrift für das Engagement sein, das die Frauen der Katholischen Frauengemeinschaft von St. Barbara seit 18 Jahren antreibt: Menschen zu helfen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen.In dieser Woche schickten die Dümptener Frauen ihren 30. Hilfstransport ins 1700 Kilometer entfernte westrumänische Peciu Nou. Dort betreut die rumänische Caritas des Bistums Temesvar auch mit Hilfe aus Dümpten Menschen in Not: Alte, Kranke und Kinder, die entweder keine Eltern mehr haben, oder Eltern, die zum Beispiel aus finanziellen oder gesundheitlichen Gründen mit der Erziehung ihres Nachwuchses überfordert sind.


Mit handfester Unterstützung der Männer von der örtlichen Kolpingsfamilie und der Katholischen Arbeitnehmerbewegung packten 30 KFD-Frauen das ein, was ihnen nicht nur Dümptener als Sachspende ins Pfarrheim am Schildberg gebracht hatten: Kleidung, Spielzeug, Decken. Auch ein Kinderwagen und ein Schaukelpferd gingen mit auf die Reise.Die Vorsitzende der KFD St. Barbara, Christa Wentzel, freute sich aber auch über eine Brillenspende von der Barmer Ersatzkasse und über eine Medikamentenspende der Dümptener Apotheke am Kirchplatz.


„Vielen Menschen in Peciu Nou fehlt das Geld für Medikamente und Brillen. Auch eine Sozialhilfe wie in Deutschland gibt es in Rumänien nicht“, weiß Wentzel zu berichten.Warum sind die mit der logistischen Hilfe des Oberhausener Clemens-Hospitals und in der Regie seines in Mülheim wohnenden Verwaltungsleiters Hans Rosenkranz nach Peciu Nou gebrachten Sachspenden auch mehr als 20 Jahre nach dem Ende der kommunistischen Diktatur in Rumänien nach wie vor notwendig? Sozialpädagogin Maria Maas, die seiner Zeit als Mitarbeiterin der Caritas die Sozialarbeit in Peciu Nou mit aufgebaut hat, erklärt es so: „Wir haben es dort zum Teil mit bitter armen Menschen zu tun und schicken ihnen materielle Hilfe, die sie sich auch mit Geld nicht kaufen könnten. Zwar hat es nach dem EU-Beitritt Rumäniens wirtschaftliche Fortschritte gegeben. Doch ländliche Regionen, wie Peciu Nou, werden von der Regierung eher stiefmütterlich behandelt, so dass der Aufschwung dort kaum angekommen ist.“Wer in Peciu Nou, wo im Kommunismus einst eine landwirtschaftliche Kolchose vielen Menschen Arbeit gab, heute nicht in der örtlichen Schuh- und Textilfabrik oder im Handel unterkommt, muss nicht selten das Land verlassen, um als Gastarbeiter in der Fremde seine Familie daheim über Wasser halten zu können.


KFD-Frau Ulla Limburg, die von Anfang an mit an- und einpackte, damit die notleidenden Menschen von Peciu Nou zumindest einen Lichtstreifen der Hoffnung sehen, spricht für viele ihrer Mitstreiterinnen, wenn sie sagt: „Mir ist es einfach wichtig, immer wieder zu helfen. Denn die Armut hört ja auch nicht auf. Und die Berichte von Maria Maas zeigen uns, wie dringend unsere Hilfe dort gebraucht wird.“Vor diesem Hintergrund freut sich die Dümptener KFD-Vorsitzende darüber, dass die Spendenbereitschaft, die in den letzten 18 Jahren immerhin 35 000 gut gefüllte Pakete nach Peciu Nou gebracht hat, auch in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten nicht nachgelassen hat. Das gilt auch für die Geldspenden, mit denen die tatkräftigen KFD-Frauen von St. Barbara die Spritkosten für den Hilfstransport bezahlen können.


Dieser Text erschien am 29. April 2010 in NRZ und WAZ

Samstag, 5. Juni 2010

Wer wäre der bessere Bundespräsident? Eine Straßenumfrage zur Wahl unseres Staatsoberhauptes

Lag es am Wetter, am Wochenende oder am Thema? Bei der Frage: Wer soll Bundespräsident werden? Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) oder der ostdeutsche Theologe Joachim Gauck, der sich als Bürgerrechtlicher in der DDR und später als Leiter der Behörde zur Verwaltung und Aufarbeitung der Stasi-Akten einen Namen gemacht hat, winkten viele Bürger ab oder gaben sich ahnungslos.

Trotz Urlaubs machte sich allerdings der Personalratschef des Stadtverwaltung, Bernd Bittscheid, (58) seine Gedanken zur Präsidentenwahl: „Ich würde für Gauck plädieren, weil er aufgrund seiner Persönlichkeit und seines Werdeganges alle Fähigkeiten mitbringt, um das Präsidentenamt zu bekleiden. Er kommt nicht aus dem politischen Tagesgeschäft und hat einen starken Gerechtigkeitssinn und ist überparteilich.“

Statt Wulff oder Gauck hätte Rentner Gerd Barkhofen (65) lieber Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen als Bundespräsidentin gesehen, „weil sie mit ihrem Können und ihren intellektuellen Fähigkeiten ein Aushängeschild für Deutschland gewesen wäre.“Jetzt tendiert er eher zu Gauck als zu Wulff, weil der sich „darum bemüht hat, dass in der DDR geschehene Unrecht aufzuklären und dabei gute Arbeit geleistet hat.“ Barkhofen bedauert, dass die Bürger in der Präsidentenfrage „keine Wahl haben“, sondern ein Staatsoberhaupt „vorgesetzt bekommen.“

Für den Musiker Josef Meier (56) steht fest: „Wenn überhaupt einer, dann der Gauck, weil er überparteilich ist.“ Die Nominierung von Wulff durch die Regierungsparteien CDU, CSU und FDP empfindet er als „Ver- und Entsorgung eines unbequemen Ministerpräsidenten.“ Die 40-jährige Verwaltungsfachangestellte Sabine Margold würde Christian Wulff wählen, „weil er mir mit dem was er sagt und wie er es sagt als Mensch sympathisch ist.“ Die 49-jährige Journalistin Claudia Leyendecker hätte Ursula von der Leyen als Bundespräsidentin bevorzugt. Über die Präsidentschaftskandidaten Wulff (50) und Gauck (70) sagt sie: „Der eine ist mir etwas zu jung und der andere schon etwas zu alt.“

Die 39-jährige Reiseverkehrskauffrau Sabine Liffers hat sich inhaltlich noch nicht mit den beiden Präsidentschaftskandidaten auseinandergesetzt. Rein äußerlich würde ihr Christian Wulff besser gefallen. Sie fände sie es nicht schlecht, wenn das Staatsoberhaupt direkt vom Volk gewählt würde. Bürgerferne„Die machen ja doch, was sie wollen. Da wird sich für uns nichts ändern“, erklärt Rentner Bodo Wecker (65), warum ihn die Bundespräsidentenwahl gar nicht interessiert. „Ich fände Gauck als Bundespräsidenten besser, weil er keiner Partei angehört und deshalb politisch nicht gebunden ist“, betont Markthändlerin Elvira Rademacher (73).

Angesichts so vieler gebrochener Wahlversprechen sind Politik und Präsidentenwahl für die 43-jährige Einzelhandelskauffrau Claudia Banaszak kein Thema mehr, „weil ich mich nur darüber aufregen würde.“ Außerdem bezweifelt sie, „ob ein Bundespräsident für uns kleine Bürger etwas bewegen könnte.“ Der Hausmann Michael Loh (52) könnte mit beiden Kandidaten leben, sieht aber bei Gauck eine größere Lebenserfahrung und eine beachtliche Lebensleistung bei der Aufarbeitung des DDR- und Stasi-Unrechts. Die Rentnerin Ilse Zimdahl (76) findet Christian Wulff zwar sympathisch, würde das Bundespräsidentenamt aber am liebsten gleich einsparen, und wie etwa in den USA, Staatsoberhaupt und Regierungschef auf eine Person vereinigen.

Dieser Text erschien am 5. Juni 2010 in der NRZ

Freitag, 4. Juni 2010

Ein Auftakt fürs Leben: Besuch einer etwas anderen Musikstunde an der Gemeinschaftsgrundschule Styrum


Musik! Muss das sein? Sollen Kinder nicht besser Lesen, Schreiben und Rechnen lernen? Doch wer die 24 Erstklässler aus der Styrumer Grundschule an der Augustastraße bei ihrer Jeki-Stunde, das steht für „Jedem Kind ein Instrument“, beobachtet, wie sie gebannt dem Diplom-Musiker Oliver Stratmann folgen, merkt schnell, dass es bei dieser musikalischen Frühförderung nicht nur um Töne und Rhythmus geht.Auf den ersten Blick wirkt alles sehr spielerisch, wenn Stratmann die Schüler aus aller Herren Länder in einer Polonaise, wie ein Zug durch den Klassenraum schnaufen lässt.


Da können auch die prominenten Unterrichtsgäste, die sich diesmal die wöchentliche Jeki-Stunde anschauen, der türkische Generalkonsul Hakan Akbulut, Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld und Sozialdezernent Ulrich Ernst, nicht außen vor bleiben. Das ist der Rhythmus, bei dem man mit muss.Nach dem Zug kommen der Missisippi-Raddampfer und die Flusskrokodile dran. In dem Stratmann den Rhythmus des Raddampfers nachmacht oder in die Rolle eines Krokodils schlüpft, das in immer gleichen Abständen aus dem imaginären Fluten des Mississippis auftaucht, um iim Stuhlhalbkreis zuzuschnappen, lernen die Kinder, ohne es recht zu merken, etwas über musikalische Tempi und Pausen, die mit Muh-Noten und Pausenzeichen an der Tafel aufgemalt werden.


Seinen Ausflug zum Mississipi nutzt Stratmann ganz nebenbei zu einem geografischen Exkurs, in dem er gekonnt eine kleine USA-Karte auf die Tafel malt und den Kindern sehr altersgerecht vom Mississpi erzählt, der in den Golf von Mexiko fließt, wo gerade Öl aus einem Unterseebohrloch strömt und eine Umweltkatastrophe auslöst.So vergehen 45 Unterrichtsminuten, wie im Flug, ehe die Kinder noch einige Instrumente hervorholen, die sie im zweiten Schuljahr erlernen sollen.


„Es ist wirklich ein Luxus, einen solchen Musikfachmann bei uns zu haben, der auf Kinder eingehen kann“, findet Klassenlehrerin Veronique Hötger. Mit Blick auf das Rollenbild und die Persönlichkeitsentwicklung ist es ihr wichtig, dass vor allem die Jungs „einen Mann in einer musischen und kerativen Rolle erleben und so merken, dass es nicht unmännlich ist, kreativ und musikalisch zu sein.“Mit Projektkoordinatorin undMusikschullehrerin Petra Tübben ist sich Hötger einig, dass Jeki die Kinder durch die gemeinsame Entdeckung der Musik auch in ihren sozialen und intelektuellen Fähigkeiten fördert, „weil man hier konzentruert auf einander hören muss.“


Dieser Text erschien am 3. Juni in NRZ und WAZ

Donnerstag, 3. Juni 2010

Rückblick: Mit dem ersten Spatenstich begann der neue Hans-Böckler-Platz vor 40 Jahren Gestalt anzunehmen

Architektur ist Ausdruck von Zeitgeist. Insofern stehen der Hans-Böckler-Platz und seine Hochhäuser für den ungebremsten Fortschrittsglauben der frühen 70er Jahre, als die Häuser noch in den Himmel wachsen durften. Vor 40 Jahren sieht sich Mülheim auf dem Weg zur 230 000 Einwohner-Metropole. Da soll zentraler Wohnraum mit guter Nahversorgungsinfrastruktur mehr Menschen nach Mülheim ziehen und seine im Osten erweiterte „Innenstadt zu einem echten Lebenszentrum machen, das dicht bewohnt ist und für den Verkehr erstklassig erschlossen ist.“

So sieht es Landesbauminister Hermann Kohlhase, als er am 3. Juni 1970 für den ersten Spatenstich am Hans-Böckler-Platz seine Jacke auszieht und anpackt. „Ein hervorragendes Beispiel moderner städtebaulicher Planung, das für manchen lehrreich sein kann“, nennt Kohlhase das Prestigeprojekt, dessen Investitionsvolumen damals auf 243 Millionen Mark prognostiziert wird. Oberbürgermeister Heinz Hager sieht den neuen Hans-Böckler-Platz als „klassisches Beispiel für die Stadtentwicklung der Zukunft.“ Hier sollen fünf Hochhäuser mit einem Parkhaus, einem Einkaufzentrum und einem großen Hertie-Kaufhaus entstehen, flankiert und abgerundet durch einen City-Nordring und einen Verkehrsknotenpunkt der Stadtbahn, an dem damals bereits gebaut wird.In der „Aufbaugemeinschaft“ für die „Stadtmitte II“ sind neben Stadt und Land auch die Iduna-Versicherung, die Düsseldorfer Treufinanz sowie private Anlieger und Grundstückseigentümer mit im Boot. Heute würde man das wohl Private Public Partnership (PPP) nennen.

Oberstadtdirektor Heinz Heiderhoff spricht 1970 von am Gemeinwohl interessierten Bürgern.Weißer RieseGeld verdient werden soll in der Stadtmitte II aber auch. Die Iduna-Versicherung investiert allein 45 Millionen Mark in das erste, 81 Meter hohe, Hochhaus, das heute Forum Tower heißt und das neue City-Center, das allein 150 Millionen Mark kosten soll und 1994 durch das heutige Forum ersetzt wird. Die NRZ spricht angesichts des Iduna-Hochhaus-Modells von einem „Weißen Riesen“ und glaubt: „Mit dem Projekt Böckler-Platz beginnt ein neuer Abschnitt der Stadtgeschichte.“

670 moderne Wohnungen, ein Parkhaus mit 1800 Stellplätzen, 35 Geschäfte und ein Warenhaus mit einer Gesamtverkaufsfläche von 16 000 Quadratmetern sollen das Wohn- und Einkaufspardies in der City perfekt machen. An die Grenzen von Wohlstand und Konsum kann und will man vor 40 Jahren nicht glauben. Dazu passt eine große Anzeige, die unter dem NRZ-Artikel über den ersten Spatenstich am Hans-Böckler-Platz prangt und die Leser auffordert: „Lassen Sie sich verwöhnen bei ihrem Einkauf in Mülheim, der sympathischen Stadt an der Ruhr.“ Der Kaufmann Kurt Remberg sagt in seiner Funktion als kommissarischer Vorsitzender der Aufbaugemeinschaft für die Stadtmitte II an diesem denkwürdigen 3. Juni 1970, an dem nach sechs Jahren Planung nun Taten folgen sollen: „Für die Bürger und für die Verwaltung ist das ein bedeutender Tag. Die Vorstellungen sahen zunächst anders aus, aber wir haben uns der Entwicklung angepasst. Das Ziel bleibt ein funktionierendes Einkaufszentrum zur Erweiterung der Innenstadt. Ohne die einmalige Bürgerinitiative wäre dieses Projekt nicht entstanden.“

Ob man die Hochhäuser aus städtebaulicher Sicht und angesichts von nur noch knapp 170 000 Mülheimern heute noch einmal bauen würde? Wohl kaum. Doch nur kein später Spott. Wer weiß, was künftige Generationen über Prestige- und PPP-Projekte wie Ruhrbania oder das Medienhaus am Synagogenplatz sagen werden?

Dieser Text erschien am 3. Juni 2010 in der NRZ

Mittwoch, 2. Juni 2010

Was einem Fachmann für Suchtvorbeugung zum Weltnichtrauchertag einfällt

Am 31. Mai war Weltnichtrauchertag. Deshalb haben die in der Suchtvorbeugung tätige Ginko-Stiftung und Saarner Gesamtschüler mit einer Mitmachausstellung und einer Luftballonaktion im Forum Überzeugungsarbeit leisten, damit die Zahl der Nichtraucher weiter steigt. Für die NRZ sprach ich im Vorfeld der Aktion mit Ginko-Mitarbeiter Norbert Kathagen Der 51-jährige Pädagoge und Sozialarbeiter war selbst 20 Jahre geraucht hat, ehe er zum Nichtraucher wurde, über Raucher und Nichtraucher.

Ist Rauchen heute noch cool?

Gott sei Dank gibt es eine Entwicklung in die Richtung, dass es immer weniger cool wird. Seit 2001 lässt der Tabakkonsum deutlich nach.Frage: Worauf ist das zurückzuführen?Antwort: Seit einigen Jahren wird in Schulen verstärkt zum Thema Nichtrauchen gearbeitet. Außerdem hat der Gesetzgeber das Alter, ab dem Rauchen erlaubt ist, auf 18 Jahre erhöht, weil man sieht: Das ist für Jugendliche schwierig, die bekommen das nicht in den Griff. Auch die Nichtraucherschutzgesetze und eine wirksame Öffentlichkeitsarbeit haben die Leute für das Thema sensibilisiert und die Schädlichkeit des Rauchens verstärkt ins Bewusstsein gebracht.Frage: Warum greifen manche Jugendliche trotzdem zur Zigarette? Antwort: Der eigentliche Reiz liegt oft nicht im Rauchen selbst, sondern hat mit der Persönlichkeitsentwicklung des Jugendlichen zu tun. Es geht um den Reiz des Verbotenen, darum, Grenzen auszutesten und sich erwachsen zu fühlen. Außerdem kommt man leicht an Zigaretten heran. Und das Rauchen wirkt erst mal undramatisch.

Wie werden Kinder und Jugendliche zu einem von bundesweit derzeit 18 Millionen Rauchern?

Das durchschnittliche Einstiegsalter für Raucher liegt bei 12,3 Jahren, wobei der Anteil der jugendlichen Raucher in den letzten neun Jahren von 27 auf 15 Prozent gesunken ist. Es macht also Sinn in diesem Alter mit der Suchtprävention zu beginnen. Da wo Kinder und Jugendliche das Rauchen als normal erleben, weil im Elternhaus oder im Freundeskreis geraucht wird, sind sie auch selbst eher geneigt, zur Zigarette zu greifen. Umgekehrt ist es deutlich einfacher, beim Nichtrauchen zu bleiben, wenn Eltern und Freunde nicht rauchen.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Herkunft, Bildung und Rauchen?

Es gibt einen Zusammenhang zwischen Schulformen und der Neigung zu rauchen. Im gymnasialen Bereich gibt es nachweislich weniger Raucher als im Hauptschulbereich. Studien weisen darauf hin, dass der Bildungsfaktor der Eltern eine große Rolle spielt, weil die das Nichtrauchen vorleben oder nicht. Entscheidend ist, ob Kinder das Rauchen oder Nichtrauchen als normal erleben.

Was wollen Sie mit Ihrer heutigen Aufklärungsaktion erreichen?

Wir wollen die Bezugspersonen von Jugendlichen, ob Eltern, Lehrer oder Erzieher sensibilisieren, damit die Regeln in Elternhäusern, Schulen und Jugendheimen eingehalten werden und Jugendliche dort das Rauchen als Normalfall erleben. Wir wollen aber auch konkret mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, damit sie eine kritische Einstellung zum Rauchen entwickeln.

Dieser Text erschien am 31. Mai 2010 in der NRZ

Dienstag, 1. Juni 2010

Was Mülheimer zum überraschenden Rücktritt des Bundespräsidenten sagen

Als Horst Köhler vor sechs Jahren zum Bundespräsidenten gewählt wurde, fragte eine deutsche Zeitung: „Horst, wer?“ Gestern fragten viele Bürger: „Horst Köhler, wie bitte?“ Die Nachricht vom Rücktritt des Bundespräsidenten kam manchem Mülheimer wie ein April-Scherz vor. Bei einer Umfrage, die ich für die NRZ durchführte, zeigten sich viele überrascht, dass sich das Staatsoberhaupt wegen der scharfen Kritik an seiner umstrittenen Interview-Äußerung, Deutschland müsse mit seiner Außenhandelsabhängigkeit zur Wahrung seiner Interessen im Zweifel auch zu militärischen Mitteln greifen, jetzt zum Rücktritt genötigt sah. Einige Befragte können sich jetzt eine Frau, wie die zuletzt unterlegene Sozialdemokratin Gesine Schwan im Bundespräsidialamt vorstellen.

„Ich kann doch nicht immer gleich zurücktreten. Ich muss doch Verantwortung für das übernehmen, was ich tue und sage“, kommentiert Psychologin Brigitte Vahsen (62) Köhlers Rücktritt und betont: „Wenn er die Reaktionen auf seine Äußerungen als belastend und unangemessen empfindet, kann er sich doch erklären und Stellung dazu beziehen. Entweder habe ich eine Autorität, die ich in mir spüre oder ich habe keine.

“Zeitungsfrau Dorothea Schaaf (53) will sich noch einmal Köhlers Begründung und sein umstrittenes Interview anhören, ehe sie sich eine endgültige Meinung bildet. „Irgend etwas muss da gewesen sein, was ihn so getroffen hat, dass er sich gesagt hat; Jetzt ziehe ich einen Schlussstrich“, vermutet sie und kommt zu dem Ergebnis: „Es wird nicht langweilig in der Politik.“

Agnes Maestrini (67) hat Verständnis für Köhlers Schritt und vergleicht ihn mit dem Rücktritt der EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann: „Wenn sich ein Bundespräsident zu Dingen äußert, zu denen er sich in seinem Amt politisch nicht äußern darf, dann ist das richtig und eine gute Konsequenz, ehe man gegangen wird.“

Hermann Ocklenbug (74) schließt sich der Kritik an Köhlers Interwieäußerungen an und hält seinen Rücktritt deshalb für gerechtfertigt: „Kennt der die Verfassung nicht?“ fragt er und führt aus: „In der Verfassung steht: Die Bundeswehr ist nur zur Selbstverteidigung unseres Landes gegründet worden und nicht, um in anderen Ländern Krieg zu führen.“„Als Bundespräsident müsste er etwas mehr Kritik vertragen können“, meint Helmut Schiemann (66) und mutmaßt: „Vielleicht hat er es in Verbindung mit seiner Familie getan und wird seine Gründe dafür haben.“ Als so gravierend empfand er die Kritik am Bundespräsidenten aber nicht, dass dieser aus seiner Sicht hätte zurücktreten müssen.

„Ich bin sehr betroffen“, reagiert Stadtbibliothekarin Claudia vom Felde (50) auf den Köhler-Rücktritt und meint: „Sonst ist er ja nicht so schnell in seinen Entschlüssen, von Aussagen zurückzutreten, die er getroffen hat. Ich hoffe, er überlegt es sich noch mal. Staatsoberhäupter sollten sich nicht so schnell ins Bockshorn jagen lassen.“ „Der Rücktritt war viel zu schnell. Er hätte nicht zurücktreten müssen“, findet Annemarie Ponten (60) und erklärt: „Man kann das doch erklären, wie man das gemeint hat.“ Marina Siebert (54) kann Köhlers Entschluss nicht nachvollziehen und glaubt an eine „Kurzschlusshandlung.“

„Ich kann nicht glauben, das das der eigentliche Grund war. So kritisch waren seine Äußerungen nicht, dass sie einen Rücktritt hätten nach sich ziehen müssen. Da hätte schon viel mehr passieren müssen“, meint Verwaltungsmitarbeiterin Yvonne Brach (36) und fügt hinzu: „Köhler ist doch gerade erst wiedergewählt. Er hat doch kein politisches Erdbeben ausgelöst und ist ein friedliebender Mensch.“ Der Rücktritt Köhlers bestärkt den 57-jährigen Programmierer Karl-Heinz Schröer , dass er als Bundespräsident nicht geeignet gewesen sei. Schon als Finanzstaatssekretär, so Schröer, sei Köhler zum Internationalen Währungsfonds nach Amerika weggelobt worden. Dort hätte man ihn nach seiner Ansicht auch besser lassen sollen, als ihn als Bundespräsident nach Deutschland zurückzuholen.

Ausgesprochen traurig über Köhlers Rücktritt, den er nicht für angemessen hält, ist der 80-jährige Günter Held , der den Bundespräsidenten „wegen seiner Geradlinigkeit, Offenheit und Genauigkeit, mit der er Themen und Probleme verfolgt hat“ immer sehr geschätzt hat. „Ich hätte meine Aussagen vielleicht abgemildert, wäre aber nicht zurückgetreten“, versetzt sich Held in Köhlers Situation. „Köhler hat doch immer nur Wahrheiten ausgesprochen, die jeder kennt. Aus meiner Sicht hätte er nicht zurücktreten müssen“, kommentiert die 71-jährige Hannelore Bovermann den ersten Rücktritt eines Bundespräsidenten.Der arbeitssuchende Krankenpfleger Andre Wiesemann (46) hält zwar nichts vom Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan, empfindet die Kritik an Köhlers Interviewäußerungen aber auch als „heuchlerisch“, weil er „nur das klar ausgesprochen hat, was jeder weiß.“ Erzieherin Menekse Akdag (41) hält Köhlers Rücktritt für überzogen, auch, wenn sie den Bundeswehreinsatz in Afghanistan ablehnt und jetzt auf eine Bundespräsidentin hofft.

Dieser Text erschien am 1. Juni 2010 in der NRZ

Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...