Samstag, 17. April 2010

Aus dem Tag der älteren Generation ist inzwischen die Seniorenmesse Ruhr geworden

Nomen est omen“ sagen die alten Lateiner. Recht haben sie. Denn dass aus dem Tag der älteren Generation, die Seniorenmesse Ruhr geworden ist, die das Forum am 18. April, von 11 bis 17 Uhr zur Messehalle werden lässt, ist ein starkes Zeichen. Was vor 21 Jahren mit einem Tapeziertisch auf der Schloßstraße begann, zieht heute 70 Aussteller und mehr als 10 000 Besucher an.

Längst präsentieren sich bei dieser Veranstaltung, für die sich neben dem Seniorenbeirat und dem Gastgeber Forum die MST verantwortlich zeichnet, nicht mehr nur Selbsthilfegruppen der Öffentlichkeit. Zunehmend sind es auch professionelle Anbieter vom Pflegedienst bis zum Akustiker und vom Wohnungsbauunternehmen bis zum Finanz- und Gesundheitsdienstleister, die den Markt des Alters entdeckt haben, der ganz neue Bedürfnisse schafft, an die man vor 20 Jahren noch nicht gedacht hat. Hinzu kommen Gruppen, wie die Seniorenorganisationen der politischen Parteien oder kulturelle Initiativen, wie das Seniorentheater Mülheimer Spätlese oder die Seniorenzeitung „Alt, na und“, in denen Senioren selbst aktiv und kreativ werden.Die Vielfalt der Informations- und Unterhaltungsangebote mit, von und für Senioren zeigt: Wir sind angekommen im demografischen Wandel.

Mülheim ist alt und wird noch älter, schon heute sind 29 Prozent der Mülheimer älter als 60. Aber wann ist man eigentlich alt? MST-Veranstaltungsmanager Bernd Westhoff spricht von der Generation 50 plus, die von der Seniorenmesse angesprochen werden soll. „Gerade ältere Menschen wollen sich direkt vor Ort informieren. Sie suchen den persönlichen Kontakt und die persönliche Kommunikation. Sie wollen sich ihre Informationen eben nicht anonym aus dem Internet holen“, erklärt der Vorsitzende des Seniorenbeirates, Helmut Storm, den enormen Publikumsandrang, der durch die zentrale Lage des Veranstaltungsortes natürlich noch verstärkt wird.

Storm weiß aus den Rückmeldungen der Vorjahre, dass viele Besucher die Seniorenmesse zum Tag der älteren Generation auch als Kontaktbörse und Ausflugsziel sehen, an dem das kulinarische Angebot für das leibliche Wohl nicht zu unterschätzen ist. Kurz: Bei Oma und Opa bleibt am Sonntag die Küche kalt.Dass alte Menschen das Alter heute auch zunehmend als einen sehr aktiven und kreativen Lebensabschnitt begreifen, macht ein Blick auf das Bühnenprogramm der Seniorenmesse deutlich. Das Unterhaltungsspektrum reicht vom Seniorentanz über den immer wieder gern gehörten Saarner Bergsteigerchor bis zum „fidelen Rentner“ Heinz Schmidt, der mit einem Schlagerprogramm der Marke Oldie but Goldy auf die Bühne gehen wird. Als Ex-Prinz und Leiter des DRK-Seniorentreffs an der Prinzess-Luisen-Straße verkörpert Schmidt selbst das aktive Alter.Doch Seniorenbeirats-Chef Storm weiß auch, dass das Alter nicht nur aus aktiver Freizeitgestaltung besteht. Und so will der Seniorenbeirat an seinem Informationsstand auch die Sorgen alter Menschen anhören und aufnehmen. Wo Senioren in unserer Stadt der Schuh drückt, weiß Storm, in seinem Hauptamt Geschäftsführer des Roten Kreuzes, aber schon jetzt. „Die Wohnungsfrage wird immer wichtiger. Die Menschen fragen sich: Wie kann ich im Alter möglichst lange selbstständig in meinen eigenen vier Wänden wohnen bleiben oder welche Lebensformen gibt es sonst. Denn das klassische Altenheim sehen die Meisten nur als letzte Alternative“, weiß er aus vielen Gesprächen zu berichten. Insofern dürften die Stände der von Stadt und Allgemeiner Ortskrankenkasse betriebenen ambulanten Pflegestützpunkte sowie der städtischen Senioren- und Wohnungsberatung am Sonntag besonders gefragt sein.

Die von Storm ebenfalls oft gehörten Klagen über automatische Bus- und Bahntüren, die für viele Senioren viel zu schnell auf und zu gehen und damit ein Verletzungsrisiko darstellen, dürften dann wohl ein Fall für den Infostand der Mülheimer Verkehrsgesellschaft sein.

Weitere Informationen gibt es im Internet unter: http://www.muelheim-ruhr.de/ Weitere Anregungen und Fragen an den Seniorenbeirat nimmt dessen Geschäftsführerin Anke Klein unter der Rufnummer: 0208/455-5005 entgegen.

Dieser Text erschien 14. April 2010 in der NRZ

Mittwoch, 14. April 2010

Warum Suchtvorbeugung schon im Kindergarten anfangen muss

Beim Thema Sucht denkt man landläufig eher an Jugendliche und Erwachsene, aber nicht unbedingt an Kinder im Kindergartenalter. "Wir wissen aber, dass viele Verhaltensauffälligkeiten, die im Kindesalter entstehen, später bei manchen Jugendlichen in ein Sucht- oder Gewaltproblem münden können", sagt Norbert Kathagen von der hiesigen Fachstelle der Ginko-Stiftung, die sich mit Beratung und Aufklärung um die Vermeidung und Überwindung von Suchtverhalten bemüht. Kurz gesagt: Wer im Kindergarten seine Spielkameraden ständig stört oder ihnen das Spielzeug weg nimmt, schlägt später auch eher zu oder greift zur Flasche, wenn es Probleme gibt.

Deshalb geht Ginko-Mann Kathagen, von Hause aus Sozialarbeiter und Pädagoge, jetzt mit Papilio in die Kindergärten. Papilio, zu deutsch "Schmetterling", ist ein vom Beta-Institut entwickeltes und in Nordrhein-Westfalen von der Barmer GEK finanziell gefördertes Programm, das spielerisch versucht, Kinder in ihrem Sozialverhalten zu stärken und sie emotional zu stabilisieren und damit konfliktfähiger zu machen, damit sie, um im Bild des Schmetterlings zu bleiben, am Ende in ihrer eigenen Persönlichkeitsentwicklung beflügelt werden.Ein wissenschaftlich begleiteter Modellversuch, an dem in Augsburg 700 Kinder teilgenommen haben, zeigt, dass sich das Sozialverhalten der Kinder, die das Papilio-Programm durchlaufen haben ein deutlich besseres Sozialverhalten an den Tag legen, als die Kinder ohne Papilio-Erfahrung.

DerzeitKathagen zwölf Erzieherinnen, wie man mit Papilio Kindern und Eltern pädagogisch Flügel machen kann. Der Trainer setzt bei der Fortbildung der Multiplikatoren auf eine Mischung aus Vortrag, Gruppenworkshop und Rollenspiel.Wie funktioniert Papilio? Kathagen setzt beim spielerischen Element an: Die der Augsburger Puppenkiste entsprungene Paula und ihre Kissenbolde Freudibold, Zornibold und Bibberbold sollen zu ständigen Begleitern des Kindergartenalltags werden.

Mit Hilfe einer Materialkiste, aus der Erzieher unter anderem Mutmachlieder und Mutmachgeschichten hervorzaubern können, sollen sie mit Kindern regelmäßig Gefühle und ihre Ursachen thematisieren. Warum bin ich heute fröhlich wie Freudibold, traurig wie Zornibold oder ängstlich wie Bibberbold? Wer über seine eigenen Gefühle sprechen kann, kann auch besser mit ihnen umgehen und somit auch Konflikte konstruktiver lösen.Zum pädagogischen Werkzeugkasten von Papilio gehören aber auch ein Spielzeug-macht-Ferien-Tag im Kindergarten, mit dem die Phantasie und Kreativität der Kinder angeregt werden soll, damit sich "kein Kind hinter seinem Spielzeug verstecken kann" und man mehr Zeit hat, um Kinder in den Blick zu nehmen und sie frei miteinander spielen zu lassen, indem sie zum Beispiel sich mal selbst einen Ball basteln. "Damit tun sich Kinder oft leichter als die Erzieher, weil sie Spielzeug auch als pädagogisches Handwerkszeug verstehen", weiß Kathagen.Apropos pädagogisches Handwerk.

Bei dem Papilio-Spiel "Meins-deins-unser-Spielzeug" lernen die Kinder, gemeinsam Spielregeln aufzustellen. Denn Norbert Kathagen glaubt, dass man, abgesehen natürlich von einigen nicht zu diskutierenden Grundregeln, mehr Demokratie im Kindergarten wagen kann und auch muss.
"Denn," so betont er, "wenn man Kinder in die Aufstellung von Regeln mit einbezieht, identifizieren sie sich auch eher mit diesen Regeln und halten sie ein.

Hintergrund: Das Papilio-Fortbildungs-Programm kann aus organisatorischen Gründen in der ersten
Staffel nur für maximal zwölf Erzieherinnen angeboten werden. Doch es gibt
bereits weitere Interessenten und Norbert Kathagen möchte in einigen Wochen
bereits eine zweite Staffel der Papilio-Fortbildung starten.Kathagen weist in
diesem Zusammenhang darauf hin, dass alle Kindergärten, Kindertagesstätten und
Familienzentren, die an dem Papilio-Programm teilnehmen, sich für diesen
zusätzlichen Qualitätsstandard zertifizieren lassen können. Das pädagogische
Handwerkszeug, das den Fortbildungsteilnehmern in Form einer Materialkiste an
die Hand gegeben wird, können Eltern auch käuflich erwerben. Wer sich für
Papilio und eine entsprechende Fortbildung zum Preis von 120 Euro interessiert,
kann sich mit Norbert Kathagen von der Ginko-Fachstelle an der Kaiserstraße 90
unter ~ 300 69 44 oder per E-Mail an n.kathagen@ginko-stiftung.de in Verbindung
setzten. Weitere Informationen im Internet: www.ginko-stiftung.de oder
http://www.papilio.de/

Dieser Text erschien am 13. April 2010 in der NRZ

Montag, 12. April 2010

Nicht nur an der Gustav-Heinemann-Schule fürchtet man um den Bestand der Stadtteilbüchereien


Wer die Schul- und Stadtteilbücherei in der Gustav-Heinemann-Schule an der Boverstraße betritt, merkt sofort: Hier ist vom Boden bis zum Dach alles nagelneu, hell und freundlich. Erst im Dezember wurde die Bibliothek nach einem langen und teuren Umbau, den man im Rahmen der Schulsanierung bewerkstelligt hatte, neu eröffnet.

Besonders stolz ist man an der Gustav-Heinemann-Schule darauf, dass die Bibliothek jetzt barrierefrei ist und nicht nur über selbstöffnende Türen sondern auch einen rollstuhlgerechten Aufzug verfügt.Angesichts dieses Aufwandes ist es nicht nur für die Elternpflegschaftsvorsitzende der Gustav-Heinemann-Schule, Alexandra Neuendorf, „dass man hier viel Geld reinfließen lässt, wenn man die Bibliothek in ein Kommunikationszentrum ohne Bibliothekare umwandeln will.“

Neuendorf könnte sich bei einer Einsparung der Bibliothekarsstellen zwar vorstellen, „dass die Eltern eine ehrenamtliche Betreuung organisieren, damit pfleglich mit Büchern und anderen Medien umgegangen wird.“ Doch die fachliche Vermittlung von Medienkompetenz und die Anleitung bei der Recherche für Facharbeiten und Referate können in ihren Augen nur ausgebildete Bibliothekare leisten. Neuendorf weist darauf hin, dass die Bibliothek an der Boverstraße auch von vielen Bürgern und Schülern anderer Schulen im knapp 19 000 Einwohner zählenden Stadtteil genutzt wird. 2008 wurden hier mehr als 66 000 Medien ausgeliehen, ein gutes Drittel aller stadtweit entliehenen Büchereimedien.Besonders ärgerlich findet Elternvertreterin Neuendorf, dass bei der Haushaltskonsolidierung ausgerechnet in einem Bereich der Bildung gespart werden soll, den Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld als politische Priorität postuliert habe. Keinen Zweifel lässt Neuendorf, dass ihr Einsparungen bei Ruhrbania, „auch wenn das Frau Mühlenfeld nicht gerne hört, lieber wären , als das Sparen auf Kosten von Jugend, Bildung und Kultur.

„Was macht den eine Stadt aus, wenn nicht Bildung und Kultur“, fragt sich Neuendorf und betont: „Die Stadt ist ja nicht von einem Tag auf den anderen in ihre missliche Finanzlage geraten.“Just heute will die Schulkonferenz der Gustav-Heinemann-Schule einen Protestbrief an die Ratsfraktionen und Schuldezernent Peter Vermeulen absenden. Außerdem hat man eine Unterschriftenaktion gestartet, die auch an anderen Schulen des Stadtteils unterstützt wird.Wie die Umwandlung von einer Stadtteilbücherei in ein bibliothekarloses Kommunikationszentrum aussehen könnte, müsste laut Schul- und Kulturdezernent Peter Vermeulen noch konkret überlegt werden.

Für denkbar hielte er zum Beispiel eine ehrenamtliche Betreuung oder eine hauptamtliche Betreuung durch bereits im Stadtteil verankerte Institutionen wie etwa Jugendzentren. Wenn die Stadtteilbüchereien in Dümpten, Heißen, Styrum und Speldorf auf diesem Weg zu Stadtteil-Kommunikationszentren würden, rechnet die Stadt in ihrem Konsolidierungsvorschlag mit Einsparungen von jeweils 225 000 Euro in 2011 und 2012 sowie mit einer Entlastung von jeweils 700 000 Euro in den Jahren 2013 und 2014.

Dieser Text in auch in der NRZ erschienen.

Sonntag, 11. April 2010

Rückblick: Mit dem Einmarsch amerikanischer Truppen ging in Mülheim vor 65 Jahren der Zweite Weltkrieg zu Ende

Wer Ansichten des alten Mülheims vor 1939 betrachtet, hat manchmal das Gefühl, auf eine andere Stadt zu gucken. Ganze Straßenzüge scheinen verschwunden zu sein. Der historische Fotovergleich macht anschaulich, wie sehr der Zweite Weltkrieg das Gesicht der Stadt verändert hat.

Vor 65 Jahren geht dieser Krieg für die Mülheimer zu Ende, knapp einen Monat vor der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Am 11. April 1945 erreichen amerikanische Soldaten die Stadt. Es sind US-Soldaten der 17. Luftlandedivision und der 79. Infanteriedivision, die die Stadt von Norden und Osten aus kommend einnehmen. Nur vereinzelt, etwa am Dickswall und am Auberg, stoßen sie noch auf den Widerstand des Volkssturms, kommt es zu Schusswechseln und Artilleriebeschuss. Die meisten Männer des Volkssturms legen an diesem letzten Kriegstag einfach ihre Waffen nieder und gehen nach Hause.

Auch die Straßenbahnwagen, die auf der Duisburger Straße als Panzersperren in Stellung gebracht worden sind, stellen für die US-Truppen kein Problem dar. Das gilt auch für die Panzersperren auf der Schloßbrücke. Sie ist die einzige Brücke, die das Kriegsende unbeschädigt überstanden hat, weil Unteroffizier Rudolf Steuer aus Merzig trotz der Drohung mit einem Kriegsgerichtsverfahren ihre Sprengung verweigert hat. Die Stadt wird es ihm später mit der Hilfe beim Wiederaufbau seines Hauses danken.

Mülheim selbst ist eine Trümmerwüste, auf deren Straßen bei Kriegsende 800 000 Kubikmeter Schutt liegen. Fast 5000 Mülheimer haben den Krieg nicht überlebt. Viele erleben das Kriegsende außerhalb ihrer Stadt, etwa in der Kinderlandverschickung oder in der Kriegsgefangenschaft. Bereits am 25. März hatte die Gauleitung die Bürger aufgefordert, die Frontstadt Mülheim zu verlassen. Doch 88 000 sind geblieben, gehen am 11. April 1945 zum Teil sogar ganz normal zur Arbeit.


Mehr Angst als vor den amerikanischen Soldaten, denen sie bevorzugt mit weißen Fahnen und Taschentüchern begegnen, haben die Mülheimer vor den 10 000 Fremd- und Zwangsarbeitern, die das Kriegsende zum Teil unter unmenschlichen Bedingungen überlebt haben. Vereinzelt kommt es jetzt zu Plünderungen und gewaltsamen Übergriffen.
Um die Situation zu entspannen, quartieren die Amerikaner einige Zwangsarbeiter in die vergleichsweise gut ausgestatteten Kasernen an der Kaiser- und an der Zeppelinstraße ein. Als erste Stadtkommandanten übernehmen die US-Majore Mrachek und Keene am Morgen im Rathaus das Regiment und übergeben Oberbürgermeister Edwin Hasenjaeger die ersten Bekanntmachungen der Militärregierung.

Später wird Mülheim Teil der britischen Besatzungszone. Bis 1946 werden 276 Mitarbeiter der Verwaltung entlassen, weil sie als ehemalige Nationalsozialisten als politisch belastet gelten.

Dieser Text erschien am 10. April 2010 in der NRZ

Samstag, 10. April 2010

Neues von gestern aus dem Kloster Saarn


Wenn Mülheimer ins Kloster gehen, muss es nicht für immer sein. Denn das Kloster Saarn, in dem von 1214 bis 1808 Zisterzienserinnen beteten und arbeiteten, treffen sich heute Bürger im Klostercafe, besuchen Gottesdienste in der Klosterkirche St. Mariae Himmelfahrt oder das im Herbst 2008 eröffnete Klostermuseum, das ehrenamtlich von den Freunden und Förderern von Kloster Saarn betrieben wird. Fast 6000 Menschen haben hier bereits die Klostergeschichte erkundet. 200 Mal haben Wolfgang Geibert und Hans Theo Horn vom Verein der Klosterfreunde interessierte Gruppen durch das Museum geführt, das im Kulturhauptstadtjahr 2010 eine von 53 spirituellen Kulturtankstellen des Ruhrbistums ist.


Rechtzeitig zur Ruhr 2010 warten die Freunde und Förderer von Kloster Saarn mit einem neuen Exponat, einer Sonderausstellung, einem Theaterstück zu Klostergeschichte und einer neuen Reihe von Klostergesprächen auf, die auch nach dem Ende des Kulturhauptstadtjahres fortgeführt werden sollen.Bei dem neuen Exponat, das schon jetzt im Klostermuseum zu sehen ist, handelt es sich um etwas sehr altes, nämlich um Reliquien, die die Klosterfreunde zwar nicht historisch wasserdicht, aber aufgrund wissenschaftlich belegter Indizien der Märtyrergruppe um die Kölner Stadtheiligen Ursula, Gereon und Eliphius zuordnen können. Dabei stützen sie sich auf die aus dem 13. Jahrhundert stammenden Reste eine Pergamenturkunde, die belegt, dass der damalige Kölner Erzbischof Engelbert bei seinen beiden Besuchen im Kloster Saarn die Reliquien als Geschenk, vermutlich zur Altar- und Friedhofsweihe, mitgebracht hat. Bisher hatte Klosterfreund Hans Theo Horn die Reliquien in einem alten Pillendöschen verwahrt. Jetzt werden sie im Klostermuseum in einem kleinen Reliquienschrein präsentiert, den der Saarner Juwelier Jochen Laerbusch geschaffen und gestiftet hat. (siehe Foto: Horn)


Neben diesem Reliquienschrein und vielen der insgesamt 1248 Klosterfundstücke, die in den 80er Jahren ausgegraben und später aufgearbeitet wurden, aber bisher aus Platzgründen nicht gezeigt werden konnten, wird man bei der Sonderausstellung „Mit Brief und Siegel“ vom 22. Mai bis zum 29. September im Klostermuseum drei Original- und eine Facsimile-Urkunde in Augenschein nehmen können. Sie stehen für Wegmarken der Saarner Klostergeschichte.


Es handelt sich dabei um eine Waldschenkungsurkunde des Kölner Erzbischofs Engelbert aus dem Jahr 1221, um die Ernennungsurkunde für die Äbtissin Agnes von Hillen, die 1642 vom Nuntius Fabio Chigi, dem späteren Papst Alexander VII., ausgestellt wurde, um eine Schutzgarantie für die klösterlichen Einkünfte durch den Landesfürsten Herzog Wilhelm von Jülich-Berg aus dem Jahre 1478 und in Form eines Facsimiles um einen päpstlichen Schutzbrief für das Kloster von 1223.Im Rahmen ihrer Sonderausstellung bieten die Freunde und Förderer von Kloster Saarn auch Sonderführungen und Vorträge an. Schon jetzt haben sich acht Schulen mit ihren Klassen für eine von Wolfgang Geibert angebotene Sonderführung angemeldet, bei denen Schüler nicht nur die Klostergeschichte kennen lernen, sondern anschließend auch mit Tinte und Federkiel eine Prüfung als Urkunden-Skriptoren ablegen.


Weitere Informationen gibt es im Internet unter: www.freunde-kloster-saarn.de
Dieser Text erschien am 10. April 2010 in der NRZ

Freitag, 9. April 2010

So gesehen: Ist das Leben eine Schlangengrube? oder: Kein Kobra-Alarm mehr an der Kleiststraße

Kulturpessimisten haben es immer schon geahnt. Unser Leben ist nicht nur eine Baustelle, sondern auch noch eine Schlangengrube, in der jeder jedem sein Wolf ist, um im tierischen Sprachbild zu bleiben.

Fast drei Wochen hat eine 30 Zentimeter lange Kobra die Bewohner eines Mehrfamilienhauses an der Kleiststraße in Atem gehalten . Dabei denkt man bei der Heimaterde, in der die Kleiststraße gelegen ist, so gar nicht an Schlangengrube, sondern an eine Dorfidylle, in der die Welt noch in Ordnung ist.

Denkste. Ausgerechnet hier brachte ein junger Mann seine Mitbewohner in äußerste Gefahr und Feuerwehr, Ordnungsamt und Technisches Hilfswerk mächtig auf Trab, in dem er seine Wohnung freiwillig in eine Schlangengrube verwandelte.

Da fällt mir unser alter Hausmeister, Gott hab ihn selig ein, dem partout kein Vierbeiner ins Haus kommen durfte, weil er fürchtete, dass unser Haus sonst auf den Hund käme. Was er wohl sagen würde, wenn er den dreiwöchigen Kobra-Alarm an der Kleiststraße noch miterlebt hätte. Sicher hätte er sich, wie von der Tarantel gestochen, tierisch darüber aufgeregt.

Doch so ändern sich die Zeiten. Früher hat man sich darüber aufgeregt, wenn jemand einen Vogel hatte. Heute ist man als jemand, der als Haustierhalter nie über Goldhamster und Wellensittich hinausgekommen ist, schon dankbar, wenn er nur einen Vogel und keine Meise hat. Die gute Nachricht: Die hochgiftige Schlange an der Kleiststraße ist tot. Sie ist Feuerwehr und Ordnungsamt gestern auf den Leim gegangen, in dem sie auf einem als Fangvorrichtung ausgelegten Klebstreifen hängen bleib und dort buchstäblich auf der Strecke blieb.

Die schlechte Nachricht: Auch weiterhin wird uns so manche falsche Schlange über den Weg laufen. Vielleicht sollte uns die Schlangenjagd an Kleiststraße, die nach Schätzungen der Stadt Folgekosten von rund 100.000 Euro heraufbeschworen hat, ja zeigen, dass unser Alltag nur dann keine lebensgefährliche Schlangengrube wird, wenn wir das einzig heilsame Gegenmittel parat haben: Mehr Menschlichkeit und zumindest ein bisschen gesunden Menschenverstand.

Donnerstag, 8. April 2010

Rückblick: Vor 100 Jahren mussten die alten Heißener Mülheimer werden


Nicht nur Dümpten, sondern auch Heißen wurde vor 100 Jahren eingemeindet. Aus den rund 14 000 Einwohnern der Landbürgermeisterei Heißen wurden am 1. April 1910 offiziell Mülheimer. Ihre Eingemeindung sahen die alten Heißener, wenn man der Mülheimer Zeitung glauben darf, „kühl bis ans Herz hinan.“ Das verwundert nicht. Denn was sie an ihrer 32 Jahre zuvor gegründeten Landbürgermeisterei hatten, wussten sie, aber nicht, was sie als Stadtteil im groß gewordenen Mülheim zu erwarten hatten.Zur Landbürgermeisterei hatte nicht nur der gleichnamige Ortsteil, sondern auch Menden, Holthausen, Menden, Raadt, Winkhausen und Haarzopf gehört.


Wer heute nach Spuren der kommunalen Eigenständigkeit Heißens sucht, braucht nur das 1879 errichtete Gebäude der heutigen Sparkasse am Heißener Markt zu betrachten. Dort residierten der erste Landbürgermeister Dietrich Meier und sein Nachfolger Paul Wasse. Als das Heißener Rathaus 1901 auch Sparkasse wurde, zog Bürgermeister Wasse in seine neue Dienstvilla, die gleich neben dem Rathaus errichtet wurde und dort bis heute ebenso steht wie die evangelische Gnadenkirche und die unweit gelegene katholische Josephskirche. Auch die beiden Gotteshäuser entstanden in den 1880er und 1890er Jahren, als Heißen ein selbstständiges Gemeinwesen war.


Dass die Bevölkerung der Landbürgermeisterei von anfangs 8000 auf später rund 14 000 Seelen anwuchs, kam nicht von ungefähr. Denn in Heißen gab es viel zu tun. Allein auf den drei Zechen Rosenblumendelle, Humboldt und Wiesche verdienten um 1900 rund 3000 Bergleute den Lebensunterhalt für ihre Familien. In der ab 1899 entstehenden Colonie Wiesche, die heute allgemein Mausegattsiedlung genannt wird, fanden die meisten ein Heim.Aber auch außerhalb des Bergbaus wurde Geld verdient und ausgegeben, zum Beispiel in der Landwirtschaft oder in einem der rund 300 ortsansässigen Gewerbeunternehmen. Deren Bandbreite reichte von der Bierbrauerei über Schlachthäuser bis zur Schmiedewerkstatt mit Motorenbetrieb.


In einer Zeit ohne Fernsehen und Radio wurde auch in Heißen die Geselligkeit groß geschrieben. 32 Vereine und 33 Gastwirtschaften sorgten um 1900 dafür, dass sich die Heißener nicht nur daheim wie zu Hause fühlen konnten.Bereits elf Jahre vor der Eingemeindung wurde 1899 mit der Einrichtung einer Straßenbahnverbindung eine verkehrstechnische Brücke nach Mülheim geschlagen. Hinzu kamen ein Ausbau der Straßen sowie Post und Sparkasse.


Dieser Text ist am 8. April 2010 in NRZ und WAZ erschienen.

Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...