Dienstag, 8. Dezember 2009

Ansichstsachen, die Dritte: Bilder und Texte vom Wandel einer Stadt


Was man von Mülheim und seinem Stadtbild hält, das ist von Fall zu Fall verschieden: Ansichtssache, eben. Und so haben haben Horst Borgsmüller, Andreas ten Brink (links), Manfred Ehrich, Heinz Hohensee (rechts) und Werner Joppek ihren Bildband denn auch „Mülheimer Ansichtssachen" genannt. Dass es bereits der dritte Band ist, den sie unter diesem Titel zusammen mit dem Medienservice Sprenger und unterstützt von der Sparkasse, den Betrieben der Stadt, dem Geschichtsverein und der Bürgergesellschaft Mausefalle herausgeben, zeigt, dass ihre Mischung aus historischen und aktuellen Ansichten der Stadt am Fluss, gepaart mit Gedichten von Horst Borgsmüller und kompakten Erläuterungstexten beim Mülheimer Publikum gut ankommt.

„Wir sind immer wieder von Mülheimern gefragt worden, wann macht ihr mal wieder einen Band Ansichtssachen. Vom ersten Band haben wir sogar zwei Auflagen drucken müssen, um die Nachfrage befriedigen zu können", erzählt Verleger Bernd Sprenger (Mitte). Wie ihre 1999 und 2002 erschienenen Vorgänger I und II gehen auch die dritten Mülheimer Ansichtssachen mit einer Startauflage von 4000 Exemplaren in den Buchhandel.

Wer durch den 96 Seiten starken Band blättert, wandert durch alle Stadtteile. Besonders reizvoll ist die Tasache, dass jeder der rund 100 historischen Abbildungen von Joppek und Ehrich gemachte Fotos gegenüberstehen, die die historischen Ansichten mit der Gegenwart konfrontieren. So entstehen historisch-moderne Foto-Tandems, die anschaulich machen, wie fundamental der Zweiten Weltkrieg, der nachfolgende Wiederaufbau und die nicht immer geglückte Modernisierung das Stadtbild verändert haben. An manchen Stellen, etwa auf dem Kirchenhügel oder in Saarn lässt sich das alte Mülheim noch erahnen. An anderen Stellen begegnen sich das Mülheim von damals und heute, wie zwei Welten.

Nostalgie und Melancholie vermischen sich beim Betrachter, wenn er sieht, an wie vielen Stellen schmucke und individuelle Fachwerk- oder Gründerzeitarchitektur nach 1945 systematisch durch funktionale Zweckbauten ersetzt wurde. Die autogerechte Stadt Auch das zeigen Ehrich und Joppeks Fotos. Vieles was den Charme des alten Mülheims ausmachte, musste im Laufe der letzten Jahrzehnte der autogerechten Stadt weichen. Die bereits seit Jahrzehnten im Geschichtsverein aktiven Heimatforscher Hohensee und ten Brink haben da aus den Tiefen ihres eigenen Fundus geschöpft. Was sie über das alte und neue Mülheim wissen, haben sie in kurzen und informativen Texten zusammengefasst, die die Einordnung der historischen Bilder erst möglich macht. Auch viele der historischen Aufnahmen - oft handelt es sich um alte Postkarten - stammt aus ihren Privatarchiven.

Aus den Tiefen seiner Seele hat der Lyriker Horst Borgsmüller seine Verse geschöpft, die sich harmonisch zwischen Bildern und Texten einfügen, in dem sie etwas von der mölmschen Seele widerspiegeln, die man früher wie heute an der Ruhr baumeln lassen und kann, um, wie Borgsmüller schreibt die kleinen und großen Sorgen zu vergessen. Die Mülheimer
Ansichtssachen III sind für 15,80 Euro und die Edition aller drei Mülheimer Ansichtssachen für 36 Euro im Buchhandel zu bekommen.

Montag, 7. Dezember 2009

Mehr als nur ein sportliches Großereignis: Die MükaGe richtete ein Qualifikationsturnier für die Deutschen Meisterschaften im Karnevalstanz aus



Hier trafen sich Karneval und Leistungssport. Zum 42. Mal war die Erste Große Mülheimer Karnevalsgesellschaft von 1937 (MüKaGe) Gastgeberin eines Qualifikationsturniers für die Deutschen Meisterschaften im Karnevalstanz. 50 ehrenamtliche Helfer der MüKaGe sorgten vor und hinter der Bühne dafür, dass die Turnierveranstaltung mit 1400 Aktiven aus ganz Deutschland in der Harbecke-Halle an der Mintarder Straße glatt über die Bühne ging. Sportlich hieß es am Ende für die unermüdlichen Gastgeber: "Dabei sein ist alles." Denn ihre 16 Gardedamen fanden sich mit insgesamt 403 Punkten auf einem Platz im hinteren Mittelfeld und konnten sich damit vorerst noch nicht für das Halbfinale der Deutschen Meisterschaften qualifizieren, das im März in Hannover und Ludwigshafen über die Bühne gehen wird, ehe dann das Finale in Stuttgart ausgetragen wird. Die nächste Chance für die MüKaGe-Garde bietet sich bei einem Qualifikationsturnier, das im Februar in Lübeck stattfinden wird. Die Showgarde der MüKaGe trat erst nach Redaktionsschluss auf. Lesen Sie die Reportage auf Lokalseite 2 Die Garde-Damen der MüKaGe zeigten gestern eine ordentliche Leistung, die aber für einen Pokal oder einen Qualifikationsrang nicht ausreichte.

Sonntagmorgen. Zeit zum Kaffeetrinken oder für den Kirchgang. Mit Kaffee, Schnittchen und Co werden die Tanzmariechen und Tanzmajore, die sich in der Saarner Harbecke-Halle tummeln durch die 20 Catering-Damen von der MüKaGe-Müttergarde versorgt. Für den Kirchgang bleibt an diesem zweiten Adventssonntag keine Zeit, nur für ein Stoßgebet: Möge der Auftritt gelingen. Die gehen im Fünf-Minuten-Takt über die Bühne. Jeweils 120 hatte der Vorsitzende der Ersten Großen Mülheimer Karnevalsgesellschaft, Horst Heinrich, für den Samstag und Sonntag eingeplant. Am Ende sind es nicht ganz so viele, weil einige Tänzerinnen und Garden krankheitsbedingt abgesagt haben. Erst sind die Junioren dran und dann die Aktiven. Das bedeutet: Erst die Unter- und dann die Über-15-Jährigen.Karnevalstanz ist eine echte Trendsportart geworden", sagt Heinrich und verweist darauf, dass das Qualifikationsturnier, das die MüKaGe ausrichtet, schon innerhalb von 24 Stunden ausgebucht war. "Je kleiner die Orte, desto größer die Garden", weiß Heinrich aus Anmeldelisten. Während die gastgebende MüKaGe an diesem Sonntag mit 16 Gardedamen antritt, ist die Garde des TV Flerke mit 17 Aktiven angereist. Flerke im Kreis Soest hat gerade einmal 150 Einwohner. Und auch das westfälische Harsewinkel, dessen Rote-Funken-Garde mit 469 Punkten beim klassischen Gardetanz die Nase vorn hat, gehört mit 24 000 Einwohnern nicht gerade zu den Großstädten im Land. Auf dem Land scheint die Welt der Vereine eine innige zu sein, weil dort fast jeder irgendwo mitmacht. Doch das gilt auch für die MüKaGe.

Die aktiven Tänzerinnen (Tänzer gibt es bei der MüKaGe derzeit nicht) bereiten sich nicht nur auf ihren Garde- und Showtanz vor, sondern helfen auch beim Auf- und Abbau in der Halle oder bei der Einweisung der auswärtigen Gäste. Die 26-jährige Stefanie Watta, die seit 14 Jahren in der Garde mittanzt, hat an diesem Sonntag ein besonders strammes Programm. Weil sie im Einzelhandel tätig ist, muss sie zwischen ihrem Gardeauftritt um 11 Uhr und ihrem Showtanzauftritt auch noch von 13 bis 18 Uhr an ihrem Arbeitsplatz, beim verkaufsoffenen Sonntag in der Innenstadt aktiv werden. Vielleicht ist ja auch die Doppelbelastung vieler Gardetänzerinnen ein Grund dafür, dass die Kondition am Ende nur für 403 Punkte und damit einen Mittelfeldplatz reicht.Es ist zwar sehr anstrengend, aber es macht auch viel Spaß, weil wir alles zusammen machen und nicht nur auf der Bühne als Gruppe unser Bestes geben wollen", sind sich Watta und ihre 18-jährige Gardekollegin Melina Weiß nach ihrem guten, aber eben nicht perfekten Tanzauftritt einig. "Das Lampenfieber ist vor dem Auftritt groß, weil man weiß, dass jeder Schrittfehler gewertet wird. Doch sobald wir auf der Bühne sind, ist die Nervosität vergessen und man entwickelt einen Tunnelblick. Man achtet nur noch darauf, dass die Choreografie stimmt", schildern die Gardedamen die Turniersicht eines Tanzmariechens.

Obwohl Punktrichter Peter Schlößl und seine sechs Kollegen von Amts wegen auf Kostüm, Aufstellung, Chroreografie, Schrittfolge, Schwierigkeitsgrad, Originalität und Kreativität achten müssen, sieht er den Karnevalstanz nicht nur als einen Sport, "sondern als eine gesellschaftliche Aufgabe der Karnevalsvereine, die hier eine aktive Jugendarbeit betreiben."Ähnlich sieht das der ebenfalls ehrenamtlich vor Ort aktive Turnierarzt Hans Bodo Schimmelpfeng. "Wir haben ja heute oft das Problem, dass Jugendliche in einem Sinne aktiv werden, der uns nicht erfreut. Aber das Engagement, das die Jugendlichen hier nicht nur beim Training, sondern zum Beispiel auch dann zeigen, wenn gemeinsam Gardeuniformen geschneidert werden, kann einen nur begeistern und Respekt zollen lassen", begründet der Chirurg, der bisher keine ernsthaften Verletzungen behandeln musste, warum er sich zum siebten Mal als Turnierarzt zur Verfügung gestellt hat. Dass nicht nur bei den aktiven Tänzerinnen der MüKaGe der Teamgeist stimmt, zeigt das Beispiel der Familie Weiß. Melinas Mutter Bettina und ihre Tante Brigitte gehören an beiden Turniertagen zu den Küchenfeen der Müttergarde, die für das leibliche Wohl der Turnierteilnehmer und ihrer zahlreichen Begleiter sorgen. Und Vater Manfred legt zum Beispiel beim Auf und Abbau mit Hand an. Drei Stunden nach Turnierende musste die Halle wieder besenrein sein.Es ist vor allem der Zusammenhalt, der uns Kraft gibt. Wir fühlen uns hier wie in einer großen Familie", sagt Melinas Vater Manfred, der beim Turnier auch ein Auge darauf hat, dass keine Tänzerin über verlorene Hutfedern oder Haarklammern auf der Bühne zu Fall kommt. Bettina Weiß, ihre Schwester Brigitte und Doris Stöters von der Müttergarde formulieren es so: "Wir können bei der MüKaGe nicht nur gut zusammen feiern, sondern auch gut zusammen arbeiten, weil wir uns zusammengehörig fühlen."

Sonntag, 6. Dezember 2009

Das neue Jahrbuch ist da, so bunt, wie die Stadt: Mit bisher 65 Ausgaben wurde es zu einer Mülheimer Enzyklopädie: Ein Gespräch mit seinem Redakteur




Seit gestern ist es im Buchhandel, im Zeitschriftenhandel und im MST-Infocenter am Medienhaus zu kaufen, das 65. Jahrbuch der Stadt, eine der ältesten Publikationen Mülheims. Ich sprach mit seinem verantwortlichen Redakteur, dem Stadtfotografen Walter Schernstein über das Jahrbuch im Allgemeinen und über seine neuste Ausgabe im Besonderen.

Wer schreibt eigentlich das Jahrbuch?
Das sind ganz verschiedene Leute, die aus allen Schichten kommen: Fachleute, Bürger, Historiker, Journalisten. Meistens ist es so, dass wir bestimmte Leute als Autoren ansprechen oder sie sich selbst bei uns melden, weil ihnen ein Thema am Herzen liegt.

Warum lohnt sich die Lektüre des Jahrbuches 2010?
Ein Schwerpunkt des neuen Jahrbuchs ist ein Ausblick auf die Kulturhauptstadt 2010 mit einem Beitrag über Cinecitta und die Eichbaum-Oper. Zur Kulturhauptstadt 2010 passt auch Hans Georg Hötgers Beitrag: Nur eine Stunde bis zur Türkei, in dem er die Kulturlinie 901 beschreibt, die von Mülheim nach Duisburg führt. Ein weiterer Themenschwerpunkt könnte mit dem Titel Mülheim bildet überschrieben werden. Zu diesem Thema haben Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld, aber auch Schüler der Willy-Brandt-Schule und des Otto-Pankok-Gymnasiums größere Texte geschrieben.

Weitere kulturelle Beiträge sind zum Beispiel der Woodhouse Jazzband und dem 100. Geburtstag des städtischen Kunstmuseums gewidmet. Außerdem findet sich im Jahrbuch ein Beitrag aus dem kirchlichen Leben, in dem die Umwandlung der ehemaligen Pfarrkirche Heilig Kreuz in eine Urnenbegräbnisstätte mit Auferstehungskirche und Trauerzentrum beschrieben wird. Dazu passt auch ein Bericht über die erstmals in der Petrikirche abgehaltene Trauerfeier für Verstorbene, die keine Angehörigen mehr haben.

Wer bezahlt eigentlich das Jahrbuch? Kann man so eine Publikation kostdeckend herausgeben?
Das Jahrbuch ist nicht nur kostendeckend, sondern wirft sogar noch einen kleinen Überschuss ab, der wiederum in die Produktion des darauffolgenden Jahrbuches, aber auch in andere lokale Projekte investiert wird. So unterstützt der Mülheimer Verkehrsverein als Herausgeber des Jahrbuchs mit den Verkaufserlösen zum Beispiel den Mülheimer Fassadenwettbewerb, aber auch Veranstaltungen in der Freilichtbühne oder auf dem Kirchenhügel. Neben den Verkaufserlösen, jedes der 4500 Exemplare kostet 14,80 Euro, wird das vom Verkehrsverein und von der Stadt getragene Jahrbuch auch durch Anzeigen finanziert. Was besonders wichtig ist: Wir haben viele Autoren, die kostenlos für uns arbeiten. Das ist auch eine Form der Unterstützung, nach dem Motto: Bürger schreiben für Bürger.

Wird die gesamte Auflage verkauft und wer kauft und liest das Jahrbuch?
Die typischen Käufer und Leser des Jahrbuches sind sicher in der älteren Generation zu suchen, weil sie sich am ehesten mit der Geschichte Mülheims auseinandersetzen. Wir haben ja immer viele historische Beiträge. Das Jahrbuch wird auch von vielen Leuten gekauft, die es seit Jahren sammeln. Es wird aber auch von vielen gekauft, die nicht mehr hier wohnen, aber noch eine Beziehung zu Mülheim haben. Manche verschicken Bücher auch an Freude und Nachbarn, die heute im Ausland leben. Wir haben Bücher, die jedes Jahr nach Frankreich, USA oder Kanada, aber natürlich auch in die Partnerstädte gehen.

Viele Städte haben ihr Jahrbuch eingestellt. Warum braucht Mülheim eins?
Es macht auf jeden Fall Sinn, bestimmte Dinge über den Tag hinaus festzuhalten, weil sie für diese Stadt von Bedeutung sind oder waren. Es macht auch Sinn, das Jahrbuch zu sammeln, weil viele Beiträge der verschiedenen Jahrbücher aufeinander aufbauen, etwa beim Thema Ruhrbania. Wenn dieses Stadtentwicklungsprojekt eines Tages abgeschlossen sein wird, wird man seine Geschichte in den Jahrbüchern nachlesen können.

Samstag, 5. Dezember 2009

Der Frauenchor Resonance lässt von sich hören


Wie könnte man den zweiten Adventssonntag besser begehen als mit dem Besuch eines vorweihnachtlichen Konzertes. Am 6. Dezember hat man in der Winkhauser Christ-König-Kirche am Steigerweg 1 Gelegenheit dazu. Denn dort lassen die 20 Sängerinnen des Frauenchores Resonance von sich hören. Ihren Zuhörern versprechen sie eine Klangmischung aus „traditionellen, bewährten und neuen Liedern." Das Ave Maria, Jubilate und der Abendsegen werden ebenso zu Gehör gebracht wie Billy Joels Song And so it goes. Musikalisch begleitet werden die Resonance-Damen von den beiden Flötistinnen Christina Dietz und Annika Storck sowie am Klavier von Martina Helfen.

Man darf gespannt sein. Denn seit April dieses Jahres hat sich der Chor, der aus dem 1958 gegründeten Frauenchor Süd hervorgegangen ist, neu aufgestellt. Zusammen mit ihrem neuen Chorleiter, dem 24-jährigen Folkwang-Musikstudenten Aki Schmitt haben sich die Chorschwestern ein neues Repertoire von Spiritual und Gospel über Pop bis Musical erarbeitet. Chorleiter Schmitt, der an der Folkwanghochschule Violine, Schulmusik, Musiktheorie und Chorleitung studiert, hat als Geiger bereits Konzerterfahrungen an so renommierten Häusern wie der Düsseldorfer Tonhalle, der Kölner und der Essener Philharmonie sowie an der Alten Oper in Frankfurt am Main sammel können. Internationale Konzertreisen, etwa nach USA und Frankreich kamen hinzu. 2006 gründete er ein Kammerorchester für barocke und frühklassische Musik.

Das eintrittsfreie Adventskonzert der Resonance-Damen beginnt am Sonntag um 17 Uhr. Das Publikum wird aber schon ab 16.30 Uhr in die Kirche am Steigerweg eingelassen. Für die Damen des Frauenchores ist ihr dortiges Konzert gewissermaßen ein Heimspiel. Denn die Sängerinnen proben, immer wieder montags zwischen 20 Uhr und 21.30 Uhr im benachbarten Gemeindehaus von Christ König. Neue Sängerinnen, die nur die Freude an Musik und Gesang mitbringen müssen, sind dem Chor immer willkommen. Kirche und Gemeindehaus sind übrigens mit den Bus- und Bahnlinien 104 und 151 gut erreichbar.
Weitere Informationen über den Frauenchor Resonance findet man im Internet unter www.resonance-chor.de. Telefonische Auskünfte geben die Chor-Vorsitzende Rabea Hertzler unter 0163/884 60 65 und ihre Stellvertreterin Renate Becker unter 76 29 05.

Freitag, 4. Dezember 2009

Der Betreuungsverein des SKFM versteht sich als Anwalt der Menschen, die sich micht mehr selbst helfen können


Plötzlich warf die Schwiegermutter ihren Müll aus dem Fenster und schloss immer wieder Verträge und Geschäfte ab, an die sie sich später nicht mehr erinnern konnte. Sie selbst betonte: „Es ist alles in Ordnung. Ich habe alles im Griff.” Doch die 77-Jährige hatte immer weniger im Griff und brauchte Hilfe. Ein Arzt diagnostizierte Demenz. „Man weiß plötzlich nicht mehr, was man tun soll”, schildert Schwiegertochter Bettina F. ihre Verzweifelung. Die verwitwete und alleinerziehende Krankenschwester fühlte sich glattweg überfordert, als sie vom Amtsgericht zur gesetzlichen Betreuerin ihrer Schwiegermutter bestellt worden war.

Hilfe fand sie beim Betreuungsverein des Sozialdienstes Katholischer Frauen und Männer (SKFM). Hier arbeiten mit Dagmar Auberg, Stefanie Haccius, Antje Marie-Kühn und Frank Uhlendahl vier sozialpädagogisch, psychologisch und juristisch geschulte Betreuer. „Wir sind Anwälte für die Menschen, die sich selbst nicht mehr helfen können”, erklärt Fachdienstleiterin Auberg die Aufgabe des Betreuungsvereins. Dessen hauptamtliche Mitarbeiter kümmern sich derzeit um 145 Menschen, die zum Beispiel aufgrund einer psychischen Erkrankung oder auch einer Suchterkrankung nicht mehr oder nur noch eingeschränkt in der Lage sind, ihre persönlichen Rechtsgeschäfte wahrzunehmen.

Sie stehen aber auch jenen Menschen mit fachlichem, juristischem und psychologischem Rat zur Seite, die sich als ehrenamtliche Betreuer zum Beispiel um Angehörige kümmern, die ihre Angelegenheiten nicht mehr alleine regeln können. So wie Bettina F., die ihre anspruchsvolle Aufgabe mit Unterstützung des Betreuungsvereins inszwischen in den Griff bekommen hat. „Es stellen sich mehr Menschen dieser Herausforderung, als man denkt”, berichtet Auberg. Sie und ihre Kollegen stehen derzeit 50 ehrenamtlichen Betreuern regelmäßig mit Rat und Tat zur Seite. Das sind nicht immer Angehörige, sondern manchmal auch fachkundige Ruheständler, die ein soziales, aber auch anspruchsvolles und abwechslungsreiches Engagement suchen.

Auch wenn Auberg keinen Zweifel daran lässt, dass die wirklich komplizierten Betreuungsfälle von hauptamtlichen Fachkräften übernommen werden müssen, sieht sie schon aufgrund des demografischen Wandels die Notwendigkeit, zunehmend ehrenamtliche Betreuer zu gewinnen und darüber hinaus mehr Menschen davon zu überzeugen, beizeiten eine Vorsorgevollmacht, eine Betreuungsverfügung und eine Patientenverfügung auszustellen. Bevor es zu spät ist und man nicht mehr selbst entscheiden kann, was man will und was nicht, und wer im Ernstfall die eigenen Rechte wahrnehmen soll.

Weitere Informationen finden Sie im Internet unter: www.skfm-muelheim.de

Donnerstag, 3. Dezember 2009

Beklemmend aktuell und sehr präsent gespielt: Eindrücke von der Spätlese-Premiere "Tage danach"



Manchmal werden Theaterstücke von der Wirklichkeit eingeholt. Als die neueste Spätlese-Produktion "Tage danach" (Foto: Walter Schernstein) am Freitagabend im Theaterstudio an der Adolfstraße Premiere hat, fahndet die Polizei nach zwei Schwerverbrechern, die aus dem Gefängnis ausgebrochen sind. Wie sind die Gewalttäter zu dem geworden, was sie heute sind? So mag sich fragen, wer das aktuelle Geschehen als Zeitungleser und Fernsehzuschauer verfolgt.

Fast reflexartig ist man geneigt, Mutmaßungen über das anzustellen, was in der Kindheit oder bei der Erziehung der Gewalttäter schiefgelaufen sein mag. Und hier wird das Spätlese-Stück, das die Zuschauer am Freitagabend zu sehen bekommen, beklemmend aktuell.
Denn sehr authentisch und sehr präsent bringen die Spätleser an diesem Abend ein Psychogramm darüber auf die Bühne, wie süffisante Besserwisser und vermeintlich gute Ratgeber die Familien jugendlicher Straftäter, die einen Behinderten überfallen haben, systematisch zu Sündenböcken abstempeln, in Sippenhaft nehmen und damit die Saat für neue Verzweifelung und Gewalt legen.

„Ich habe mir da so meine Gedanken gemacht. Dafür muss man kein Psychologe sein”, sagt eine Besserwisserin in einer Szene. Und die von Ursula Vollbring gespielte Mutter eines jungen Täters klagt: „Alle starren mich an. Ich fühle mich wie in einem Zoo und laufe schon den ganzen Tag wie ein Tiger im Käfig herum.” Ein besonders starkes Bild bringt das Ensemble um Regisseur und Theaterleiter Eckhard Friedl auf die Bühne als es mit „Paulinchen war allein zu Haus. Die Eltern waren beide aus” auf eine Geschichte aus dem Struwwelpeter zurückgreift.
Es sind zwei Besserwisserinnen, schrecklich schön gespielt von Genoveva Bühler und Angela Pott, die ihre Häme, ja Schadenfreude über das vermeintliche Scheitern der anderen nur schwer hinter einer gutbürgerlichen und vermeintlich gut meinden Fassade verbergen. Symbolträchtig reichen sie der erstaunlich sensibel und souverän von der zwölfjährigen Bühnendebütantin Federica Engels gespielten jüngeren Schwester eines Täters immer wieder Streichhölzer. Die wirft das Mädchen zunächst immer wieder weg. Doch am Ende des eineinhalbstündigen Stücks zündet sie plötzlich doch ein Streichholz an, nachdem sie in der Schule immer wieder gemobbt wurde und auch mit dem Versuch gescheitert ist, ihre verzweifelte Mutter zu trösten. Eine Zuschauerin bringt es nach der Aufführung auf den Punkt: „Das Erschreckende ist, dass man in diesem Stück erkennt, dass jeder sehr schnell in eine vergleichbar verzweifelte Situation geraten könnte.” Und man versteht eine Spätlese-Schauspielerin, die diesmal nicht mit auf der Bühne stand, wenn sie sagt: „Dieses Stück wäre für mich zu hart und zu schwer zu spielen gewesen.”

Was Tage danach so authentisch und sehenswert, aber aus der Zuschauerperspektive auch anstrengend macht, ist die Tatsache, dass man sich in den Charakteren und ihren Handlungsstrategien, die die Spätlese-Schaupieler auf die Bühne bringen, wiedererkennen kann. Da ist viel Verdrängung im Spiel, wenn etwa die von Elli Gumny gespielte Tätermutter und Unternehmergattin halb resolut, halb panisch sagt: „Mein Junge hat nichts Böses getan. Der ist da nur hereingeschlittert und war so schockiert, dass er dabeistand und nicht weglaufen konnte.” Trotzig und hilflos kommt auch der von Jochen Keienburg gespielte Großvater eines Gewalttäters daher, wenn er über seinen Enkel sagt: „Da muss der jetzt durch und dann sehen wir weiter.”

Weiter sehen kann man das Stück Tage danach am 6. Dezember (jeweils um 16 Uhr) im Spätlese-Theaterstudio an der Adolfstraße 89a.

Blindheit anders sehen: Der Welttag der Behinderten ist diesmal zu Gast im neuen Medienhaus


„Blindheit anders sehen." Der Titel klingt provokativ. „Wir wollen den Blick darauf richten, dass blinde und sehbehinderte Menschen nicht nur Defizite, sondern auch Fähigkeiten und Möglichkeiten haben", sagt die Behindertenkoordinatorin Felicitas Bütefür zum Motto des Welttages der Menschen mit Behinderung. Der informiert und unterhält am 3. Dezember von 11 bis 16 Uhr im Medienhaus am Synagogenplatz. „Das ist für uns ein guter Testlauf, wie barrierefrei wir wirklich sind", sagt die Öffentlichkeitsarbeiterin der Stadtbücherei, Claudia vom Felde, über die ungewohnte Gastgeberrolle ihres Hauses beim Welttag der Menschen mit Behinderung, der früher im Forum über die Bühne ging. Doch auch bei der Arbeitsgemeinschaft der Behindertenverbände wollte man die Barrierefreiheit des Medienhauses testen, für die man sich in der Bauphase nachdrücklich eingesetzt hatte. Das Ergebnis kann man zum Beispiel an Orientierungsfeldern im Eingangsbereich, an der Etagenansage im Aufzug oder an den Handlaufinformationen in Relief- und Blindenschrift im Treppenhaus erkennen.

Im Erdgeschoss des Medienhauses wird man einen Informationsstand des Deutschen Diabetikerbundes finden. Was hat Diabetes mit Sehbehinderung und Blindheit zu tun? „Bei jedem dritten Fall wird der Diabetes erst dann erkannt, wenn er bei den Betroffenen bereits zu einer Beeinträchtigung der Sehkraft oder sogar zur Erblindung geführt hat", klärt die Vorsitzende des Mülheimer Diabetikerbundes, Maria Forstmann, auf. Da passt es gut, dass auch eine Diabetes-Assistentin einen kostenlosen Blutzuckertest anbieten und über das Leben mit dem Diabetes informuieren wird. In der ersten Etage des Medienhauses kann man die Macher der Mülheimer Hörzeitung um den selbst blinden Ali Arslan kennen lernen. Werbung für die Hörzeitung Echo Mülheim , die seit August im Medienhaus von ehrenamtlichen Lesern aufgesprochen und kostenfrei per Kassette blinden und sehbehinderten Menschen Informationen aus der Lokalpresse ins Haus liefert, kann nicht schaden. Denn obwohl es in Mülheim 600 Blinde gibt, hat die Hörzeitung nur 60 Abonnenten. Ähnlich wie Arslan, der nicht nur neue Hörer, sondern immer wieder auch ehrenamtliche Vorleser sucht, geht es auch der Vorsitzenden des Blinden- und Sehbehindertenvereins (BSV), Christa Ufermann. „Viele Blinde sind so alt, dass sie nicht mehr mobil sind. Und die Jungen holen sich bei uns nur die Informationen ab, die sie brauchen. Und das war es dann", beschreibt sie das Dilemma ihres Vereins, der jeweils am letzten Mittwoch des Monats um 16 Uhr zu einem Stammtisch ins Hotel Handelshof einlädt.

Weil der BSV am 3. Dezember mit einem Augenoptiker in der dritten Etage des Medienhauses Hilfsmittel für Blinde- und Sehbehinderte vorstellt, muss seine für diesen Tag geplante Beratungssprechstunde bei den Grünen an der Bahnstraße 50 ausfallen. Mit einem Erlebnisparcours der besonderen Art, der vom Verein für Bewegungsförderung und Gesundheitssport in der zweiten Etage aufgebaut wird, können auch Normalsichtige einmal ausprobieren, wie blinde und stark sehbehinderte Menschen ihre Umwelt wahrnehmen. Das gleiche gilt für eine Filmvorführung der etwas anderen Art, die im dritten Stockwerk zu sehen sein wird. Blindheit anders sehen kann man auch, wenn man sich am 3. Dezember im zweiten Stockwerk des Medienhauses, das natürlich auch zunehmend Hörbücher ausleiht, die autobiografische Lesung des blinden Autors Martin Nolte anhört, der seinem Blindenführhund Irka mit dem Roman Irka – Ein Hundleben zwischen Familie, Freizeit und Beruf ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Der Erlös aus seinem Buchverkauf kommt übrigens einem Verein zugute, der eine Internet-Trainingsseite für Menschen aufbaut, die blind und taub sind.

Beim Welttag der Behinderten im Medienhaus ist auch das vor zwei Jahren beim Paritätischen Wolfahrtsverband am Tourainer Ring 4 eingerichtete Selbsthilfebüro mit von der Partie. Das von Anke van den Bosch geleitete Büro berät bestehende Selbsthilfegruppen, gibt Hilfestellung bei der Gründung neuer Selbsthilfegruppen oder vermittelt Ratsuchende in Selbsthilfegruppen. Derzeit berät van den Bosch im Auftrag des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes 75 Selbsthilfegruppen. Allein im letzten Jahr suchten rund 1400 Klienten ihren Rat. Das Selbsthilfebüro am Tourainer Ring 4 ist montags, dienstags und mittwochs von 9 Uhr bis 12.30 Uhr sowie donnerstags von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Kontakt unter 300 48 14, per E-Mail an: selbsthilfe-muelheim@patient-nrw.org oder im Internet unter: www.muelheim.selbsthilfenetz.de

Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...