Sonntag, 9. August 2015

Wie ein Zelt gebaut: 50 Jahre Johanniskirche

Der 48 Meter hohe Turm der Johanniskirche

Der pensionierte Pfarrer Helmut Kämpgen und die Eheleute Anke und Ingo Spieker haben Bilder und Texte zusammen getragen, die nicht nur 50 Jahre Johanniskirche Revue passieren lassen. Was dem Betrachters auffällt, ist der Bildvergleich zwischen der heutigen Johanniskirche und ihrer Vorgängerin. Die sah, wie eine Burg auf dem Berge aus, ehe sie im 2. Weltkrieg ein Opfer der Bomben wurde. Was für ein Unterschied zur heutigen Johanniskirche, die seit 1965 auf der Anhöhe an der Aktienstraße 136 steht und 1985 durch ein Gemeindezentrum komplettiert wurde. „Der schlichte Kirchenbau der Architekten Heido Stumpf und Peter Voigtländer erinnert an ein Zelt. Das Zelt steht für das durch die Zeit wandernde Gottesvolk“, sagt Pfarrerin Dagmar Tietsch-Lipski.
Kirche auf dem Weg und in Bewegung! Dass passt auch 50 Jahre nach der Einweihung der Johanniskirche in die Zeit. Tietsch-Lipski hat den Wandel der Kirche selbst erlebt. Als sie 1986 als Pfarrerin in die Gemeinde kam, kümmerten sich drei bis vier Pfarrer um 10 000 Gemeindemitglieder. Heute ist sie allein für 3400 Gemeindemitglieder zuständig, die seit 2011 zur Lukasgemeinde gehören. Manchmal wird die Seelsorgerin von ihrer Kollegin Esther Kocherscheidt unterstützt. Damals waren Taufe, Konfirmation, kirchliche Trauung und kirchliche Bestattungen so selbstverständlich, wie das Amen in der Kirche. Heute sind sie es nicht mehr. Allein 2014 verließen 

675 evangelische Christen ihre Kirche. Immerhin 120 neue Kirchenmitglieder kamen dazu.
Das lässt nicht nur Dagmar Tietsch-Lipski hoffen, dass ihre Kirche vielleicht an Quantität, aber nicht an Qualität verliert. „Auch heute müssen wir als Kirche Salz der Erde und Licht der Welt sein“, zitiert sie die Bergpredigt Jesu. Konkret bedeutet das für Tietsch-Lipski, als Seelsorgerin und frohe Botschafterin mit den Glaubensgeschwistern in der Gemeinde „offen und einladend für Menschen da zu sein, auch für Menschen mit einer schrägen Biografie, die sonst vielleicht gar keinen Raum in unserer Leistungsgesellschaft haben.“

Auch wenn heute viele Menschen an der Kirche und am christlichen Glauben zweifeln, macht Tietsch-Lipski täglich die Erfahrung, „dass Menschen auch heute ein tiefes Bedürfnis an Seelsorge, Spiritualität, Lebenssinn und Gemeinschaft haben.“ Das können sie in der Johanniskirche und ihrem Gemeindezentrum erleben, etwa im Abendkreis, in der Jugendgruppe, im Frauen- und Seniorenkreis, im Gemeindechor Good News oder bei Gottesdiensten und Konzerten.

Weihnachten oder bei Konzerten ist die Johanniskirche, die maximal 450 Menschen Platz bietet, voll besetzt. Doch zu normalen Sonntagsgottesdiensten kommen in der Regel maximal 80 Besucher. „Wir müssen uns künftig vielleicht von reinen Ortsgemeinden hin zu Personal- und Projektgemeinden entwickeln“, denkt Tietsch-Lipski über die Zukunft der Kirche nach. Auch Ferienspiele oder Bildungsveranstaltungen für alle Generationen, wie sie im Gemeindezentrum stattfinden, gehören für sie zum Bestandteil des kirchlichen Gemeindelebens. Auch wenn sich ihr Gemeindebezirk aus finanziellen Gründen und mangels Masse von einem Jugendhaus trennen musste und demnächst die Trägerschaft des Gemeindekindergartens in andere Hände legen wird, sieht Tietsch-Lipski die Kirche und ihre Frohe Botschaft als gesellschaftlich unverzichtbar an. Sie hält es mit Henry Ford III. Er war einer von 39 Prominenten, die 1965 auf Bitten der Gemeinde die Frage beantwortet, ob es heute noch Sinn mache, Kirchen zu bauen. Ford schrieb damals: „Gewiss ist der Tag noch nicht da, und ich hoffe, dass er niemals kommt, an dem freie Menschen unwillig oder unfähig sind, eine Gebäude zur Ehre Gottes errichtet zu sehen.“

Dieser Text erschien am 31. Juli 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 8. August 2015

"Tut euch doch zusammen, dann könnt ihr etwas erreichen": Eindrücke einer Kandidaten-Diskussion zur Oberbürgermeister-Wahl

Ulrich Scholten (links) und Werner Oesterwind

Im Dümptener Seniorenclub steht der Kaffee auf dem Tisch. Doch an diesem Montagnachmittag treffen sich gut 60 Senioren im Clubhaus an der Frintroper Straße nicht zum Kaffeeklatsch. Stattdessen wird Kommunalpolitik aufgetischt. Die beiden Oberbürgermeister-Kandidaten Ulrich Scholten (SPD) und Werner Oesterwind (CDU) sind zu Gast.

An der Eingangstür hängt das Kandidaten-Interview der NRZ mit der Schlagzeile „Zwei, die sich einig sind.“ Das könnte auch als Überschrift über diesem Nachmittag stehen. „Löchern Sie die Kandidaten“, fordert die Vize-Vorsitzende des Seniorenclubs, Karin Medenblik-Bruck, die Besucher auf. Das machen die Zuhörer der Generation 60 Plus denn auch. Hier hat keiner Angst vor einem offenen Wort:

„Der Nahverkehr wird immer schlechter und gleichzeitig teurer? Wie wollen Sie das verbessern?“ „Warum kosten 40 Minuten Parken in der Stadt Mülheim einen Euro, während die Parkstunde in Oberhausen für 50 Cent zu haben ist?“ „Wie wollen Sie die Innenstadt beleben und die zu hohen Geschäftsmieten senken. Für ein neues Altenheim im alten Kaufhof fahren wir doch nicht in die Stadt!“ „Warum müssen die bevölkerungsreichen und finanzschwachen Ruhrgebietsstädte so viele Flüchtlinge aufnehmen?“ „Wie wollen Sie die Arbeitsplätze bei Siemens retten?“ Und last, but not least: „Warum sollte ich bei der OB-Wahl am 13. September Sie oder Sie wählen?“

Beide Kandidaten bemühen sich redlich. Sie fordern eine bessere Zusammenarbeit der Revier-Städte im öffentlichen Personennahkehr und eine schärfere Kostenkontrolle, nicht nur im Nahverkehr, sondern auch im Rathaus. Sie weisen darauf hin, dass Mülheim seinen Schuldenberg von 1,4 Milliarden Euro abbauen müsse und mit seinen Parkgebühren im regionalen Vergleich in der goldenen Mitte liege. Sie weisen darauf hin, dass die Investorenpläne für den Kaufhof mit einem Mix aus Seniorenwohnungen, Büros, Einzelhandel und Gastronomie weit über ein besseres Altenheim hinaus gingen, die Politik aber keinen direkten Einfluss auf Geschäftsmieten oder die Unternehmenspolitik bei Siemens habe. Man könne nur Überzeugungsarbeit leisten und Solidarität zeigen. Außerdem werde bei Siemens hinter den Kulissen bereits über Alternativpläne für den Standort Mülheim diskutiert. Beide appellieren nicht nur beim Thema Flüchtlinge an die finanzielle Unterstützung durch Land und Bund.

Beide Kandidaten unterstreichen ihre berufliche Führungserfahrung in der Stahlindustrie (Scholten) und in der Konzerngastronomie (Oesterwind) und betonen ihren Lokalpatriotismus. „Ich engagiere mich seit vielen Jahren in der Kommunalpolitik, weil ich gerne in dieser Stadt lebe und möchte, dass sie noch schöner wird“, sagt Scholten. „Mülheim ist eine schöne Stadt und bleibt eine schöne Stadt. Wir sollten unsere Stadt nicht schlechtreden, sondern besser verkaufen“, betont Oesterwind.

Die Frage nach dem Unterschied zwischen ihnen bleibt von den Kandidaten aber unbeantwortet. „Der einzige Unterschied ist, dass wir nicht in die selben Anzüge passen“, scherzt Scholten bei einer entsprechenden Nachfrage. Und ein Senior bringt den Eindruck vieler Zuhörer auf den Punkt. „Ihr passt wirklich gut zusammen. Macht doch einfach Job-Sharing und tut euch zusammen. Dann könnt ihr auch etwas erreichen.“

Doch diese Lösung, die vor 30 Jahren im Amt des israelischen Ministerpräsidenten vom Sozialdemokraten Schimon Peres und seinem konservativen Koalitionspartner Jitzchak Schamir mit einem Amtswechsel zur Halbzeit der Wahlperiode praktiziert wurde, sieht die nordrhein-westfälische Gemeindeordnung leider nicht vor. Es kann eben nur ein Kandidat für fünf Jahre zum Oberbürgermeister gewählt werden.

Dieser Text erschien am 4. August 2015 in der NRZ und in der WAZ

Freitag, 7. August 2015

Rückblick: Stunde Null der Mülheimer Kommunalpolitik

Die Rathaus-Colonaden

Mülheim, 3. August 2015. Die Stadt wird von einer Gesamtschuldenlast von 1,6 Milliarden Euro gedrückt. Dennoch steht sie in der Pflicht, die öffentliche Infrastruktur aufrechtzuerhalten und, wo nötig, zu modernisieren. Gut 1000 Flüchtlinge aus alle Welt müssen menschenwürdig untergebracht und versorgt werden.

Mülheim, 3. August 1945. Auf Mülheims Straßen liegen rund 800.000 Kubikmeter Schutt. 29 Prozent aller Wohnhäuser sind von den Bomben des 2. Weltkrieges zerstört worden. Lebensmittel sind rationiert. Es fehlt an Treibstoff, um Lebensmittel und andere lebensnotwendige Güter in die Stadt zu bringen.

Mit dem Einmarsch amerikanischer Truppen ist der Krieg in Mülheim zu am 11. April zu Ende gegangen. Damals lebten 88.000 Menschen in der Stadt, die seit dem 5. Juni zur britischen Besatzungszone gehört. Inzwischen leben wieder 130.000 Menschen mehr schlecht als recht in Mülheim, in dem Häuser nur notdürftig und provisorisch instand gesetzt werden können. In dieser Situation ernennt die britische Militärregierung einen 12-köpfigen Bürgerausschuss, der sie beim Wiederaufbau beraten und ein Bindeglied zwischen Militärregierung Stadtverwaltung und Bürgerschaft sein soll. Weil der Ratssaal noch zerstört ist, treten die Mitglieder des Bürgerausschusses im kleinen Trausaal des Rathauses zusammen. Viele von ihnen wird man nach der ersten Nachkriegskommunalwahl vom 13. Oktober 1946 als prägende Politiker des Wiederaufbaus und der Wirtschaftswunderjahre erleben.

Sozialdemokraten, wie der spätere Oberbürgermeister Heinrich Thöne, der erste Bundestagsabgeordnete Otto Striebeck oder der spätere Oberstadtdirektor und Landtagsabgeordnete Bernhard Witthaus, gehören ebenso zu den Mitgliedern des ernannten Bürgerausschusses, wie der Christdemokrat Max Kölges, der später unter anderem die CDU-Fraktion im Rat führt, dem Landtag angehört und zum Bürgermeister gewählt wird. Auch der spätere erste DGB-Vorsitzende Heinrich Melzer ist einer der ersten Bürgerräte.

Bürgerausschuss und Militärregierung sind sich einig, an einem Strang ziehen zu müssen, um den Mülheimern und vielen Flüchtlingen aus dem Osten Deutschlands Nahrung, Wohnraum und Arbeit beschaffen zu können.


Dieser Text erschien am 3. August 2015 in NRZ und WAZ

Donnerstag, 6. August 2015

Die Zwei vom Frühstückstreff: Erika und Udo Weyers

Erika und Udo Weyers vor dem alten Bürgermeisteramt

„Eigentlich dürfen wir gar nicht durch den Stadtteil gehen, weil wir an jeder Ecke stehen bleiben und uns mit den Leuten unterhalten“, erzählen Erika und Udo Weyers. So, wie sie es erzählen, spürt man, dass sie es genießen von ihren Mitbürgern und Nachbarn erkannt, angesprochen und vor allem geschätzt werden.

Diese Wertschätzung haben sie sich in den letzten 17 Jahren als die guten Seelen der Bürgerbegegnungsstätte im Alten Bürgermeisteramt an der Mellinghofer Straße erarbeitet.

So lange organisieren sie schon, den Frühstückstreff, bei dem sich mittwochs zwischen 8- und 11.30 Uhr vor allem ältere Dümptener Treffen, um sich bei Kaffee, Brötchen, Aufschnitt, Ei und Marmelade über dies und das aus Dümpten und aus ihrem ganz persönlichen Leben zu unterhalten.
Dienstags kaufen Erika und Udo Weyers ein. Mittwochs beginnt ihr Tag schon um sechs Uhr. Dann geht es zur Dümptener Bürgerbegegnungsstätte, um die Tische einzudecken und die Kaffeemaschine anzuwerfen. „Anfangs haben wir immer zu viel eingekauft. Doch inzwischen wissen, wir, dass jeden Mittwoch etwa 35 bis 45 Frühstücksgäste in der Bürgerbegegnungsstätte kommen und wir wissen auch schon genau, wer was frühstücken will“, beschreiben Udo und Erika Weyers die organisatorische und gastronomische Routine, die sie im Laufe der Jahre gewonnen haben.

Doch das Ehepaar Weyers ist nicht nur um das leibliche Wohl seiner Gäste besorgt. Die beiden Eheleute und Eltern einer inzwischen 45-jährigen Tochter haben auch ein offenes Ohr, wenn jemand Probleme hat und sich aussprechen möchte. „Die Leute können mich alles fragen, nur nicht zu welchem Arzt sie gehen sollen. Da habe ich keine Ahnung von“, sagt der 69-jährige Udo Weyers, der bis zu seiner Pensionierung als Rohrinstallateur bei Mannesmann gearbeitet hat.

Auch seine 67-jährige Frau, die bis zur Rente als Sekretärin für eine Großbäckerei gearbeitet hat, kennt Ärzte Gott sei Dank nur vom Hörensagen. „Wir hatten in den letzten 17 Jahren einfach keine Zeit, um krank zu werden“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Das Ehepaar Weyers organisiert nicht nur den Frühstückstreff in der Dümptener Bürgerbegegnungsstätte. Auch wenn der Schachverein, der Bürgerverein, die Ortsverbände der Parteien, private Festgesellschaften oder eine Mülheimer Kirchengemeinde die Bürgerbegegnungsstätte als Versammlungs,- oder Feststätte nutzten, sind die rührigen Rentner zur Stelle und sorgen hinter den Kulissen dafür, dass der Laden läuft.

„Natürlich hat man auch schon mal Ärger am Hals, wenn Leute die angemietete Bürgerbegegnungsstätte nicht so verlassen, wie sie sie vorgefunden haben, aber in der Regel machen wir eigentlich nur positive Erfahrungen und schauen in dankbare und zufriedene Gesichter“, beschreiben Erika und Udo Weyers, die von einem harten Kern aus fünf weiteren ehrenamtlichen Helferinnen unterstützt werden, die Resonanz auf ihre Arbeit.

Vielleicht liegt es ja auch daran, dass sie ihr Ehrenamt 17 Jahre durchgehalten haben. „Denn anfangs waren nur von drei Jahren die Rede“, erinnert sich Udo Weyers an ein Gespräch, das er 1998 mit dem langjährigen Dümptener Landtagsabgeordneten Erich Kröhan geführt hat. Kröhan und seinem ebenfalls in Dümpten lebenden Landtagskollegen Günter Weber ist Weyers bis heute dankbar, dass aus dem alten Bürgermeisteramt, das zuletzt auch als Stadtteilbücherei genutzt worden war Ende der 1990er Jahre eine Bürgerbegegnungsstätte und keine private Wohnstätte geworden ist. Weyers erinnert in diesem Zusammenhang an die entsprechenden Umwandlungen des alten Stadtbades an der Ruhrpromenade und der alten Jugendherberge am Kahleber. „Das ist aus Sicht der Bürger schon traurig“, findet Weyers.

Seine Frau Erika und er finden aber auch, dass es nach 17 Jahren für sie an der Zeit ist, ihren Ruhestand, noch mehr als bisher zu genießen und deshalb ihr Ehrenamt zum Jahreswechsel abzugeben. „Wenn wir etwas machen, machen wir es ganz“, begründen die Eheleute Weyers, warum sie täglich zwei bis drei Stunden in ihr ehrenamtliches Engagement investieren. Damit soll aber im kommenden Jahr Schluss sein, weil sie mehr Zeit für Reisen und für die Arbeit in ihrem großen Garten haben. Doch der Trägerverein der Bürgerbegegnungsstätte arbeitet bereits an einer aber noch nicht spruchreifen Nachfolgelösung, damit die Dümptener und ihre Nachbarn auch über 2015 hinaus im alten Bürgermeisteramt an der Mellinghofer Straße, gemeinsam feiern, tagen und frühstücken können.

Dieser Text erschien am 1. August 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 5. August 2015

12 Uhr in Broich: Ein Stadtteil mit Schloss und guten Aussichten

Broich ist schön und vielseitig, auch wenn es regnet. Der Stadtteilrundgang mit Dieter Falkenburg, dem Vorsitzenden des Broicher Bürgervreins, zeigt es. Ein ausgeprägtes Vereinswesen, das von bürgerschaftlichem Engagement und Gemeinschaftsgefühl zeugt, sieht Falkenburg nur als eine Stärke des Stadtteils, in dem rund 13?600 Menschen leben. Neben dem Broicher Bürgerverein gibt es da zum Beispiel die Broicher Interessengemeinschaft, den Sportverein TSV Broich 85, den Broicher Männergesangverein von 1869 oder die 1947 aus der örtlichen Kolpingfamilie erwachsene Karnevalsgesellschaft Blau Weiß.

Den Stadtteil, in dem er selbst seit 1973 wohnt, empfindet er als im besten Sinn als gut und bürgerlich. „Im Grunde spielt sich das gesamte intellektuelle Leben Mülheims in Broich ab“, sagt er selbstbewusst mit Blick auf die Heinrich-Thöne-Volkshochschule und die an der Duisburger Straße entstehende Hochschule Ruhr-West. „Das wird den Stadtteil verjüngen und beleben“, freut sich Falkenburg auf die bis zu 4000 Studenten, die in der Endausbaustufe an der HRW studieren werden.


Wenn die Studenten an der Duisburger Straße studieren und einige von ihnen in einem Studentenheim an der Bülowstraße wohnen werden, befürchtet Falkenburg allerdings ein akutes Parkplatzproblem.

Während er von der grünen Stadtoase Müga und „der in Deutschland einmaligen Camera Obscura schwärmt, hat sich die Neue Mitte Broich mit Wohnungen, Büros, einer Sparkassenfiliale und einem großen Supermarkt in seinen Augen nicht optimal entwickelt. Denn zu einem Ortszentrum gehörte nach seiner Ansicht auch eine Bürgerbegegnungsstätte.

Ins Schwärmen gerät Falkenburg aber wieder im Broicher Schlosshof, in dem zuletzt die Schlossnacht mit dem Art-Obscura-Festival über die Bühne gegangen ist und in dem am kommenden Wochenende auf der Ruhrbühne „Heimathelden“, wie For2thebar oder The Greencorners und Musik-Legenden, wie The Lords und Alphaville aufspielen werden.

„Das Schloss ist natürlich unser Wahrzeichen, auf das wir stolz sind. Aber nicht nur hier hin kann man immer gehen, um in Broich etwas zu erleben, Menschen zu treffen oder sich einfach nur zu erholen“, findet der Vorsitzende des Bürgervereins. Kein Wunder, dass die Broicher eine Straße in ihrem Stadtteil nach Graf Wirich benannt haben, der die alte Broicher Burg im 17. Jahrhundert zum Residenzschloss ausgebaut hat.


Dieser Text erschien 5. August 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 4. August 2015

12 Uhr in der Mausegattsiedlung, in der a7uch heute noch etwas vom Geist der Kumpel steckt

Die alten Bergmannshäuser haben Charme und Seele. Das sind eben keine zusammengeklatschten Betonklötze“, schwärmt Walter Wieja. Der Vorsitzende der Siedlergemeinschaft Mausegatt/Kreftenscheer zog mit seiner Frau vor sechs Jahren in die Siedlung, die um 1900 als Wohnquartier für die Bergleute der Zeche Wiesche errichtet wurde. Damals hieß die Siedlung dann auch Colonie Wiesche. Heute haben nur noch einzelne Bewohner der Siedlung eine persönliche Verbindung mit dem Bergbau. „Wir haben nach bezahlbarem Wohnraum in einer ruhigen Gegend gesucht“, erinnert sich Wieja. Genau das fanden der pensionierte Beamte und seine als Heilpraktikerin arbeitende Frau an der Mausegatt- und der Kreftscheerstraße. Beide Straßen tragen seit 1914 den Namen von Kohlenflözen der 1952 stillgelegten Zeche Wiesche. „Hier kennt man sich und hilft sich auch, wenn es darauf ankommt“, sagt der pensionierte Lehrer Gerhard Münzenhofer, der vor 29 Jahren in die Siedlung zog, weil er sich in die alten Bergmannshäuser und in die besondere Nachbarschaftsatmosphäre der Siedlung verliebt hatte.

Diese Atmosphäre, die noch den Geist der alten Kumpel atmet, wird nicht nur bei Festen und kulturellen Aktivitäten des Fördervereins, sondern auch durch konkrete Nachbarschaftshilfe gepflegt. Da werden ältere Nachbarn auch schon mal zum Arzt gefahren oder bei ihrem Spaziergang durch die Siedlung begleitet. Zusammen mit vier Nachbarn mäht Münzenhofer an diesem Mittag die öffentlichen Rasenflächen der Siedlung. Die Rasenmäher holt er aus einem Gerätehaus an der Kreftenscheerstraße. Die Bewohner der Siedlung haben dieses Haus 1998 in Eigenregie errichtet und mit allen Gerätschaften ausgestattet, die man für Haus und Garten gut gebrauchen und dort kostenlos ausleihen kann.

Wer die mit viel Liebe zum Detail bepflanzten und dekorierten Vorgärten am Straßenrand sieht, spürt sofort, dass sich die Bewohner der Mausegatt- und Kreftenscheerstraße mit ihrer Siedlung identifizieren.

Mit großem Bedauern sehen die Bewohner, dass die Trinkhalle am Siedlungseingang seit einem Jahr leer steht, weil ihr Betrieb dem letzten Pächter nicht mehr rentabel erschien. Wer sich mit Brötchen, Getränken, einer Zeitung oder anderen Dingen des täglichen Bedarfs versorgen will, muss jetzt ins Heißener Ortszentrum, zur Kleiststraße oder ins Rhein-Ruhr-Zentrum fahren. Denn einen fußläufigen Nahversorger gibt es hier nicht. Potenzielle Pächter können sich an die Agentur Orbach (www.agentur-orbach.de) wenden.


Die Text erschien am 28. Juli 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 3. August 2015

12 Uhr in Dümpten: Zu Besuch in einem vielseitigen Königreich

Dümpten bewegt. Trotz schwüler Sommerhitze treffen sich Christel und Dirk Hübner sowie Hartmut Kraatz vom Bürgerverein, Bernd Bellenbaum von der Webegemeinschaft Wir im Königreich (WIK) Helmut Stöckel aus der katholischen Pfarrgemeinde St. Barbara, Petra Beese von der Siedlergemeinschaft Eigene Scholle und Udo Weyers von der Bürgerbegegnungsstätte im Alten Bürgermeisteramt vor dem selbigen, um mit mir durch ihren Stadtteil zu gehen. Schnell wird deutlich: Dümpten ist weitläufig. Immer wieder geht es berg auf und bergab. Allein der Schildberg, auf dem Udo Weyers als Junge noch Schlitten gefahren ist, hat eine Steigung von 10 Prozent. „Wir haben es hier mit den Ausläufern des bergischen Landes zu tun“, sagt Dirk Hübner. Der Stadtteil hat mehr zu bieten, vor allem mehr grüne Oasen, wie im Hexbachtal oder am Randenbergs Feld, als man beim ersten Blick auf die Mellingerhofer Straße meinen möchte. Das Bürgermeisteramt, das als Bürgerbegegnungsstätte und Außenstelle der Stadtverwaltung dient, stammt aus der Zeit, als Dümpten von 1904 bis 1910 eine eigenständige Landbürgermeisterei war.

Aber warum nennen die Dümptener ihren Stadtteil bis heute ein „Königreich“? Unter den Stadtteilwanderern kursieren drei Legenden. Legende 1 besagt: Um das Jahr 1000 soll in Dümpten ein Königssohn übernachtet haben, dem es hier so gut gefiel, dass die Einheimischen sich selbst wie in einem Königreich vorkamen. Legende 2 überliefert: Wenn die Bauern und Bergleute aus dem alten Dümpten früher nach Mülheim fuhren, um auf dem Markt oder im Rathaus ihre Geschäfte zu erledigen, tranken sie anschließend in den Kneipen der Stadt auch schon mal über den Durst. Da blieb so mancher Radau nicht aus. Und dann sollen die Besucher aus dem Norden der Stadt zu hören bekommen haben: „Haut bloß ab in euer Königreich.“ Und Legende 3 berichtet: Als der Dümptener Bürgermeister Paul Beuther 1904 mit einem großen Umzug und hoch zu Pferde über die Mellinghofer Straße reitend, in sein Amt eingeführt wurde, sollen die Dümptener am Straßenrand gerufen haben: „Das ist hier ja wie in einem Königreich.“


Dieser Beitrag erschien am 30. Juni 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...