Dienstag, 25. Dezember 2012

Wie das eigentlich als Oma und Opa die Schulbank drückten? Ein Besuch im Historischen Klassenzimmer an der Schlägelstraße in Styrum

Marlies Pesch-Krebs kommt nicht von der Schule los. Fast 40 Jahre hat die heute 63-jährige Pädagogin als Lehrerin gearbeitet. Als Ruheständlerin kehrt sie an eine ihrer alten Wirkungsstätten zurück. Von 1992 bis 2002 leitete sie als Rektorin die damalige Grundschule an der Schlägel- und Meißelstraße. In dieser Zeit richtete sie zur 100-Jahr-Feier der Schule (1996) zusammen mit August Weilandt vom Styrumer Geschichtsgesprächskreis in einer ehemaligen Hausmeisterwohnung an der Schlägelstraße das Historische Klassenzimmer ein. 2012 hat sie die Leitung des kleinen, aber feinen Schulmuseums von ihrem inzwischen 95-jährigen Mitstreiter übernommen. Warum sie sich dazu entschlossen hat, erklärtz sie so:


Ich möchte seine Arbeit hier fortführen, weil das unser gemeinsames Kind ist und weil ich hier das tun kann, was ich immer gerne getan habe, nämlich mit Kindern arbeiten, natürlich in etwas anderer Form als früher.
Früher ist das richtige Stichwort. Wer das Historische Klassenzimmer an der Schlägelstraße betritt, fühlt sich gleich um 100 Jahre zurückversetzt. An der Tafel steht in Sütterlinschrift Ohne Fleiß kein Preis. Auf dem Lehrerpult steht eine schwere Glocke, mit der früher der Schulmeister oder das Fräulein Lehrerin zum Unterricht läuteten. Dahinter sieht man eine Buchstabentafel und einen großen Rechenschieber. An den Wänden hängen Landkarten und fotorealistische Darstellungen aus Flora und Fauna. Wer auf den Sitzbänken mit integriertem Schreibpult und Tintenfasshalter Platz nimmt, begreift sofort, was es bedeutet, die Schulbank zu drücken. Die Schulbänke, die noch aus dem Gründungsjahr der damaligen Volksschule an der Schlägelstraße stammen, zwingen zum Geradesitzen und erlauben nur den Blick nach vorn.

Als ich 1956 eingeschult wurde, habe ich noch auf solchen Schulbänken gesessen. Wir waren damals 64 Kinder in meiner Klasse,

erinnert sich Pesch-Krebs.

Was glaubt sie, können Schulkinder und Lehrer aus dem Schuljahr 2012/13 im Historischen Klassenzimmer lernen?
Sie können sehr anschaulich erleben, wie das Leben und die Schule früher waren. Und wenn sie das mit ihren heutigen Erfahrungen vergleichen, schafft das Geschichtsbewusstsein und die Grundlage für ein Gespräch mit Eltern und Großeltern, antwortet Pesch-Krebs und stellt fest: Kinder, die hier eine historische Schulstunde, wie vor 100 Jahren erleben, staunen immer wieder darüber, wie streng es früher in der Schule zuging. Sie wundern sich darüber, dass die Schüler morgens strammstehen und den Lehrer gemeinschaftlich begrüßen mussten. Sie wundern sich auch darüber, dass die Lehrer vor dem Unterricht die Sauberkeit von Händen und Ohren überprüften und das die Schüler immer wieder nachsprechen mussten, was ihnen die Lehrer vorsagten.

Auch wenn Pesch-Krebs ihr Lehrerleben 1974 in den Hochzeiten der antiautoritären Erziehung begann und sich damals vornahm,
anders, als in meiner Schulzeit soll kein Kind vor mir als Lehrerin Angst haben, weil Angst keine gute Lehrmeisterin ist,
kann sie der alten Schule auch Positives abgewinnen.
Die Kinder haben damals mit weniger Technik, aber dafür viel sinnlicher gelernt. Da wurden Lieder gesungen und Gedichte auswendig vorgetragen. Da ging man raus, um die Natur zu erkunden und Blätter zu sammeln oder Tiere zu beobachten. Auch gespielt wurde draußen auf der Straße. Das wäre heute undenkbar. Da hätten die meisten Eltern viel zu viel Angst um ihre Kinder.
Tatsächlich fällt im Historischen Klassenzimmer auf, dass die zur Verfügung stehenden Schulmaterialien ausgesprochen überschaubar sind.
Damals hatten die Kinder einen Griffel, ihre Schiefertafel und eine Fibel in ihrem Ranzen. Heute schleppen sie einen halben LKW mit sich rum, zieht die Lehrerin den Zeitvergleich zwischen den Schuljahren der Großeltern- und der Enkelgeneration.
Die Kinder begreifen beim Schulbesuch im Historischen Klassenzimmer, dass Schulmaterialien damals sehr begrenzt und deshalb auch sehr wertvoll waren und dass es beim Lernen nicht ohne Disziplin und Aufmerksamkeit geht,
berichtet Pesch-Krebs.

Zum Staunen bringen kann die Lehrerin ihre Zeitreisenden, die meistens aus den Klassen 1 bis 6 kommen, wenn sie davon berichtet, dass die meisten Kinder früher nur ein oder zwei Kleidungsstücke hatten und die Mädchen deshalb in der Schule eine Schürze tragen mussten, um ihre Alltagskleidung zu schonen, während die Jungs meistens eine robuste Lederhose anhatten, bei der es nicht so genau darauf ankam.

War die vermeintlich gute alte Zeit in der Schule besser als heute?
Sie war wohl nur anders, nicht besser,
glaubt Pesch-Krebs und weist beiläufig darauf hin, dass auf den alten Klassenfotos, die im Historischen Klassenzimmer neben alten Schulzeugnissen mit Fächern wie Schönschrift und Handarbeit hängen, keine lachenden Kinder zu sehen sind.

Auch wenn sie den Lärmpegel heutiger Schulklassen noch gut im Ohr hat und sich manchmal etwas mehr von der Disziplin der alten Schule wünscht, ist die Pädagogin auch mit Blick auf die Schule davon überzeugt,
dass man das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen kann, weil Veränderung zum Leben dazugehört.
Und so findet sie es zum Beispiel ausgesprochen richtig,
dass Kinder heute schon frühzeitig lernen, mit Computer und Internet umzugehen oder im Sinne von Integration und Inklusion ganz selbstverständlich zusammen mit Klassenkameraden aus einem anderen Land oder mit einem Handicap zu lernen. Wir müssen viel mehr in Bildung investieren und lernen, alle Kinder mit ihren Möglichkeiten zu fördern, weil wir als Gesellschaft darauf angewiesen sind, dass möglichst alle Kinder einen guten Schulabschluss machen, um später mit ihrer Arbeit Geld verdienen und Steuern bezahlen zu können.
Als Vorbild sieht sie dabei das skandinavische Ganztags- und Gesamtschulsystem, das mit weniger Selektion, dafür aber mit mehr Binnendifferenzierung, mehr Lehrern, mehr Sozialarbeitern und vor allem mit kleineren Klassen arbeite.

Wir haben uns in Deutschland da erst sehr spät auf den Weg gemacht und haben es deshalb jetzt vor allem in finanzieller Hinsicht oft schwerer,
meint die Pädagogin.
Schon vor 100 Jahren wurden hier Arbeiterkinder aus Polen, den Niederlanden und Italien integriert, deren Eltern in der Styrumer Industrie arbeiteten,
 erinnert Pesch-Krebs. Dass es damals mit der sozialen Gleichberechtigung aber noch viel weniger weit her war, als heute, erklärt sie mit dem Hinweis darauf, dass damals nur eine kleine Minderheit das Abitur machen konnte und die allermeisten Kinder nicht über die achtjährige Volksschule hinauskamen.
Wenn Kinder im Historischen Klassenzimmer vergleichen können, wie sie heute in der Schule lernen und wie früher in der Schule gelernt wurde, werden sie vielleicht nachdenklich und hinterfragen auch ihre eigenen Verhaltensweisen, obwohl ich nicht glaube, dass sie allzu viel daran ändern werden,
 resümiert die Schulmeisterin aus dem Historischen Klassenzimmer.

Besuche im Historischen Klassenzimmer an der Schlägelstraße kann man mit Marlies Pesch-Krebs telefonisch unter der Rufnummer 0208/384177 vereinbaren.

Dieser Text erschien am 22. Dezember 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Sonntag, 23. Dezember 2012

Bei den Albertustagen 2012 zeigte sich die Styrumer Gemeinde St. Mariae Rosenkranz von ihrer internationalen Seite und lud zu einer geistlichen Entdeckungsreise ein

Styrum ist ein multikultureller Stadtteil, wie es viele im Ruhrbistum gibt. Und die Kirche St. Mariae Rosenkranz steht mittendrin. „Die Arbeit mit Zuwanderern hat sich für uns als Gemeinde aus diesen Rahmenbedingungen ergeben. Und wir haben daraus einen Gewinn gemacht“, sagt Pastor Norbert Dudek, dessen Vorfahren einst aus Polen zuwanderten.

Schon als der Industrielle August Thyssen 1894 half, die Marienkirche zu bauen, war Styrum eine durch Zuwanderung von Arbeitskräften aus aller Herren Länder geprägte Bürgermeisterei. Heute, so schätzt Gemeindemitglied Hans Hanisch, seien je ein Drittel der Einwohner katholisch und evangelisch oder muslimisch. „Für uns ist es wichtig, Weltkirche zu pflegen, wo man lebt und so selbst seinen Horizont zu erweitern und zu erfahren, wie man Glauben gemeinsam leben und feiern kann,“ unterstreicht Pastor Dudek.

Dass das in St. Mariae Rosenkranz keine leeren Worte sind, konnte man in der vergangenen Woche erleben, als sich bei den Albertustagen Vertreter der in Styrum beheimateten polnischen, kamerunischen und kroatischen Gemeinde vorstellten.

Schon der Veranstaltungsort, das Gemeindehaus der Filialkirche Albertus Magnus, die seit zwölf Jahren die geistliche Heimat der kroatischen Gemeinde ist, und das Veranstaltungsmotto: „Unsere Kirche ist irgendwie anders“ sprachen für sich.

„Mir ist noch einmal klar geworden, dass die Vielseitigkeit und Buntheit unserer Gemeinde eine erfrischende Stärke ist“, beschreibt der ehemalige Gemeinderatsvorsitzende Hanisch den wichtigsten Impuls, den er aus den Gesprächsrunden mit den katholischen Glaubensgeschwistern, die aus Polen, Kamerun und Kroatien kamen und jetzt im Ruhrgebiet zu Hause sind, mitgenommen hat. Für Gemeinderätin Marie-Luise Tebbe, die selbst mehrere Jahre als Lehrerin in Zimbabwe gearbeitet hat, war es vor allem interessant, „etwas über die historischen Hintergründe zu erfahren, die dazu geführt haben, dass die Menschen, die heute bei uns leben, zu uns gekommen sind.

Was den so unterschiedlichen Zuwanderern, wie der zur 5000 Mitglieder zählenden polnischen Gemeinde Essen/Mülheim gehörenden Theologin und Psychologin Eva Morawa, dem Ingenieur Mathias Tambe und der Sozialpädagogin Patience Atanga von der etwa 100-köpfigen kamerunischen Gemeinde oder dem kroatischen Pastoralreferenten Josef Vukadin und dem seinem Landsmann, dem inzwischen pensionierten Industriefacharbeiter Bozo Louric gemeinsam ist, war die politische oder wirtschaftliche Perspektivlosigkeit in ihren jeweiligen Heimatländern, die sie meist schon vor Jahrzehnten dazu veranlasste, ihr Glück im Ruhrgebiet zu suchen und meistens auch zu finden.

Denn in den Gesprächen der Styrumer Albertustage wird eines immer wieder deutlich, auch wenn die polnisch,- kroatisch- oder kamerunstämmigen Katholiken in ihren Gemeinden eine geistliche Heimat gefunden haben, fühlen sie sich auch in der deutschen Gemeinde zu Hause, fördert die eigene Gemeinde in der Gemeinde eher die Integration, als dass sie diese behindern würde. Da werden zwar nicht immer, aber doch regelmäßig gemeinsame zweisprachige Gottesdienste, Prozessionen oder Feste gefeiert. Da erleben die deutschen Katholiken in den internationalen Gemeinden eine zum Teil sehr viel emotionalere, lebhaftere und intensivere Glaubenspraxis. Auch über die Möglichkeit gemeinsamer Wallfahrten wurde übrigens bei den Albertustagen in Styrum nachgedacht. Während die polnische Gemeinde, die ihren Schwerpunkt in Essen hat und die kamerunische Gemeinde in Mülheim vor allem durch informelle Netzwerke getragen werden, scheint die aus rund 1500 Katholiken bestehende kroatische Gemeinde mit ihrer Kirche und einem Gemeindehaus in Styrum stärker institutionalisiert. Da gibt es nicht nur Gottesdienste und Gebetskreise, sondern auch Bildungsveranstaltungen, einen eigenen Fußballverein und einen kurzen Draht zur Caritas.

In den Vorträgen von Morawa und Vukadin wird deutlich wie sehr der polnische und kroatische Katholizismus durch die Erfahrung der kommunistischen Repression vor 1989 geprägt worden ist und die katholische Kirche hier über Jahrzehnte nicht nur eine religiöse, sondern auch eine politische, soziale und kulturelle Gemeinschaft darstellte.

Diese Prägung wirkt auch nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft. Der Besuch des Sonntagsgottesdienstes und die regelmäßige Beichte sind für die Mitglieder der polnischen Gemeinde genauso selbstverständlich, wie der Zölibat und das den Männern vorbehaltene Priesteramt für die Kroaten. Und für die Kameruner versteht es sich von selbst, auch Gesang und Bewegung zum Gottesdienst gehören, der durchaus auch schon mal länger als 45 oder 60 Minuten gefeiert werden darf. Auch Applaus an der einen oder anderen Stelle ist nicht verboten.

Insgesamt fällt auf, dass die Autorität des Priesteramtes in den internationalen Gemeinden weniger in Frage gestellt wird als in der deutschen Kirche, wo man über akuten Priestermangel klagt und auch in Styrum darüber nachgedacht wird, ob nicht auch Priester aus den internationalen Gemeinden, in der Seelsorge für die deutsche Gemeinde eingesetzt werden könnten. Bemerkenswert auch, dass Kroaten und Kameruner Zeiten erlebt haben oder (in Kamerun) auch noch erleben, in denen Priester nicht aus Steuermitteln, sondern allein von den Spenden der Gemeindemitglieder bezahlt werden und mit einem entsprechen kärglichen Einkommen auskommen müssen. Tambe und Atanga erzählten, dass ein katholischer Priester in Kamerun im Monat mit 70 Euro auskommen müsse, während ein Arzt vielleicht 300 Euro verdienen könne. „Glauben leben hat mit Gemeinschaft zu tun“, sagt Patience Agant von der Kamerunischen Gemeinde trifft damit den Kern der Botschaft, die von den internationalen Gemeinde-Gesprächen dieser Albertustage in Styrum ausgeht: Der Glauben kann auch Menschen unterschiedlicher nationaler und kultureller Herkunft zu einer Gemeinschaft verbinden.

Dieser Text erschien am 24. November 2012 in der katholischen Wochenzeitung RUHRWORT

Samstag, 22. Dezember 2012

Der Mülheimer Stadthaushalt: Eine Nachlese oder: Loch an Loch und hält doch? Warum die Stadt an strukturellen Einsparungen nicht vorbeikommen wird

Angesichts eines Schuldenberges von über einer Milliarde Euro fragt sich mancher Steuerzahler, warum Mülheim weiter Miese macht. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass der Stadthaushalt ein ordentliches Plus von 373.000 Euro verbuchen konnte. „Damals konnten wir mit Gewerbesteuereinnahmen von rund 175 Millionen Euro planen“, erinnert sich Kämmerer Uwe Bonan an das „absolute Ausnahmejahr 2007.“ Damals brummte die lokale Wirtschaft. Von Wirtschafts- und Finanzkrise war noch keine Rede. Und die Unternehmenssteuerreform von 2008, die Mülheim 25 Millionen Euro kosten sollte, war noch Zukunftsmusik.


Seitdem sind die Gewerbesteuereinnahmen der Stadt kontinuierlich gesunken. Hinzu kam, dass Mülheim 2009 keine Schlüsselzuweisungen vom Land bekam. Diese Mittel schlagen im Haushalt 2013 immerhin mit 66 Millionen Euro auf der Habenseite zu Buche. Aber: Bei der Gewerbesteuer rechnet Bonan 2013 nur noch mit 90 Millionen Euro. Bestenfalls.

Den Einbruch bei den Gewerbesteuereinnahmen sieht er auch als Hauptgrund dafür, dass Mülheim seit 2008 nur noch Defizite anhäuft (siehe unten). Auch am Mittwoch knapsten SPD und CDU von Bonans Sparziel weitere fünf Millionen Euro ab. Darin aber sieht der nur ein zeitliches Problem.

2013 fällt die Gewerbesteuererhöhung zwar aus, ist aber nur um ein Jahr verschoben. Bis 2020 soll der Hebesatz von 480 auf dann 580 Punkte ansteigen. Grund- und Vergnügungssteuer werden zudem bereits 2013 angehoben. Das alles reiche für eine Genehmigung, sagt Bonan, der an seinem Ziel festhält, bis 2022 wieder einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen.

Bonan zählt auf: 3,5 Millionen Euro soll die Optimierung des öffentlichen Nahverkehrs bringen, 13,5 Millionen Euro der sozialverträgliche Personalabbau in der Stadtverwaltung, weitere 1,4 Millionen Euro die städtischen Beteiligungsgesellschaften, etwa durch Zusammenlegung von Wirtschaftsförderung- und Stadtmarketing. Die Ausschüttungen des SWB: eine halbe Million Euro, gibt Bonan vor. Und neun Millionen Euro spart er ab 2019 - wenn der Solidarpakt Ost ausläuft. Das Steuererhöhungspaket aus Grund- Gewerbe- Vergnügungs- und Zweitwohnsitzsteuer hat er zudem mit 30 Millionen Euro plus auf dem Schirm.

Ob das reicht? Bonan ist kein Prophet und sieht die unkalkulierbaren Risiken der Konjunktur- und Zinsentwicklung. Außerdem hofft auch der kühle Rechner: dass Mülheim doch noch irgendwann in den Stärkungspakt Stadtfinanzen rutscht und der Bund die Kommunen von den Kosten für die Eingliederungshilfe behinderter Menschen entlastet.

Zahlen und Fakten: Ein Haushaltsdefizit potenziert seine Wirkung. Denn: Defizit bedeutet, die Ausgaben wurden getätigt, es fehlte an Einnahmen. Der Unterschied sind Schulden, die zwar über lange Laufzeiten auf die lange Bank geschoben werden können. Nicht aber die Zinsen. Die Folge: Nach einem defizitären Jahr müsste das nächste Jahr eigentlich mit Null oder zumindest einem geringen Minus abschließen. Tatsächlich aber belaufen sich die Defizite der letzten Haushalte auf


2008 = 21,9 Millionen Euro ,
2009 = 80 Millionen Euro ,
2010 = 101,4 Millionen Euro
2011 = 131,8 Millionen Euro
2012 = 76,8 Millionen Euro
2013 = 93 Millionen Euro

Die beiden letzten Angaben sind Prognosen. Unterm Strich sind das 504,9 Millionen Euro.

Zusammen mit den Altschulden nähert sich die jährliche Zinslast der Stadtkasse allmählich der 50-Millionen-Euro-Grenze. Heißt: Zehn Cent eines eingenommen Euro sind gleich wieder weg.  

Dieser Text erschien am 21. Dezember 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Freitag, 21. Dezember 2012

Aller Anfang ist schwer oder: Noch fahren nicht alle Styrumer auf den Bürgerbus ab: Eine gute Idee will entdeckt werden

Simone Hofrath und ihr Sohn Luis schauen auf den Fahrplan des Styrumer Bürgerbusses am Sültenfuß. „Toll, dass es ihn gibt. Ich selbst bin noch nicht mitgefahren. Aber meine Oma nutzt ihn, um von der Herwarthstraße zum Einkaufen zur Oberhausener Straße, zur Friesenstraße oder zur Heidestraße zu fahren“, berichtet die junge Frau.


Die Schilderung deckt sich mit den Erfahrungen von Klaus Bernhard. „Wir haben vor allem ältere Fahrgäste und ich habe seit dem Start des Bürgerbusses am 29. Oktober noch keine einzige Kinderfahrkarte verkauft“, erzählt der 62-jährige Pensionär, der bis vor kurzem noch als Bezirksfahrdienstleiter bei der Deutschen Bahn gearbeitet hat. Jetzt ist er einer von 23 ehrenamtlichen Fahrern, die den Bürgerbus montags bis samstags (9-15 Uhr) im Stundentakt durch Styrum steuern. „Man hat eine Aufgabe und kann sich nützlich machen“, beschreibt er seine Motivation. Mindestens einmal pro Woche setzt er sich für drei Stunden unentgeltlich hinter das Steuer des Bürgerbusses, der acht Fahrgästen Platz bietet. Im November fuhren pro Tag durchschnittlich acht Fahrgäste mit.

Doch am Dienstag bleiben die meisten Sitze zwischen 12 und 15 Uhr unbesetzt. „Das macht keinen Spaß, wenn man mit dem leeren Bus durch Styrum fahren muss“, gibt Bernhard zu. Margot Boidoll (86) und Karlheinz Engels (74) sorgen dafür, dass Bernhard in seiner Schicht nicht ganz ohne Fahrgäste bleibt. „Das ist eine echte Annehmlichkeit, die dafür sorgt, dass ich mobil sein kann und meine Einkaufstaschen nicht den ganzen Weg nach Hause schleppen muss“, erklärt die Seniorin. Die 1,50 Euro für eine Fahrkarte lohnen sich für sie, wenn sie von der Doktor-Türk-Straße mit dem Bürgerbus zur Einkaufstour ins Styrumer Zentrum und an der Friesenstraße startet. Auch Engels nutzt den Bürgerbus gerne, um von der Wörthstraße schnell und sicher zum Schloss Styrum zu kommen, um in der dortigen Altentagesstätte Billard zu spielen. „Im Sommer fahre ich mit dem Fahrrad. Aber jetzt ist mir der Bürgerbus lieber.“ Nicht nur von ihm bekommen Bernhard und seine Fahrerkollegen die Klage zu hören, dass der Bürgerbus zurzeit nur bis 15 Uhr fährt. „So muss ich mir etwas anderes einfallen lassen, wenn ich abends wieder nach Hause kommen will“, bedauert Engels.

Bernhard weist darauf hin, dass der Bürgerbus nicht nur mehr Fahrgäste, sondern auch mehr ehrenamtliche Fahrer bräuchte, um das zu sein, was er sein wolle, nämlich „eine sinnvolle Ergänzung des Nahverkehrs, die sich im Bewusstsein der Styrumer verankert hat.“

Bis dahin müssen die Mitglieder des Bürgerbusvereins um Knut Binnewerg und Rainer Lamberti noch kräftig die Werbetrommel rühren. Deshalb haben sie heute zwischen 14 und 15 Uhr mit Bezirksbürgermeisterin Heike Rechlin-Wrede einen prominenten und spendablen Fahrgast gewonnen, der im Interesse der guten Sache dafür sorgt, dass alle Fahrgäste, die heute mit dem Styrumer Bürgerbus zwischen Sültenfuß, Union, Schloss Styrum und Römerstraße in den Styrumer Straßen jenseits der Hauptverkehrsachsen Oberhausener- und Hauskampstraße unterwegs sein wollen, keine Fahrkarte lösen müssen.

Bürgerbusfan Engels muss sie nicht mehr überzeugen. Für ihn ist der Bürgerbus, der die Styrumer Nebenstraßen jenseits des MVG-Netzes an den Nahverkehr anbindet schon deshalb unentbehrlich geworden, weil viele Senioren sonst kaum noch zum Einkaufen kämen. „Heute gibt es doch immer weniger kleine Einzelhandelsgeschäfte und nur noch wenige große Märkte“, beklagt er.

Auskünfte zum Bürgerbus gibt Knut Binnewerg unter der Rufnummer 0208/402257 Weitere Informationen im Internet unter: www.buergerbus-styrum.de

Dieser Text erschien am 19. Dezember 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG


Mittwoch, 19. Dezember 2012

Wie feiert man in Mülheimer Altenheimen Weihnachten? Eine vorweihnachtliche Stimmungsaufnahme

Weihnachten. Das ist für die meisten Menschen ein Familienfest. Im Wohnzimmer steht ein geschmückter Christbaum. Es gibt gutes Essen und Geschenke. Wenn es gut geht, gibt es keinen Krach, sondern Gedichte, Lieder und die Weihnachtsgeschichte. Und nach der Bescherung geht die Familie vielleicht noch in die Christmette. So oder so ähnlich erleben wir die Festtage oder haben sie erlebt. Doch wie erleben Menschen das frohe Fest, die nicht daheim, sondern im Altenheim feiern müssen. Die NRZ fragte in diesen Tagen vor Weihnachten in einigen Seniorenheimen nach.


Im Engelbertusstift, im Wohnstift Dichterviertel und im Wohnstift Raadt wird der heilige Abend bereits am Nachmittag des 24. Dezember mit einem Gottesdienst eingeläutet. Matthias Hess aus dem Wohnstift Raadt freut sich vor allem darüber, dass der Gottesdienst in seinem Hause seit vielen Jahren von einem privaten Chor musikalisch begleitet und von der Predikantin Luise Hegel liturgisch gestaltet wird. Der Leiter des Wohnstiftes Dichterviertel, Harald Schaal, kann beim Weihnachtsgottesdienst sogar einen Bewohnerchor zum Einsatz bringen, der beim Singen der klassischen Weihnachtslieder im Zweifel kein Notenblatt braucht, um den Text abzulesen.

Im Ruhrgarten, im Franziskushaus und im Haus auf dem Bruch steht der Weihnachtsgottesdienst erst am ersten Feiertag auf dem Programm. Im großen Saal des Franziskushauses kann man dabei sogar musikalisch auf eine Orgel bauen. Dort bekommen die Bewohner an den Weihnachtsfeiertagen auch musikalischen Besuch von Wilhelm Kästner, der ihnen auf seiner Zitter immer wieder gern gehörte Ohrwürmer spielt. Sozialdienstleiter Christoph Happe aus dem Ruhrgarten und Pflegedienstleiter Christian Krämer aus dem Engelbertusstift sind sich einig, dass man insbesondere mit Weihnachtsliedern und Gedichten, aber auch mit weihnachtlichen Klängen und Düften auch demenzkranke Bewohner, die in allen Altenheimen inzwischen die deutliche Mehrheit stellen, „emotional gut erreichen kann, weil man damit eine Brücke in ihre Kindheit schlägt.“

Ansonsten bestimmen in allen befragten Einrichtungen das festliche Kaffeetrinken und das anschließend Abendessen den Tagesablauf am heiligen Abend im Heim. Im Wohnstift Raadt, im Engelbertusstift, im Franziskushaus und im Wohnstift Dichterviertel setzt man kulinarisch auf die rheinischen Heiligabendklassiker Kartoffelsalat und Würstchen. Sonst bestimmen mehrgängige Festtagsmenüs mit Braten und Co. die Speisepläne. Auch Fischplatten und Frankfurter Kranz sind bei den Senioren sehr gefragt.

Im Franziskushaus, wo die eigentliche Weihnachtsfeier mit Bewohnern, Angehörigen und Mitarbeitern bereits vor dem 24. Dezember gefeiert wird, kredenzt man den Bewohnern und ihren Besuchern in der weihnachtlich eingedeckten Cafeteria diverse Festtagstorten. „Wir haben früher auch am 24. Dezember zu unserer großen Weihnachtsfeier eingeladen, aber das ist bei den Angehörigen, die an den Festtagen in ihren Familien stark beschäftigt sind, nur auf geringe Resonanz gestoßen“, berichtet Katja Grün aus dem Franziskushaus.

Sie schätzt, dass etwa ein Drittel der Bewohner von ihren Angehörigen Weihnachten nach Hause geholt werden.

Christbaum, Krippe, und Weihnachtsschmuck bestimmen offensichtlich in allen Altenheimen an den Festtagen das Ambiente. In der Regel wird nicht zentral, sondern in den jeweiligen Wohngruppen mit Bewohnern, Angehörigen und ehrenamtlichen Helfern gefeiert, um eine möglichst familiäre Atmosphäre zu schaffen.

„Wir versuchen ein möglichst familiäres Umfeld zu schaffen und wo es möglich ist, auch mit Bewohnern selbst Plätzchen zu backen“, betont Christoph Happe vom Ruhrgarten. Weil alle Mitarbeiter an den Festtagen im Einsatz sind und ehrenamtliche Helferinnen dazu kommen, schätzt Happe, „dass 98 Prozent unserer Bewohner“ an der gemeinsamen Weihnachtsfeier teilnehmen können. Auch in anderen Altenheimen werden bettlägerige Patienten an den Feiertagen mobilisiert oder sie haben einen Mitarbeiter an ihrem Bett, der sie individuell betreut, ihre Hand hält, ihnen zuhört, sie anlächelt oder streichelt.

In allen Altenheimen berichtet von einer deutlich erhöhten Besucherzahl und auch davon, dass es hier, anders, als bei manchen Familien, die nicht im Heim, sondern daheim feiern, keine Weihnachtsfeier ohne die klassischen Weihnachtslieder und Weihnachtsgedichte gibt.

Die Bescherung fällt im Altenheim eher bescheiden aus, kommt aber doch von Herzen. In allen befragten Pflegeheimen sorgen Mitarbeiter dafür, dass auch die Bewohner ohne Angehörigenbesuch einen Ansprechpartner finden und ein kleines Geschenk bekommen. Die finanziellen Möglichkeiten reichen von der Wolldecke über Rasierwasser und Parfüm bis zum Duschgel oder einer Schirmmütze. Im Franziskushaus setzt man sogar ganz klassisch, wenn auch nicht ohne Risiko auf selbst gebastelte Geschenke zum Fest.

In den Gesprächen mit Altenheim-Mitarbeitern wird immer wieder deutlich, dass Weihnachten im Altenheim nicht nur ein frohes, sondern auch ein trauriges Fest ist. „Da wird zum Beispiel über den Familienzusammenhalt gesprochen, den man früher hatte und den man heute vielleicht nicht mehr hat, weil manche Kinder sogar im Ausland leben“, weiß Matthias Hess.

Auch Yvonne Fragemann, die das Haus Auf dem Bruch leitet, erkennt an den Bewohnern, die auch an den Festtagen nur wenig oder gar keinen Besuch bekommen und auf die Ersatzfamilie ihrer Mitbewohner und Betreuer angewiesen sind, „dass wir heute in einer Gesellschaft leben, die immer älter wird und in der es immer mehr Single-Haushalte und immer weniger Großfamilien gibt.“ Harald Schaal vom Wohnstift Dichterviertel sieht gerade an den Weihnachtstagen immer wieder depressive Bewohner, die Verlusten und verpassten Lebenschancen nachtrauern. Er formuliert es so: „Im Altenheim geht die individuelle Lebensgeschichte weiter.“ Damit meint er, dass bei Zeiten geknüpfte Sozialkontakte und Familienbande ebenso nachwirken wie Einsamkeit, soziale Isolation oder zerrüttete Familienverhältnisse.

Dieser Text erschien am 18. Dezember 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Dienstag, 18. Dezember 2012

So gesehen: Warum unser Kämmerer Lose kaufen sollte

"Kinder, morgen wird’s was geben“ oder: „O, du fröhliche“ singen wir in diesen Tagen und freuen uns schon auf die Bescherung. „Da haben wir die Bescherung“, werden sich dagegen wohl unsere Stadtverordneten sagen und dabei an den Karnevalsschlager: „Wer soll das bezahlen?“ denken, wenn sie sich heute und morgen im Rat zu ihren letzten Ratssitzungen des Jahres treffen.


Denn der Blick auf die Haushaltszahlen und Steuerprognosen dürfte die Damen und Herrn Kommunalpolitiker eher betroffen als besinnlich machen. Denn auch sie wissen ja nicht nur zur Weihnachtszeit, das Geben seliger als Nehmen ist und darüber hinaus auch viel populärer. Denn die nächste Wahl nach Weihnachten kommt so sicher wie das Amen in der Kirche. Und da ist es nur zu verständlich, dass unsere Volksvertreter nicht wie Weihnachtsmänner dastehen wollen, die nichts im Stadtsäckel haben als eine finanzielle Rute, die als Rotstift daher kommt und uns Steuer- und Gebührenzahler geißelt und dem Wort Bescherung einen ganz und gar nicht frohen und festlichen Klang verleiht.

Im Dickicht der so gar nicht fröhlich und besinnlich stimmenden Zahlen mag mancher Gewählte und Gequälte in dieser Weihnachtszeit ja auf ein Wunder Marke Sterntaler hoffen. Wenn Ihnen das spanisch vorkommt, sind Sie genau auf der richtigen Spur. Denn bei der spanischen Weihnachtslotterie kann man 2,5 Milliarden Euro gewinnen. Also, Herr Bonan, kaufen Sie Lose!  

Dieser Text erschien am 18. Dezember 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Montag, 17. Dezember 2012

Ein Gespräch darüber, wie Brita Russack und ihre Kollegen vom U-25-Haus Schulabgänger ins Berufsleben begleiten und damit zum erfolgreichen Modell für Nordrhein-Westfalen geworden sind

Am 29. November gingen die 130 Lehrer der Gustav-Heinemann-Schule mit einem Fortbildungstag bei der Leiterin des U-25-Hauses, Brita Russack, in die Schule. Die Sozialpädagogin und ihre 30 Kollegen vom U-25-Haus an der Viktoriastraße beraten und begleiten Jugendliche und junge Erwachsene aller Schulformen beim Übergang von der Schule in den Beruf und sind damit in NRW Teil eines von sieben Modellprojekten des Landes. Für die NRZ sprach ich mit Brita Russack darüber, warum sich nicht nur Schulabgänger mit defizitärer Bildungsbiografie beim Einstieg ins Arbeitsleben schwertun.


Was sind die Knackpunkte, wenn sich junge Leute nach der Schule fragen: Was soll aus mir werden?

Russack: Viele Jugendliche tun sich schwer, in den ernsten Teil ihres Lebens einzutreten. Das hat damit zu tun, dass ihre Vorstellungen davon, was ihnen das Berufsleben an Lebensqualität und Entwicklungschancen bieten könnte, oft diffus sind. Viele Jugendliche leben im Hier und Jetzt. Sie neigen dazu, einfach die Schule zu wechseln und am Berufskolleg weiterzumachen, weil ihnen Schule vertraut ist.

Was kann man gegen die Angst vor dem Arbeitsmarkt tun?

Wir müssen die Schüler frühzeitig informieren und locken, um ihnen schon lange vor dem Schulabschluss zu helfen, ihre Potenziale zu entdecken und eine Idee davon zu entwickeln, was das mit ihrer beruflichen Zukunft, ihren Entwicklungschancen und mit ihrer Lebensqualität zu tun haben könnte.

Wie locken Sie Schulabgänger ins Berufsleben?

Wer Jugendliche ins Berufsleben begleitet und berät muss selbst wissen, was auf dem Ausbildungsmarkt los ist und welches Unternehmen, welche Jugendlichen brauchen. Dabei geht es nicht nur um das Bildungsprofil, sondern auch um die jeweilige Persönlichkeit. Am Ende muss die Chemie stimmen. Unsere Lehrstellenakquisiteure und unsere pädagogischen Fallmanager arbeiten da eng zusammen, um aus den Fakten die Motivationsargumente für die Gespräche mit den Jugendlichen und den Unternehmen abzuleiten. Weil wir so gute Erfahrungen mit der persönlichen Begleitung der Jugendlichen gemacht haben, kämpfen wir auch ständig um die Erweiterung unserer personellen Kapazitäten.

Ist der Einstieg in den Arbeitsmarkt auch für Abiturienten schwierig?

Es sieht so aus. Dabei ist der Arbeitsmarkt für die heutige Generation glänzend. Die Unternehmen wollen die Jugendlichen. Der Arbeits- und Ausbildungsmarkt ist heute sehr aufnahmebereit, aber auch breiter aufgefächert und komplexer als früher. Das gilt für die berufliche Ausbildung wie für Studiengänge. Die Vielfalt der Möglichkeiten überfordert viele. Die Orientierung ist schwieriger geworden. Hier müssen wir helfen, Informationen zu sammeln und auszuwerten, damit die Jugendlichen die für sie richtige Strategie entwickeln können. Gute Bildung ist aber immer noch der beste Schutz gegen eine spätere Arbeitslosigkeit. Das gilt auch für Hauptschulabgänger, die wir ebenfalls zunehmend gut vermitteln können. Der Anteil der Hauptschüler, die nach dem Abschluss einen Anschluss in eine betriebliche Berufsausbildung gegangen ist, konnte in den letzten fünf Jahren von 16 auf 38 Prozent gesteigert werden. Uns geht es in unserem Übergangssystem aber unterschiedslos um alle Jugendlichen einer Generation und darum, niemanden zu verlieren.

Stellt Sie der doppelte Abiturjahrgang 2012/13 vor Probleme?

Es wird eine verschärfte Konkurrenz geben, aber die hat es in früheren Generationen noch viel mehr gegeben. Weil es immer weniger Schulabgänger gibt, sind sie in den Unternehmen im Prinzip herzlich willkommen. Ich glaube, dass sich das Problem des doppelten Abiturjahrganges auf ein paar Jahre verteilen wird, weil nicht alle Abiturienten sofort durchstarten und mit 23 fertig sein wollen, sondern zum Beispiel noch ein freiwilliges Soziales Jahr einlegen. Wahrscheinlich wird es an den Unis voll. Auch mit ihnen pflegen wir einen engen Kontakt. Wir beraten auch Abiturienten bei der Bewerbung für Studiengänge. Dieses Angebot wird sicher verstärkt genutzt werden. Außerdem arbeiten wir verstärkt daran, dass sich auch die Gymnasien systematischer bei der Berufsorientierung aufstellen. Sie machen auch jetzt schon punktuell gute Informationsaktionen in diesem Bereich, haben aber, anders, als an den Hauptschulen noch nicht flächendeckend jeden Schüler im Blick, um ihn bei der Entwicklung seiner persönlichen Strategie zu unterstützen.

Ist das Ziel, jedem Schulabgänger eine Berufsperspektive zu bieten, realistisch?

Mit einer guten Zusammenarbeit aller Partner (Schulen, Arbeitsagentur, Unternehmen), die in diesem Bereich unterwegs sind, halte ich das für realistisch.

Was müssen Lehrer lernen, um Schüler besser auf das Berufsleben vorzubereiten?

Sie müssen die Berufsorientierung ihrer Schüler gewährleisten und für jeden Schüler einen roten Faden entwickeln, um am Ende zu wissen, welcher Anschluss für welchen Schüler der Richtige ist. Und die Schüler müssen am Ende ihrer Schulzeit wissen, wie und wo es für sie weitergeht. Das setzt aber voraus, dass sich Lehrer mit der beruflichen Ausbildung, mit den Partnern, die ihnen helfen können und mit den Unternehmen, die es hier gibt und deren Anforderungen auseinandersetzen. Es geht für die Lehrer auch darum Erfahrungswissen über die Mülheimer Unternehmenslandschaft und entsprechende Kontakte zu sammeln.

Dieser Beitrag erschien am 30. November 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...