Freitag, 18. Juni 2010

Rückblick: Vor 65 Jahren wird Mülheim Teil der britischen Besatzungszone

Vor wenigen Tagen ist der zurückgetretene Bundespräsident Horst Köhler in Berlin mit einem Großen Zapfenstreich aus seinem Amt verabschiedet worden. Einen großen Zapfenstreich können die Mülheimer nach dem Krieg aus nächster Nähe beobachten, wenn die Soldaten der britischen Rheinarmee auf dem Rathausmarkt aufmarschieren. Bis heute erinnern die Liverpoolstraße und der Shakespeare-Ring im Wohnpark Witthausbusch daran, dass dort bis 1994 britische Soldaten stationiert waren. Sie gingen als Freunde, aber sie kamen am 18. Juni 1945 als Sieger in die Stadt, die vor 65 Jahren Teil der britischen Besatzungszone wurde, nachdem sie am 11. April 1945 zunächst von amerikanischen Truppen eingenommen worden war.

„Engländer besetzen das Ruhrgebiet“, verkündet die von der Militärregierung herausgegebene Ruhr Zeitung bereits am 16. Juni 1945. Und in der nächsten Ausgabe des Mitteilungsblattes wird die Bevölkerung am 23. Juni 1945 aufgefordert: „Schafft Nahrung für den Winter: Die Engländer helfen euch.“ Die britische Militärregierung drängt darauf, dass jeder dafür geeignete „freie Quadratmeter besät und bestellt wird“, damit man dem allgegenwärtigen Hunger Herr werden kann.Lebensmittel und Bedarfsgüter sind damals nur auf Karten erhältlich und straff rationiert. Im Mai und Juni 1945 stehen pro Person und Monat gerade einmal 1500 Gramm Brot zur Verfügung. Schwerstarbeiter, ehemalige Zwangsarbeiter und werdende Mütter bekommen Sonderrationen. Auch der Wohnraum ist knapp. 70 Prozent der Häuser gelten als beschädigt und zehn Prozent als zerstört. Weil die Bevölkerung nach dem Kriegsende schneller wächst als der zur Verfügung stehende Wohnraum, greifen die Briten auch zu freiwilligen Evakuierungsmaßnahmen, um Menschen in ländlicheren Regionen ein Obdach für den Winter zu verschaffen.

800 000 Kubikmeter Trümmerschutt lagern auch Mülheims Straßen. Der Wiederaufbau geht nur langsam voran. Auch deshalb führt der britische Stadtkommandant eine Arbeitspflicht für alle Männer zwischen 16 und 65 und alle Frauen zwischen 16 und 45 ein. Weil der Brennstoff für den Winter knapp wird, erlauben die Briten im Oktober 1945, Bäume in Parks und Wäldern zu fällen, um aus ihnen Brennholz zu machen.

Nachdem zunächst alle öffentlichen Versammlungen, mit Ausnahme von Gottesdiensten, verboten sind, erlaubt die Militärregierung, im August 1945 die Gründung von Gewerkschaften und im September die Gründung von Parteien. Doch der Weg zur Demokratie ist steinig. Er führt etwa über Entnazifizierungsverfahren. Bis Anfang 1946 verlieren 119 Beamte, 95 Angestellte und 62 Arbeiter in der Stadtverwaltung ihren Job, weil sie Mitglied der NSDAP waren. Aus dem gleichen Grund werden auch 83 Lehrer entlassen. Im August 1945 beruft die Militärregierung einen ersten Bürgerausschuss, der die Stadtverwaltung beraten und unterstützen soll. Gewählte Stadtvertreter und eine von den Briten lizenzierte Lokalpresse, zu der auch die NRZ gehört, wird es erst im Laufe des Jahres 1946 geben.

Dieser Text erschien am 18. Juni 2010 in der NRZ

Montag, 14. Juni 2010

Fritz Buchloh: Eine Mülheimer Fußballlegende oder: Als Deutschlands Nummer Eins aus Speldorf kam

Seit Freitag und aus deutscher Sicht spätestens seit gestern dreht sich also alles, oder sagen wir, fast alles um den Fußball. Auch viele von denen, die sonst den Sportteil der Zeitung links liegen lassen, werden gespannt verfolgen, wie weit es unsere Nationalmannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika bringt und Jogis Jungs die Daumen drücken.Allerdings, beim Stichwort Nationalmannschaft denkt man heute in Mülheim in lokalem Patriotismus nicht an Fußball, sondern höchstens an Hockey und den HTC Uhlenhorst.Das war zwischen 1932 und 1936 anders.

Damals hütete der Torwart des VFB Speldorf, Fritz Buchloh, immerhin 17 Mal das Tor der deutschen Nationalmannschaft. Durch seine Spiele für die Auswahlmannschaften der Region Niederrhein und des Westdeutschen Fußballverbandes war Reichstrainer Otto Nerz auf den jungen Torhüter des VFB aufmerksam geworden. Kurz nach seinem Abitur, das Buchloh 1930 am heutigen Karl-Ziegler-Gymnasium bestanden hatte, saß der damals 20-jährige Torhüter bei einem Länderspiel gegen Norwegen erstmals auf der Ersatzbank.Seinen ersten Einsatz im Trikot der Nationalmannschaft erlebte Buchloh im Dezember 1932 bei einem Länderspiel gegen die Niederlande in Düsseldorf. Bei seiner Premiere musste der Speldorfer den Ball allerdings zwei Mal aus dem deutschen Netz holen. Das Spiel ging mit 0:2 verloren. Auch sein zweites Länderspiel, das er am 1. Januar 1933 gegen Italien absolvierte, endete mit einer deutschen Niederlage. Dennoch wurde Buchloh von der Sportpresse als „Held von Bologna“ gefeiert. Denn als er in der 50. Spielminute gegen seinen großen Konkurrenten Hans Jakobs von Jahn Regensburg eingewechselt wurde, stand es aus deutscher Sicht bereits einigermaßen aussichtslos 1:3.Doch Buchloh sorgte mit einer Serie von spektakulären Glanzparaden dafür, dass der Weltklasse-Sturm der Italiener, die 1934 erstmals Fußballweltmeister werden sollten, zu keinem weiteren erfolgreichen Torschuss kam. „Das hast du gut gemacht“, bescheinigte Reichstrainer Otto Nerz seinem Mülheimer Torwart. Und Buchloh selbst erinnerte sich später: „Es spielte sich alles so ab, als sei es ein Traum.“

Doch für den Helden von Bologna wurden nicht alle Träume wahr. 1934 gehörte er zwar zu der deutschen Mannschaft, die während der zweiten Fußballweltmeisterschaft in Italien immerhin Dritter wurde, kam aber während des Turniers nicht zum Einsatz. Mehr Glück hatte er dagegen beim Olympischen Fußballturnier in Berlin, als er etwa am 4. August 1936 beim 9:0-Sieg über die Auswahl Luxemburgs den deutschen Kasten sauber hielt.Berlin wurde für Buchloh zeitweise zur Wahlheimat. Hier studierte er bei Otto Nerz an der Hochschule für Leibesübungen und erwarb sein Diplom als Sportlehrer. Nebenbei spielte er bei Herta BSC. Später hängte er noch einige Jahre bei Schwarz Weiß Essen dran. In Essen verdiente er sein Geld bei der Stadtverwaltung, nachdem er 1930 bei der Stadt Mülheim in die Verwaltungslehre gegangen war.Buchloh, der am 13. September 1936 beim 1:1 gegen Polen sein letztes Länderspiel bestreiten sollte, gehörte noch zu der Fußballer-Generation, die für, aber nicht von ihrem Sport lebten. Später machte Buchloh keinen Hehl daraus, dass er den kommerzialisierten Profifußball „mit Unbehagen“ sehe, „weil er zwar zur Perfektionierung des Fußballsportes beiträgt, aber den Idealismus und die Selbstständigkeit des freien sportlichen Entfaltens spürbar einengt.“Auch nach dem Ende seiner aktiven Spielerlaufbahn blieb Buchloh dem Fußball verbunden, engagierte sich nach Krieg und Gefangenschaft zum Beispiel als Nationaltrainer in Island und später zum Beispiel als Schatzmeister des Bundes deutscher Fußballlehrer und als Vorsitzender seines Vereins VFB Speldorf.

Als Buchloh im Juli 1998 starb, würdigte der VFB seinen Ehrenvorsitzenden als „ein leuchtendes Vorbild für den Nachwuchs“, der den Namen seines Vereins „weit über die Grenzen Mülheims hinaus“ bekannt gemacht habe.

Dieser Text erschien am 14. Juni 2010 in der NRZ

Sonntag, 13. Juni 2010

Theater im Klosster oder: Bühne frei und Spaß dabei: Saarner Gemeindemitglieder inszenierten eine Zeitreise



Theater beim Gemeindefest? Das hört sich nach Ärger an. Doch im Falle der Saarner Gemeinde St. Mariae Himmelfahrt war es das reine Vergnügen. Zwölf Gemeindemitglieder nahmen die Gäste auf eine Zeitreise mit. In eineinhalb Stunden erlebten die Zuschauer 800 Jahre Klostergeschichte. Leicht gekürzt, versteht sich.


Als die jungen Damen der von Kantor Werner Schepp geleiteten Singschule in Nonnentracht und mit lateinischem Gesang in den Innenhof von Kloster Saarn einzogen, mochte man an die Rückkehr der Zisterzienserinnen glauben, die anno 1808 ihr Kloster Saarn hatten verlassen müssen, weil Napoleon es so wollte. Auf das musikalische Vorspiel folgte ein kurzweiliges Theaterstück, geschrieben von Wolfgang Geibert und inszeniert von Michael Bohn, bei dem die Laienschauspieler aus der Gemeinde mit Herzblut und Spaß an der Freude ihre Rollen als Klosterfrauen, Erzbischof, Äbtissin oder Abt ausfüllten. Auch der zwischenzeitliche Segen von oben oder der eine oder andere Textaussetzer konnten das Theatervergnügen im Saarner Klosterhof nicht schmälern.


Herrlich, wie Ludger Theile als Abt von Kamp: "Ich bin jetzt nicht mehr der von eben, sondern ein anderer, weil wir schon wieder 400 Jahre weiter sind" das Publikum durch Zeit, Raum und Handlung führte. Amüsant auch der Dialog, in dem die erste Äbtissin Wolbernia (Christa Horn), dem Erzbischof Engelbert von Köln (Alvin May) die wirtschaftlichen Nöte des Klosters näherbringen wollte, während der sichtlich nur bedingt interessierte Bischof aus dem Segnen nicht mehr herauskam. Gut lachen konnte man mit einigen Jahrhunderten Abtand auch über die Gardinenpredigt, die die Äbtissin Anna von Deutz (Mechthild Werry) ihren Mitschwestern anno 1622 hielt, weil die es mit der benediktinischen Ordenssregel: "Ora et labora" nicht mehr so genau nahmen. Kein Wunder, dass sich die vorlaute Novizin angesichts der strengen und asketischen Klosterregeln am Ende der Strafpredigt überlegte: "Vielleicht werde ich doch nicht die Braut Christi, sondern die Braut des Obermeßdieners Max."


Sichtlich Spaß an ihrer Rolle hatten auch die beiden "Engel" Michael Raaben und Jens Ammann, die sich als Gewehr- und Tapetenfabrikanten aus ihrer himmlischen Perspektive heraus über die weltliche und wirtschaftliche Nutzung des Klosters nach 1808 unterhielten, ehe sich der ganz irdische Zeitzeuge Hermann-Josef Hüßelbeck an die 70er Jahre erinnerte, als er mit seiner Familie im Kloster lebte und zusammen mit seinen Nachbarn die dortigen Ausgrabungen der Archäologen in der ersten Reihe miterlebte. Nach dem Abzug der Archäologen, so erinnerte sich Hüßelbeck, hätten die Klosterbewohner selbst zur Schippe greifen müssen, um die im Klosterhof hinterlassenen Gräben wieder zu schließen.


Dieser Text erschien am 12. Juni im Ruhrwort

Samstag, 12. Juni 2010

Wie geht es rund um den Kaufhof-Komplex weiter? Leerstehende Ladenlokale machen das Quartier an der Unteren Schloßstraße zunehmend unattraktiv


Ab morgen ist beim Bäcker Kamps am Kaufhof der Ofen aus. Heute hat die Filiale an der Friedrich-Ebert-Straße ihren letzten Verkaufstag. Auf einem Schild werden die Kunden auf die Kamps-Bäckerei im Hauptbahnhof hingewiesen. „Unsere Kunden sind sehr traurig. Sie würden gerne sehen, wenn Kamps hier bleibt. Nach der Schließung des Kaufhofes ist es zwar etwas weniger geworden. Aber wir hatten trotzdem viele Stammkunden und auch Laufkundschaft, die an der Haltestelle aus- und eingestiegen sind und dann bei uns Brot und Brötchen gekauft haben“, berichtet Verkäuferin Eda Yelik . Und Kundin Andrea Wiebels stimmt ihr zu: „In der Innenstadt sieht es traurig aus. Da gibt es nicht mehr viel Attraktives und hier an der unteren Ecke der Schloßstraße eigentlich gar nichts mehr. Wir brauchen wieder ein Kaufhaus und Fachgeschäfte mit einem attraktiven Sortiment.“Herbert Sonnenberg , der mit den leerstehenden Ladenlokalen des Kaufhofs im Rücken an der zentralen City-Haltestelle auf seine Bahn wartet und sich regelmäßig über Verspätungen ärgert, sieht es ähnlich: „Wir haben hier fast nur noch Ein-Euro-Läden und können kaum etwas kriegen.“


Der City-Manager der Mülheimer Stadtmarketinggesellschaft ( MST), Dennis Fischer muss sich von Amts wegen mit der Misere befassen und summiert die Leerstände im Quartier: Rund 10 000 Quadratmeter im Ende Mai geschlossenen Kaufhof, 260 Quadratmeter im ehemaligen Woolworth-Kaufhaus, das zuletzt für einen Fabrikmöbelverkauf genutzt wurde und 300 bis 400 Quadratmeter in den drei leerstehenden Ladenlokalen an der Friedrich-Ebert-Straße. Hinzu kommen noch 250 Quadratmeter des ehemalige WMF-Ladenlokales an der unteren Schloßstraße, das auf einen neuen Mieter wartet. „Alles hängt an der Nachnutzung des Kaufhofes. Da brauchen wir schnellstens Klarheit. Den Planungssicherheit ist im Einzelhandel das A und O“, betont Fischer. Er ist bereits mit einem Interessenten für eines der leerstehenden Ladenlokale an der Friedrich-Ebert-Straße im Gespräch, der seine Investition in den Standort aber davon abhängig macht, dass an die Stelle des Kaufhofes ein neues Kaufhaus oder Einkaufszentrum tritt.


Der Investor und Eigentümer der Kaufhof-Immobilie, J ochen Hoffmeister möchte sich aber nicht auf einen Zeitplan festlegen, wann was am Kaufhof, wie er sagt: „total umgemodelt wird.“ Um Planungs- und Handlungsfreiheit für das neue Nutzungskonzept des alten Kaufhof-Komplexes zu gewinnen, lässt er auch die alten Kaufhof-Mietverträge Ende Juni auslaufen. Das dortige Kundencenter der Mülheimer Verkehrsgesellschaft ist bereits ausgezogen und wird, laut Fischer, am 14. Juni an seinem neuen Standort am Löhberg, direkt am Aufgang des U-Bahnhofes Stadtmitte eröffnet.Ausziehen muss Ende Juni auch der Kamps-Nachbar Wurst und Co .


Sein Betreiber, der Gastronom des unweit gelegenen Bistros Di Lara, Servet Akdemir , möchte mit Wurst und Co die Straßenseite wechseln und auf der unteren Schloßstraße einen neuen Imbissstand eröffnen. Doch bei der Stadt hat er dafür bisher kein grünes Licht bekommen. „Mit dem Forum alleine kann die Innenstadt nicht überleben“, betont Akdemir und rät, die Innenstadtaktivitäten nicht allein auf die obere Schloßstraße zu konzentrieren.Mit einem ähnlichen Vorhaben, wie dem Akdemirs, sind die Obst- und Gemüsehändler Angelika und Thomas Scheidtsteger bereits gescheitert. Sie wollten ihr Weihnachtsmarkt-Holzhaus an der unteren Schloßstraße zur Dauereinrichtung machen. Denn ihr Mietvertrag im alten Woolworth-Gebäude, dessen Eigentumsverhältnisse laut Citymanager Dennis Fischer derzeit ungeklärt sind, läuft Ende des Monats aus. Dann werden sie sich ganz auf ihre Marktaktivitäten an der oberen Schloßstraße konzentrieren. Dabei machen beide keinen Hehl daraus, dass sie gerne an der unteren Schloßstraße geblieben wären, weil sie mit der von der zentralen Haltestelle gespeisten Kundenfrequenz sehr zufrieden waren. „Die hätten das Kaufhaus nicht gehen lassen dürfen“, meint Angelika Scheidtsteger und ihr Mann Thomas findet es schade, „dass es in Mülheim so schwer ist, etwas zu bewegen.“


Zeitungsfrau Dorothea Schaaf steht mit ihrem Kiosk an der unteren Schloßstraße wie ein Fels in der Brandung. Ihren Stammkunden sei Dank. „Ich stecke den Kopf nicht in den Sand, sondern halte durch. Meine Familie hat hier 1949 angefangen und wir haben schon viel durchgemacht. Ich hoffe aber, dass man jetzt bald mal hier in die Pötte kommt und nicht 20 Jahre braucht, bis Mülheim dann ganz kaputt ist.“


Nur ein Mitarbeiter der Kamerabörse an der Friedrich-Ebert-Straße stimmt nicht in den Chor der Skeptiker und Kritiker ein, die schlechte Verkehrsführung und fehlende Parkplätze und Kundenströme in die Einkaufszentren beklagen. Er glaubt, dass der Trend wieder zum Fachgeschäft geht und ist mit der Kundenfrequenz an der zentralen Haltestelle zufrieden. Allerdings: Mit dieser Meinung möchte er namentlich nicht genannt werden.


Dieser Text erschien am 12. Juni 2010 in der NRZ

Freitag, 11. Juni 2010

Hauptschüler haben eine Chance: Zum Beispiel im Handwerk


Mit einem Hauptschulabschluss braucht man sich doch heute nirgendwo mehr zu bewerben.“ Diesen Satz bekommt man immer wieder von Eltern zu hören, die ihr Kind für das Abitur trimmen, koste es, was es wolle.


Dass Hauptschüler keine Chance, aus dem Ausbildungsmarkt haben, kann Kevin Rogowski nicht bestätigen. Der 17-Jährige hat im vergangenen Jahr an der Gemeinschaftshauptschule Dümpten seinen Abschluss gemacht und wird jetzt im Betrieb von KFZ-Meister Karl-Josef Robert zum KFZ-Mechatroniker ausgebildet.Dass das KFZ-Handwerk für ihn eine Berufsperspektive sein könnte, war Kevin schon mit elf Jahren klar, als er am Nürburgring Mechaniker bei ihrer Arbeit an der Rennstrecke beobachtete. Das Rennen um einen Ausbildungsplatz gewann Kevin auch deshalb, weil ihn sein Lehrherr schon während eines Block- und eines Langzeitpraktikums kennen lernen konnte.„Ohne das Praktikum wäre ich heute vielleicht nicht hier“, sagt Kevin. Und mit Blick auf seinen Meister meint er: „Während der Praktika hat er mich erlebt, wie ich im persönlichen Umgang bin. Er hat gemerkt, dass ich pünktlich, höflich und zuverlässig bin. Jetzt erlebt er, dass ich auch mit meinem Kopf bei der Sache bin. Und im kommenden Lehrjahr will er herausfinden, was aus mir werden kann.“


KFZ-Meister Robert (59) schätzt, dass rund 80 Prozent der jungen Leute, die er im Laufe seines 45-jährigen Berufslebens ausgebildet hat, von der Hauptschule zu ihm gekommen sind. „Ich habe durchweg gute Erfahrungen gemacht“, sagt Robert, auch wenn er einschränkt, dass ihm auch schlechte Erfahrungen nicht erspart geblieben sind. „Er hat sich wirklich angestrengt und Gas gegeben. Er passt gut in unseren Betrieb“, lobt Robert seinen Lehrling von der Gemeinschaftshauptschule Dümpten. Denn trotz einer positiven Praktikumserfahrung hätte er Kevin keine Chance gegeben, wenn der nicht noch einmal an seinen Noten gearbeitet hätte. Einen mittleren Notendurchschnitt sollten Bewerber aus Roberts Sicht schon mitbringen.


Neben den Noten, etwa in Deutsch, Mathematik, Physik und Arbeitslehre, da sind sich Robert und sein Dümptener Meister-Kollege Bernd Landsmann aus dem Parkettlegerhandwerk einig, sind es vor allem die vermeintlichen Sekundärtugenden wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Fleiß, Ordnung, Sauberkeit und Höflichkeit, die sie während eines Praktikums kennen lernen wollen, ehe sie einen Ausbildungsbewerber einstellen.„In den letzten fünf Jahren habe ich niemanden mehr eingestellt, den ich nicht vorher im Praktikum getestet habe“, sagt Landsmann und schätzt, dass rund 95 Prozent seiner Lehrlinge von der Hauptschule kommen. Einer von ihnen ist Kevins gleichaltriger ehemaliger Mitschüler Dustin Kloster.


Vor dem Hintergrund seiner eigenen Erfahrungen sagt der 17-Jährige: „Ohne mein Praktikum bei Herrn Landsmann wäre ich vielleicht gar nicht auf die Idee gekommen, mich um eine Ausbildung im Parkettverlegerhandwerk zu bewerben. Weil ich sowohl bei Landsmann als auch im Einzelhandel ein Praktikum absolviert habe, habe ich herausgefunden, wie abwechslungsreich die Arbeit mit Holz sein kann und dass sie für mich viel interessanter war als die Tätigkeit im Einzelhandel. Deshalb würde ich immer zum Praktikum raten, damit man nicht im falschen Beruf landet, aus dem man dann nicht so schnell herauskommt.“ Seine grundsätzlichen Erfahrungen als Lehrherr beschreibt Meister Landsmann als „gemischt“. Obwohl er und Robert den Hauptschullehrern bescheinigen, dass sie sich mehr denn je „reinhängen“, damit ihre Schüler eine Lehrstelle bekommen, hat Landsmann gerade mit Blick auf das Sozialverhalten der Bewerber den Eindruck, „dass die Qualität in den letzten 25 Jahren nachgelassen hat.“


Da sieht er nicht nur die Schulen, sondern auch die Elternhäuser in der Pflicht.In der Pflicht sieht KFZ-Meister Robert aber auch die Unternehmen. Junge Leute auszubilden ist für ihn eine Frage der sozialen Verantwortung für die nächste Generation. Aber er macht auch keinen Hehl daraus, dass es ihm Spaß macht, sein Wissen weiterzugeben. Dabei liegen Fördern und Fordern eng beieinander: „Wir sind drei Leute im Betrieb. Wir sind wie eine Familie. Da muss jeder nach seinen Möglichkeiten mitarbeiten“, betont Robert. Er glaubt, dass junge Leute in einem kleinen Allround-Betrieb mehr lernen können als in großen Werken mit spezialisierten Abteilungen.


Die beiden Hauptschulrektorinnen Ulrike Nixdorff (Dümpten) und Gabriele Klar (Bruchstraße) bestätigen auf Anfrage, dass sich ihre engen Kontakte und ein ausgeklügeltes System aus Praktika und Berufsvorbereitung bewährt haben, sehr viele davon im Handwerk. 30 bis 45 Prozent ihrer diesjährigen Absolventen haben bereits jetzt einen Ausbildungsplatz in der Tasche.Der Dümptener Parkettlegermeister Landsmann macht denn auch deutlich, dass er das dreigliedrige Schulsystem mit der praktischen Talentförderung in den Haupt- und Realschulen sowie der Hochbegabtenförderung an den Gymnasien auf keinen Fall missen möchte.


Dieser Text erschien am 9. Juni 2010 in der NRZ

Donnerstag, 10. Juni 2010

Vom Volkslied bis zur Operette: Mit einem Konzert feiert der MGV Liedertafel am 19. Juni seinen 150. Geburtstag


150 Jahre – das ist in unserer schnelllebigen Zeit schon eine Hausnummer. Nur wenige Institutionen können heute auf eine so lange Geschichte zurückblicken. Der Männergesangverein Liedertafel ist eine von ihnen. Es war der Mülheimer Lehrer Berghaus, der anno 1860 in Bruns Fünte, die heute als Kulturzentrum genutzt wird, die ersten Sangesbrüder um sich scharte.

Anfangs stand dabei mehr die Geselligkeit als der Gesang im Vordergrund, Das änderte sich allerdings am Anfang des 20. Jahrhunderts. Und 1998 wurde der Chor, der heute aus 19 aktiven Sängern besteht und montags um 17.30 Uhr im Krug zur Heimaterde, Kolumbusstraße 110, probt, sogar als Volkslieder Leistungschor mit der Zuccamaglio-Medaille ausgezeichnet.


Neben den klassischen Volksliedern gehören auch Operetten- und Walzerlieder oder auch geistliches Liedgut zum Repertoire des seit elf Jahren von Walter Ignatowski geleiteten Chores. Von der Breite seines Repertoire kann man sich beim Jubiläumskonzert überzeugen, zu dem der Chor, der sich über jeden neuen Sangesbruder freut, am Samstag, 19. Juni, um 16 Uhr in den Gemeindesaal von St. Theresia an der Kleiststraße/Ecke Max Halbach-Straße einlädt.Musikalisch mit von der Partie sind die ebenfalls von Ignatowski geleitete Frauenchorgemeinschaft Gelsenkirchen-Hassel sowie die beiden Solisten Antonio Rivera und Sabine Laubach.


Weitere Auskünfte sowie Konzertkarten für zehn Euro gibt es bei Chormitgliedern:  0201/71 71 80 oder 49 12 85.150 Jahre sind natürlich auch am MGV Liedertafel, dem zweitältesten Chor der Stadt, nicht spurlos vorbeigegangen. In zwei Weltkriegen verlor der Chor viele Sangesbrüder und zwischenzeitlich seine gesamte Notenliteratur. Der Strukturwandel und das Zechensterben in Heißen führten bereits Ende der 60er Jahre zu einem Zusammenschluss mit dem Männerchor des Mülheimer Bergwerksvereins. Vielleicht wird dies nicht die letzte Fusion der Chorgeschichte bleiben, denn der MGV Liedertafel leidet wie übrigens alle Männerchöre unter Nachwuchsmangel und Überalterung. Seine Sänger sind derzeit zwischen 58 und 75 Jahre alt.
Dieser Text erschien am 10. Juni 2010 in NRZ und WAZ

Mittwoch, 9. Juni 2010

Das Gedächtnis der Stadt im Wandel der Zeit: Von der Heimatbücherei über das Stadtarchiv zum Haus der Geschichte

In regelmäßigen Abständen lesen Sie an dieser Stelle Beiträge zur Stadtgeschichte. Vielleicht haben Sie sich bei der Lektüre schon einmal gefragt: „Woher weiß der Autor das alles?“ Die Antwort findet sich im Stadtarchiv an der Aktienstraße 85, das heute selbst zum Gegenstand einer historischen Betrachtung wird. Denn am 9. Juni 1980, also auf den Tag genau vor 30 Jahren wurde das Stadtarchiv eröffnet.Eröffnet ist in diesem Zusammenhang nicht ganz der richtige Ausdruck.

Denn die ersten Besucher, die der damalige Archivleiter Kurt Ortmanns, durch die für 400 000 Mark umgebauten Räume einer ehemaligen Grundschule führte, waren geladene Gäste. Es handelte sich dabei um Vertreter aus Rat und Verwaltung sowie vom Geschichtsverein und der Arbeitsgemeinschaft heimatkundlicher Vereine, des Hauptstaatsarchivs Düsseldorf, des Landschaftsverbands Rheinland und der Firma Thyssen. Eine öffentliche Nutzung erschien Chefarchivar Ortmanns aufgrund des akuten Personalmangels nicht denkbar. Sein Mitarbeiterstab bestand anfangs aus zwei Bibliothekarinnen. Weitere Archivare, Magazinverwalter und Restaurateure kamen erst später in das „Haus der Stadtgeschichte“, das heute elf Mitarbeiter hat und seit 2008 von dem Historiker Kai Rawe geleitet wird.

Noch im April 1981 klagte die NRZ: „Das Stadtarchiv ist immer noch nicht zugänglich. Wann kommt die Öffnung für die Bürger?“ Erst im September 1981 konnte die Zeitung ihre Leser darauf hinweisen, dass das neue Archiv jetzt nicht nur montags, sondern auch donnerstags von 10 bis 16 Uhr für interessierte Bürger zugänglich sei. Möglich wurde das von Anfang an auch durch eine Kooperation mit dem Geschichtsverein, der bis heute ehrenamtliche Aufsichtskräfte für den Benutzerraum stellt. Inzwischen ist denn auch der lange Dienstag von von 9 bis 18 Uhr als dritter Nutzertag hinzugekommen.

„Früher gab es sehr wenig Öffentlichkeitsarbeit. Die haben wir erst in den letzten zehn Jahren ausgeweitet“, berichtet Johannes Fricke. Der Diplom-Archivar kam nach seiner Ausbildung 1982 ins Mülheimer Archiv.Neben der normalen Archivarbeit gehören heute auch Führungen, Workshops und Vorträge zur Stadtgeschichte zum selbstverständlichen Angebot des Stadtarchivs. Sein heutiger Leiter geht davon aus, dass dieser öffentlichkeitswirksame Bereich in Zukunft noch gestärkt werden kann, wenn das Stadtarchiv, voraussichtlich im Sommer 2011 von der Aktienstraße in die alte, 1907 eröffnete, Augenklinik an der Von-Graefe-Straße umziehen wird. Denn dort wird das Stadtarchiv nicht nur mehr Magazin- sondern auch Vortrags- und Seminarräume nutzen und darüber hinaus auch einige Computerarbeitsplätze für Archivnutzer anbieten können.

Welch ein Unterschied zu den Anfängen des Mülheimer Stadtarchivs, die sich Anfang der 70er Jahre im zweiten Obergeschoss der damaligen Stadtbücherei am Rathausmarkt abspielten. Als der Historiker Kurt Ortmanns 1972 als erster Stadtarchivar seinen Dienst antrat, war sein Wirkungskreis eine bessere Heimatbücherei mit wenigen Regalmetern. Heute reihen sich die Bestände des Stadtarchivs auf rund sechs Regalkilometer, die nicht nur im Backsteingebäude an der Aktienstraße, sondern auch in einer Halle im Hafen lagern.Archivar Fricke, der selbst noch im Karteikartenzeitalter groß geworden ist, kann sich vorstellen, dass der Kollege Computer den Archivalltag auch in Zukunft noch weiter verändern wird, wenn man nicht nur Findbücher, sondern auch einige Bestände, wie Postkarten und alte Pläne via Computer in digitalisierter Form wird abrufen und anschauen können.Auch wenn sich die technischen Möglichkeiten und Formen der Archivarbeit im neuen Haus der Geschichte, das auch auch zum neuen Haus der Musikschule werden soll, weiter verändern werden.Es bleibt der Auftrag des Stadtarchivs, der sich am Tag der nach Archiveröffnung am 9. Juni 1980 in der NRZ-Schlagzeile: „Erfassen, erhalten, erziehen“ niederschlug.

Dieser Text erschien am 9. Juni 2010 in der NRZ

Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...