Mittwoch, 16. Dezember 2009

Ansichten einer politischen Leitfigur: Eine Ausstellung im Medienhaus beleuchtet das bewegte Leben von Willy Brandt


70 Tafeln mit großen Bildern und kleinen Texten lassen noch bis zum 30. Januar 2010 im Medienhaus am Synagogenplatz das politische Leben Willy Brandts Revue passieren. Auch Monitore, über die Reden und Auftritte des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, des Bundeskanzlers und SPD-Vorsitzenden Willy Brandt flimmern gehören zur Ausstellung der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung.

Eine Litfaßsäule mit alten Wahlplakaten ruft die politischen Visionen Brandts in Erinnerung. "Damit wir auch morgen noch in Frieden leben können", heißt es da unter einem riesigen Brandt-Portrait aus dem Bundestagswahlkampf 1969, als Brandt mit Hilfe der FDP zum ersten sozialdemokratischen Kanzler der Republik gewählt wurde.

Jeder hat so seinen eignen Blick auf Willy Brandt. "Für mich ist Willy Brandt eine Idealfigur, auch wenn er von manchen Zeitgenossen auch schon mal als Whisky-Willy verspottet wurde", sagt Ausstellungsbesucherin Eveline Willer. Sie wurde 1940 in Berlin geboren hat Brandt noch als Bürgermeister erlebt. "Er hat durch seine Ostpolitik viel für die Wiedervereinigung getan", ist sie überzeugt und fügt hinzu: "Auch seinen Kniefall vor dem Mahnmal für die Ghetto-Opfer in Warschau fand ich sehr richtig." Deshalb hat Willer auch Willy gewählt, obwohl sie eigentlich aus einem bürgerlichen Elternhaus kam, das eher bei CDU und FDP seine Wahlkreuze machte. "Von Willy Brand könnten sich die Politiker heute viel abgucken", findet sie, hat ab ihre Zweifel, ob sich die SPD mit ihrem heutigen Führungspersonal fangen und noch mal die Kurve nach oben bekommen kann.

Eine ältere Dame, die nur kurz auf die Ausstellungstafeln schaut, möchte nichts zu Brandt sagen. Und dann sagt sie doch etwas: "Ich nehme ihm übel, dass er sich verdrückt hat, als es ganz schlimm wurde." Damit spielt sie auf Brandts Zeit im Widerstand gegen Hitler und im skandinavischen Exil an. Auch solche Stimmen gibt es. Eine 34-jährige Künstlerin, die ihren Namen nicht nennen möchte, schaut sich die Ausstellung vor allem deshalb an, weil sie nicht viel über Willy Brandt weiß, aber es interessant findet, dass "sein Name immer noch ein Begriff ist" und deshalb mehr über ihn erfahren möchte.

Bibliotheksbesucherin Marion Parusel (Jahrgang 1970) arbeitet an einem Computerarbeitsplatz mit Blick auf die Brandt-Ausstellung. Sie erinnert sich an Willy Brandt "als einen Politiker, "der viel bewegt und immer gesagt hat, was er dachte und auch dazu stehen konnte, wenn mal etwas nicht so gut gelaufen war."

Sozialdemokrat Günter Weber (74/Foto unten) hat Willy Brandt als Wahlkämpfer in Mülheim erlebt. 1965 und 1987 war das. 1994 besuchte der langjährige Bürgermeister und Landtagsabgeordnete mit seinem Dümptener Ortsverein Brandts Grab in Berlin. Mit "euphorisch" beschreibt Weber den Zeitgeist der Brandt-Ära. "Brandt war nicht nur für die Sozialdemokraten, sondern auch für weite Teile der Bevölkerung eine Leitfigur." Warum? "Ganz einfach", sagt Weber: "Er war charismatisch und verkörperte eine politische Aufbruchstimmung, weil er neues wagte." Der Alt-Bürgermeister erinnert sich an Brandt als einen visionären Politiker, "der aus dem Bauch heraus wusste, was gerade Sache ist" und auch Menschen ansprechen konnte, die keine klassischen SPD-Wähler waren.
Immer wieder traf Weber in seinem Heimatstadtteil auf Geschäftsleute, die nur deshalb SPD wählten, weil sie Brandt für den richtigen Mann hielten. "Er konnte den Leuten seine Politik anschaulich erklären und ihnen so klar machen, warum was und wie gemacht werden musste," erinnert sich Weber an Brandts Wahlkampfauftritte an der Dümptener Schule Auf dem Bruch (1965) und in der Carl-Diem-Halle an der Südstraße (1987). Das haben in Webers Augen nicht alle Brandt-Nachfolger gleich gut gekonnt.

Dennoch ist er nach dem Dresdner Parteitag der SPD zuversichtlich, dass seine Partei, auch in der Rückbesinnung auf Brandt und seinen scharfen Blick für das Gemeinswohl in Deutschland und der Welt, den Gemossen Trend wieder wenden kann. "In der langen Geschichte der SPD ging es immer wieder rauf und runter", weiß Weber. Auch das zeigt Willy Brandts Lebensschau im Medienhaus.

Dienstag, 15. Dezember 2009

Der Springende Punkt St. Barbara: Seit 40 Jahren ein Haus der offenen Tür für die Jugend


Wenn man als Gesellschaft Zukunft haben will, muss man in seine Jugend investieren. Das ist der springende Punkt der offenen Kinder- und Jugendarbeit, die Christina Hartmann (Mitte) und ihre Kollegin Julia Herbrand im Springenden Punkt St. Barbara leisten. Als das katholische Jugendheim am Schildberg 93 vor 40 Jahren seine Türen öffnete, war es eine bistumsweite Neuheit. Denn es verstand sich eben nicht nur als Heimstätte katholischer Jugendgruppen, sondern als Haus der offenen Tür für jedermann. "Dieser Ansatz hat sich bewährt und dafür gesorgt, dass das Jugendzentrum heute auch jenseits aller Konfessionsgrenzen im Stadtteil gut verankert ist", sagt Dieter Spliethoff (links).

Vor 40 Jahren gehörte der damals 14-Jährige zu den ersten Besuchern der OT am Schildberg. Die jugendlichen Rocker, die schon mal mit Bierflaschen im Takt ihrer Musik auf die Tische klopften", sind ihm unvergesslich geblieben. 1978 sollte der Sozialarbeiter und SPD-Ratsherr selbst zwölf Jahre lang das Jugendheim von St. Barbara leiten. Sein Vorgänger Reinhard Sprafke (rechts), der erste OT-Leiter am Schildberg, hatte es seiner Zeit natürlich nicht nur mit Rockern, sondern auch mit ganz normalen Kindern und Jugendlichen zu tun, die im Jugendheim Freunde treffen, Tischtennis spielen, basteln oder Filme anschauen wollten.

Ein alter Kohlenkeller wurde mit viel Eigenarbeit in einen Beatkeller verwandelt und die Rocker mit einer Motorradwerkstatt bei Laune gehalten und von weniger produktiven Freizeitbeschäftigungen abgehalten. "Wir hatten damals jede Woche bis zu 1000 Jugendliche im Haus", erinnert sich Diakon Sprafke, der damals seine Brötchen noch als Bäcker verdiente. Anfangs leitete er das vom damaligen Kaplan Norbert Dziekan initiierte Jugendzentrum noch ehrenamtlich. Erst nach einer sozialpädagogischen Zusatzausbildung stellte ihn die Gemeinde St. Barbara als hauptamtlichen Jugendheimleiter an. Doch Sprafke lässt keinen Zweifel daran, dass er ein Freizeitprogramm mit bis zu 40 verschiedenen Gruppenangeboten nur deshalb auf die Beine stellen konnte, weil er einen Kreis" von 15 rüstigen Rentern hatte", die ihn ehrenamtlich unterstützten.

Obwohl es auch heute im Springenden Punkt feste Angebote vom Töpferkurs bis zur Gitarrengruppe gibt, sind sich Spliethoff und Hartmann einig, dass Kinder und Jugendliche heute weniger denn je vorgefertige Freizeitangebote konsumieren möchten, sondern im Jugendzentrum vor allem Freunde treffen und Ansprechpartner finden wollen, die sich außerhalb der Dunstkreise von Familie und Schule bewegen. "Für viele Kinder und Jugendliche ist der Springende Punkt , wie ein zweites Wohnzimmer", sagt Hartmann und erzählt von der pädagogischen Kleinarbeit, die ihre Kollegin und sie leisten müssen, wenn Jugendliche mit ihren Problemen zu ihnen kommen, Hilfe bei der Bewerbung oder Motivation gegen Frustration und Resignation brauchen, wenn der Übergang ins Berufsleben nicht klappt und sich das Gefühl bereit macht, nicht gebraucht zu werden.

Verstärkt setzt der Springende Punkt , der seit dem Rückzug des Bistums 2007 von Stadt, Land und der Pfarrgemeinde getragen und von einem Förderverein unterstützt wird, auf kulturelle Jugendarbeit. Viele Jugendbands proben im Springenden Punkt und 2010 soll es am Schildberg nicht nur ein zweites Musikfestival sondern, jeweils am ersten Donnerstag des Monats um 19 Uhr eine offene Talent-Bühne für junge Texte, Töne und Temperamente geben.

Sonntag, 13. Dezember 2009

Die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde an der Auerstraße feiert ihren 100. Geburtstag


Die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde an der Auerstraße feiert an diesem Wochenende ihren 100. Geburtstag. Ich sprach mit ihrem Pastor Helmut Venzke über die Entwicklung und das Profil seiner Gemeinde.

Wie ist Ihre Gemeinde entstanden?
Wir sind vor 100 Jahren aus einer Partnerschaft mit freikirchlichen Gemeinden in Oberhausen und Duisburg entstanden. Damals kamen viele junge Menschen auf der Suche nach Arbeit hierher, angezogen von Kohle und Stahl. Das erste Gemeindezentrum war eine Wohnung im Hinterhof an der Auerstraße 22. Weil die Gemeinde schnell wuchs, wurde es aber sehr schnell zu klein. Zwischenzeitlich fand die Gemeinde einen größeren Raum im Gefängnis, ehe sie 1914 auf unserem heutigen Grundstück an der Auerstraße 59 eine Kapelle errichten konnte. Diese Kapelle wurde aber im Zweiten Weltkrieg ebenso zerstört und wieder aufgebaut wie ein von der Gemeinde errichtetes Wohnhaus, das später als Jugendhaus genutzt wurde. Weil der Raumbedarf weiter wuchs, hat man Schritt für Schritt Grundstücke und 1983 eine alte Krupp-Villa an der Auerstraße 65 dazu gekauft.

Warum haben Sie Ihr altes Gemeindezentrum 2008 dann noch einmal um einen modernen Anbau erweitert?
Wir haben versucht, alle Räume des Gebäudes so ineinander zu integrieren, dass sie auch für Senioren so zu erreichen sind, dass sie keine Stufen steigen müssen. Wir haben in das neue Gebäude dann auch einen Aufzug und ein Behinderten-WC eingebaut.

Die beiden großen christlichen Kirchen bauen derzeit eher ab und sparen ein. Sie bauen aus. Wie ist das zu erklären?
Die Gemeinde hat natürlich lange gespart, um neu etwas bauen zu können. Auch Freikirchen schrumpfen und wachsen mal. Wir legen aber Wert darauf, dass wir Gemeindemitglieder haben, die sich ganz bewusst dafür entscheiden, zur Gemeinde und zu Jesus Christus zu gehören und damit ihr Leben nach biblischen Maßstäben auszurichten. Deshalb taufen wir auch keine Kinder, sondern Erwachsene. Das ist eine persönliche Entscheidung, die nicht immer leicht ist und die Auswirkungen hat auf den Geldbeutel, auf die Mitarbeit und das Feuer der Leute, die hier gerne da sind, mitmachen und wieder Freunde mitbringen.

Worin unterscheiden Sie sich als Freikirche von evangelischen und katholischen Gemeinden?
Von der Theologie her sind wir evangelische Christen, von der Struktur her eine Freikirche. Die Gemeinde ist autonom und entscheidet selber, muss aber das, was entschieden wird, dann auch selbst bezahlen. Jedes Mitglied spendet so viel, wie es glaubt, leisten zu können. Wir haben damit die Möglichkeit, über Räume und Finanzen selbst zu entscheiden. Deshalb setzen wir uns einmal im Jahr hin und stellen unseren Haushalt auf, so dass jedes Gemeindemitglied eigenverantwortlich mitentscheiden muss.

Wie würden Sie das Profil Ihrer Gemeinde beschreiben?
Die im Neuen Testament zu findende Priesterschaft aller Gläubigen hat sich unsere Gemeinde sehr stark auf ihre Fahnen geschrieben. Nicht nur die Hauptamtlichen und Kleriker bauen Gemeinde, sondern auch die sogenannten Laien, die einen normalen Beruf haben und in ihrer Freizeit Zeit investieren, um leitende Tätigkeiten zu übernehmen oder, wie jetzt, beim Umbau zu helfen.

Haben Sie nur engagierte Gemeindemitglieder?
Wenn es denn so wäre. Auch wir haben Mitglieder, die sich der Gemeinde wieder entfremden. Doch Freikirche heißt: Man kommt freiwillig dazu und ist frei, auch wieder zu gehen. Sicher ist unsere Gemeinde sehr familiär, weil wir auch in Hauskreisen Menschen anregen, ihre eigenen Erfahrungen mit Gott zu machen.

Zur Person:

Der vierfache Vater Helmut Venzke (53) ist als Gemeindepastor schon viel herumgekommen. Nachdem er zunächst Biologie und Chemie studieren wollte, wandte er sich später durch „eine persönliche Begegnung mit Gott” der Theologie zu und wurde Seelsorger. Zunächst leitete er evangelisch-freikirchliche Gemeinden in Nordfriesland, Süd-Bayern und Düsseldorf, ehe er vor fast acht Jahren als Pastor die Leitung der heute 230 Mitglieder starken evangelisch-freikirchlichen Gemeinde an der Auerstraße 59-65 übernahm. Erst im vergangenen Jahr hat die Gemeinde ihr Zentrum um- und ausgebaut. Seit 1995 pflegt die Gemeinde freundschaftliche Kontakte zur Gemeinde der messianischen Juden in der Partnerstadt Kfar Saba. Deshalb gehörte auch deren Pastor Tony Sperandeo zu den Ehrengästen der Jubiläumsfeierlichkeiten.


Weitere Informationen im Internet unter www.efg-muelheim.de

Samstag, 12. Dezember 2009

Rolf Schulze von Pro Altstadt fordert ein geschlossenes Weihnachtsmarktkonzept, für das gilt: Gemeinsam sind wir stark

Der zehnte Adventsmarkt in der Altstadt geht morgen zu Ende. Zeit für eine vorläufige Bilanz. Deshalb sprach ich mit dem Organisator des Marktes, Rolf Schulze, vom Verein Pro Altsadt.

Was hat sich beim Adventsmarkt in der Altstadt bewährt?
Was sich bewährt hat, ist die Ausdehnung des Adventsmarktes, der sich anfang nur auf das historische Dreieck zwischen Kettwiger Straße, Hagdorn und Muhhrenkamp erstreckte und im Laufe der Jahre dann erst bis zur Petrikirche und dann auch über die Althofstraße bis zur Marienkirche ausgeweitet werden konnte. Besonders hervorzuheben ist auch das noch relativ neue Engagement der katholischen Gemeinde St. Mariae Geburt, die jetzt zum zweiten Mal mit dabei ist und in diesem Jahr drei Stände und ein Festzelt betreut. Der Markt hat inzwischen eine soziale Funktion bekommen. Wir haben hier mehr als 20 gemeinützige Gruppen und Vereine, die mit einem Stand auf dem Adventsmarkt vertreten sind und dafür auch keine Standgebühr bezahlen müssen. Bewährt hat sich auch das Wichteldorf am Teinerplatz, wo sich Organisationen, Kindergärten und Grundschulen präsentieren können und offensichtlich auch Spaß daran haben, Unsere Markenzeichen sind: keine Musik, keine Karussells, sozial verbindene Geschichten und die Möglichkeit für Familien mit kleinem Geldbeutel, über den Markt gehen zu können, ohne traurige Augen zu bekommen. weil man sich dies und das nicht leisten kannn.

Was ließe sich noch verbessern?
Wir haben ein gutes Gespräch mit der MST geführt und sind uns einig, dass der Weihnachtsmarkt in Mülheim ein geschlossenes Konzept braucht. Und daran müssen alle beteiligten Parteien gemeinsam arbeiten. Das fängt mit der Bewerbung an. Wir müssen dazu kommen, das wir sagen: So sieht der Weihnachtsmarkt aus und nicht, wie bisher: Da ist ein Weihnachtsmarkt, dort ist ein Weihnachtsmarkt und da ist die Schloss-Weihnacht. Da müssen wir zu einem Miteinander und nicht zu einem Gegeneinander kommen.

Hat sich der Adventsmarkt in der Altstadt nicht so gut etabliert, dass der Weihnachtsmarkt auf der Schloßstraße überflüssig geworden ist?
Das glaube ich nicht, weil da zu viele Interessen der Händler und der Werbegemeinschaft Innenstadt vorhanden sind. Der Weihnachtsmarkt muss nur anders gestaltet werden. Das, was man landläufig im Volksmund als „Fressmeile” bezeichnet, wird von den Leuten einfach nicht angenommen. Dabei kann man mit weniger mehr erreichen, wenn man die Markthändler mit einbezieht und sie dazu bringt auch selbst mehr zu investieren, etwa in eine stimmungsvolle Dekoration. Nasen und Augen müssen angesprochen werden. Dann funktioniert das Geschäft auch. Auf dem Adventsmarkt in der Altstadt könnten wir sicher auch noch mehr gemeinnützige Vereine mit einem Stand gebrauchen.

Wie sieht es in diesem Jahr mit dem Publikumszuspruch aus?
Am Sonntag sind natürlich alle ins Wasser gefallen. Aber vorgestern, an einem ganz normalen Mittwoch, war der Markt proppenvoll. Wir haben inzwischen auch immer mehr auswärtige Besucher. Hier gilt: Jeder Mülheimer ist Touristiker. Und wenn Mülheimer auswärtigen Freunden davon erzählen, dass ihnen der Adventsmarkt gefällt, ist das für uns die beste Werbung. Unsere Altstadt ist zwar klein, aber sie hat Charme und wird gerade von vielen auswärtigen Besuchern als „schnuckelig” empfunden.

Freitag, 11. Dezember 2009

Nicht nur der Regen verhagelt den Wochen- und Weihnachtsmarkthändlern in der City ihre Bilanz



Halbzeit auf dem kombinierten Weihnachts- und Wochenmarkt an der Schloßstraße und dem angrenzenden Wochenmarkt. Wie bewerten Händler Stimmung und Kundenzuspruch. Was ließe sich vielleicht verbessern? Ich fragte nach.

Familie Buchholz, die auf dem Weihnachtsmarkt für die Fraktion Backfisch und Reibekuchen steht, schätzt, dass sie bisher rund 40 Prozent weniger Umsatz als im Vorjahr erwirtschaftet hat. Die Regentage haben ihr bisher einen Strich durch die Rechnung gemacht. "Es kommen einfach zu wenige Leute", sagen sie. Ob sie am Ende des Weihnachtsmarktes noch einen ausreichenden Gewinn einfahren, wollen die Buchholz-Reibekuchen-Bäcker zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht prognostizieren. Die Frage, ob sie nächstes Jahr wieder mit von der Partie sein wollen, beantworten sie mit Lokalpatriotimus: "Wir kommen von Mülheim und deshalb kommen wir auch immer wieder auf den Mülheimer Weihnachtsmarkt." Grundsätzlich würden sie aber eine klare Trennung von Weihnachtsmarkt- und Wochenmarkt begrüßen.

"Wir sind bereits im vierten Jahr auf dem Weihnachtsmarkt und fühlen uns hier auch recht wohl. Aber der Regen ist in diesem Jahr ein großes Problem für uns. Aber an den Tagen, an denen es nicht regnet, kommen eigentlich viele Kunden zu uns", sagen Franco Terenzi und Mirko Magi (Foto), die an der oberen Schloßstraße italienische Wurstspezialitäten an die Frau und den Mann bringen. Die Idee, Weihnachts- und Wochenmarkt miteinander zu verbinden, finden sie gut. Was den Umsatz betrifft, hoffen sie darauf, dass das Geschäft, wie in den Vorjahren, in der letzten Woche des Weihnachtsmarktes noch mal richtig anziehen wird.

Eine ungenannt bleiben wollende Händlerin, die Kunsthandwerk und Dekoratives anbietet, darf angesichts ihres geringen Umsatzes gar nicht über ihren Stundenlohn nachdenken. "Wenn es regnet, gehen die Leute einfach nicht auf die Straße", klagt sie und weist auf die Konkurrenz durch Einkaufszentren und Adventsmärkte in den Stadtteilen hin. Den Mix aus Wochen- und Weihnachtsmarkt empfindet sie als ebenso positiv wie die neuen Beleuchtungselemente des Weihnachtsmarktes. Ob sie 2010 wieder mit einem Stand dabei sein wird, möchte sie jetzt noch nicht entscheiden.

Obst- und Gemüsehändler Martin Henninghaus, der mit seinem Wochenmarktstand jetzt nicht mehr auf der Schloßstraße, sondern auf dem Synagogegenplatz steht, schätzt, dass er in den letzten Wochen einen Umsatzrückgang von bis zu 50 Prozent hinnehmen musste. "Unsere Stammkunden finden uns weiterhin, aber die Laufkundschaft fehlt", beschreibt er den Nachteil der Verlagerung. "In den letzten zwei, drei Wochen hat sich das nicht gelohnt, aber für die Kunden halten wir auf jeden Fall durch", sagt er. Die Kombination aus Wochen- und Weihnachtsmarkt würde er für gelungen halten, wenn man die Fahrgeschäfte und Imbissstände vor dem Forum konzentrieren und alle anderen Marktstände gemeinsam auf der Schloßstraße aufstellen würde.

"Für unsere Händler ist das tödlich. Wir haben auf der Schloßstraße mehr zu tun gehabt", sagt Fischhändler Heinz Rademacher mit Blick auf die Verlagerung des Wochenmarktes zum Synagogenplatz. Seine Beschreibung der aktuellen Lage ist eindeutig: "Im Moment ist hier tote Hose." Diesen Eindruck hat er nicht nur vom Wochen- sondern auch vom Weihnachtsmarkt, "wobei hier auch das Wetter eine gewisse Rolle spielt. Rademacher kennt Wochenmarkthändler, die einen Umsatzeinbruch von bis zu 80 Prozent verkraften müssen. Als ausgesprochen gelungen empfindet er aber die neue Dekoration und Beleuchtung des Weihnachtsmarktes.


"Viele Kunden haben die Lust verloren, in die Innenstadt zu kommen, weil das Umfeld mit vielen Billigläden nicht mehr attraktiv ist", erklärt sich Rademachers Sohn Helge die Ursachen der Innenstadtkrise und weist auf die Konkurrenz der großen Einkaufszentren hin, in denen die Kunden alles unter einem Dach und einen kostenlosen Parkplatz fänden. "Der Warenkorb des kleinen Mannes ist nun mal das Auto", weiß Helge Rademacher. Mit seinem Vater ist er sich einig, dass kostenlose Parkplätze auf dem Rathausmarkt und ein vierter Markttag, auch jenseits des Weihnachtsmarktes, zumindest helfen könnten.

Blumenhändlerin Angelika Nagel beginnt ihre Lagebeschreibung mit einem Lob für die gelungene Dekoration des Weihnachtsmarktes, die "Harmonie und Wärme ausstrahlt." Enttäuscht ist sie vor allem von den "Bürgern, die sich nicht genug mit dem identifizieren, was ihnen ihre Stadt bietet." Mit dem Wochenmarkt auf der Schloßstraße, so Nagel, seien Markthändler und Geschäftsleute sehr zufrieden gewesen. "Und jetzt ist es auf einmal wie abgerissen. Es kommt keiner. Das verstehe ich nicht", beklagt die Blumenhändlerin die ausbleibenden Kundenströme zum Synagogenplatz. Auch bei einigen Weihnachtsmarkthändlern hat sie Verwunderung darüber gehört, dass Weihnachtsmarkt- und Wochenmarkt nicht gemeinsam auf der Schloßstraße stehen können. Deshalb hofft sie auf eine entsprechende Lösung, die 2010 Wochen- und Weihnachtsmarkthändlern mehr Laufkundschaft bescheren könnte.

Auch Glühwein-Händlerin Martina Remming, die trotz schlechten Wetters keinen Umsatzrückgang zu beklagen hat, wünscht sich fürs nächste Mal einen integrierten Weihnachts- und Wochenmarkt auf der Schloßstraße. Sie bescheinigt den Machern aber auch, "dass sich beim Ambiente des Weihnachtsmarktes spürbar etwas getan hat." Rebekka Wrede, die auf dem Weihnachtsmarkt Parfüm und Kunsthandwerk anbietet, empfindet den Mülheimer Weihnachtsmarkt als "klein, niedlich und heimelig." Ihr Umsatz macht ihr aber keine Freude, "weil die Leute zu oft einfach vorbeigehen." Ob sich ihre erste Präsenz auf dem Weihnachtmarkt, trotz schlechten Wetters und schlechter Kauflaune, doch noch auszahlt, hängt für sie davon ab, ob sich ihre Hoffnung auf einen guten Schlussspurt erfüllt.
Bonbon-Händler Frank Müller schätzt, dass sein Umsatz wetterbedingt um etwa ein Drittel zurückgegangen ist. "Wäre das Wetter etwas besser, würden sich die Leute auch mehr auf den Weihnachtsmarkt freuen und hierhin kommen." Den Machern des Weihnachtsmarktes rät er mit Blick auf die Konkurrenz in anderen Städten, durch ein attraktives Bühnenprogramm auch mehr auswärtige Kunden in die Innenstadt zu locken.

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Die katholische Stadtgemeinde St. Mariae Geburt blickt nach Mexiko


Wie und warum kommt ein Kardinal aus Mexiko nach Mülheim? Im Falle von Kardinal Juan Sandoval Iniguez und dem ehemaligen Weihbischof Franz Grave ist es die persönliche Verbindung durch das Bischöfliche Hilfswerk Adveniat. Grave, der lange an der Spitze des Hilfswerkes stand und jetzt zum Seelsorgerteam der Mülheimer Gemeinde St. Mariae Geburt gehört, lud den Kardinal dorthin zu einer Mexiko-Woche. Ihr Ziel: Finanzielle Unterstützung für ein Migrantenhilfs-Projekt zu mobilisieren, mit dessen Hilfe Adveniat Armutsflüchtlingen moralisch, materiell, seelsorgerisch und medizinisch beisteht.

Das Problem: Mexikos Katholiken haben keine Kirchsteuereinnahmen, sondern sind auf Spenden angewiesen. "Adveniat hat uns in den letzten 40 Jahren sehr geholfen. Und die Menschen hier sind sehr aufmerksam, interessiert und hilfsbereit," sagt der Kardinal nach seinen ersten Gesprächen und Veranstaltungen über die humanitäre Brücke zwischen Mülheim und Mexiko.

Bereits am Dienstag hatten Referenten von Adveniat und Brot für die Welt ihre Entwicklungshilfe in Mexiko und Kolumbien m Rahmen eines ökumenischen Informationsabends auf dem Kirchenhügel vorgestellt. Am Mittwoch besuchte er dort das St. Marien-Hospital und sprach bei einem Mittagessen im Hause Remmen mit Vertretern von Stiftungen und Unterstützern. Am Donnerstag stand ein Besuch der Mannesmann-Röhrenwerke auf seinem Programm. Korruption, Mangel an Bildung und eine zu restriktive Wirtschafts- und Einwanderungspolitik der USA sieht der Kardinal als Ursachen für das massenhafte Elend der mexikanischen Migranten. Auch das gemeinsame Engagement mexikanischer und amerikanischer Bischöfe habe bisher keine Umkehr der amerikamischen Regierunpolitik bewirken können. "Die USA lassen sich in ihren Medell von Wirtschaftspolitik nicht von uns beeinflussen", beklagte Sandoval.
Weihbischof Grave konnte die Berichte des Kardinals aus eigener Anschauung bestätigen. 2007 begleitete er mexikanische Armutsflüchtlinge auf ihrem zumTeil lebensgefährlichen Weg in das vermeintlich gelobte Land ihrer Träume, die USA. Dabei schockierten ihn vor allem die massiven Sperrmaßnahmen an der amerikanisch-mexikanischen Grenze, die in ihm Erinnerungen an die Berliner Mauer und die frühere deutsch-deutsche Grenze wachwerden ließen.

Bereits im Vorfeld der Mexiko-Woche von St. Mariae Geburt, die am Samstag mit einem Pontifikalamt in der Marienkirche und einem Jugendabend ausklingt, hatten Pfarrer Michael Janßen und Grave den "Advent als die richtige Zeit" bezeichnet, um "über den Tellerrand und die Kirchturmsspitze unserer Gemeinde hinauszuschauen." Die weltkirchliche Solidarität mit den Migranten in Mexiko ist für Grave schlicht eine Frage christlicher Glaubwürdigkeit.

Weitere Informationen im Internet unter: www.adveniat.de und: http://www.mariae-geburt.com/

Mittwoch, 9. Dezember 2009

Wie eine starke Frau und das St. Marien-Hospital Menschen in Mali helfen



Birgit Biehl liebt Afrika. Warum kann sie gar nicht genau sagen. "Das ist eine Passion oder vielleicht auch genetisch bedingt", scherzt sie. Vielleicht hat die 65-Jährige, die inzwischen alle Länder Afrikas bereist hat, in einem früheren Leben mal in Afrika gelebt. Wer weiß?
Auf einer ihrer Afrika-Reisen traf die inzwischen pensionierte Pädagogin in der Sahara, nördlich von Timbuktu, ihren Kollegen Mohamed Haidra. Etwa zehn Jahre ist das her. Nachdem man mit vereinten Kräften seinen liegengebliebenen Wagen wieder flott bekommen hatte, lud er sie ein, ihn in sein Dorf, das im Osten Malis gelegene Gani-Dah zu begleiten. Dort führte er ihr seine Grundschule vor, ein Schulhaus ohne Tische, Stühle und Fußböden.

Der Anblick des maroden Schulgebäudes ließ Biehl nicht ruhen. Die Studiendirektorin, die bis zu ihrer Pensionierung am Niederrhein-Kolleg in Oberhausen Deutsch und Französisch unterrichtete, mobilisierte ihre privaten Netzwerke, aus denen inzwischen ein kleiner, aber effektiver eingetragener Verein geworden ist. Der brachte durch Spenden das Geld für den Wiederaufbau der Grundschule von Gani-Dah auf, die jetzt wieder von 300 Kindern besucht werden kann. Vor dem Wiederaufbau mit Biehls Hilfe waren es nur noch 100 Schulkinder gewesen,

Dem Schulbau folgte ein Brunnenbau und die Errichtung einer Gesundheitsstation sowie die Anschaffung von Hirsemühlen und Solarkochern. "Da viele Männer das Dorf verlassen haben, um wo anders ihren Lebensunterhalt zu verdienen oder eine neue Familie zu gründen, gibt es in Gani-Dah viele Frauen, die den Lebensunterhalt für ihre Kinder und sich alleine verdienen müssen. Mit Hilfe einer Hirsemühle und eines Solarkochers können sie zum Beispiel auf dem Markt Hirse verkaufen oder ein kleines Restaurant eröffnen. 29 Frauen haben so inzwischen Zugang zu Kleinkrediten erhalten", beschreibt Biehl die Dynamik des Entwicklungsprozesses.

Nachdem sich die ersten sichtbaren Erfolge eingestellt hatten, wurde auch der Provinzgouverneur auf das 4000 Einwohner zählende Dorf Gani-Dah aufmerksam und sorgte für die eine oder andere staatliche Hilfestellung. 2005 stieß dann auch das St. Marien-Hospital zum Unterstützerkreis für Gani-Dah. Biehls ehemalige Schülerin, die am St. Marien-Hospital ausgebildete Krankenpflegerin Karin Holtkamp warb damals mit Erfolg bei ihren Kollegen für die Unterstützung des Projektes. Nachdem sie das Haus verlassen hat, sammelt jetzt ihr Kollege Oliver Wonschik zweimal jährlich auf den Stationen des St. Marien-Hospitals. Er schätzt, dass so seit 2005 insgesamt 2000 Euro für Gani-Dah zusammengekommen sind. Wurde anfangs vor allem für Medikamente und medizinische Geräte zugunsten der Gesundheitsstation von Gani-Dah gesammelt, so fließen die Spenden jetzt in die Krankenpflegeausbildung von Hassana Tolofoudie.

Mit Hilfe der Spenden seiner etwa 60 Unterstützer aus dem Kollegium des St. Marien-Hospitals konnte er im Herbst 2008 am staatlichen Institut L’Apotheóse in Malis Hauptstadt Bamako seine Ausbildung zum Krankenpfleger beginnen. Dank der Mitarbeiterspenden aus dem St. Marien-Hospital kann er die jährlichen Studiengebühren von 500 Euro bezahlen und nach seinem Examen im Sommer 2011 die Leitung der Gesundheitsstation von Gani-Dah übernehmen. "Dann wird er eine fundierte medizinische Grundausbildung haben, die ihm erlaubt, mehr zu tun als Wunden zu verbinden und Vitaminspritzen zu verabreichen," freut sich Biehl. "Was mich fasziniert hat ist die Tatsache, dass man dort mit wenigen und ganz einfachen Mitteln ganz viel bewegen kann", schildert der 25-jährige Lukas Tolzmann seinen persönlichen Eindruck. Tolzmann, der am St. Marien-Hospital zum Krankenpfleger ausgebildet wurde und inzwischen Medizin studiert, hatte 2007 ein dreimonatiger Praktikum als medizinischer Assistent am für Gani-Dah zuständigen Kreiskrankenhaus in Bankass absolviert.

Birgit Biehl, die inzwischen drei Monate pro Jahr in Gani-Dah arbeitet, sei es als Lehrerin in der Grundschule oder als Helferin und Beraterin bei der Feldarbeit, garantiert dafür, dass jeder Euro für ihre Entwicklungshilfe im Osten des bitterarmen Malis, ohne Verwaltungskosten, zu 100 Prozent für die gute Sache verwandt wird. Die Hilfe, die sie und ihre Mitstreiter in Gani-Dah leisten, respektive, durch ihre Spenden erst möglich machen, stellt sie am kommenden Freitag, 11. Dezember, um 12 Uhr im Bildungszentrum des St. Marien-Hospitals vor. Weitere Informationen im Internet unter: http://www.gani-dah.de/

Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...