Samstag, 15. August 2009

Drum, Mensch sei weise und reise - Ein Gespräch mit dem Globetrotter Wilhelm Schröder über das Reisen und Zurückkommen


Mit den Sommerferien endet die klassische Urlaubs- und Reisezeit. Was bleibt, sind die Erinnerungen an eine schöne Reise oder der Traum vom nächsten Reiseziel. Das nahm ich zum Anlass, um mit dem Globetrotter Wilhelm Schröder, den die meisten Mülheimer noch als Leiter der Wilhelm-Busch-Förderschule kennen, über den Mehrwert des Reisens zu sprechen. Der Pädagoge, der ein Jahr nach seiner Pensionierung jetzt auch außerhalb der Schulferien nach Herzenslust durch die Weltgeschichte reisen kann, darf getrost als weitgereister Mann von Welt angesehen werden.

Der 66-Jährige schätzt, dass er in seinem Globetrotterleben bisher 30 Länder der Erde bereist hat. Thailand und die Türkei kennt er ebenso aus der eigenen Anschauung, wie Südafrika oder die Länder Südamerikas. Wenn man den Weltenbummler nach seiner Motivation zum Reisen fragt, zitiert er Kurt Tucholsky: "Reisen ist Sehnsucht nach Leben" und nennt er seine Neugier, sein Neugier auf Menschen, auf immer neue Länder und ihre Kultur. "Man kann 1000 Seiten über ein Land gelesen haben und kennt es doch nicht, wenn man nicht selbst dort gewesen ist", ist Schröder überzeugt. Hier hält er es mit dem Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827), der gesagt hat: "Anschauung ist das Fundament der Erkenntnis."

Stimmt es also, das Reisen bildet? Lebt und handelt man als Weitgereister auch daheim anders. "Auf jeden Fall", betont Schröder. Insbesondere seine Reisen durch Länder der Dritten Welt, seine nächsten Ziele sind Indien und Vietnam, haben ihn zu der Erkenntnis kommen lassen, "dass wir hier immer noch sehr sicher und wie in einem Paradies leben." Weil er auf seinen vielen Reisen selbst erlebt hat, wie es ist, fremd zu sein, geht er nach seiner eigenen Einschätzung, auch zu Hause "mit Fremden höflicher um, als es vielleicht der Durchschnitt tut."

Die eigene Anschauung der Armut in Entwicklungsländern hat ihn, so glaubt Schröder, auch hierzulande "sensibler und generöser" gemacht, wenn er armen Menschen begegnet. "Die sitzen hier ja auch zunehmend auf der Straße, weil die Wirtschaftskrise viel Armut hervorbringt", unterstreicht der pensionierte Pädagoge, der auf seinen Reisen durch ärmere Länder ganz bewusst auch Arbeiten junger Künstler kauft und hier unter http://www.kudewel.de/ vermarktet, um den künstlerischen Nachwuchs aus der Dritten Welt zu fördern.

Allerdings glaubt Weltenbummler Schröder auch, dass wir in Deutschland von der Mentalität in anderen Ländern lernen können. "Dort hat man weniger Hektik und Stress, geht das Leben gelassener an", schildert er seine Reiseindrücke und fragt sich nach seiner Heimkehr immer wieder: "Muss das hier wirklich immer so sein, wie es ist." Nicht nur das Credo von Sauberkeit und Pünktlichkeit, sondern auch die Regulierungswut deutscher Bürokratie scheint ihm im internationalen Vergleich als reichlich regide und maßlos übetrieben.

Doch was bleibt von einer Reise nach der Rückkehr in den schnöden Alltag? Für Wilhelm Schröder sind es vor allem seine vielen Reisebilder im Kopf, "die ich jederzeit abrufen kann." Und dann sieht er sich zum Beispiel auf einem Elefanten durch den thailändischen Dschungel reiten oder in der südafrikanischen Abendsonne ein Tier an der Tränke beobachten. Solche Phanatsiereisen wären wohl auch seine letzte Zuflucht, sollte ihm das Reisen eines Tages aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich sein. Doch diesen Gedanken schiebt der Globetrotter lieber weit weg und vergleicht das Reisen, frei nach Augustinus, mit dem Lesen in einem Buch: "Die Welt ist ein Buch," wusste schon der alte Kirchenvater: "Wer nicht reist, sihet nur eine Seite." Und Schröder möchte noch viele neue Seiten aufschlagen, ohne dabei das wichtigste Ziel seiner eigenen Lebensreise aus den Augen zu verlieren: "Mit sich selbst im Reinen sein und andere Menschen glücklich machen."

Und als Kronzeugen dafür, dass das Reisen selbst ein wichtiges Lebensziel sein kann, führt der langjährige Leiter der Wilhelm-Busch-Förderschule deren Namensgeber an, der einmal geschrieben hat: "Viel zu spät begreifen viele die versäumten Lebensziele. Gesundheit, reisen und Kultur. Drum Mensch sei zeitig weise. Höchste Zeit ist es: Reise, reise!"







Die Demokratie der frühen Jahre - Als Mülheim den ersten Bundestag mitwählte

Otto Striebeck
Foto: Stadtarchiv Mülheim an der Rijr
Wen wählen? Die Frage stellt sich für die Mülheimer auch vor 60 Jahren. Am 14. August 1949 sind 102.000 Bürger der Stadt aufgerufen, den ersten Deutschen Bundestag zu wählen. Knapp 77 Prozent von ihnen machen am Ende von ihrem Stimmrecht Gebrauch. Vier Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur, steckt die westdeutsche Demokratie noch in den Kinderschuhen.

Auch damals wird in der Lokalpresse diskutiert, wie viele Bürger den über haupt wählen gehen werden. Die politischen Kräfteverhältnisse sind noch nicht ganz klar. Während sich auf Bundesebene die Frage Adenauer oder Schumacher stellt, heißt es in Mülheim Striebeck oder Langner. Die SPD hat den Redaktionsleiter der Mülheimer NRZ, Otto Striebeck, aufgestellt, die CDU den Geschäftsführer der Inneren Mission, Heinz Langner. Die Kernfrage des Wahlkampfes lautet: Mit CDU und FDP für die Soziale Marktwirtschaft oder mit Schumacher und der SPD für eine Sozialisierung und staatliche Planung der Wirtschaft?

Doch da gibt es auch noch andere Parteien, die im August 1949 zur Wahl stehen. Auf der Linken macht die ebenfalls wiedergegründete KPD der SPD Konkurrenz. Im bürgerlichen Lager werben die neugegründete FDP, die wiederbegründete Zentrumspartei und die neue rechtsnationale Deutsche Reichspartei um Stimmen.

Die Endphase des Wahlkampfes verläuft hitzig. Die Lokalpresse berichtet über Kandidaten, die von einer Veranstaltung zur anderen eilen und von Plakatkleberkolonnen, die die Hauswände in bunte Flickenteppiche verwandeln und auch nicht davor zurückschrecken, die Plakate der politischen Konkurrenz zu überkleben. Auch von Handgreiflichkeiten in der Hitze des Wahlkampfgefechtes wird berichtet.

Derweil zimmern Handwerker an der Von-Bock-Straße 600 Wahlkabinen, damit die Wahl nicht nur frei und allgemein, sondern auch geheim über die Bühne gehen kann. Der Wahltag selbst verläuft ruhig. In 97 Wahllokalen machen die Mülheimer ihr Kreuz, nur eines. Denn eine Zweitstimme gibt es bei der ersten Bundestagswahl noch nicht. Am Wahlabend sieht es lange nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen aus. In der Stadtkasse werden die telefonisch aus den Wahllokalen übermittelten Ergebnisse zusammengetragen. Um 22 Uhr steht fest: Der Sozialdemokrat Otto Striebeck hat 34,9 Prozent der Stimmen das Rennen gemacht und zieht als erster Mülheimer Abgeordneter in den Bundestag ein.

Mit 28,2 Prozent der Stimmen geht der Christdemokrat Heinz Langner als Zweiter durchs Ziel. Drittstärkste Kraft wird die FDP. Deren Kandidat, der Betriebswirt Wilhelm Dörnhaus,
erringt 13,1 Prozent. Der Betriebsratsvorsitzende des Eisenbahnausbesserungswerke, Friedrich Müllerstein, erringt für die KPD mit 10,1 Prozent. Der konservative Rechtsanwalt Günther Kujath holt für die rechtsnationale Deutsche Reichspartei 7,1 Prozent, während das kathoolische Zentrum mit seinem Kandidaten Josef Hanbück nur 3,2 Prozent erringen konnte. "Wähler entscheiden sich für die Demokratie - Radikale bleiben Splitterparteien", kommentiert die Lokalpresse am Tag danach das erste Mülheimer Bundestagswahlergebnis.

Sonntag, 9. August 2009

Als die Weiße Flotte ein neues Flaggschiff bekam



Heute ist Sonntag. Wie wäre es da mit einer Bootstour de Ruhr? Die Weiße Flotte macht es möglich. Rund 85.000 Fahrgäste gönnen sich jährlich dieses Vergnügen. Doch der für die Weiße Flotte zuständige Geschäftsführer der städtischen Betriebe, Joachim Exner, wird wehmütig, wenn er zum Beispiel in das Jahr 1954 zurückschaut.

Damsls, genauer gesagt, am 2. August 1954 startete mit der Mülheim an der Ruhr das neue Flaggschiff der Weißen Flotte am Wasserbahnhof zu seiner Jungfernfahrt. Mitte der 50er Jahre, es war die Zeit des Wirtschaftswunders, zählte man bei der Weißen Flotte noch knapp 490.000 Fahrgäste pro Saison. Und die Flotte selbst bestand nicht, wie heute, aus vier, sondern aus ingesamt sieben Schiffen.

Ob solcher unternehmungslustiger Massen war das im Auftrag der Stadt für 200.000 Mark auf der Werft Clausen in Oberwinter am Rhein gebaute Schiff, das 300 Fahrgästen Platz bot, als Verstärkung der Weißen Flotte hoch willkommen. "Wir Mülheimer können uns beglückwünschen. Man fährt in diesem Schiff so geräuschlos und erschütterungsfrei, wie in einem Segelboot," lobte die Lokalpresse den Neuzugang der Flotte. Und Friedrich Freye, seines Zeichens Stadtkämmerer, Stadtdirektor und Chef der städtischen Betriebe in einer Person, gab bei der Jungfernfahrt der Mülheim seiner Hoffnung Ausdruck, dass das neue Flagschiff der Flotte möglichst bald zusätzliche Geschwisterschiffe bekommen möge. Und der damalige Oberbürgermeister Heinrich Thöne wünschte sich angesichts der Jungfernfahrt des stolzen Schiffes, "dass diese wertvolle Arbeit ein Werk des Friedens bleiben möge." Damit erinnerte er daran, dass einige Schiffe der Weißen Flotte während des Zweiten Weltkrieges von der Kriegsmarine zweckentfremdet und bei ihrem militärischen Einsatz zerstört wurden.

Betriebe-Chef Exner schätzt, das man heute für ein vergleichbares Motorschiff bis zu 750.000 Euro investieren müsste. Doch angesichts der aktuellen Fahrgastzahlen denkt man derzeit bei der Weißen Flotte nicht an Expansion, sondern an Bestandssicherung. Allein die Wartung der vier Flottenschiffe kostet die Betriebe der Stadt pro Jahr 80.000 Euro. Finanzierungsnöte kannte die Stadt 1954 offensichtlich nicht. Denn schon im Herbst 1954 wurde bei der Werft Clausen in Oberwinter ein neues Schiff in Auftrag gegeben, das im Frühsommer 1955 seine Jungfernfahrt auf der Ruhr erleben sollte.

Damit hatte sich der Wunsch von Friedrich Freye erfüllt, der auch zum Namensgeber des neuen Schiffes werden sollte. Doch die Jungfernfahrt des nach ihm benannten Schiffes erlebte Freye nicht mehr. Kurz nach seiner Pensionierung war er, 66-jährig, im Januar 1955 an den Folgen eines Herzinfarktes verstorben. Die Friedrich Freye schippert bis heute Ausflügler über die Ruhr, ebenso wie die alte Mülheim, die jetzt unter dem Namen Oberhausen fährt.

Samstag, 8. August 2009

Siemens Mülheim bleibt in der Krise auf Kurs


Kurzarbeit, das macht Standortsprecherin Kerstin Reuland deutlich, ist für Siemens in Mülheim auch in der Wirtschaftskrise kein Thema. Das Unternehmen hatte seine Belegschaft in den letzten Monaten sogar noch einmal aufgestockt. Dezeiten arbeiten 4600 Menschen bei Siemens in Mülheim. Hier werden Gas- und Dampfturbinen sowie Generatoren für Kraftwerke hergestellt.

Unter anderem ein Großauftrag für das niederländische Gasturbinen- und Kombikraftwerksprojekt Enecogen im Hafen von Rotterdam sorgen am Siemens-Standort Mülheim, laut Reuland, für eine nahezu 100-prozentige Auslastung. Bisher habe die Krise nur zu einem Abbau von Überkapazitäten und Auftragsvergaben an Zulieferbetrieben geführt.

Neueinstellungen, so die Standortsprecherin, werden derzeit aber nicht mehr auf breiter Front, sondern nur noch punktuell im Ingenieursbereich vorgenommen. Als Ausbildungsbetrieb bleibt Siemens in Mülheim vorerst eine sichere Bank. Zum 1. September beginnen dort 100 Jugendliche, acht mehr als im Vorjahr, ihre Ausbildung.

Dennoch bleibt auch der Weltkonzern Siemens, der seit genau 40 Jahren in Mülheim ansässig ist, von der aktuellen Weltwirtschaftskrise nicht verschont. Bei einer Bilanzpressekonferenz in München teilte Siemens-Vorstandschef Peter Löscher kürzlich mit, dass Siemens im dritten Quartal 2009 im Vergleich zum dritten Quartal 2008 einen Umsatzrückgang um 4 Prozent auf jetzt rund 18,3 Milliarden Euro hinnehmen musste. Gleichzeitig sank der Auftragseingang bei Siemens um 27 Prozent auf jetzt 17,2 Milliarden Euro.

Freitag, 7. August 2009

Das späte Erbe des Mülheimer Bergbaus

Bergbau. Das ist für Mülheim ein Thema von gestern. Stimmt. Denn die letzte Zeche der Stadt (Rosenblumendelle) wurde bereits 1966 stillgelegt. Stimmt aber auch wieder nicht. Denn die Folgen des Bergbaus bekommen wir bis heute zu spüren.

Denn überall dort, wo legal oder auch illegal, im Mülheimer Norden Kohle zu Tage gefördert worden ist, kommt es immer wieder zu Bodenabsenkungen, in den letzten Jahren zum Beispiel an der Mühlenstraße, am Winkhauser Weg oder an der Steinkuhle und jetzt am Winkhauser Talweg. Dort hat sich die Erde aufgetan.

Zuständig für die Folgeschäden des Ruhrbergbaus ist das bei der Bezirksregierung Arnsberg angesiedelte Bergamt in Gelsenkirchen, das inzwischen dort als Abteilung für Bergbau und Energie firmiert. Der mit der jüngsten Bodenabsenkung am Winkhauser Talweg befasste Oberbergrat Dietmar Oesterle hat ein geologisches Risikokataster zu Rate gezogen, das von den Dortmunder Kollegen seiner Abteilung zusammen mit dem Geologischen Dienst des Landes im Auftrag des NRW-Wirtschaftsministeriums erarbeitet worden ist. Dieses Kataster beruht auf mehr als 100.000 Grubnboldern und Grubenkarten, die den Ruhrbergbau seit Ende des 18. Jahrhunderts dokumentieren.

Doch dieses Kataster erfasst auch nicht alle Stellen des Ruhrgebietes, an denen Kohle legal oder illegal zu Tage gefördert wurde. Denn erst 1865 wurde in Preußen die Pflicht zur Anfertigung von Grubenkarften und Grubenbildern gesetzlich vorgeschrieben. Außerdem hat es in Kriegs- und Krisenzeiten immer wieder oberflächennahe und illegale Kohleförderung mit Schippe und Hacke gegeben. Letztere ist dem Anschein nach auch die Ursache für die jüngste Bodenabsenkung am Winkhauser Talweg.

Das bringt ein Haftungsproblem mit sich. Denn in diesem Fall kann die zuständige Abteilung der Bezirksregierung keine Bergbaugesellschaft oder deren Rechtsnachfolgerin für die Folgeschäden des Kohlenabbaus belangen. Das bedeutet, die Behörde und mit ihr das Land bleiben auf den Kosten für die Sicherungsmaßnahmen sitzen. So müssen am Winkhauser Talweg jetzt Probebohrungen durchgeführt werden, um mögliche Hohlräume, die der Kohlenabbau hinterlassen hat. Vorhandene Hohlräume müssten dann in einem zweiten Schritt mit einem Spezialbeton verfüllt werden.

Von der aktuellen Bodenabsenkung am Winkhauser ist auch ein privater Anlieger betroffen, der mit Reparaturkosten für beschädigte Abwasserleitungen rechnen muss. Denn die übernimmt weder die Bergbauabteilung der Bezirksregierung Arnsberg, die nur für die reinen Absicherungsmaßnahmen verantwortlich ist noch die Stadt und ihr Tiefbauamt, das finanziell gesehen lediglich für die Sicherung des unmittelbar von Bergschäden betroffenen Straßenkörpers zuständig ist.

Montag, 3. August 2009

Wohin steuert der Mülheimer Arbeitsmarkt

Haben wir eine Wirtschaftskrise? Die aktuellen Arbeitsmarktzahlen scheinen in Mülheim auf den ersten Blick eine andere Sprache zu sprechen. Im Juli stieg die Arbeitslosenquote im Vergleich zum Juli 2008 gerade einmal um 0,4 Prozent auf jetzt 8,7 Prozent. In absoluten Zahlen bedeutet das: 7119 Mülheimer suchen derzeit einen Job, 324 mehr als ein Jahr zuvor. Diese Arbeitslosenzahl setzt sich aus 1817 Arbeitslosengeld-I- und 5302 Arbeitslosengeld-II-Empfängern zusammen.



Während die ALG-I-Empfänger von der Agentur für Arbeit betreut werden, werden die ALG-II-Empfänger in Mülheim von der städtischen Sozialagentur betreut. Neben dem nur moderaten Anstieg der Arbeitslosigkeit fällt auch ein leichter Anstieg der freien Stellen auf, die der Agentur für Arbeit gemeldet worden sind. Das waren im Juli immerhin 653 und damit 45 mehr als im Juni.



Ich fragte bei der Leiterin der örtlichen Agentur für Arbeit, Sibylle Lorke, nach den Hintergründen der aktuellen Arbeitsmarktzahlen. Für die Agentur-Chefin sind es vor allem zwei Faktoren, die derzeit den lokalen Arbeitsmarkt stabilisieren: 1. Die Kurzarbeit und 2. der grundsätzlich breite Branchenmix der Mülheimer Wirtschaft.



"Wir sind nicht monostrukturiert und können deshalb Arbeitsplatzverluste leichter ausgleichen", erklärt Lorke. Sie weist in diesem Zusammenhang auf die großen Einzelhandels- und Gewerbeunternehmen, aber auch auf den breiten Mittelstand der Stadt hin. Ein Anstieg der Arbeitslosenzahlen ist, laut Lorke, im Juli auch unanbhängig von der Wirtschaftskrise nicht ungewöhnlich. Denn in dieser Zeit drängen viele junge Leute auf den Arbeitsmarkt, die ihre Schul- oder Berufsausbildung abgeschlossen haben und nicht immer gleich eine Anschlussbeschäftigung gefunden haben.



Mit konkreten Zahlen zur Kurzarbeit tut sich die Agenturleiterin schwer. Grund: Unternehmen haben drei Monate Zeit, um ihre Kurzarbeit mit der Agentur abzurechnen. Die Stunde der Wahrheit kommt wohl im September, wenn die ersten Unternehmen, die im März Kurzarbeit angemeldet haben, entscheiden müssen, ob sie die Kurzarbeiterregelung fortführen, ihre Krise überwunden haben oder Entlassungen aussprechen müssen.



Grundsätzlich hat Lorke nach einem deutlichen Anstieg der Anmeldung von Kurzarbeit ab März im Juli einen deutlichen Rückgang bei der Anmeldung von Kurzarbeit festgestellt. Im Juli meldeten 37 Firmen Kurzarbeit an, 20 weniger als im Juni. Im gleichen Zeitraum sank der Anstieg der Kurzarbeiterzahlen von 1200 auf 277.

Samstag, 1. August 2009

Styrumer Geschäftsleute mit neuer Spitze und alten Problemen


"Nur gemeinsam sind wir stark", ist Georg Meurer überzeugt. Deshalb hat der 53-jährige Inhaber einer Fahrschule am Rosenkamp jetzt auch den Vorsitz der Interessengemeinschaft Styrumer Geschäftsleute übernommen. Kein leichtes Amt. Die Mitgliederzahl der ISG stagniert, kommt seit Jahren nicht über die 50-Mitglieder-Marke hinaus. Styrum hat ein strukturelles Problem. Es gibt viele Discounter oder große Einzelhandelsketten, aber nur wenige unternehmer-geführte Einzelhandelsgeschäfte. Discounter und Ketten sind aber kaum für eine Mitarbeit in einer örtlichen Werbegemeinschaft zu gewinnen.


Was Georg Meurer (links), der die Nachfolge von Dieter Micko antritt, besonders beunruhigt, ist der bröckelnde Branchenmix im Styrumer Ortskern an der Oberhausener Straße. Dort vermisst er zum Beispiel Obst- und Gemüsehändler, eine Fleischerei, Modegeschäfte oder einen Schumacher. Abseits der Discounter-Dominanz sieht der ISG-Chef die wohnortnahe Versorgung gefährdet. Die Hauptleidtragenden dieser Entwicklung seien vor allem die älteren Bürger des Stadtteils, die in der Regeln nicht so mobil seien, wie die jungen.


Auch für den Freitagsmarkt am Sültenfuß wünscht sich Meurer ein attraktiveres Angebot. Das kann dessen Marktmeister Günter Walkenhorst mit Blick auf derzeit sechs Stände allerdings nicht nachvollziehen. Derzeit, so Walkenhorst, sei am Sültenfuß nur der Stand eines Obst- und Gemüsehändlers vakant. Fisch und Fleisch könne man auf dem kleinen, aber nahen Wochenmarkt ebensi kaufen, wie Kartoffeln, Eier oder Textilien.


Laut Walkenhorst wird der Markt, der freitags von 7 bis 13 Uhr am Sültenfuß seine Stände aufstellt vor allem von den älteren Bürgern des Stadtteils geschätzt. Sie würden dort nicht nur die Frische der Lebensmittel, sondern auch das Gespräch mit Nachbarn schätzen. Walkenhorst sieht den Markt am Sültenfuß zwar räumlich eingeschränkt, glaubt aber trotzdem, dass dieser Standort ohne Alternative ist. Denn der alte Styrumer Marktplatz vor dem Jugendzentrum Cafe4You liege heute nicht mehr zentral genug, um eine ausreichend Laufkundschaft anzuziehen.


Neben dem Thema Branchenmix bewegt in Styrum derzeit auch das Thema Umgestaltung des Sültenfuß. Der zentrale Krezungsbereich an der Oberhausener Straße soll einen Platzcharakter erhalten. Meurer kann sich im Gegensatz zu seinem Vorgänger Micko dort auch mehrere Sitzgelegenheiten vorstellen. Müllcontainer und Telefonkästen möchte er am Sültenfuß künftig ebensowenig sehen, wie die dortige Hecke, in der sich immer wieder Unrat verfängt. Für den neuen ISG-Chef sind es die kleinen Dinge, die über die Lebens- und Aufenthaltsqualität im Stadtteil entscheiden.


"Mehr Farbe könnte nicht schaden", sagt er mit Blick auf die zum Teil sehr schönen historischen Hausfassaden an der Oberhausener Straße, die schon mal bessere Zeiten gesehen haben. Auch von der Mülheimer Entsorgungsgesellschaft MEG und dem städtischen Ordnungsdienst würde er sich mehr Präsenz wünschen, damit weniger Müll auf den Straßen liegt und das Überhand nehmende Problem der Falschparker zumindest eingedämmt wird. Beim Thema Müll wäre das Aufstellen und regelmäßige Leeren von mehr Müllbehältern für Meurer der erste Schritt in die richtige Richtung.


Beim Thema Straßenverkehr setzt der neue ISG-Chef vor allem auf die Entlastung durch die für 2011 geplante Styrumer Tangente, auf mehr Kreisverkehre und auch auf die Option einer zweiten Autobahnabfahrt im Bereich Styrum-Dümpten, um die Belastung des Durchgangsverkehrs zu reduzieren.

Ein Platz für den Kaiser

Als Parkplatz bleibt der Kaiserplatz in der Mitte Mülheim unter seinen Möglichkeiten, entspricht aber in seiner Funktion einer Stadt mit 174...